sündhaft,
adj. ,
peccatorius, von sündlicher art. der durch die wortbildung nahegelegte sondersinn '
mit sünde behaftet'
ist nur selten spürbar: sol man (
einen menschen) abthun vom creutz, ehe die sonn untergieng; si contra, wer (
wäre) das land verunreiniget und sündhafft Luther 34, 1, 259
W. ahd. suntahaft, sunthaft,
mhd. sündehaft.
das wort, in älterer sprache sparsameren und weniger geprägten gebrauchs als die synonyma sündig
und sündlich,
scheint zur neuzeit hin an boden zu gewinnen. 11)
der attributive gebrauch bleibt hinter der gleichen verwendung von sündig
und sündlich
zurück. 1@aa)
religiös als merkmal menschlicher existenz, wie sündig 1: sît daz ich sündehafter man die kristenheit hazzen began Rudolf v. Ems
Barlaam u. Josaphat 347, 23
Pf.; Allah, der nicht
schon längst über dieses sündhafte und schamlose geschlecht schwefelgluten habe herabregnen lassen O. Peschel
völkerkde (1874) 176; das grosze allgemeine gericht über die sündhafte welt Jung-Stilling (1835) 3, 134; in sunthafton willôn (12.
jh.) Müllenhoff-Scherer
denkm. 1, 301; mîn sündehafter lîp Wolfram v. Eschenbach
Parzival 783, 7; das sündhafte fleisch G. Neumark
lustwald (1657) 2, 30; er musz auch got sein sundhaftige bose gedanken ... beichten Luther 2, 59
W.; da wecket sie die schlafende sündhafte gewissen auf Dyke
nosce te ipsum (1638) 519; sein weib, der sündhaftigen natur zuwider, ihr herz und sinne verwandelt hat Joh. Barth
weiberspiegel (1565) t 5
a; er sieht nur noch rückwärts in sein eignes törichtes und sündhaftes leben Storm (1899) 2, 9. 1@bb)
seltener noch bei handlungen, wie sündlich 1, sündig 4: denn sie ist nur eben sie selbst, und alles fremde neben ihr nur ein frecher trotz oder eine sündhafte lüge Fouqué
gefühle (1819) 2, 112; dem sündhaften spiel (
theater) habe ich mein tage noch nicht beigewohnt Iffland (1827) 4, 308; sie ... trat ... vor die bildsäule ..., um dem sündhaften spuk ein ende zu machen G. Keller (1889) 7, 345. 1@cc) '
zur sünde verlockend',
wie sündlich 2 b,
aber nur erotisch: 'auf deine schönen, sündhaften augen!', sagte er Storm (1899) 1, 14; ein herrliches, sündhaftes weib ist sie Watzlik
pfarrer v. Dornloh 186 (
s. u. 3). 1@dd)
mit einer gewissen vorliebe zur kennzeichnung des triebhaften, der anlage, vgl. schon in sunthaftero sorgen, in sunthaften wunsgen (11.
jh.) Müllenhoff-Scherer
denkm. 1, 297; die alten schuhe bedeuten die alten und sündhaften affecten Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 27; auf der höhe seines sündhaften begehrens einer besonderen offenbarung wert gehalten Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 1, 399; die sündhaftigen anlagen im menschen Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 65;
so auch im erotischen: wie ihr die weiblein gefangen führt, die voll sein sündhafter begierd Kirchhof
wendunmuth 2, 128
lit. ver.; um wieviel mehr aber eine jungfrau, welcher sich niemals die geringste sündhafte begierde in die seele verirrte! Herman Grimm
Michelangelo 1, 161; augenblicklich ... empfand der heilige vater bei dem kusse einen sündhaften trieb Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 1, 368; da weckte ihre schönheit sündhafte lust in ihm Grimm
dtsche sagen 1, 25;
besonders diesen zusammenhang kennzeichnet der für sündhaft
typische gebrauch des substantivierten neutrums: doch tröstet mich dein liebstes kind, an dem man nichts sündhaftigs find Fischer-Tümpel 1, 279; in materien, ..., ... deren grenzen, wo eigentlich das sündhafte seinen anfang nimmt, so schwer zu bestimmen sind
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 134; das sündhafte im menschen als vorwaltend anzusehen Göthe I 28, 104
W.; und das unreine und sündhafte fällt ab wie der tau von den pflanzen Alexis
hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 22. 1@ee)
abgeschwächt '
unrecht',
im sinne von sündlich 4,
in späterer angleichung an dieses: die vielen controllen und examina halte ich für sündhafte, schädliche eingriffe Jac. Grimm
an Dahlmann in: briefw. 1, 43
Ippel; die sündhafte vorliebe ... für französische sprache H. König
clubisten (1847) 3, 64;
dagegen dominiert sündhaft
über seine synonyma im ironischen gebrauch: nach seiner sündhaften gewohnheit zog er immer ein manuscript nach dem andern aus der tasche Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 3, 44; als ein rechter Eulenspiegel ... in den armen leuten eine sündhafte lachlust zu reizen G. Keller (1907) 1, 70; es ist ein verbrechen, nach einer sündhaften cigarre zu verlangen (
in einer kirche) Laube
ges. schr. (1875) 8, 162; ... der beständige regen, welcher jetzt im august flach- und hochland für den sündhaften genusz einiger warmer julitage bestraft Steub
sommer in Tirol (1895) 1, 20. 22)
in der prädikativen verwendung wird, besonders in jüngerer sprache, sündhaft
als prädikatsnomen bevorzugt: daz ih sie sunthafte wissa
bei Notker 2, 286, 23
P.; gar sündehaft ist sîn gewin Marner 140, 8
Strauch; sündhaft ist der gedanke dran Rückert
poet. w. (1867) 2, 101; ich frug unsere heilige lehre, sie rief mir nur zu, dasz mein rat sündhaft sei G. Freytag (1886) 7, 127; auch Milton haftet noch an der Lutherischen meinung, der natürliche trieb sei sündhaft Treitschke
aufsätze (1886) 1, 17. es ist sündhaft,
heute durchweg an stelle der älteren verbindung es ist sündlich (
s. sündlich 5): die englische sonntagsfeier, nach der es sündhaft ist, nach sonnabend mitternacht eine scale abzulesen A. v. Humboldt
kosmos (1845) 1, 428; es wäre sündhaft, wenn wir etwas anderes täten
M. Meyr
erz. aus d. Ries 2, 315; es ist beinahe sündhaft, wie der pfarrer den rest seines lebens vertrödelt K. H. Waggerl
jahr des herrn (1933) 219; es ist sehr sündhaft, narren auszulachen Carossa
arzt Gion (1931) 104; es kam mir recht sündhaft vor, so meinen carfreitag verguckt zu haben Emma Förster
br. (1827) 33. 33)
im adverbialen gebrauch erscheint sündhaft
als blosze verstärkungsformel beim adjektiv, soviel wie '
sehr'
; vornehmlich mundartlich, bei masz- oder preisbezeichnungen: Fischer
schwäb. 5, 1961; sündhaft dumm, sündhaft teuer, sündhaft viel, sündhaft wenig Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 589
b; Albrecht
Leipz. 220;
aber auch in jüngerer hochsprache: ich habe sie vielleicht zu sündhaft lieb (
ein vater von seiner tochter) Stifter (1901) 2, 340; man hat bereits sündhaft viel material verheizt und man friert noch immer Rosegger
sünderglöckel (1904) 347; der junge war sündhaft faul Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 48; da werden auch spitzen besehen und stoffe befühlt, es ist alles sündhaft teuer K. H. Waggerl
jahr d. herrn (1933) 112;
vgl. Ina Seidel
Lennacker (1938) 114.
in erotischem sinne (
s. o. 1 c): singen und tanzen können sie ja nicht. aber mehrschendeels sind sie sündhaft schön
Liller kriegszeitung sommerlese (1916) 3, 250.
beim verbum meist in der grundbedeutung, die verwendung in jüngerer übereinstimmung mit sündlich 6: unvernünftige tiere wüten sündhaft und strafbar Lohenstein
Arminius (1689) 2, 8; im wahnsinn von seligkeit hing ich an euch, sündhaft vergessend meinen vater, meine mutter, meinen gott Stifter (1901) 1, 289. —