gründlichkeit,
f. ,
seit dem anfang des 18.
jhs. im schwang; als vereinzelte gelegenheitsbildung in der deutschen mystik zu gründlich A 2: di gruntlicheit des mugenliches geistes chomet und runt ze den orn der man
bei Jostes
meister Eckhart u. s. jünger 17;
in der hauptsache von gr. B
gebildet, daneben auch gr. C. 11)
entsprechend gründlich B 1
u. 2 (
vgl. sp. 845
ff.)
in seinen verschiedenen verwendungsweisen, die '
eigenschaft eindringend, tiefgründig, bis ins letzte gehend, sorgfältig zu sein oder zu handeln'
vgl.gr. profondità della dottrina, penetrazzione d'ingegno Jagemann
dtsch.-ital. (1799) 2, 550;
daher öfter tiefe
gr. u. ä. verbindungen: ... tiefer gründlichkeit gab frohe laune das geleit J. G. Jacobi
s. w. 5, 80; diese allzutiefe
gr. Fouqué
reiseerinn. 2, 193; eine angenehme oberfläche, aber keine tiefe und
gr. Cramer
nord. aufseher 1, 40; er (
kann) vor lauter
gr. auch nicht einmal an die oberfläche der dinge gelangen Tieck
schr. 4, 52. 1@aa)
auf die handelnde person oder das wirkende organ bezogen (
vgl. gründlich B 4
u. 5)
als charakterliche eigenschaft: das der mensch zur scharfsinnigkeit, fertigkeit im schlüssen und
gr. ... verbunden ist Chr. Wolf
v. d. menschen thun (1720) 199; so arm ist disz ihr volck an gründlichkeit und wissen J. Chr. Günther
ged. (1735) 383; mein mann ... findet mehr tugend, gelehrsamkeit,
gr. und billigkeit gegen die Deutschen bey ihm (
Voltaire) als er gedacht hat Gottschedin
br. 2, 89;
gr., scharfsinn ... bezeichnen den charakter des menschen, in sofern er denkt Sulzer
theorie d. schön. künste 4, 414; es ist eine sehr gemeine anmerkung, dasz selten wiz und
gr. beysammen stehen Lichtenberg
nachlasz 7; sie hätten mir so viel ruhe und
gr. gar nicht zugetraut A. W. Schlegel
s. w. 9, 37; gelehrsamkeit und weltklugheit,
gr. und gefällige äuszerungen, alles findet sich beisammen Göthe 41, 1, 75
W.; die wohlgerathenen proben von der stärke ihres geistes und der
gr. ihres verstandes Rabener
s. w. 1, 182; fleisz, einsicht,
gr. sind seines geistes gaben A. G. Kästner
verm. schr. 2, 273;
gr. gilt nicht selten mit negativer bewerthung im sinne '
pedanterie, schwerfälligkeit': jene bleierne
gr. gelehrter antiquare Herder 23, 55
S.; eure (
der männer)
gr. ist beleidigend Fontane
ges. w. I 1, 55. 1@bb)
in mannigfacher weise (
vgl. gründlich B 2)
von der art des handelns: (
er) untersucht mit einer ziemlich philosophischen
gr., was man unter einer zeitung verstehe Lessing 7, 16
L.-M.; zu Leipzig, wo gelehrsamkeit und
gr. im studiren ton war Göthe 46, 89
W.; eine gewisse
gr. in der behandlung der einzelnen thatsachen (
erheischt) nicht unbedingt farbenlosigkeit in der darstellung A. v. Humbold
kosmos 1, ix; inwiefern die aufstellung allgemeiner ansichten mit der
gr. der forschung ... vereinbar ist Ranke
s. w. 25, xi; zeugnisse ... von der
gr. ihrer methode Justi
Winckelmann 1, 235; alle theile des systems mit der vollständigkeit,
gr. und ausführlichkeit durchzuarbeiten Schopenhauer 1, 21
Gr.; auf die bitte meines vaters, der für alles, was er mich unternehmen sah, eine gewisse
gr. forderte Storm
w. 4, 37; alles hängt von der
gr. unserer schritte ab Meisl
theatr. quodlibet 4, 134;
farbloser, fast wie gr. E,
präpositional mit
gr.: Napoleons marschälle hatten die ausplünderung mit solcher
gr. besorgt Treitschke
dtsche gesch. 1, 293; in der eigentlichen opposition ... hatten die stürme der revolution mit erschreckender
gr. aufgeräumt Mommsen
röm. gesch. 3, 15; es (
ist) unserer kraft nicht gegeben ..., auf einmal das ganze mit
gr. zu erfassen Ritter
erdkde 2, 173. 1@cc)
gr. als qualität des bereiches oder productes einer entsprechenden thätigkeit (
vgl. gründlich B 3): gründlich sind alle wissenschaften, insofern
gr. ('
exactheit') mit der einschränkung des menschlichen geistes bestehen kann Gerstenberg
recensionen 151
lit.-dkm.; das buch ist nur für leute, die strenge
gr. suchen Lichtenberg
aphorismen 5, 101
lit.-dkm.; er ist nicht obenhin in allem unterwiesen, was zu der gründlichkeit der wissenschaft gehört J. Chr. Günther
ged. 515; als ob die
gr. der wissenschaften ... von einer menge unerfahrener leute abhinge Scheibe
crit. musicus (1745)
vorw.; doch was vielleicht an licht und gründlichkeit der lehre fehlt, ersetzt des lehrers feuer Wieland
s. w. (1796) 6, 25; (
er) schätzte die genauigkeit und
gr. der deutschen untersuchungen Seume
spaziergang 2, 356; die
gr. der abhandlungen Gottsched
neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit 3, 253; die ausnehmende
gr. seiner gedanken Zimmermann
v. d. nationalstolze 93; seine kirchenstücke haben viel
gr. Schubart
ästh. der tonkunst 201. 1@dd)
mit dem ausgehenden 18.
jh. bildet sich, da gr. als nationaleigenschaft der Deutschen gilt, das schlagwort deutsche
gr.;
vgl. wir fangen an in Deutschland auf den vorzug der
gr. ... stolz zu werden Göthe 38, 357
W.; die alte richtung des deutschen sinnes nach
gr. des denkens und forschens H. v. Kleist 4, 179
Schmidt; wie oft schon der verfasser deutsche
gr. mit französischer schönheit ... zu vereinigen gewuszt hat
allg. dtsche bibl., anh. 13-24, 1282; die ... deutsche
gr. mit welschem gesange treflich zu verbinden wuszten Schubart
leben u. gesinn. 1, 55; mit deutscher
gr. zeigt er (
der Brocken) uns ... die vielen hundert städte Heine
w. 3, 54
E.; um die so viel gepriesene deutsche
gr. ist es oft ein wunderliches ding E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 447; wo die deutsche
gr. mit schwerfälliger arbeit immer das ziel verfehlte Thibaut
nothwendigkeit eines allg. bürgerl. rechts 415. 22)
weniger häufig als ableitung von gr. C 2;
so namentlich im 18.
und frühen 19.
jh., später veraltend; '
das gegründet sein, begründet sein',
dann auch '
berechtigung, triftigkeit'
; im bilde: die
gr. ihrer motive giebt ihr eine stütze, die nichts wankend machen kan Ramler
einl. in d. schön. wissensch. 3, 16; ... jemehr empfand die brust an ihrer (
der lehren Leibnitzens) gründlichkeit und überzeugung lust Gottsched
ged. (1751) 1, 451; euer urteil von dem, worüber das ohr entscheidet, hat für mich eine ganz besondere
gr. Klopstock
grammat. gespr. (1794) 30; diese letztere anmerkung (
scheint) am wenigsten
gr. zu haben Bodmer
v. d. wunderbaren (1740)
vorr. 5; die ... angeführte stelle (
kann) die
gr. der critick ... genugsam erweisen Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 312; ich sah seine äuszerung für übertrieben an und muszte mich ... nur allzusehr von ihrer
gr. überzeugen Kerner
bilderbuch 271; es läszt sich demnach über die
gr. oder grundlosigkeit unsers wissens vor der untersuchung vorher nichts sagen Fichte
s. w. 1, 44; die
gr. der meinigen (
theorie) kann ich ihnen durch sehr neue, unleugbare exempel erweisen Ayrenhoff
w. 5, 254; diejenigen gründe einer ganzen zunft ..., durch welche dieselbe die
gr. ihres verfahrens darzuthun gesucht haben Winckelmann
s. w. 1, 103;
etwas anders (
vgl. gründlich C 5)
im gegensatz zum schein: dasz ich da, wo
gr. fehlt, oft mit dem schein ... mich begnüge Meiszner
Alcibiades (1781) 3, 313; dieses hat denn desto mehr schein für sich, je mehr ansehen der
gr. und wahrheit es hat Adelung
magazin 2, 2, 96; mit
gr. im sinne '
mit guter begründung': so bald mit
gr. gezeigt wird, dasz Cramer
nord. aufseher 1, 69; wird man mit
gr. darlegen können, inwiefern wir des gedachten freyen raumes noch bedürfen? Göthe IV 26, 330
W.