stochern,
verb. ,
leicht und wiederholt stechen, iterativbildung zu dem seltenen stochen,
verb. (
s. oben),
oder wahrscheinlicher zu stocher,
subst.; ndd. entspricht stokern (
daneben selten stakern Adelung,
verhochdeutscht stacheren
vel sturlen
stigare Breslauer vocab. von 1422)
und mit umlaut stkern Schambach 211
b,
verhochdeutscht stöchern ( Adelung): stöcher die zän zu keiner frist mit messern, weil du im essen bist Gartner
dicteria proverbialia 67
a.
auch in der form stüchern: alsdann soll er ... die zähn mit dem messer stüchern Agyrtas
grillenvertreiber 3, 113. 11)
im eigentlichen sinne 1@aa)
die neuere sprache bewahrt nur im lebendigen gebrauch die zähne stochern
mit einem spitzen werkzeuge (
dem zahnstocher,
s. auch stocher 2)
dazwischen herumbohren, um sie von speiseresten zu säubern ( Adelung): die gäste über der tafel stunden auf und giengen in ihre gemächer, diese aber stocherten die zähne bisz nach mitternacht Weise
erznarren 150; wenn einige thoren die worte: 'Eripiam eum' auff ein holtz schreiben, und damit die zähne stochern, in meynung, die zahnschmertzen damit zu stillen Schmidt
gestriegelte rockenphilosophie 2, 63; während sie mich anlächelt oder die zähne stochert
thümmel
reise 7, 332; fluchend griff er (
der satan) nach der gabel doppelzinkig, widerzackig, die er sonst zum schüren brauchte, stocherte die eberzähne Richter
neue marksteine 84.
mit einer beziehung auf die person: sich die zähne stochern (Platen 2, 288; Eichendorff 2, 341; Gutzkow
ritter vom geiste 9, 417): und sieh, da ging mein herr herum, und stochert sich die zähne, registrirt in catalogum mir meine göttersöhne Göthe 2, 188
Weim.; nun aber hatte er seine noth mit dem riesen, der ... bald eicheln knackte, bald wieder einen ast abbrach, um sich die zähne zu stochern Eichendorff 3, 460; mir ist des mittags zu mute, als könnte ich alle elefanten Hindostans aufessen und mir mit dem Straszburger münster die zähne stochern Heine 3, 187; sich fleiszig die zähne stochern Sonnenfels 3, 19;
bildlich: sie bleiben einem höheren dasein vorbehalten, wo man mit vernunftschlüssen kaut und mit urteilsformen sich die zähne stochert Grillparzer 13, 163. —
daneben besonders in der neueren sprache in den zähnen stochern ( Campe): er ... stocherte in den zähnen Thümmel
reise 9, 223; da sitzt die alte hofdame und stochert in den zähnen Kotzebue
dramat. werke 35, 102 (
deutsche hausfrau 2, 2); ich sehe euch immer nach der tafelzeit mit zufriedener miene die strasze herabkommen, mit der zunge schnalzend oder in den zähnen stochernd Hauff 11, 215; aber dieser stolze gast schiene sich nach nichts zu sehnen, schüttelte nur seinen kopf, stocherte nur in den zähnen Triller
poetische betrachtungen 2, 694;
neuerlich auch sich in den zähnen stochern (Kalenberg
Eva Sehring 102); zwischen den zähnen stochern
bietet neben dem vorigen Campe.
ganz anders gewandt ist der gedanke: siehst dein neuestes gericht vornehm aus den zähnen stochern Rückert 7, 102.
sprüchwörtlich: aber ihr wiszt, wer in den zähnen stochert, hat darum nicht immer fleisch gegessen Riehl
novellen 1, 305,
vgl.: damit tritt er an die haustür und stochert in den zähnen, so dencken alle bauren, die vorüber gehen, er hat fleisch gegessen Weise
erznarren 398. —
mit der angabe eines geräthes: die salbe sollte man brauchen, den wehthuenden zahn damit zu schmieren, und denselben mit dem zahnstocher zu stochern
medizinischer maulaffe 384;
im aberglauben: sie hat auch auf solche art ein mittel vor die zahnschmertzen. sie stochert sich mit einem splitter von einem sarge oder sonst einen andern höltzgen
die vernünftig. tadlerinnen 1, 327;
doch sind die belege hier schweigsam, denn als gröblicher verstosz gegen die tischzucht gilt nicht nur: man soll beim essen ... die zähne nicht mit dem messer stochern Freytag 18, 12 (
vgl. Heyne
hausalterthümer 3, 90);
man verbirgt diese thätigkeit überhaupt möglichst den blicken der genossen und übt sie nur mit verdeckenden händen: er ist so reizbar, dasz man nur husten, nicht edel genug essen, oder gar die zähne stochern darf, um ihn tödtlich zu beleidigen Tieck 4, 262;
bei Saxo (94)
verräth sich die niedrig geborene königin: quod ciborum reliquias dencium angustiis inherentes stipite eruerit, erutasque commanducaverit. —
als gleich unanständig gilt: in der nase stochern
mit dem finger darin herumfahren Adelung. —
verfänglich bleibt auch (
in substant. wendung): es wird auf meinem kopfe so lebendig, dass ich mich nicht mehr behelfen kann. das stochern mit der zitternadel will nicht mehr helfen Salzmann
Carlsberg 4, 179. 1@bb)
das feuer stochern, mit dem feuereisen oder einem scheit holz das feuer zu stärkerem brennen bringen ( Adelung),
vgl. ndd. stökern (
auch im nördlichen Hessen); dat füer stkern (Schambach 211
b);
ganz entsprechend dem engl. to stoke the fire
auf den dampfern (Beil
technolog. wörterb. 1, 578): Petrowitsch ... stocherte im feuer Auerbach 16, 189; doch wie er stochernd um sie (
die asche) kehrt, da glimmt ein fünkchen schwach und klein Grillparzer 2, 214;
hier wird das suchen in der fast verlöschenden gluth deutlicher und gibt ihren eigentlichen platz der zusammensetzung hervorstochern (
s. th. 4, 2
sp. 1200). 1@cc)
auch sonst in einer masse herumsuchen, so: mit der gabel in der speise stochern Holtei
erzähl. schriften 36, 4,
um die leckerbissen herauszufischen. —
in gröberer sphäre: er hatte ... mit seinem derben knotenstock gedankenlos im mist gestochert Viebig
das schlafende heer 2, 267. 1@dd)
zusammensetzungen herausstochern (
s. th. 4, 2
sp. 1046): was sollte wohl aus dir werden, wenn der propst deinen dogmatischen handel mit Clärchen, und alle die zweydeutigen vorfälle auf deiner berühmten kreuzfahrt ersähe, sie mit rother tinte unterstriche, und dein biszchen hautgout, das, mit zehn bogen guter gedanken verdünnt, auch den feinsten gaum nicht beleidigen kann, ... herausstocherte, und, auf ein quartblatt zusammengedrängt, dem gerichte übergäbe? Thümmel
reise 5, 126;
und herumstochern: Rösel stocherte überall herum und hatte eine zeichnung nach der anderen fertig Ludwig Emil Grimm
erinnerungen 286,
kehren noch allgemeiner den sinn des suchens hervor, gewisz in anlehnung an den gebrauch unter b und c. 1@ee)
in naher berührung mit b, in ein wespennest stochern,
es aufstöbern Adelung
; heute in dem ameisenhaufen stochern (
auch hier entsprechend mdd. stökern,
so Göttingen-Grubenhagen). 1@ff) die ochsen stochern,
sie mit dem stachel antreiben, sie anstacheln Adelung. 1@gg)
vom suchenden schnuppern des hundes (
bildlich:) wie wöllens die jmmer und ewig bei dem herrn Christo und jhren scheflein verantworten, die neid und hass im hertzen tragen, denen die drei bösen hündlein, stoltz, geitz und zenckle auff die cantzel nachgeloffen und mit jrem stochern oder teglichem gebeisz die zuhörer geergert haben Mathesius 133
psalm C 1
a (
vgl. Sarepta 233
a und Dannhawer
catechismusmilch 2, 41): denn sobald die suppe auf dem tische raucht, so umschifft Hetz den tisch, springt in die höhe ... und bilt und stochert mit dem kopfe an jedes knie Jean Paul 1, 105;
auch in scherzhafter übertragung: und da er keine antwort vernehmen konnte, musst' er mit dem hörrohr an jedes ding, ob es etwan rede, stochern
ebenda 7-10, 371.
vgl. auch: ah, sie stochern mit ihren kleinen pantoffeln im teppich und werden ungeduldig Federer
berge und menschen 235. 22)
in übertragener bedeutung. 2@aa)
ähnlich wie oben sticheln
und nicht so stark wie oben stechen (
s. th. 10, 2
sp. 1253
unter 6 b
besonders β): stocheren, stokkeren, gern krakelen
rixare Schottel; auf einen stochern
aliquem cavillari Steinbach;
vgl. auch: schertzhaftig, der gern stochert
salsus Corvinus
fons latinit. 728;
das zu grunde liegende bild wird deutlich: weil er aber mein tischgenos und hausgast ist, und E. C. H. on zweivel wol wissen, das solchs nicht war ist, und jm unrecht geschicht, kan ich nicht anders dencken, denn das E. C. H. mich damit durch einen zaun stechen und stochern, als haben sie verdries daran, was ich und gute leute davon hören und reden Luther 6, 326
a,
wie etwa ein muthwilliger den eingesperrten hofhund durch den zaun mit einem stecken reizt (
vgl. auch oben durch den zaun stechen
th. 10, 2
sp. 1240): ists nu die meinung, das ich damit gestochert werde, so bitte ich gar andechtiglichen, E. C. H. wolten mir meinen tischgenossen ungemeistert lassen Luther 6, 326
a;
auch mit caninationibus, stochernden worten und lesterung
tischreden 303
a;
gewöhnlich wohl in einer stärkeren anlehnung an die wendung auf einen stechen (
th. 10, 2
sp. 1253): und alle die heimlich auff uns stochern 408
b; dye anhangende glosz, darynn Luther abermaln auff dye werck stochert, und spricht, es sey alles sund, was nicht glouben sey, das mag er den Juden oder Türcken predigen Emser
annotationes H 3
b; solcher lehrer sein viel, welche nur ... die abwesenden lesen, auf frembde und ihrer seelsorge nicht vertrawete, ja unbekante leute schelten, oder ja stochern Mathesius
Syrach 93
a; (
neben grübeln,
eigentlich auf dem teller grübeln
darauf mit der gabel herumsuchen, dann überhaupt ängstlich nachforschen; diese nebeneinanderstellung zeigt deutlich, wie früh das zu grunde liegende bild verblaszt ist): die, so ich lieb gehalten, jhr gepflegt, ... die stochern und grübeln heimlich auf mich
ebenda 128
a; dieser (
derwisch) that den mund ziemlich weit auf, und begunte auf die reichen zu stochern, und sagte, ... den reichen (
sind) in wolthun die füsse gelähmt Olearius
persian. rosenthal 87; der narr, der stochert stets auf mich, dass ich mich frey beduncken lass, wie man jn unterweise das Ayrer
dramen 1308 (
Valentin und Ursus).
subst. und neben disputieren: ohn heftig disputiren und stochern, dass man nit wider rege was verschutt ist Luther
tischreden 183
a. 2@bb)
bildlich: reizen, locken, antreiben, den wunsch wecken u. ä., auch wohl in anlehnung an stechen,
verb. (
vgl. wendungen einen sticht die neugierde
u. s. w. th. 10, 2
sp. 1260): das einzige, was ihn (
einen genasführten mönch) noch stocherte, war, zu sehen, wie das gebilde ausschauen mag, das aus ihm herausgefallen
anthropophyteia 1, 294.