lützel,
n. parum. 11)
die form dieses wortes, welches im 16.
jahrh. für die hochdeutsche schriftsprache selten wird, im 17.
sich nur noch in spuren zeigt und über diese zeit hinaus, auszer in eigennamen, wo es sich erhalten, nicht mehr vorkommt, ist westgermanisch (Zimmer
in Haupts ztschr. 19, 409):
alts. luttil,
ags. lytel,
ahd. luzzil
und liuzil,
mhd. lützel;
das goth. und altnordische haben für den u-
vocal î:
goth. leitils,
altn. lîtill.
es führt zurück auf das ags. neutr. und adv. lyt,
alts. lut
und liut,
parum, mhd. lütze, lüz
klein, gering, wenig; und eine gleichbedeutende nebenableitung, mit anderem suffixe ist alts. luttik,
fries. litek, littech,
ahd. luzzîc,
was sich mhd. nicht fortgesetzt hat. die grundbedeutung von lützel
ist die des geneigten oder niedrigen (
ahd. luzzil
auch brevis Graff 2, 318),
wie sie im altn. verbum lûta
sich neigen, niederbeugen, demütigen, ags. lûtan,
sich neigen, beugen; ferner in altn. lûtr
niedergebeugt, gedemütigt, goth. liuts
heuchlerisch, ags. lytegian
heucheln mit lot
betrug; endlich auch in ags. lutian,
ahd. lûʒên
verborgen sein, mhd. lûʒen
lauern, hervortritt (
vergl. auch Fick
2 855);
und da das letztere verbum nhd. als lauszen (
sp. 363)
fortlebt, auch in lauschen (
sp. 353)
eingeflossen ist, so zeigt sich solcher art eine weit verzweigte verwandtschaft von durchsichtigen verhältnissen und mit ausläufern bis in unsere neuere sprache. 22) lützel,
parum. Alb. Bb 4
a; lützel, vast wenig,
parvulus, lützel, ein wenig,
modicum, aliquantulum. Maaler 275
d; lutzel,
vulg. wenig,
exiguus, modicus. voc. inc. theut. n 2
a;
paucum, wenich, lutzel.
voc. opt. (
Leipzig 1501) T 6
a; lützel,
parum, peu. Schottel 1360;
bildet den gegensatz zu viel:
ahd. nec ad dexteram nec ad sinistram noh vilo noh luzzil. Steinmeyer
u. Sievers
ahd. glossen 419, 42;
mhd. swaʒ unser herregot wil, sîn sî lützel oder vil, des muoʒ im der wille mîn gehôrsam an mîn ende sin. Lamprecht v. Regensburg
Francisken leben 3800;
nhd. (
du sollst) deinen ebenchristen ze nutz bescheidenleich milt sein, ze lützel noch ze vil geben. Adrian
mittheil. 459 (15.
jahrh.); das der mensch underschid gewint, das in allen seinen werken nit zuo vil sei oder zuo lützel.
ausgang der kinder Israel (1510) J 3
b; was gat mich das an, ob meinem herrn lützel oder vil weines wachset. Keisersberg
seelenpar. 89
a; es ist ein gemein sprichwort: zu lützel und zu vil, verderbet alle spil.
pred. 30
a (
auch S.
Frank sprichw. 1, 5
b); als wir ein gemein sprichwort haben: zu lützel und zu vil verhönet alle spil. Ryff
chirurgie 15
b; nach dem du vil oder lützel machest. Gersdorf
feldb. d. wundarzn. 41; fahe vil an, bächt (
vollführe) lützel. Agr.
spr. 238
b; zu lützel, zu vil ist ungesund, hab ich oft hören sagen. Uhland
volksl. 97; man trink sin (
des weines) lützel oder vil. Manuel 367, 3155
Bächtold; weder lützel noch vil. Weckherlin 599; bedenkend was sein mag zu lützel und zu vil. 675. 33)
da lützel
später nicht mehr, wie ahd. und mhd. die bedeutung klein, gering, sondern nur noch die '
klein an zahl, wenig'
entfaltet, so schlieszt sich die fügung, wie bei andern unbestimmten zahlbegriffen, gewöhnlich der neutralen eines collectivums näher an, und die fälle, in denen adjective fügung noch sichtbar ist oder angenommen werden kann, sind nicht mehr zahlreich: aller gewalt über die gemain und aller gemainer nutz ist in gar lützler hant, sie haben sich verpunden und sind gewaltig über die pawern und das lant.
d. städtechr. 3, 132, 12; stee auf und fleuch in Haran zu Laban meinem bruder und wone bei im lützel tag (
habitesque cum eo dies paucos).
bibel v. 1483 17
b (
1 Mos. 27, 44). 44) lützel
mit folgendem subst. im theilungsgenitiv: ahd. dô irô luzzel uuas, unde irô joh unmanige uuâren. Notker
ps. 104 (
Hattemer 2, 378
a);
mhd. nhd. dô Abrahâm und Lôt lützel vihes hêten, dô wâren sie wol mit einander mit minne.
d. myst. 1, 315, 3; und rissens (
die schatzkammer) auf und giengen darein, nit ir lützel, sonder gar vil.
d. städtechr. 3, 144, 7; die ketzer waren all lodweber, wann gar lützel was lüt under in von andern hantwerken. 4, 97, 14; die waren burgermaister mit lützel treuen und wenig eren. 5, 39, 5; kam wider gen Bairn in sein land mit lützel eren und mit spot. 44, 5; die (
münzen) waren gar bös und hetten lützel silbers in in. 111, 16; öpfel ward lützel, allerlei piern ward wienig, aber rurpiern ward gnueg. 326, 16; zuo dütsche ist lützel sollicher bcher geschriben. 8, 230, 7; wie wir dasselb dem jüngling geben wöllen mit lützel schadens. Bolz
Terenz 96
a; der ist ein fremder, minders gwals (
von minderer gewalt) dann du, weniger bekannt, der hie lützeler freund hat (
minus amicorum hic habens). 68
b; also warend die eidgenossen so geherzt und kn, wie lützel joch iro was. Tschudi 2, 423; want lutzel volx mit muden ledin hait selden, here, wail gestredin.
d. städtechron. 12, 189, 5917. 55)
mit folgendem subst. in gleichem casus: ein mensch geporn von einem weib lebt lützel zeit.
gesta Rom. 139
Keller; der selben stempf lieszen sie vil feiren, darumb dasz sie mir lützl papier wolten machen.
d. städtechr. 1, 79, 10; do kom ain groʒʒer schne und lag ferr in daʒ jar und ward lützel roggen. 4, 24, 9; desselben mals waren lützel meus in den äckern. 5, 182, 11; laider lützel leut gott vor augen hand. 184, 16; wir haben lützel nutz oder eren gewunnen. 195, 23; da aber Esopus merket, das man ihn mit lützel worten verspottet. Steinhöwel
Aesopus leben (1569) 5
a; hab litzel liut lieb so wirst nit betriebt. Keller
altd. ged. 241, 19. 66)
absolut: der herr, der vertilgt euch und zerstreut euch under alle leut und ir beleibt lützel under den geburten zu denen euch der herr ist füren (
et remanebitis pauci in nationibus, ad quos vos ducturus est dominus).
bibel von 1483 86
b (5
Mos. 4, 27); und ist ze wissen, dasz die kötzer alle lodweber waren, und warn gar lützel under andern handwerken.
d. städtechr. 5, 46, 21; woferr aber gemeldte vier haufen oder wachen zu lützel oder schwach weren. Fronsperger
kriegsb. 1, 48
a; zu dem letzsten da erschepfet er den peutel bisz an boden, an dem belib lützel und das pöst.
d. städtechron. 3, 97, 7; dasz auf diese zeit laider lützel geschriben wirt. 166, 26; so wir aber komen seint an der Hussen sach und gar lützel seint, die ein rechten ursprung wissent. 171, 17; und verpran den leuten, was sie hetten, und kam in wenig und gar lützel ausz. 5, 183, 2; o wie gat es so ungleich zu, das die so lützel haben, allweg den reichern etwas herzu thund. Bolz
Terenz 184
b; wie ihm (
einem dinge) die anderen zu lützel thon. Agr.
spr. 88
a; lützel zu mir wend gsellen sich, an lüten bin ich gar nicht rich (
spricht Pallas). J. Funkelin
in Tittmanns schausp. aus dem 16. jahrh. 1, 187, 430; ein lützel: er war ein litzel kleiner gröszer als der pfeiler zu sanct Marx bei Langres.
Garg. 146
a;
wie mhd: nu gevuocte sich daʒ daʒ Marke an einem tage saʒ ein lützel nâch der eʒʒenzît ...
Trist. 89, 27. 77)
adverbial: ouch worent die fürte an der Illen und anderswo mit fuosysen verleit, aber es verfing lützel.
d. städtechr. 9, 688, 10; wie wol der herbest lützel zuo nutze kom. 819, 23; diese rede achtet Gedeon gar lützel.
b. d. liebe 274
a; gel ist ain varb ungenem und allen mannen gar unzem und siht die lützel tragen.
fastn. sp. 779, 26; an groszer meng da spürt mans lützel. H. Sachs
fastn. sp. 1, 76, 204
Götze; heut ein bächlein wol beschwetzet nahm die flucht ausz grünem wald. an den steinlein sich verletzet, hett mit jhnen starken spalt: dann weils jhm nit wolten weichen ausz so lützel feuchter strasz, zornig thät es neben streichen. Spee
trutznacht. (1654) 238. 88)
für den mhd. oft vorkommenden übergang von lützel
in den begriff nichts und nicht, auch noch spätere beispiele: Herodes wirt dir lützel schenken umb din miszthat.
trag. Joh. Kij; do nam er zuo der e des hertzogen tohter von Peyern. daʒ det er uf ein hoffen, daʒ er rœt und helfe von im solte han. doch half es in lützel, wan die Swobe tribent inen von einer stat zuo der andern.
d. städtechr. 8, 39, 2; und fachten mit ein ander, daʒ deʒ pischoff volk ob lagen und slugen der stat volk zu tod mer danne 900 und an deʒ pischoffs tail lag luczel ymant der nyder. 1, 59, 2; die nacht die was so finster, der mon gar lützel schein. Uhland
volksl. 192; die nacht die was so finster, der mon gab lützel schein. 196; bist fast den jungen nönnlin gneigt, hast sie gar zeitlich visitiert: ein alte huor dich lützel irt. Schade
sat. u. pasqu. 3, 130, 18. 99)
in Schlesien und angrenzenden landstrichen ist der lützel
verhüllende benennung des teufels (
vgl. Weinhold 55
b):
Bartel. ne sich, ie wos hast du hie zu schoffen?
Jockel. wu führt dich der lützel hie har? A. Gryphius
gel. Dornrose (1.
druck)
s. 13; der lützel führt ihn zu Flavio. Chr. Weise
überfl. ged. 2, 307;
im Baselbiet aber heiszt der lüzel
taugenichts. Seiler 197
b. 1010)
mundartlich lebt lützel
noch vorzüglich in den alemannischen gegenden: lützel,
gering, wenig Stalder 2, 188;
in Appenzell lötzel, lützil,
wenig, nicht viel, nicht zahlreich Tobler 302
b;
im Baselbiet lüzel,
klein, schmächtig, elend, wenig, gering, unbedeutend (
von menschen), 's got lüzel har,
kärglich, ärmlich Seiler 197
b;
um Bregenz lützel,
wenig, klein Fromm. 6, 120, 61;
im Elsasz lützel,
auf dem Schwarzwalde nizel,
wenig Schmid 367;
bair. am gebirg westlich der Isar lützel
noch in den formeln e lützl,
ein wenig, z' lüzl,
zu wenig Schm. 1, 1548
Fromm.; im Unterinnthal lizl,
wenig, vom gewicht. Schöpf 406.
die formen Niederdeutschlands lüttek, lütjek, lütj
u. ähnl. schlieszen sich an alts. luttic (
oben 1)
an, wogegen engl. little,
dän. schwed. lille
dem ags. lytel
und altnord. lîtill
noch nahe stehen.