traurigkeit,
f.,
tristitia: zornlich liut alde trurecheite liut
populus turbidus vel populus meroris Notker 2, 344
Piper; so bist du in dem ellenden jamertal, in dem liep mit leide, lachen mit weinenne, vrOed mit trurkeit vermischet ist Seuse 237
Bihlmeyer; (
ich) in trübsal und traurigkeit mein leben füren müsse Arigo
decamerone 250
Keller; so daz weip gebirt, si hat trurigkeit, wann ir stund ist kumen
erste deutsche bibel 1, 403
lit. ver.; ir (
der kinder) trurikeit würt bald verwandlet in ein freud Keisersberg
bilgersch. (1512) c 3
d;
der aderläszer soll sich hyeten in den ersten drey tagen vor überflüssiger spysz und tranck ..., deszglich vor trurigkeit, angst und sorg Gersdorff
wundarznei (1517) 16
d; die ... solch hertzleid fülen, das sie für traurigkeit verdorren Luther 34, 2, 465
W.; si wöllen des heiligen geists trost verneinen und sein ir leben langk durch traurigkeit des hertzens auf iren grund nie kommen, wie sichs doch gebüret
kampf der schwärmer gegen Luther 21
ndr.; alle nationen ..., alle sprachen, alle zungen, alle völcker, alle heiden, wann sie äuszerlich anzeigen ir traurigkeit, so tragen sie ein schwartz kleid Fischart
Gargantua 191
ndr.; die ursach unser traurigkeit und inwendiges schmertzens ist unser sünde Joh. Arnd
Thomas a Kempis (1631) 29; nicht ohne verwunderung ist zu sehen, wie die blum vor lauter traurigkeit die gelbe blätter zusammenziehet (
beim sonnenuntergang) Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 189; schaue, wie mich itzt umhüllet hat die nacht der traurigkeit Gryphius
lyr. ged. 24
Palm; meine traurigkeit über diesen fall (
den tod Kleists) ist eine sehr wilde traurigkeit Lessing 17, 170
L.-M. mit charakteristischen adjectiven: die sanfte traurigkeit, die ermattung, welche auf langes unglück folgt Sturz
schr. (1779) 2, 172; die mutter schien in stiller traurigkeit zu vergehen H. Steffens
was ich erlebte 1, 27.
um die grösze des schmerzes anzudeuten, bedient sich die sprache einer festen bildvorstellung: gesenkten blickes, tief in traurigkeit verloren, hielt er unter unserm chor Göthe 9, 438
W.; die ausgeschickten boten kamen unverrichteter sache zurück, und der könig fiel in tiefe traurigkeit Novalis
schr. 4, 90
Minor; das betäubende getöse der kanonen hinderte uns gewissermaszen in jene art von traurigkeit zu sinken, die bei solchen gelegenheiten wohl zu erfolgen pflegt G. Forster
sämmtl. schr. 2, 81;
als krankhafte melancholie: alantwurtz benimbt zorn und traurikeit Tollat v. Vachenberg
margarita medicinae (1516) 15
b; die melancholische feuchte traurigkeit erwecke Ryff
anatomie (1541) f 5
a; diese latwergen taugt nicht allein zum hertzzittren, onmacht und traurigkeit Chr. Wirsung
artzneibuch (1588) 292
a;
gleich durativ, doch von der seelischen haltung: die alte pelasgische tiefe und ernste traurigkeit traf hier zusammen mit der jonischen beweglichkeit Fr. Schlegel
s. w. 4, 110;
ähnlich: ihr liebenswürdiges gesicht war ... mit einem kleinen zug von traurigkeit geschmückt Göthe 25, 132
W.; in religiöser sprache ergeben sich gelegentlich bedeutungsschattierungen, die sich jedoch von der grundbedeutung nur unwesentlich entfernen, so als '
sündhafte verzagtheit': ih pin sculdic in sunthaftero unfrewida, in sermuotigi, in inblandini, in wescreie, in wuoftin, in unrehtere angista, in truricheite, in chlaga unde in alles leides unmezze unde in missetroste
kleinere ahd. denkm. 144
Steinmeyer; etliche werden vom teufel mit schweren und mördlichen gedancken und geistlicher traurigkeit also zermartert und gequelet
theatr. diab. (1569) 43
b;
stärker selbständig als '
schmerzliche sehnsucht': die traurikeit, die do ist nach gott, die wircket stete busz in behaltsam
erste deutsche bibel 2, 124
lit. ver.; wer heilge traurigkeit hier hat zum vesperbrodt, dem wart das abendmahl die ewge freud in gott A. Silesius 1, 141
Ellinger; ungewöhnlich: je mehr traurigkeit man ihm (
dem pferd) in derselben furcht (
wenn es vor etwas scheut) vorbringet, desto heftiger wird es bestürzt J. Walther
pferdezucht (1658) 22.
objectivere gebrauchsarten: wann die traurikeit des tods umbgaben mich
erste deutsche bibel 5, 220
lit. ver.; denn der wält traurigkeit gebirt nichts denn den tod Heyden
Plinius (1565) 455; der storch ist alle jahr ein gewisser ankündiger des neuen jahres, der die traurigkeit des winters verjaget J. Prätorius
winterfl. der sommervögel (1678) 150; in der nebligen traurigkeit des vorfrühlingsabends I. Seidel
Renée u. Rainer (1930) 9;
ungewöhnlich: so kann er doch ... die traurigkeit der unterjochten und die wildheit, mit der die freien völker verfolgt werden, nicht verbergen Herder 13, 245
S. der umgangssprache entnommen: wir saszen auf dem scheunendach und klapperten mit den zähnen, dasz es eine traurigkeit war O. Ludwig
ges. schr. 2, 516.
gelegentlich begegnet ein pluralischer gebrauch: wie dagegen in begrebnissen und traurigkeiten schwartze kleidung gebreuchlich gewesen J. Pomarius
grosze postilla (1590) 1, 417
b; die christen sond uns ... tröster in iren trurigkeiten erkennen P. Gengenbach 183
Gödeke; und wie kan ich, herr Jesu! erzehlen alle die freuden, welche das himlische Jerusalem erwecket in meinen traurigkeiten J.
M. Meyfart
himml. Jerusalem (1630) 2, 390; viele tausend menschen sehen nichts mehr von den verkehrtheiten und traurigkeiten auf ihren wegen B. Auerbach
ges. schr. (1864) 18, 99;
sprichwörtliches: das ist eine gute traurigkeit, so man umb sünd oft treget leid Friedrich Wilhelm
sprichw. (1577) b 1
b; traurigkeit hengt an aller freud Petri
der Teutschen weiszheit 2, T t 5
b; ein bösz gewissen ist ein traurigkeit uber alle traurigkeit 2, s 8
b; ausz eilen kompt oft traurigkeit 2, k 1
b;
gewöhnlich gehen die sprichwörtlichen wendungen auf die folgen der traurigkeit: als der schab dem gewande und der wurm dem holtz, also schatt die traurigkeit dem herzen des mannes
erste deutsche bibel 8, 69; traurigkeit ist des teufels hauptküssen Butschky
Pathmos (1677) 73; traurigkeit ist des menschen henker Abele v. Lilienberg
gerichtshändel (1655) 35; traurigkeit ist des menschen todtengräber Kern
sprichw. (1718) 49; traurigkeit verzehrt marck und bein Petri
der Teutschen weiszheit 2, T t 6
b; traurigkeit heckt alle nacht ein andern harm ausz 2, T t 5
b; traurigkeit macht kein nützige leut Lehman
floril. polit. (1662) 2, 775.