raunen,
verb. murmeln, flüstern. 11)
das dem verbum zu grunde liegende subst. ist gemeingermanisch: goth. rûna
μυστήριον,
συμβούλιον,
βουλή; altn. rûn,
plur. rûnar
geheimlehre, geheimschrift, schrift (
vergl. auch unten rune);
ags. rûn,
geheime beratung, geheimlehre, geheimschrift; alts. rûna,
geheime beratung; ahd. rûna
susurrio, mysteria, litera, mhd. rûne,
geheimnis, geflüster, geheime beratung (
zu grunde liegt der begriff eines undeutlichen, summenden, murmelnden tones, Fick
2 170
vergleicht sanskrit. ru, rauti,
vedisch ruvati,
brüllen, heulen, laut schreien, toben, quaken, summen, dröhnen, griech. ὠ-
ρύω brüllen, heulen, lat. rûmor
u. a.).
im gegensatz dazu findet sich das verbum nur westgermanisch: ags. rûnian (
musitantes þâ rûniendan Wright-Wülcker 441, 15);
alts. altnfr. rûnan (rûndon
susurrabant gloss. lips. 775);
ahd. rûnên (
surrat rûnêt Steinmeyer-Sievers 1, 251, 14;
susurrabant rûnêtun 516, 31;
mussans rûnentêr 2, 412, 50;
suggerit rûnêt 755, 38),
zur bezeichnung namentlich des flüsterns bei geheimen plänen, vorhaben, verschwörungen, in welchem letzteren sinne das wort noch spät gebraucht ist: und dô sî ubirtrunkin sich, sî begondin abir ôt rûnen vaste ûf sînen tôt. Jeroschin 10934;
bei anschwärzungen und verbreitung von gerüchten, wie denn rûnen
öfters mit dem beisinne des verläumderischen oder bösartigen flüsterns steht: diu kint suln ir rûnen lân, wan rûnen ist niht ân arcwâ
n. welscher gast 567; er rûnt und lôseredet für si alle und læt niemant sîn rede tuon.
Haupts zeitschr. 8, 577, 904; si sullen der snœden haʒʒen achten kleine, ir lachen und ir schimpfen, ir rûnen in seltsam nicht gemeine. H. v. Laber 620.
wie im mhd. ist auch später noch und bis ins 16.
jahrh. raunen
häufig (
mit nebenform raumen,
s. d. sp. 290):
murmurare runen, rawnen Dief. 372
c;
musicare runen 373
b;
musitare runen, raunen
ebenda; susurrare raunen 570
a; raunen, ins or sagen,
in aurem dicere 326
b;
mit alemannischer lautgebung runen, in die oren fliszmen,
insusurrare 338
b;
wie mnd. rûnen Schiller-Lübben 3, 531
b,
mnl. ruynen, oor ruynen,
susurrare, in aurem mussitare Kilian (
als holländisch);
nachher wird es in der schriftsprache nur noch aus Luthers bibelübersetzung gekannt (Schottel
führt es als raunen
daher auf 1383,
als ruhnen
und runen
aus gelehrter kenntnis 1389,
ebenso Stieler 1536
fg.),
etwa in geistlichen schriften angewendet: selig sind die ohren, so die worte des göttlichen einsprechens vernehmen und das raunen oder liebkosen dieser welt nicht hören noch merken.
Thomas v. Kempis übers. v. Arnd (1670) 139;
und Leibniz
bezeichnet es ausdrücklich als verblichen: es sind auch unvernehmliche worte und unter andern die veraltet, verba casca, osca, obsoleta, dergleichen zwar etliche noch Lutherus in seiner bibel behalten, so aber nach ihme vollends verblichen, als schächer, das ist mörder, raunen, so mit den runen der nordischen völker verwandt, kogel, das ist eine gewisse bedeckung des haupts.
unvorgreifl. gedanken betr. die ausübung und verbesserung der teutschen sprache 83;
nach seiner zeit erscheint es in der schriftsprache in gewählter rede wieder verwendet (Adelung
kennt es in solcher weise, Frisch
noch nicht),
in der bedeutung nr. 3
ist es alt-mundartlich. 22) raunen
von personen, sich geheim bereden oder beraten, geheimen anschlag machen: et adversum me susurrabant omnes inimici mei. uuider mir fuoren rûnendo alle mîne fienda. Notker
ps. 40, 8; der künec mit sînen friundenrûnende gie.
Nib. 825, 1; mich nimet des michel wunder,sprach aber Hagene, waʒ nu hie inne rûnendie Hiunen degene. 1896, 2; alle die mich hassen, raunen mit einander wider mich, und denken böses über mich.
ps. 41, 8; welch ein zusamen reiten und heimlich rahtschlahen, und raunen hub sich da. Luther 5, 278
a; so gehen sie doch tag und nacht mit bosen tücken umb, treiben viel renk und seltzamer anschlege, halten raht, raunen zusamen, trösten und sterken sich. 6, 309
a; einer gemeind runen, in ein gemeind stoszen,
ventilare concionem aliquam. Maaler 338
b; da sie aber auf den abend zu hauf rauneten und im wider zu dach wolten. Henneberger
preusz. landtafel 252; den abend, da sie voll worden, begonnen sie mit einander zu raunen und wolten den vogt erwürgen. Waissel
chron. 79. 33)
in schweizerischen quellen bestimmung treffen durch geheime stimmabgabe, vergl. dazu oben das fem. raune: als wir nû komen an den rât, als unser rât gerûnet hât.
troj. krieg 47236; item, wenn man ze Utzwil ainen hirten setzen wil .. wie vil der lüten ist die darumb bittent, so sond die nachburen zämen keren und dem aman runen (
dem ammann geheim die stimmen abgeben), und welher allermaist stimmen hat, dem sol man das vech lihen.
weisth. 5, 197 (
St. Gallen, von 1436);
im kanton Zürich wird durch rûnen
über vertheilung von grundstücken entschieden, das verfahren mitgetheilt im anzeiger des germ. museums 1873
sp. 151. 44)
gewöhnlicher wird raunen
von personen und persönlich gedachten wesen gebraucht, im sinne von flüstern, zuflüstern, als nachricht, rat, warnung, erzählung u. ähnl. 4@aa)
intransitiv: er (
der neidige mensch) facht an zu raunen, haimlichen andern zu sagen von jm, darnach gat verklappern. Keisersberg
siben hauptsünd (1510) Cc 7
b; zwen sein der pauren kamrer, die kômen mit gesange her .. und wellen nicht, dasz iemant raun (
leise mit seinem nachbar spreche).
fastn. sp. 445, 12; mit andern raunen, unter sich raunen; si wænent mir in leiden,sô si sô rûnent under in.
minnes. frühl. 13, 19; von etwas raunen: doch raunt man von sankt Petern und unbekannten vätern. Voss 4, 135;
der inf. als subst.: do wart ein murmeln und ein runen uber den legaten, und griszgrametent alle uber in.
d. städtechron. 8, 50, 30; jetzt schien ein fremder zug in das bekannte gesicht gekommen, und die strasze wollte nicht dulden, dasz eines ihrer kinder einmal anders aussah, als ihr geläufig war. deshalb fand viel raunen und kopfschütteln statt. Freytag
handschr. 2, 213; des ersten wolde ich wünschen,daʒ guote vroun iht wurden rûnens zam. Reinmar v. Zweter 54, 3
Röthe; das war ein wühlen und raunen! man verhiesz geheimniszvoll sich goldne berge von der nächsten zukunft. Geibel
werke 7, 51. 4@bb)
transitiv, etwas raunen: er (
der feind) bewegt sein haupt und frolocket mit der hand, er verwandelt sein antlitz und raunet oder murmelt manig ding.
bibel von 1483 328
a (
et multa susurrans commutabit vultum suum. Sir. 12, 19); was raunen doch hie so heimlich die losen weiber unter sich? Dedekind
christl. ritter (1590) 92
b (
act 5, 7). 4@cc) einem raunen, einem etwas raunen,
zuflüstern, sonst zuraunen: (
Mohamet) satte einen nuwen globen uf, den die heiden noch haltent, und sprach denne, der heilge geist hette ime dieselbe gesetzede gerunet.
d. städtechron. 9, 532, 6; do raunet Xantus seinem weib und sprach, du solt nit in übel ufnemen, was ich mit dir reden würd. Steinhöwel
Aesopus leben (1555) 13
a; dann mir ist heimlich grunet, wie etlich miner gsellen guot habind etwas in irem sinn. Manuel 306, 12
Bächtold; wer mich drumb fragt, wil im me runen. H. Salat 135, 470
Bächtold; er (
der traum) trug mich, bis ich staunte an eines lichtes rand, darin, wie er mir raunte, verhüllt die liebe stand. Rückert
ges. ged. 1, 80;
von persönlich gedachten gegenständen: wir hattend zwo faggunen (
falkaunen, geschütze), die lieszend wir in üch gan, sie soltend üch etwas runen, als sie ouch hand getan. Manuel 23, 7
Bächtold; mit indirecter rede: vrâge, welher under in Kurneval dâ sî genant. dem selben rûne sâ zehant, daʒ er ze sînem hêrren gê.
Trist. 269, 26. 4@dd)
verdeutlichend wird in allen drei fügungen (
a—
c)
gesagt ins ohr raunen: ins or runen und warnen,
admonere ad aurem Maaler 338
b; und raunet Dasio in das or, seinem veind, und offenbart im die stätikeit seins herzen. H. v. Müglin (1489) 50
a; der ein klubt fädern, der stricht kryden, der liebkost, der runt inn die oren.
fastn. sp. 100, 9; ich pit dich, sag mir here, was saget dir der pere, do er dir also sere raunt zuo den oren dein?
meisterl. fol. 23
nr. 36; was hat dir der ber in dein or geraunet? Steinhöwel
Aesop (1553) 83
a; sam es mir in ein ohr geraunet wurde. Schweinichen 2, 78; ich könnt euch wunderliche dinge erzählen, was man hier und da von ihm sich in die ohren raunt. Fr. Müller 2, 116; den gesichtsausdruck und das behaben eines blühenden in liebe befangenen mädchens, dem ort und stelle einer zusammenkunft ins ohr geraunt wird. Göthe 44, 262; wan ich rûne im sînen namen in der ôren eineʒ nû. dâ wider Cristes namen dû rûne im inʒ ander ôre dar. K. v. Würzburg
Silvester 4774; wie würde die der rache sich erfreun, und meine schmach von hain zu hain den schwestern in die ohren raunen! Wieland 10, 145; drauf, als der treue Scherasmin ihm was ins ohr geraunt, beginnt er fortzugehen. 22, 207 (
Oberon 5, 29); so lasz er ja — das raun ich ihm ins ohr — sein weibchen wieder mit agiren. Gotter 1, 83; vernehmt, was ich ins ohr euch raune. 112; er sieht was längst die eifersucht ihm sacht ins ohr geraunt, wie zwei sich drin (
im zimmer) umfangen. Geibel
werke 2, 267;
mit directer oder indirecter rede: er sagte, man raune sich einander ins ohr, du seist zwischen dem rindfleisch und meerrettig gemacht worden. Schiller
räuber 2, 1; wenn uns nicht ein böser genius in die ohren geraunt hätte, alle bemühungen eines fremden, französisch zu reden, würden immer ohne erfolg bleiben. Göthe 26, 53; wie, wenn ich der regierung ins ohr raunte, dasz ihr leuchtthurm in stürmischen nächten finster bleibt? Kotzebue
dram. sp. 3, 170; Fink raunte dem freunde noch ins ohr: sei nur so unverschämt, als du kannst. Freytag
soll und haben 1, 182; hireʒ rûnêtahintûn in daʒ ôra: wildu noh, hinta? Müllenhoff
u. Scherer
denkm. nr. vi; da raunt ir muoter in doren mein, ich solt gen ir beschaiden sein.
fastn. sp. 321, 20; noch gestern hat er, recht erstaunt, mir, unter uns, ins ohr geraunt: der Preuszen könig weisz zu siegen und zu bauen. Hagedorn 1, 94; (
sie) strichen sich den grauen bart und raunten einander in das ohr: das ist ein götterfest! Gotter 3, lxxv; draus (
aus dem dickicht) zog er mann bei mann hervor, und raunt ihm heimlich ding ins ohr: wohlauf! wohlan! seid fertig! Bürger 53
a; bleib! würd er ins ohr dir raunen. 84
a; da raunt einer dem andern die fliegenden worte zu ohren: scheltenswerth ists nicht, wenn Troer sowohl als Achaier, um ein solches weib so langes drangsal erdulden. 208
a; da raunt ihm der schalk, der versucher ins ohr: geh! hole dir einen der laken! Göthe 1, 230; am ohre raunen: der (
mann) lehnt am bröckelnden gestein, .. an seinem ohre heimchen raunen. A. v. Droste-Hülshoff
ged. 207. 55) raunen,
transitiv, etwas leise vor sich hin reden, murmeln: (
kaiser Alexander Severus) het die gewonhait, das er an kain kirchen nichts gab, nit ain hellerlain; raunt oft den spruch Persii des poëten: ir pfaffen und bischof sagt mir doch, was solt gelt und guet den heiligen, so si nichts bedörfen? Aventin.
chron. 1, 916, 1
Lexer; denn die allgemeine sage geht, dasz die gespenster meiner väter .. in mitternächtlicher stunde ihr todenlied raunen. Schiller
räuber 4, 5; wo ein mund ihn (
den namen der geliebten) raunet, o wie laut mein herz erschrickt! Rückert
ges. ged. 1, 295;
mit beziehung auf die runen (
s. d.): die schlachtjungfrauen ihres höchsten gottes, welche über den kämpfen der männer schwebten, runenworte raunend, um das schicksal zu lenken. Freytag
bilder 1, 88; zu dem stein, worauf einst die heidenjungfrau ihrem stamm weissagende worte geraunt.
handschr. 3, 281; einen treffe die harpune, Albrecht Beiling heiszt der waal, also raunts des herzens rune in der brust geheimstem saal. Arndt
ged. 384. 66) raunen,
von den murmelnden lauten des wassers, des leisen windes u. ähnl.: der wase wol geblüemet lac mit vîol und mit rôsen. ouch hôrte man dâ kôsen diu waʒʒer unde rûnen.
troj. krieg 16549; welch ein rauschen, welch ein raunen! (
in den blumen). Freiligrath
dichtungen 1, 44;
auch musik raunt
so: und die gräszliche musik — noch raunt sie in meinen ohren. Schiller
räuber 2, 3;
selbst von lautem geräusch: schalmîen und busûnen hôrt man dâ schallig rûnen.
liedersaal 2, 279, 356;
wobei raunen
auch ein verworrenes getöse bezeichnen kann: weil wir jn (
gott) vor dem gesäusz und raunen der creatur nit hören möchten. S.
Frank parad. 71
a.
vgl. auch rauneln, raunzen. 77)
ein jägerwort raunen
gehört nicht hierher: raunen,
bei den jägern, wann ein hase nicht gerade aus durchgeht, sondern die hunde hin und wieder foppt, dasz sie ihn bald vorwärts, bald zurück, bald seitwärts raunen. Frisch 2, 93
b; die hasen machen durch vielfältiges raunen die hunde müd und verdrossen. Fleming
teutscher jäger ebenda.