störrisch,
adj. ,
wie oben störrig,
doch beschränkt auf den übertragenen gebrauch unter 2,
wohl (
entsprechend der vorwiegenden eigenart des suffixes)
unter stärkerer hervorhebung des moralischen mangels. —
in der älteren sprache noch vereinzelt ohne umlaut, so bei Luther (
der im übrigen oben störrig, storrig
vorzieht)
u. s.: grausam, grimmig, storrisch, fraiszlich,
crudelis Schöpper
syn. b 6
d. —
die form stürrisch (
so neben störrisch [
und störrig]
bei Kramer
dict. 2, 986
b)
auch ohne umlaut (
neben störrisch
im persian. rosenthal),
besonders in der zusammenstellung stürrisch und mürrisch (
und unter dem einflusz des letzteren?)
vgl. noch stiersch, štiir Müller-Fraureuth 2, 564
b; 569
b. aa)
von personen: störrisch, mürrisch, unfreundlich, sauersehend, streng Rädlein (1711) 848
a;
omnibus resistens, non flexibilis, contumax Frisch 2, 340
c; die storrischen und knorrischen ... menschen Luther 9, 149
Weim.; (
der) stürmerische ..., stürrische, ungezwungene (
Äolus) Treuer
deutscher Dädalus 1, 61; o, über die störrischen männer!
theater der Deutschen 17, 187 (maler Müller 3, 97); (
frau Berta soll) mit Johann von Lichtenstein, einem bösen, störrischen mann, vermählt gewesen sein brüder Grimm
deutsche sagen 1, 183 (Klinger
werke 2, 87); du aber bist ein störrisch man, der nicht erkent seine missethat, hat nie gebeten gott umb gnad Hayneccius
Hans Pfriem 67
neudr.; darnach gieng hin der störrisch man, fiel seiner mitknecht einen an
N. Herman
sonntagsevang. 159; ein störrischer wirt
un hoste brusco, zotico, fastidioso, saturnino Kramer (1702) 2, 1364
b; deinen störrischen freund zu retten! wie dein herz dich antreibt! Klinger
neues theater 1, 215; die dringendsten bitten des landgrafen vermochten nichts über den störrischen meister E. Th. A. Hoffmann 7, 57 (
vgl. auch 11, 12); das störrische weiblein Rosegger
schr. 3, 74. — (
entsprechend störrig 2,
c, β) eine traurige, ernsthafte, störrische, fürchterliche jugend Gottsched
beyträge z. crit. historie 8, 603; dem störrischen kinde sagte er, warum folget die doch einer mutter, die so ist wie die deinige Pestalozzi
Lienhard u. Gertrud 2, 226; einen störrischen, ungerathenen sohn (
haben)
M. I. Schmidt
gesch. der Deutschen 1, 365; Rudolf, der überhaupt ein störrischer und groszmäuliger bengel Fontane I 5, 131; rohe und störrische kinder Justi
Winckelmann 1, 179. — (
entsprechend störrig 2
c, γ) eines störrischen subtilen schreibers lehr und gedicht Paracelsus
opera 1, 67
a; der wenigen kurzsichtigen, störrischen männer willen, die wir noch immer unter uns haben, und die wir nicht nur dulden, sondern mit groszer schonung dulden müssen, weil wir ihnen beyspiele schuldig sind Klopstock
gelehrtenrepublik 312; wie hier ... der störrische anmerker widerspricht: so erscheint dagegen billigkeit ... Joh. H. Voss
krit. blätter 8, 279; aber der störrische dichter will, dasz dies geschehe, und je lebendiger die person des stücks in ihm aufgegangen, desto unzufriedener wird er mit der geringsten abweichung sein, die er in der gestaltung, in dem spiel des schauspielers findet E. Th. A. Hoffmann 8, 134; die heidenbekehrer, strengfromm, enthaltsam, ... störrisch und in knechtischer abhängigkeit von dem entlegnen Rom, musten das nationalgefühl vielfach verletzen Jac. Grimm
mythol. 1, 4 (
vgl.Sebaldus,
so sehr er eine dürre dogmatik und eine störrische polemik haszte, so sehr war er ein freund herzlicher andacht Nicolai
Seb. Nothanker 2, 18). —
im unterthanenverhältnisz u. s. w.: (
städte,) die immer unbeständig, aufrührisch und störrisch, sich nie recht in die oberherrschaft der kirche schicken wollten
M. I. Schmidt
gesch. der Deutschen 3, 446 (Rätel-Curäus
chron. des herzogt. Schlesien 284); wär ich im lande gewesen, niemals hätten mir meine störrischen kameraden ohne euren befehl, erlauchter herr, ihre posten verlassen C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 218. — (
entsprechend störrig 2,
c, ε) (
die Juden,) ein unbesonnenes, närrisches, ... störrisches ... volk J. Ayrer
processus juris 525; leben sie fröhlich, ... wenn es möglich ist, unter einem verkehrten, störrischen volk Justi
Winckelmann 2, 2, 35; kein störrisch volk empfing verachtend die erhabnen gaben Mich. Beer
werke 408. a@aα)
in der nebeneinanderstellung mit entsprechenden begriffen; besonders erwähnenswerth störrisch und mürrisch (
th. 6
sp. 2727)
mit späterhin deutlich hervortretender formaler wechselwirkung: erga impios dominos, die do murrisch und storrisch syndt Luther 34, 1, 354
Weim.; herzog Moritz von Sachsen haisz ich, den namen mit der that hab ich, murrisch und störrisch bin ich, argköpfisch, hochfertig, tirannisch bleib ich R. v. Liliencron
histor. volksl. 4, 495; aufs letzt, besetzt ist mit list zwar störrisch, mürrisch, der hof sehr gar, narrn han mehr platz denn weisen Kirchhof
wendunmuth 1, 75; hiemit zihet der autor dahin, dasz man gerne solle herbergen, nicht sturrisch und murrisch dieselbige versagen
Reinicke Fuchs (1650) 291; sich gegen denselben rebellisch, widersinnig, ... störrisch und mörrisch (
erzeigen) Hohberg
georgica 3, 131
a; was sonsten sich stürrisch und mürrisch erwiesen, das lieget fohr liebe gefährlichkrank Zesen
vermehrter Helikon 2, 132;
sonst: die da in strafung ihrer kinder sich also erzürnen, so unleutselig und störrisch sein Barth
weiberspiegel d 7
b; ein gehorsam, fromb weib kan auch also einen störrischen und tyrannischen mann biegen
theatr. diab. 349
a; du bist nicht stoltz und mürrisch, nicht voppend und störrisch, sondern gesitsam
V. Herberger
magnalia (1607) 356; störrisch und unfreundlich Winckelmann 5, 219; wissen sie, ... dasz ich eine wohlgesittete person mehr ästimiere, als einen braven comicum, der beynebst störrisch und von wildem humeur ist
samml. v. schauspielen 5, 70; (
die bemerkung), dasz wir menschen ... nicht stolz und störrisch, sondern lieber hübsch bescheiden und demüthig seyn sollten Claudius 3, 49; störrisch und widersinnisch Jung-Stilling 6, 91; der mönch Savonarola, undankbar, störrisch, fürchterlich entgegen Göthe 44, 347, 23
Weim.; ihr Wolfgang war einseitig, störrisch, ehern, ohne phantasie Jean Paul 30, 25
Hempel; sie (
die leute) wären trotzig, störrisch und lieszen sich gar nichts gefallen Chr. Fr. Schulz
reise eines Livländers (1795) 5, 103; störrisch, widerborstig, ... unzugänglich Hegel 10, 2, 205; er war schön, wild, witzig, keck und dabei störrisch und menschenscheu Eichendorff 2, 50; störrisch und rechthaberisch Willibald Alexis
Roland v. Berlin 1, 42; (
jene göttliche sehnsucht,) welche in weichen gemüthern die religion und poesie, und in harten, störrischen die lange weile erzeugt Laube 8, 110; von dem störrischen und trotzigen jungen manne Gutzkow
ritter vom geiste 2, 97; er war der jüngste von allen, wild und störrisch, aber der begabteste 3, 405; störrisch und eigensinnig Fontane I 2, 479; störrisch und eigenwillig Spielhagen 1, 321; da habt ihrs, bürgermeister, störrisch bis zum letzten, wider alle und wider alles, ganz ungefüg für die menschliche gemeine Anzengruber 3, 199. —
gegensätzlich: nicht störrisch, sondern nachgebend Kant 10, 318; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam Musäus
volksmärchen 1, 6; die töchter kalt, die sonst so feurig waren — die ältern, einst so störrisch, jetzt so zahm Gaudy 1, 123. a@bβ) störrisch sein
u. s. w.: bey einem menschen, der zwar offenherzig, aber etwas störrisch ist Th. Abbt
verm. w. 6, 4, 43; ihr seid ein würdger mann; allein zu störrisch — so macht man nicht sein glück! Zach. Werner
die söhne des thales 2, 10; die desertion risz unter den truppen ein, die französischweimarschen soldaten waren lässig und störrisch Hebbel I 9, 199 (Olearius
pers. rosenthal 76); es könnte sich nämlich ereignen, dasz er störrisch wäre und sie nicht wollte G. Keller 2, 202. — im notfalle, sagte sie, will ich dem garstigen manne einen kusz geben, wenn er störrisch werden sollte Pfeffel
pros. vers. 1, 81; darf man diesem nicht sehr ehrenhaften manne glauben, so hatte er (
König) mit dem eitlen, neidischen und im alter störrisch gewordenen Besser schwere geduldproben zu bestehen Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung 3, 486. — störrisch bleiben
vgl. Brentano
chron. 187; störrisch machen Laube 3, 122. a@gγ) störrisch in einem: jedoch war sie in ihren sitten nicht rauh und störrisch Besser
schr. 2, 354; man macht durch solches lob das liebe frauenzimmer in dem gefaszten wahn nur störrischer und schlimmer Henrici
ernst-scherzh. u. sat. ged. 4, 251.
im folgenden mit dem beisinn '
ohne neigung, ohne lust dazu': (
so) verlor sie die geduld und wurde zuweilen störrisch in den lobpreisungen G. Keller 6, 188. bb)
entsprechend störrig 2,
d von einem theilbegriff: ein störrischer kopf Kramer (1702) 2, 986
c; ich will nur sagen, dasz das eine priesterplage sey, wenn eine pfarrfrau einen eigensinnigen, störrischen kopf und bösen sinn hat
der wohlgeplagte priester 149. —
von der person selbst: ich wäre ein störrischer kopf, wenn ich ihnen die unschuldige freude miszgönnen wollte
discourse der Mahlern 2, 52. b@aα)
zum unterschied von störrigem haar,
welches borstig emporsteht, störrisch,
welches sich der frisur nicht fügen will: beständig liefen ein paar störrische haare von den schläfen herein Wassermann
Renate Fuchs 20. b@bβ)
vom blick und gesichtsausdruck: sie sehen niemand an, es sey dann mit einem sturrischen oder übermüthigen auge Olearius
persian. rosenthal 88
b; sie sahe mich mit einem störrischen gesichte an
die vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 53;
vgl.: verdrieszlicher april ... dein störrisches gesicht gefällt der liebe nicht Weichmann
poesie der Niedersachsen 6, 161; er sagte mit störrischem gesichte
quelle bei Müller-Fraureuth 2, 569
b; sprach einer noch ein wort; geschah es mit einem störrischen gesicht Brockes
irdisches vergnügen 8, 341; die menschen mahlten sie, entblöszt von glanz und lichte, als feindin aller lust, mit störrischem gesichte Drollinger
gedichte 289; Gertrud, mit einer störrischen miene J. G. Jacobi
werke 4, 168. b@gγ)
sonst: mit einer so strengen diät muszte euer Diogenes wohl keine störrischen organe besitzen? Göthe 45, 152
Weim. —