sympathetisch,
adj. ,
adv.; im späten 17.
jh. auftretendes lehnwort, das wahrscheinlich einem im naturmystisch-alchymistischen schrifttum verwendeten neulat. sympatheticus,
spätgriech. συμπαθητικός '
mitempfindend, in innerer beziehung stehend'
entnommen ist, vgl. engl. sympathetic (
erster beleg v. 1644) Murray 9, 2, 367
a und unten sympathisch 1
u. 2 (
sp. 1407
f.);
modewort des 18.
jh., jetzt nur noch in seiner ältesten bedeutung 1
terminologisch gebraucht. 11)
wie sympathisch 1
zuerst im bereich naturmystischer vorstellungen von körpern, substanzen und wesen, die durch verborgene kräfte einen geheimen, nicht erklärbaren einflusz aus der entfernung auszuüben vermögen; '
mit geheimnisvoller fernwirkung ausgestattet, geheimkräftig, geheimwirkend'
von substanzen, heilmitteln u. dgl.: wider die raupen, ... mäuse und ratten soll, vor allen dingen, die asche vom verbrannten stroh, worauf eine mannsperson gestorben, mit weyhwasser vermenget, ein herrliches sympathetisches mittel seyn
allgem. haushalt.-lex. (1749) 1, 5
a; (
der volksaberglaube) äuszert sich ... vorzugsweise in sympathetischen mitteln A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 361;
bildlich: lassen sie den ihrigen (
den weg, den gemahl an sich zu fesseln) ein sympathetisches mittel bleiben Schiller 3, 43
G.; freund, rief ein wolf, ich wette hundert kronen, mein sympathetisches arcan erhält den preis Pfeffel
poet. vers. (1812) 1, 64;
von kräften und wirkungen dieser art: ein sendschreiben an herrn B. ..., worin mit unumstöszlichen beweiszgründen dargethan wird, dasz die sympathetische würckungen nichtig und unmöglich seyen (1700)
titel; wie viel dinge und begebenheiten für sympathetische würckungen mit unrecht gehalten werden J. G. Schmidt
curieuse grillen (1728) 252; dies hat wie der mond eine sympathetische einwirkung auf leere köpfe Herder 1, 212
S.; o der sympathetschen krafft, so Rosina bei sich heget! blosz ihr anblick lindrung schafft, und der nahme schmertzen leget J. G. Gressel
Celanders verliebte ... gedichte (1716) 126; diese worte ... haben eine so sympathetische kraft Hippel
über die ehe (1774) 210; welche aber in denen gedancken seyn, dasz die umbstreichende lufft in anwehung dergleichen beschweiste tücher sympathetischer weise berühre, ... sind zu entschuldigen Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 168; da sollen alle unbefriedigten wünsche der welt nach dem a b c darin abgemalt werden, und ich will sie mir alle mit dem ringe befriedigen ... — aber alles ... mit geschmack und kunstgefühl — poetisch, sympathetisch, magnetisch Brentano
ges. schr. (1852) 5, 199;
von heilverfahren, kuren, wundern, einwirkungen, die auf derartigen geheimnisvollen kräften und mitteln beruhen: die sympathetische charlatannerie oder quacksalberey gehet nun ungefehr von fünff oder sechs monat her in dieser stadt so starck in schwang, dasz fast jederman von nichts anders als dieser materie redet
sendschreiben an herrn B. (1700) 6; 'sympathetische curen,
diese werden auch sonsten magnetische curen genennet und bestehen darinnen, dasz so wohl abwesend als gegenwärtig allerley schäden und leibesgebrechen ... wollen geheilet und gut gemacht werden'
Chomels öcon. lex. (1750) 9, 1815; die sympathetischen kuren liefern nur wohlthätige, heilung bezweckende einwirkungen Schopenhauer
w. 3, 303
Gr.; sie ... quacksalberte nicht blosz, sondern machte auch sympathetische kuren Fontane
ges. w. I 6, 314; und noch zu andern kuren und sympathetischen wundern sollten haare, blut und fetzen von der kleidung des hingerichteten unter die leute gekommen sein Storm
s. w. 5, 197
Köster; wenn die krankheit euch befiele, ruft nur mich, ich kann sie stillen; zwar mit sympatetscher formel ... C. Richard
weiber hüten ist nicht möglich (1826) 62.
in festen terminologischen bezeichnungen, sympathetisches pulver, wundpulver, schieszpulver: das sympathetische wundpulver, oder wie es ins gemein heiszet, die waffensalbe Tentzel
monatl. unterred. (1690) 1045; (
ein) tractat von dem sympathetischen pulver ... (
von dem) cavallier Digby
sendschreiben an herrn B. (1700) 93 (
gemeint ist Digbys 1644
erschienene schrift '
discourse concerning the cure of wounds by the sympathetic powder'); viele pülvern nur den vitriol und machen das sympathetische pulver daraus
Chomels öcon. lex. (1750) 2, 323; man giebt vor, wenn gleich das blutige tüchlein viel meilen vom krancken weg wäre und man sympathetisches pulver darauf thäte, so würde die wunde alsbald austrocknen
ebda; ein sympathetisches zünd- und schieszpulver Tentzel
monatl. unterred. (1690) 1043; 'sympathetisch pulver
ist eine art pulver, welches alles auf einmal losgehet, wenn nur ein wenig darvon, ob gleich in einem weit entlegenen orte angezündet wird' Wolff
mathem. lex. 1288; sympathetische tinte
eine besondere unsichtbare tinte, deren schriftzüge durch bestimmte mittel aus einer gewissen entfernung heraus lesbar gemacht werden können, vgl. 'dinte (sympathetische),
lat. atramentum sympatheticum wird auf folgende art bereitet ...'
Chomels öcon. lex. (1750) 2, 340;
ausführlich behandelt bei Krünitz 178 (1841) 580
ff.; bildlich: wir, die dichter sehen, so lang wir daran (
an den dichterischen gestalten) arbeiten, die schrift vollständig; sowie sie aus unsern händen ist, verlöscht die sympathetische tinte und der leser weisz aus den übriggebliebnen resten, mit gewöhnlicher tinte geschrieben, nicht was er machen soll O. Ludwig
ges. schr. 5, 363
Schm.-St.; auch der offenherzige muszte lernen mit sympathetischer tinte zu schreiben Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 302. 22)
im zweiten viertel des 18.
jh. tritt die bedeutung '
geistig-seelisch mitempfindend, mitfühlend', '
in geheimer innerer wechselbeziehung stehend'
zutage, in der sympathetisch
ein typisches modewort der empfindsamkeitsperiode wird und bis in das frühe 19.
jh. hinein üblich bleibt; in dieser verwendung bereits engl. sympathetic (
und sympathical,
adv.)
im 17.
jh. bezeugt (
vgl. Murray 9, 2, 367)
und wohl nach engl. vorbild von Wieland
zu allgemeiner geltung gebracht (
s. auch E. Schmidt
Richardson, Rousseau und Goethe [1875] 324),
wenn auch nicht von ihm zuerst gebraucht, wie er selbst behauptet: sympathetisch, c'est un mot que j'ai employé le premier parmi les Allemands (
v. j. 1759)
auswahl denkw. briefe 2, 28
L. Wieland; vgl. bereits 1741: so hat ein jedes glied ein sympathetisch wesen, und musz den gegenstand nach seinem trieb erlesen
der verliebte u. galante student (1741) 264. 2@aa)
von seelischen empfindungen, trieben, kräften und beziehungen, durch die ein mensch sich einem andern (
oder mehreren)
unerklärbar und geheimnisvoll verbunden fühlt. 2@a@aα)
als adjektiv, '
aus dem gefühl innerer verbindung, wechselbeziehung hervorgehend; durch geheime sympathie entstanden': dieses sympathetische gefühl, welches den menschen mit einer süszen gewalt nöthiget, sich selbst in andern menschen zu lieben Wieland
s. w. (1794) 14, 239; wie? oder knüpfen sympathetische gefühle dein herz so fest an meines an? J. J. Ihlee
gedichte (1789) 129; und ich glaube, dies gefühl war durchaus sympathetisch; auch im volke war keine rechte lustigkeit H. Hettner
griech. reiseskizzen (1853) 72; die guten personen des stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige mutter, geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese gegenstände gefallen immer, erregen immer die süszesten sympathetischen empfindungen, wir mögen sie finden wo wir wollen (
v. j. 1768) Lessing 10, 122
Muncker; freund, — ich nenne dich so auch vor den augen der welt, als dich mein hingerissnes herz im sympathetischen zug der ersten wallungen nannte Zachariä
poet. schr. (1763) 3, 3; ein geheimer, sympathetischer zug hatte mich hier so oft gehalten, eh ich noch Lotten kannte Göthe 19, 81
W.; eine sympathetische kraft unter sich vereinigter tummer seelen v. Moser
beherzigungen (1761) 71; ich fühle tausend sympathetische bande, die mich zu Henriette v. Effen ziehen S. v. Laroche in:
Iris 3, 74; was ist angenehmer als in den feldern des schönen und wahren und selbsten in den labirinthen der menschlichen geistesschwachheiten herumzuirren, um durch ein solches sympathetisches commerz die körperliche abwesenheit zu ersezen? Schubart
br. 1, 96
Strausz; welches lahme herz schlüge nicht mit deinem in sympathetischer harmonie zusammen, wenn es dein auge über das vergnügen deines mannes und von wünschen für sein leben glänzen sieht Jean Paul 1, 157 (
Hempel); (
sie) entfalten eine sympathetische übereinstimmung zwischen der gemeine und ihrem hirten Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 213; der mensch braucht nur seine augen aufzuheben und einen andern menschen zu erblicken, um die süsze gewalt des sympathetischen triebes zu fühlen, der ihn zu seines gleichen zieht Wieland
s. w. (1794) 14, 170; bis warm von sympathetschem triebe sie freundlich mit dem freund empfand Schiller 11, 24
G.; (H. v. Willar:) diese sympathetische stimmung weissagt mir freude! (Fr. v. Goudal:) glauben sie an sympathie? H. Beck
d. herz behält s. rechte (1788) 107; ... die sympathetische liebe zieht mich oftmals zu dir ... (
v. j. 1753) Wieland I 2, 43
akad.; dasz witzige köpfe, die mehr stutzer als ehrliche bekenner der schönen wissenschaften sind, ein sympathetisch wohlgefallen an engelgestalten haben, die kein autor noch leser gesehen
briefe d. neueste litt. betreffend 12, 206; schwerlich (
ist) ein andres land in der welt ..., wo an festlichen tagen die freude geselliger, sympathetischer, allgemeiner, und dabey unschuldiger und sittsamer wäre als in meiner insel Wieland
s. w. (1794) 13, 214; ach, ich wollte, sagte er mit sympathetischem kummer, ich hätte eine schwester Jean Paul
w. 1, 291
Hempel. 2@a@bβ)
als prädikatsnomen und adverb, die beschaffenheit eines solchen auf sympathie beruhenden gefühlszusammenhangs kennzeichnend: ... ein lieblicher schauer zittert sympathetisch durch deine adern Wieland I 2, 23
akad.; mögen diese thränen und herzensschläge und bewegungen gut oder kindisch gewesen seyn — er fühlt sie sympathetisch wieder, wird wieder gut oder wieder zum kinde Herder 6, 94
S.; ... schau deiner Beroe ins angesicht, das sympathetisch dir sich öffnet ... Schiller 1, 324
G.; nur der freitischdame stieg das adlige blut ... sympathetisch ins gesicht Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 79; Karls kleinere geschwister weinten sympathetisch mit, weil vater und mutter weinten
magazin d. neuesten engl. u. dtsch. moden (1793) 1, 358; wie er (
Christus) das dasein aller übrigen menschen in sich aufgenommen hat ... und er sympathetisch, sozusagen, unsern mangel an seeligkeit trägt Schleiermacher
s. w. (1834) I 12, 39. 2@bb)
von geistig-seelischen organen und personen, in denen das gefühl innerer verbundenheit mit einem anderen wesen lebendig ist, '
mitempfindend, mitfühlend auf grund einer besonderen seelischen sympathie; gleiche empfindungen hervorbringend': wie glüklich ists, o Arete, wenn sympathetische seelen einander finden! seelen, die vielleicht schon unter einem andern himmel sich liebten Wieland I 2, 446
akad.; sollte nicht das (
dasz wir den geschmack für die natur mit zur welt bringen, nicht aber für die kunst) die ursach seyn, dasz der schöpfer unsere seele für gegenstände der natur schon sympathetisch gestimmt hat
allg. dt. bibl. (1765) 2, 2, 5; wäre doch die sympathetische seele hier Immermann 14, 167
Boxb.; ein sympathetisch herz, wie deines, fand ich nie Göthe 9, 71
W.; aber eine feinfühlende zweite seele, ein sympathetisches gemüth wünschest du dir Immermann 1, 83
Boxb.; ton der empfindung soll das sympathetische geschöpf in denselben ton versetzen Herder 5, 17
S.; sanftes, sympathetisches mädchen! erlauben sie, ... ihre hand zu küssen
M. Claudius
Asmus (1775) 1/2, 122. 2@cc)
objektiver und damit an die bedeutung 1
näher heranrückend, aber nicht unmittelbar von ihr ausgegangen, '
eine ähnliche, in wesen, stimmung oder charakter verwandte oder entsprechende gefühlslage, ausdrucksform schaffend',
die dadurch entsteht, dasz ein äuszerer zustand oder vorgang in dem empfänglichen gemüt eine wirkung auslöst: der ausdruck der plastischen kunst ist leibhaft, also auch mittelst leibhafter formen geisthaft,
d. i. sympathetisch wirksam Herder 22, 173
S.; wird der affekt, der diese bewegungen der maschine sympathetisch erweckte, öfters erneuert ... Schiller 1, 171
G.; sprechend (im weitesten sinne) nenne ich jede erscheinung am körper, die einen gemüthszustand begleitet und ausdrückt. in dieser bedeutung sind also alle sympathetische bewegungen sprechend, selbst diejenigen, welche bloszen affektionen der sinnlichkeit zur begleitung dienen
ebda 10, 87; so lange noch ein tropfen leben in ihm geboren wird, das ... sympathetisch gegen alles gute und schöne ist Heinse
s. w. 9, 115
Schüddekopf; denn lachen hat etwas sympathetisches, wie das gähnen K. J. Weber
Deutschland (1827) 2, 284; das weltliche hat die oberhand gewonnen, der kunstsinn leidet sympathetisch mit, nur selten, dasz hie und da ein gediegener, ewiger lebensfunke hervorspringt Novalis
schr. 2, 29
Minor; als bewegung ... zieht grazie auch den betrachter sympathetisch in ihre bewegung Justi
Winckelmann (1866) 1, 283; aber das zögern beider (
Hamlets und des geistes) ... bringt sympathetisch im zuhörer dieselbe stimmung (
hervor) O. Ludwig
ges. schr. 5, 99
Schm.-St. noch terminologisch sympathetisches naturgefühl
ein naturgefühl, bei dem die seele sich dem naturgeschehen, dem landschaftsbilde ohne reflexion und sentimentale betrachtung unmittelbar verbunden spürt und die stimmung der natur einen entsprechenden seelenzustand hervorbringt: das sympathetische naturgefühl Shakespeares und Miltons (
überschrift) A. Biese
d. naturgefühl im wandel d. zeiten (1926) 93; die entwicklung (
des griechischen naturgefühls) vom naiven, dann zum sympathetischen, endlich zum sentimentalen liegt klar vor augen
ebda 34;
auch umgekehrt, wenn der gemütslage eine wesensähnliche landschaftsstimmung entspricht: sein gefoltertes herz scheint in der traurigen wüste einige ruhe zu finden; ihm sind die hangenden felsen und das grausende thal ein sympathetischer anblick, denn ein Eden würde noch mehr in schwermuth ihn stürzen Zachariä
poet. schr. (1763) 4, 113.