strausz,
m. ,
der vogel strausz, struthio. entlehnt aus spätlat. struthio
aus griech. στρουθίων '
strausz'
zu στρουθός (
oder στροῦθος) '
vogel, bes. sperling',
vgl.στρουθο-
κάμηλος,
στρουθὸς ἡ μεγάλη,
στρουθὸς ὁ Λιβυκός u. ä. '
strausz'.
während ags. strȳta (
neben strūta)
genau zum lat. stimmt, beruht ahd. strûz (
pl. struzza)
auf einer verkürzung, die bei fremdwörtern nicht selten ist, wenn auch genaue parallelen fehlen. jedenfalls ist eine lat. nebenform *strutus
oder *strutis
nicht zu stützen. —
auf der mlat. aussprache strucio
beruht mnl. struus,
nl. struis,
mnd. strus,
woraus spätan. strúz,
schwed. struts,
dän struds.
die verdeutlichende bildung nhd. vogel strausz (
s. u. 4),
nl. struisvogel,
schwed. fgeln struts,
dän. strudsfugl
ist wahrscheinlich ohne historischen zusammenhang mit lat. avis struthio,
auf das frz. autruche (
engl. ostrich),
span. avestruz,
portug. abestruz
zurückgehen; dagegen ital. struzzo;
vgl. Meyer-Lübke 66
a s. v. avisstruthius. —
neben die ursprüngliche, ahd. und mhd. herrschende starke flexion (
vgl. Graff 6, 670)
treten spätahd. und mhd. schwache bildungen: struzen
struciones ahd. gl. 1, 505, 55 (12.
jh.); durch sihe min trúw nach strussen art
mhd. minnereden II 99
Thiele. vereinzelt zeigt der nom. sg. auch das endungs-e
der schwachen form: struze
ahd. gl. 3, 459, 25 (14.
jh.); der strûze Ottokar
reimchr. 39 031. (
doch ist der strausze
im volkslied bei Arnim
s. w. [1853] 21, 264
und Uhland
volksl. [1881] 42
nur rhythmisch bedingt.)
nhd. sind beide flexionsarten nahezu gleichmäszig vertreten, erst in neuester zeit setzt sich die starke form durch, jedoch ohne schwache bildungen völlig zu verdrängen, s. vor allem die komposita strauszenei, strauszenfeder, strauszenmagen
usw. (
vgl. auch Paul
dt. gramm. 2, 46).
die starke pluralbildung erfolgt in der regel ohne, selten mit umlaut. pl. sträusze
wird verzeichnet von Voigtel
wb. (1793) 3, 369
a; Krünitz
öcon. encycl. 175 (1840) 475.
literarisch im 16.
jh.: streuss Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 28
b; streusz Heyden
Plinius (1565) 399; sträusz Fischart
w. 2, 393
H. 11) der strausz
struthiocamelus; zugleich ausgedehnt als gattungsname auf ähnliche kurzflüglige grosze laufvögel aus der ordnung der strauszvögel. seit dem 9.
jh. in glossen und später in wbb. durchgängig und reich belegt, vgl. ahd. gl. 1, 342, 27; 347, 55; 505, 55; 602, 8; 623, 23; 3, 29, 41; 85, 41; 4, 192, 29; 355, 5; 5, 29, 8
St.-S. u. ö.; Diefenbach
gl. 557
b;
strutio eyn straus (1420)
lat.-dt. voc. 35
Schröer; strawsz, ein vogel
strutio vocabul. (1482) ff 5
a; strusz
strucius vel strucio voc. incip. teuton. (
ca. 1495) x 2
a; Brack
voc. rer. (1512) k 1
b;
struthius, uel haec struthio ein strausz;
struthiocamelus sol auch
struthius sein, reycht über ein mann vff eim pferd vnd laufft schneller dann er reit Alberus
nov. dict. (1540) z 3
b;
s. a. Frisius
dict. (1556) 1248
b; Stieler
stammb. (1691) 2191; Steinbach
wb. (1734) 2, 737: Gâwân des gedâhte, do si alle von im kômen ûz daz dicke den grôzen strûz væhet ein vil kranker ar Wolfram v. Eschenbach
Parzival 406, 30; der ain kunig het ainen strus, der leite zwai aiger und bruot sú us Wernher
Marienleben 3123
Päpke-Hübner; do sahen wir einen lebendigen strauszen (1436)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 69; Babylon schal werden der lüde spot, den Beel vnd affgode wil he slan, ohr gebw schal vallen, ohr landt vorgann, vele draken schollen wonen dar, struszen vnd grimmiger louwen schar (
in anlehnung an Jes. 13
f.) (1527) Waldis
verl. sohn 158
ndr.; der zaunkönig vnd die kleine meise würden sich lächerlich dem strausz vergleichen Comenius
ianua aurea (1643) 58; es wird der schlösser wüster rest der straussen sitz, der drachen nest Hagedorn
poet. w. (1757) 1, 8; vom gröszten bis zum kleinsten, vom strausz bis zum kolibri maler Müller
w. (1811) 1, 43. 22)
in den quellen häufen sich die angaben zu gestalt und lebensweise sowie die erwähnung verschiedener z. t. schon aus der antike stammender vorstellungen von den eigenschaften des exotischen vogels, die teils erläuternd, teils im vergleich oder sinnbildlich herangezogen werden: dü ogen als ainem strusse rott
Göttweiger Trojanerkrieg 6767
Koppitz; er was geschaffen als ain strausz: sein nasen krump als ain schnabel, sein vinger als ain hawgabel sein augen tieff, sein oren langk Heinrich v. Neustadt
Apollonius 9102
Singer; der langhalsige langgebeinte strausz maler Müller
w. (1811) 1, 25; der strausz läszt sich satteln und reiten wie ein rosz G. Keller
ges. w. (1889) 4, 253.
im sprichwort: ein klein henn legt all tag, der strausz im jar nur einmal S. Franck
sprichw. (1541) 1, 128
b; Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) H 3
b; Winckler
2000 gutte gedancken (1685) C 8
a; ein strauss legt ein gross ei und schweigt dabei; hühner legen kleine eier und sind dennoch grosse schreier Wander
sprichw.-lex. 4, 896.
die gefräszigkeit des strauszes, die ihn gelegentlich auch eisenteile verschlucken läszt, gibt zu zahlreichen vergleichen und redensarten anlasz (
vgl.: da er [
der strausz]
nach ihrer [
der alten]
meynung eisen verdauen kann, so hat ihnen solches zu einem bilde der geduld und ertragung des empfangenen unrechtes gedienet Jablonski
lex. d. künste u. wiss. [1767] 2, 1489
a;
s. auch strauszenmagen
sp. 1029): daz er niht îsen als ein strûz und starke vlinse verslant, daz machte daz err niht envant Wolfram v. Eschenbach
Parzival 42, 10; ste uf zue den alden menschen uz, der di sele vrizzet also ein struz tut den stal und ouch daz iser Brun v. Schonebeck 9240
lit. ver.; strausz
strucius vel strusio est quedam auis comedens ferrum, voc. incip. teuton. (
ca. 1485) ee 5
b; er hat eins strauszen magen, er verdewet eisen, heuser, stein vnd holtz S. Franck
sprichw. (1541) 2, 66
b; er hat ein heissen mag, wie ein han oder strausz, er verdewet eiszen
ebda 1, 42
b;
schöne weise klugreden (1548) 147
a; man findet ... leute, die denen straussen gleichen, welche anderer waffen zu ihrer nahrung ... verkehren, indehm sie gleichsam eiserne worte verdeuen Butschky
Pathmos (1677) 367; ha, schurke, ... ich will dich zwingen eisen zu fressen wie ein strausz, und meinen degen hinunter zu würgen, wie eine grosze nadel
Shakespeare 8 (1801) 159.
der strausz gilt als sinnbild der nachlässigkeit und vergeszlichkeit, da ihm die tropische hitze Zentralafrikas erlaubt, auf ein regelmäsziges brutgeschäft zu verzichten: wir lesen, daz der struz als ein ander tier ezze, unde daz kein tier si, daz sich so drate vergezze; er rechet siniu eier in dem ouste under den sant, unde vergizzet ir da der Misnaere
in: minnesinger 3, 101
a v. d. Hagen; um sin eyger ist nicht ande dem struze, wan in dem sande vergyzt er syner eyger gar, daz er nicht me gedenket dar
buch Hiob 14502
Karsten; denn freilich hat die abgötterey ... aszgeyer schnebel vnd kukucks gesang, die nur nach blut dürst ... vnd sich jrer kirche annemen, wie der strausz seiner eyer und der rab seiner junge Mathesius
Sarepta (1571) 102
b; falsche lehrer nehmen sich jhrer kirchen an wie der strausz seiner eyer, der rab seiner jungen, vnd der kuckuck seiner mutter Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) C 4
b; legt eyer wie der strausz und läszt die am meersand brüten maler Müller
w. (1811) 1, 47.
auf den scharfen gesichtssinn und den eindruck des groszen, starren, am oberen lide bewimperten auges beziehen sich verschiedene wendungen; im vergleich: bulier din hertz alsz adamast, durch sihe min trúw nach strussen art
mhd. minnereden II 99
Thiele; auch wel ich sehen als ein strusz, dasz Jhesus icht komme her usz
Alsfelder passionsspiel 6927
Grein. auf die ausdruckslose starrheit des auges zurückgehend: man spricht auch, daz der strauz mit ainem augen den himel anseh und mit dem andern die erden Konrad v. Megenberg
buch d. natur 223.
in verbindung mit der befremdlichen erscheinung, dasz der strausz im tropischen gebiet seine eier zuweilen verläszt, entwickelte sich die vorstellung, er verrichte das brutgeschäft lediglich mit seinem scharfen, starren blick (
vgl.: wenn die alten geglaubet, dasz der straus, durch das blosze anschauen, seyne eyer ausbrüte, so haben sie dieses zu einem bilde der göttlichen vorsorge oder auch der väterlichen aufsicht gemacht Jablonski
lex. d. künste u. wiss. [1767] 2, 1489
a): rehte als der strûze machet lebenthaft mit sîner gesihte kraft sîner tôten eier fruht Ottokar
reimchron. 39031; der strausz am schein der sun nit lat, sein prut er fru anplikt pis spat, do von yn leblich crafft zu stat Hans Folz
meisterlieder 11
Mayer; strauszen augen sollen durch fleisziges ansehen die jungen ausbrüten Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 136; es erzählte aber ein neuer reisender ... dasz die straussen ihre jungen ausbrüten, und ihre eyer emsig anschauen Marperger
kauffm.-magazin (1708) 428.
als vogel, der nicht fliegen kann, gibt der strausz anlasz zu verschiedenen wendungen und bildern (
vgl.: da er flügel hat, mit denen er sich doch von der erde nicht erheben kann, so ist er ein sinnbild der heucheley, oder auch eines, der vortreffliche gaben der natur, aber eine boshafte seele hat, die ihm nicht gestattet, jene zum guten anzuwenden Jablonski
lex. d. künste u. wiss. [1767] 2, 1489
a): der strûz hât vedern und fliuget niht, dem glîchsener man des selben giht: den zierent der tugent vedern ûzen und kan sô manige untugent mûzen, daz er sich niht erhaben mac von der erden naht und tac Hugo v. Trimberg
d. renner 4887
Ehrism.; a die unglaubigen scheinen offt vil hüpscher in jren wercken dann die glaubigenn, wie auch im Hiob geschriben stehet: die fyttig des strausses sind schöner denn die flügel des raygers oder sperbers; aber der sperber fleuget und der straus kan nicht flyegen Luther 10, 1, 2, 339
W.; also sollen diese mit seulwerk aussgezieret seyn, und das vorderste sinnbilde ein strausz, der sich mit groszer mühe erhebt, aber bald wider zur erden sinken musz, mit dem wort: hoheit hat mühsamkeit Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 3 (1643) 198; fliegen möchte der strausz, allein er rudert vergeblich Göthe I 5, 1, 237
W. dem vergleich dienen als weitere eigenschaften kühnheit und stärke: er was kuen als ain straus Heinrich v. Neustadt
Apollonius 19 656
Singer; die tochter meines volcks musz umbarmhertzig seyn, wie ein straus in der wsten (
nach Jerem. kl. 4, 3) Schupp
schr. (1663) 478; (
Berengar) war ... gleich dem vogel strausz, dessen natur man an seinen federn nicht erkennt; kommt aber seine stunde, dann schlägt er die fittiche mit macht und verlachet rosz und mann; niemand kann die wut des unbändigen und gefräszigen thieres zähmen Giesebrecht
gesch. d. dt. kaiserzeit (
41873) 1, 378.
zu einer festen vorstellung ist in verschiedenen wendungen das bild von der einfältigkeit des strauszes geworden, der glauben soll, nicht gesehen zu werden, wenn er selbst nichts sieht (
vgl.: sinnbild ... für die thorheit der welt, die glaubt, dasz gott sie nicht finde Müller-Mothes
ill. archäol. wb. [1877] 2, 888
b;
sprichwörtlich: es machen wie der strausz, den kopf in den sand stecken, um nichts zu sehen,
s. Heyne
wb. 3, 857): es gehet yhm wie dem straus, das ist so ein nerrichter vogel, wenn er mit dem halse unter eynen zweyg kompt, so meynet er, er sey gar bedeckt Luther 18, 176
W.; mancher thut wie ein strausz, der meynt, wann er unterm zweig stehet, so sey er gar bedeckt Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 203; sie dacht wie der strausz: wenn wir nur die feinde nicht sähen, so sähen sie uns auch nicht H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 28; ma kann manchmal wirklich nischt besseres tun, als wie a strausz a kopp in a sand steck'n G. Hauptmann
Rose Bernd (1904) 111. 33)
in verschiedener symbolhafter verwendung. 3@aa)
in der heraldik: wie sîn vane was gestalt, daz wil ich iuch wizzen lân, ... ahî, daz was ein strûz wilde, gar swarz in einem wîzen schilde
Rabenschlacht 493, 5
Martin; ein strûz er ûf dem helme truoc: gezimieret was der man Wolfram v. Eschenbach
Parzival 39, 16. 3@bb)
als wirtshausname: in mein herberg zum straussen genant (1585)
bei Fischer
schwäb. 5, 1835; zu dem strusse
wirtshausschild im alten Straszburg; unsre alte herberg zum strussen Martin-Lienhart
els. 2, 636
a; allda wir vnter allen heruor hangenden zeichen den straussen für das best augurium vnd wirtszeichen erwöhleten Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 841; die Steiermarcker und Kärntner (
kehren ein) bei dem guldinen lämpl und straussen Abermann
hist. beschr. (1619) 3, 101. 3@cc)
als geschützname: 3 ander bychsen ..., der strauss, trach und hirsch (1519)
bei Fischer
schwäb. 5, 1835; ein haubtstuck, genannt der strausz, schieszt 170 ℔ eisen (1519)
ebda; die haben die zielgroszen mit jhren groszen stücken, der strausz, die mätz und das rätterlin genannt, hefftig beschossen Grasser
schweitz. heldenb. (1624) 134. 44)
die kombination vogel strausz
scheint kaum vor dem 16.
jh. aufzutreten (
vgl. ob. sp. 1001
und vogel greif
teil 4, 1, 6, 10): gleych wie der grosz vogel straus Luther 10, 3, 184
W.; und wenn ich auch wie der vogel strausz den kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch Immermann
w. 1, 179
Hempel; der voge; strausz hat grosze bein A. v. Arnim
s. w. (1853) 17, 364 l die vögel hielten hochzeitsschmaus, die hochzeit hielt der vogel strausz Mittler
deutsche volkslieder (1865) 444; es speien wuth und flammen die vöglein klein und kraus, und wachsen all zusammen zu einem vogel strausz Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 66.
doch in nicht fester verbindung als lexikalische erklärung und bestimmung schon früher (
vgl. strucio auis strauz
ahd. gl. 4, 192, 33
St.-S.; strawsz ein vogel
strutio voc. theut. [1482] ff 5
a).