sündlich,
adj. ,
peccatorius, '
von sündiger art'.
ahd. suntlîch,
mhd. süntlich, sündelich.
seinem eigentlichen inhalt nach, als religiöser oder sittlicher begriff, mit sündig
zusammenfallend, selbstständig aber und differenzierter als dieses in seinen attributiven, prädikativen und adverbiellen beziehungen. 11)
als kennzeichnendes attribut bei handlungen, seelischen regungen und bei gegenständlichen beziehungsworten, ein gebrauch, der bei sündig (
s. d. 4)
und sündhaft (
s. d. 1 b)
nur schwach entwickelt ist. in älterer sprache, bis 1500
so fast ausschlieszlich und, nach vorübergehender verwischung der grenzen im 16., 17.
und frühen 18.
jh. (
s. u. sündlich 3),
in jüngerer sprache so wieder vorherrschend, mit deutlicher tendenz zum alleingebrauch: voluptas pismiz suntlih (9.
jh.)
ahd. gl. 4, 24, 24
St.-S.: duent se (
die sünden) unsih unguatemit suntlichemo bluate Otfrid IV 25, 8; sie hette got untz dar behut vor aller suntlichen tat
väterbuch 37755
Reissenberger; daz suntlich wort, werk noch gedank dich nie beruret in keim wank Hans Folz
meisterlieder 58
Mayer; dasz man wegen jeder an sich sündlichen handlung sich an die kirche wenden ... könne Eichhorn
rechtsgesch. (1821) 2, 418; alles sündlichs raten
Reinicke fuchs (1650) 115; wegen der sündlichen einfälle unter dem gebete kränken sie sich nicht Lavater
verm. schr. (1774) 2, 49; an allen sündlichen freuden nahmen sie teil
theater d. Dtsch. (1768) 16, 156; so verderbt die sündliche lust die blüte der jugend Chph. v. Schmid
ges. schr. 6, 12; Adams sündliche begier J. Chr. Günther
ged. (1735) 7; einen einzelnen feind, der sich harmlos nähert, zu erschlagen, scheint mir ein sündlicher mord zu sein Stifter (1901) 5, 362;
in verbindung mit konkreten meist im sinne von '
mit sünde behaftet': suntliches gutis gewin
Daniel 8185
Hübner; sündlicher gewinn Kramer 2 (1702) 1040
a; als welcher die menschen viel lieber im sauf-, hur-, spielhause und auf der sündlichen handelsbörse siehet J. G. Schmidt
rockenphilos. (1706) 2, 207; auf dem sündlichen berge (
heiligtum der Astarte) Zachariä
poet. schr. (1763) 6, 60; ehe das sündliche buch, das diese beschuldigung aufbringt, ans licht gekommen Zinzendorf
büdingische samml. (1741) 1, 601; weh über mich, rief er aus, was sind das für sündliche bilder Holtei
erz. schr. 10, 36. 22)
in diesem bezirk hat sich einzelnes, meist in deutlicher abgrenzung gegen sündig
und sündhaft,
zu besonderer sprachläufigkeit verdichtet. 2@aa)
formelhaft: ich aber, herre, bin mit namen gezeuget aus süntlichem samen Hans Sachs 18, 236
lit. ver.; halt ein! ich schaudere! wehe! wehe! der brut aus sündlichem samen erzeugt! Kotzebue
sämtl. dram. w. (1827) 3, 78;
scherzhaft: da es (
Petrons satyricon) durch mönche, die vermutlich aus dem sündlichsten samen gezeugt waren, und durch erklärer und verbesserer so sehr verunstaltet worden, dasz es schwerlich zu lesen ist W. Heinse 2, 3
Schüdd. im rein erotischen gebrauch bezeichnet sündlich
vornehmlich die handlung oder ein gegenständliches: in daz suntliche hus (
ein freudenhaus)
väterbuch 32946
Reissenberger; denn selig ist die unfruchtbare, die ... unschuldig ist des sündlichen bettes
weisheit Sal. 3, 25; weil die alte frau ihr theil an dem gewinn hatte, den dieses sündliche gewerbe ihrer tochter abwarf J. J. Chr. Bode
Thomas Jones (1786) 2, 243; soll eine sündliche beiwohnung darum nicht fruchtbar sein, weil sie sündlich ist? J. Jac. Engel
schr. (1801) 1, 306. 2@bb)
häufig ist sündlich
hier '
zur sünde führend, verleitend': ein sündliches clima hat die gütige natur nie geschaffen J. A. Ebert
Youngs nachtgedank. (1760) 2, 79; ich will solch sündlich ding (
ein amulett) nicht auf meine zunge nehmen O. Ludwig 4, 64
Schm.-St.; ähnlich: do er dein leut sündliche freiheit gelernt hat J. Dietenberger
christl. vermanung (1525) c 1; der fromme, der dadurch ... einen gefährlichen sündlichen hang in dem burschen zu tage treten sah, ereiferte sich gewaltig
M. Meyr
erz. aus d. Ries 2, 266;
im erotischen zusammenhang auch mit dem nebensinn '
verführerisch': eine nonne, die durch sündlichen verstand und noch sündlichere schönheit bei den groszen schutz gefunden hatte Klinger 3, 104; um ihre arme, die von sündlicher schönheit sind, hatte sie ebenfalls etwas gebunden Lichtenberg
briefe 1, 141
L.-Sch. 2@cc)
im unterschied zu sündig
und sündhaft
häufig als attribut bei synonymem oder verwandtem begriff; schon mhd. und bis ins 19.
jh.: dâ wart begangen meines vil, der süntlich und unedel hiez Konrad v. Würzburg
troj. krieg 12959;
besonders in der sprache der mystik: er zerflösset gefrornes îs süntlicher gebresten Seuse 452
Bihlm.; daz ist natürliche gebreste, süntlich gebreste Tauler
pred. 322
Vetter; später wohl im anschlusz an sünde II A 1 b; sündliches laster
in fester frühnhd. formel: durch das sündliche laster fleischlicher begierd und unkeuschheit Ruoff
hebammenbuch (1580) 37; es sol sich auch ein jeder des zutrinkens und ander mehr sündlicher laster maszen Fronsperger
kriegsbuch 1 (1578) 21
a;
weniger fest: daz ich niht ahte wizzen kan mîner süntlîchen schulde Hartmann v. Aue
Gregor. 2957
Paul; aber Lucretia was umb so sündlich ubel trawrig
buch der liebe (1587) 311
c; ein sündliches vergehn Ayrenhoff
w. (1814) 1, 101; ein sündliches verbrechen Rückert 3, 307;
ähnlich in adjektivischen verbindungen: sündlich und gebrechlich Luther 28, 759
W.; sündlich und unrein A. Olearius
persian. reisebeschreib. (1696) 1, 111; sündlich und weltlich
dtsche erz. d. 18.
jh. 108
lit.-denkm.; sündliche und thörichte ausschweifung J. A. Cramer
nord. aufseher (1758) 1, 261; nun weisz ich freilich wohl ..., dasz dieses schwache und sündliche gedanken sind Immermann 2, 148
Boxb.; in anlehnung an sünde und schande (sünde IV)
nur in älterer sprache: dins sintlichs, schentlichs wesen (1477)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalt. 1, 184; damit das, so uns vor gott nit sündlich ist, ouch vor den menschen nit schändlich sye Zwingli
dtsche schr. (1828) 1, 49; dasz das sterckmachen ein schändlich und ganz sündlich handwerck ... sei J. Prätorius
saturnalia (1663) 372. 2@dd)
als gattungsbegriff im engeren sinne bei art, sache, ding
u. ähnl.: der lîp von süntlicher art Konr. v. Würzburg
Silvester 3739
Gereke; van sundliker materien Rotmann
restitution 28
ndr.; denn wäre es dem natürlichen recht entgegen, so wäre es eine sündliche sache H. v. Fleming
teutsch. soldat (1726) 109; ob das theater zu den sündlichen und auf alle fälle zu vermeidenden dingen gehöre Göthe I 28, 192
W.; ebenso in dem für sündlich
charakteristischen gebrauch des substantivierten neutrums: das sündliche in uns Mathesius
Sarepta (1571) 76
b; ob nichts sündliches mit unterlaufe Joh. Riemer
d. polit. maulaffe (1679) 228; so galt durch das ganze mittelalter ... das tanzen als etwas sündliches
F. M. Böhme
gesch. d. tanzes 91;
gelegentlich einfach für das substantiv: die füsz und händ allzeit abwend, nichts sündlichs zu verbringen! J. Ayrer
spiegel weibl. zucht 2130
Keller. 33)
als stehendes attribut bei mensch, leben, fleisch
u. ä., wie sündig 1 a
und b
β.
erst seit 1500,
zeitweilig aber, so im reformatorischen schrifttum bis ca. 1600, sündig
fast verdrängend: wiltu nit gedenken, das du ... ein süntlichs prechenhaftiges mensch ... bist Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) a 6
b; ein sündlicher fleischlicher mensch Luther 18, 170
W.; das aber got schafft die sundlich creatur, darumb sündet er nit Geiler v. Keisersberg
bilgersch. (1512) b 5
c; verlass vast bald din süntlichs leben
N. Manuel 16
Bächtold; wer da lebet in einem sündlichen wesen Luther 33, 662
W.; der sündlich leib musz aufhören zu sündigen J. Agricola
teutsche sprichw. (1534) 8; so er sinen sun gesendt hat in der gestalt des sündlichen fleischs Zwingli
dtsche schr. (1828) 1, 212;
auch später noch möglich, aber zugunsten des ursprünglichen gebrauchs wieder mehr und mehr zurücktretend: der priester ist ein mensch, ... sündlich ... wie sie G. Forster
s. schr. 7, 175; so sind wir auch alle zugleich aus seinem (
Adams) verderbten, sündlichen fleische geboren Jac. Böhme
s. w. 7, 147
Schiebler; vgl. 3, 357; sie hieben den rücken sich wund und rot, oder wälzten das sündliche fleisch im kot Platen 2, 20
Redlich. 44)
sehr umfänglich ist der aus sünde II C
und III
entwickelte abgeschwächte gebrauch von sündlich
im sinne von unrecht, im besonderen für das, was masz und grenze überschreitet. auf verschiedenen stufen, von der affektbetonten moralischen entrüstung bis zur bloszen verstärkungsformel. sprachläufig seit der mitte des 18.
jh., später auch auf sündig (
s. d. 3)
und sündhaft (
s. d. 1 e)
übergreifend und damit ursprüngliche gebrauchsgrenzen verwischend: unnütze und überflüssige jagdbediente ..., die ihr brod durch sündlichen müsziggang verdienen Göchhausen
notbilia (1741) 285; der sündliche hochmuth einer frau Rabener
s. schr. (1777) 1, 216; wegen ihres sündlichen fluchens und schwörens Falk
satiren (1800) 3, 50; immer wieder müssen wir ... von der sündlichen liebe zum gelde hören D. Fr. Strausz
schr. 6, 41; als sie noch ein paar worte ... gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher freude (
schadenfreude) G. Keller (1889) 5, 266; welchen antheil sie und ihr wesen haben an meinem gestrigen unfalle sündlicher verzweiflung Holtei
erz. schr. 2, 116;
zur kennzeichnung übertriebenen aufwandes: aber die mutter ... sprach von eitelm weltsinn und sündlicher kleiderpracht J.
M. Miller
briefwechsel (1778) 1, 191; das kann nur durch miszbrauch in sündliche üppigkeit ausgeartet sein Jac. Grimm
kl. schr. 4, 55. 55)
im prädikativen gebrauch dominiert sündlich
durchaus vor sündhaft
und sündig,
in alten, festen formeln. seit ca. 1600
wie sünde V 1 b; es ist sündlich: des menschen will ist nimmer gut, es ist all sündlich, was er thut Petri
weiszheit (1604) 1, b 4
a; ich damals ... mir nicht einbildete, dasz liebtränke beizubringen sündlich wäre A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 427; wenn ichs bedenke, so ist es sündlich, in eine solche betrügerei zu willigen
samml. v. schausp. (1764) 5, 14; sein besseres gefühl ... belehrte ihn, dasz es sündlich sei, über das ableben eines menschen zu jubeln Holtei
erz. schr. 8, 11;
in jüngerer sprache oft im sinne von sündlich 4: solch eines gastes halber aber die ganze hochzeitfreude aufzuheben, ist sündlich Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 372; es ist sündlich, dasz ich ihnen von Italien aus noch nicht geschrieben habe Gleim
briefw. 2, 442
Körte; es ist sündlich, dasz sie ihre stunden verderben, diese affen menschlicher auszuputzen Göthe I 21, 290
W.; als jüngere formel für sündlich halten: viele ... von denen, die ... alle gemeinschaft der liebe und pflege für sündlich hielten Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 1, 360; auch giebt es noch viele edle gemüther, die den unnützen genusz des schönen ... für sündlich halten A. W. Schlegel
s. w. 9, 104;
sehr häufig auch in anderen verwandten verbalverbindungen: der herr verfasser erklärt sie (
die ehe zwischen ungleichaltrigen) für sündlich und unerlaubt Gottsched
anmuth. gelehrsamk. 3, 317; in Deutschland war man ... darüber im streit, ob ihr ungehorsam ... als sündlich betrachtet werden müsse Ranke
s. w. 1, 35; ich will nur erklären, wie ich dazu komme, dasz es mir weder sündlich noch ehrenrührig erscheint Bismarck
ged. u. erinn. 1, 205; hat jemand was hier einzuwenden, was dies vergnügen sündlich macht? Stoppe
Parnasz (1735) 220. 66)
auch die adverbiale verwendung beim verbum bleibt ursprünglich sündlich
vorbehalten, erst später wird sie auch auf sündhaft (
vgl.sündhaft 3)
übertragen: umbe die zît, die sie (
die säufer) als unnützelîchen unde süntlîchen an geleit haben Berthold v. Regensburg 1, 19
Pf.; das der mensch darbei süntlich und übel leb Tauler
sermones (1508) 92
b; wer andren dient, ist herr, sofern er from sich hält; wer andrer herr ist, dient, wann sündlich er sich stellt Logau
sinnged. 80
lit. ver.; was ich sündlich hab verbrochen Cl. Brentano (1852) 3, 272; kaum aber hatte dieser angefangen, mit der heiligen gottesgabe (
brot) also sündlich umzugehen, so zog ein ... gewitter daher Grimm
dtsche sagen (1891) 1, 62;
seit ende des 18.
jh. gern in der bedeutung sündlich 4: ich komme so sündlich in der neuesten literatur zurück Schubart
briefe bei D. Fr. Strauss
w. 9, 168; der text ist auch sündlich zugerichtet Görres
ges. br. 2, 516;
speziell bei zeitvergeudung und vernachlässigung: es war eine zeit, wo ich monate sündlich wegwarf Schiller
br. 1, 283
Jonas; o ihr goldnen tage, ihr wochen und jahre! wie seid ihr doch so sündlich verschleudert worden Tieck (1828) 17, 14; du hast das klavier sündlich vernachlässiget Kürnberger
novellen (1861) 2, 5;
seltener als verstärkungsformel wie sündhaft 3
beim adjektiv: die beigefügten kupfer sind von erfindung und ausführung sündlich schlecht Jac. Grimm
kl. schr. 6, 202;
mundartlich: sündlich teuer, schwer, kalt, dumm, grosz
u. ä. von da aus auch attributiv als steigerung: sündliche froid Fischer
schwäb. 5, 1961.