herhalten,
verb. in transitiver fügung. 11)
etwas herwärts, nach einem sprechenden zu, halten: halt die flasche her, ich will dir wein eingieszen; einem die hand herhalten,
alicui manum porrigere. Steinbach 1, 683;
auch, in der sprache des gewöhnlichen lebens, wol mit unterdrückung des objects: halt her, ich will dir den splitter aus der hand ziehen. 22)
häufig bezogen auf körpertheile, die zur vollstreckung einer züchtigung, einer leibesstrafe dargehalten werden: einem den hals herhalten,
praebere alicui cervicem. Hederich 1260; er musz seinen kopf herhalten,
mortem subiturus est. Steinbach 1, 683; der arme man muosz kürzumb dran, sein rücken in (
den gottlosen) her halten. Ludwig Hetzer
der xxxvij psalm Davids, str. 8. 33)
hieraus hat sich die formel herhalten müssen (
mit unterdrücktem object)
ergeben, in dem sinne von leiden, erdulden müssen: darhalten
et herhalten,
calamitatem sufferre, adversas res sustinere. Stieler 744;
zunächst in der schärfsten fassung, lebensstrafe erleiden müssen: nicht so, lieber gesell, du muszt herhalten, und on alle barmherzigkeit sterben. Luther 3, 143
b; also hat sichs umbgekeret, das wir der sünden und dem tod trotzen, spotten, hönen und lestern, als die wir gewis sind, das sie nicht mehr können, sondern müssen herhalten. 178
a; da müssen denn die propheten herhalten, und gestraft werden, als die nicht aus gott, sondern aus dem teufel geredt haben. 225
a; also auch mit der straf ... wer nicht (spricht er) gleubet, ist verdampt, er spricht nicht, ich wil den son umb des vaters willen verdammen, sondern der vater mus selber herhalten. 4, 508
a; ein ander weiser man hat gesagt, das das recht gleich sei einem spinweb, wenn die kleinen fliegen darein komen, so müssen sie herhalten, wann aber die groszen hummeln darein kommen, so faren sie durch. 527
b;
daran angeschlossen, von thieren, geschlachtet werden: so haben es die hüner bei ihnen gut, versetzte der von der Erden, sie dörfen sich nicht befürchten, dasz sie herhalten müssen.
unw. doctor 927; bei mir wird viel geschlachtet, sonderlich müssen die jungen kälber wol her halten.
gefl. finken 26; das erste was mir begegnet und halbweg genieszbar ist, das musz herhalten.
kinder- u. hausmärchen 2, 107.
in milderem sinne leiden müssen, von spott, unbill, anfeindung: wenn aber der arme redet, so spricht man, wer ist der? und so er feilet, so mus er herhalten.
Sir. 13, 29; so müssen wir dem teufel und der welt herhalten. Luther
tischr. 155
b; wir müssen herhalten und leiden. 222
a; denn es sind der widersacher bücher am tag, darinne des bapsts gewalt alzuhoch gehaben wird, dieselbige straft niemands, allein wir müssen herhalten, derhalben das wir Christus wolthat preisen. J. Jonas
apologie der augsb. conf. verdeutscht (
bei Luther 6, 415
b,
im original nos soli plectimur); wo krieg ist, da musz der unschuldige so wol als der schuldige herhalten.
Simpl. 1, 258; dasz mancher nach seinem tode von den lästerern herhalten, und seinen nahmen schänden lassen musz.
Lokmans fab. 29; wann das frauenvolk am sontag zusammen kommt, ... da musz bald dieser, bald jener herhalten, der desz morgens in der kirche gewesen, da hat der eine krum gangen, dem einen hat dieses, dem andern jenes am kleid gemangelt, der eine hat zu viel, der ander zu wenig. da musz bald diese jungfer, bald jene frau herhalten. Schuppius 205; zu beklagen ist es, .. dasz die meisten so unverschämt, und das urtheil von denen sachen fällen wollen, derer sie doch weder kündig noch erfahren. wie musz doch unsere hochteutsche poesie von ihnen herhalten. Enoch Hanmann
anm. zu Opitz poeterei 81; gleichfals ist auch nicht unwissend, dasz diejenigen weidlich bei denen bauren herhalten müssen, die es mit dem pfarrer halten, den solchen geben sie allerhand schandnahmen.
baurenst. lasterpr. 46; ja auch wol auf dem wege nach der stadt, von jungen und alten musz der gute pfarrer herhalten. 47; den wissen die bösewichter nicht genug auszuhönen, und musz er ihnen bei allen zechen herhalten und zur kurzweil dienen. 49;
ohne müssen: der nutzen der gemeinheit, zu der ich gehöre, ist auch mein nutzen: diesen ganz an mich reiszen zu wollen, heiszt das band der vereinigung unter den menschen auflösen, wodurch auch meine wohlfahrt herhalten wird. Garve
übers. von Cicero de off. 3, 6; die armen kollegen werden ebenfalls stark herhalten. H. Heine 9, 48; ich schwatze mit mir selbst, bald fang ich an zu lachen, bald hält der spiegel her, bald wünsch ich weisz nicht was. Günther 582.
den mildesten sinn erlangt herhalten müssen,
wo es nur ein opfer, einen beitrag zu einer last kennzeichnet: die Barfüszer muoszten auch mit irem garten herhalten (
ihn hergeben, um platz zu gewinnen für das Ulmer münster). Frank
chron. Germ. 1538 313
a; eben das kleid, was ich dir verschaffen will, hat schon mehrmal herhalten müssen (
visiten darin zu machen). Möser
verm. schrift. 2, 43; ich muszte in dieser zeit trefflich mit meinen kunsttalenten herhalten. Tieck 9, 270. 44)
dieses herhalten müssen
steht sogar transitiv (herhalten
wie aushalten): also müssen in der christlichen gemeine etliche sein, die gute püffe müssen herhalten dem teufel. Luther
tischr. 222
b. 55) herhalten,
nach halten II, 8
sp. 295
und her
sp. 1000: nun tritt er kühnlich auf: die richter gähnen schon, er hält die rede her, sie rühret das gerichte. Lichtwer
fabeln b. 3, 8.