grölen,
vb. 11)
form und ursprung. die herleitung des erst im 18.
jh. häufiger belegten wortes ist schwierig; es scheinen form- u. bedeutungskreuzungen stattgefunden zu haben. bei dem Hessen Hartm. Braun
mehrfach als reimformel: die münche und nonnen in ihren clostern .. auff gut baalitisch gröllen und bröllen
conciones de tempore (1619)
decas 1, 100; mit grüllen und brüllen 5, 161; und wie unsinnige leut geruffen, gegrült und geprült
dies cinerum (1608) 14;
das scheint auf groll, grull
als ausgangspunkt zu führen; deutlichen zusammenhang mit dieser sippe hat steir. grölen, gröllen
brüllen, grunzen, heulen, rülpsen (
vgl.grölwerk, gröllwerk
gebrülle, geplärre, gegrunze) Unger-Khull 308
b,
alem. grȫle
n mit gesteigerter oder verstellter stimme rufen, schreien Staub-Tobler 2, 730,
das sich an obd. grellen (
s. d. 2)
wie grollen (
s. d. 3)
anlehnt und seinen stammvocal (
der in grölzen [
s. d.]
wiederkehrt)
vielleicht lautmalenden tendenzen verdankt. aber das hauptgeltungsgebiet von grölen
ist das nd., dem grellen
als '
schreien'
fremd ist und grollen
nur als '
murren'
geeignet zu haben scheint; damit paszt die gewöhnliche bedeutung von grölen '
lärmen, misztönig schreien, singen'
schlecht zusammen; sie scheint das vb. vielmehr neben nd. grālen
zu rücken, auf das auch die im nd. weitverbreiteten formen mit ä
hinweisen: gräelen
grölen Berghaus 1, 607
a (
grafsch. Mark); grælen
misztönend schreien Woeste 84
a; grælen
lärmen, schreien Bauer-Collitz 41
a; grälen
unschön singen Mi 28;
anderseits weist thür. grele
mürrisch thun Hertel 110
auf bedeutungszusammenhang mit grollen
irasci; die länge ist schon fürs 15.
jh. zu erweisen: de mosten dar mydde grolen (: molen '
mühlen')
städtechron. 16, 164 (
Braunschweig), (
und anscheinend mit derselben bedeutung '
lärmen'
auch: wold me myt ome nicht gralen [: halen '
holen']
ebd. 103;) doch find man etlich, die da groln (: befohln) und bleiben stracks bei ihrem schwelgen A. Pape
Jonas rhythmicus (1605) l 8
a;
im schles. thür. obersächs. mit entrundung und überdies theilweise mit k-
anlaut: grēlen Weinhold
schles. 30
a; grelen v. Klein 1, 161 (
Duderstadt); Kleemann
nordthür. 7
c; jrēlen Jecht
Mansfeld. 44
b; Liesenberg 147; krölen, grelen Albrecht
Leipz. 126
a; kreelen C.
F. Bahrdt
pastor Rindvigius 1, 107; nun, jungens, krehlt noch eins O. Ludwig 2, 509;
auch im esthnischen deutsch krölen
juchzen, grell aufschreien K. Sallmann
neue beiträge 47. 22)
verbreitung und bedeutung. das vb. ist, in der bedeutung schwankend, auf nd. boden allgemein bekannt, auch in weiten md. gebieten, im schles., thür.-obersächs., hess., nach Albrecht
Leipz. 126
a auch im fränk.; in obd. maa. selten (
s. o. 1)
und nicht als alt zu erweisen. das derbe volkswort wird erst von Campe, Heinsius
der aufnahme gewürdigt und breitet sich erst im 19.
jh. literarisch aus, um schlieszlich auch bei süddeutschen autoren zu erscheinen, vielleicht mehr infolge literarischer übertragung als aus der mundart heraus. gewöhnlichste bedeutung '
brüllen, laut und misztönig schreien': andere grölen ausz lesterlichem halse daher, Bibel, Bubel, Babel G. Rost
heldenb. v. rosengarten (1623) 18
b; bin doch kurjos zu wissen, was da so gröhlet (
von lautem declamieren) Müller v. Itzehoe
Siegfr. v. Lindenberg 1, 87; (
die) Berliner freien, die einmal beim saufgelage ein kräftiges pereat gott! gröhlten Treitschke 5, 372; das ist unser liebes volk von Paris, hören sie nur, wie sie gröhlen Schnitzler
d. grüne kakadu (1899) 164; zwei rüpel .. drückten sich gröhlend umher G. Keller 8, 182;
mit anderer färbung: der glückselig gröhlende hahn Sohnrey im
grünen klee 6;
componiert: wo ist .. die zweileibigte Hekate, seine tochter? grölte ihn Skübala an J.
F. Schink
theater zu Abdera 1, 271;
so zumeist auch in den maa.: gröhlen
lärmen, laut sein Richey
hamburg. 81; grȫlen
misztönig schreien Schambach 69
a und sonst. gern in dem besondern sinn eines brüllenden, ungeschlachten singens: an diesem tage zogen die studenten ... durch alle straszen und grölten burschenlieder Laukhard
leben u. schicks. 2, 111; unter diesem zarten, sinnigen liede, dessen jodler die bursche begeistert unisono gröhlten Anzengruber 1, 124; in den meisten kirchen wird mehr geschrien und gegrölt als gesungen Allmers
marschenb. 143;
auch das kennen die maa.: grēlen
widerlich singen Weinhold
schles. 30
a; jrölen
schlecht singen Trachsel
berlin. 26;
vgl. Frischbier 1, 254; Stürenburg 76
a; Doornkaat-Koolman 1, 693;
in der marsch auch '
leise etwas singen' Schütze
holst. 2, 72 (
vgl.grollen 3 Henisch); hei groelt sik so wat voer
im sinne von quinquelieren
beleg ohne ortsangabe; '
brüllend weinen, heulen': obgleich Pittalacus unter den schlägen so entsetzlich grölte und bölkte Reiske
Demosthenes und Äschines 1, 440; grölen
brüllen, laut weinen K. Bruns
volkswörter d. prov. Sachsen 26
b;
vgl. auch Trachsel, Frischbier
a. a. o.; auch von brüllendem lachen: dasz er .. nun in ein prustelndes, gröhlendes lachen ausbrach Anzengruber 1, 3; der oberst liesz sich erzählen und gröhlte vor lachen Rosegger I 2, 224; '
übermäszig lachen' Stürenburg 76
a;
in Hessen '
laut u. derb sprechen, schimpfen' Vilmar 138 (
auch subst. grōl,
m., lärm, streit Pfister 1.
ergänzungsh. zu Vilmar 15); grȫl'n '
drückt das anhaltende schreien der frösche aus' Danneil 70
a;
im selben sinne nordfries. graalen, grölen Stürenburg
a. a. o. dazu
gröler, m., '
einer der .. laut und widerlich schreiet' Campe;
grölerei, f., scheltend für gesang Brendicke 130
b;
grölhans, m., schreihals C. Schumann
Lübeck 70;
gröltrine, f., scheltend von schreienden sängerinnen: bevor sie den geschmackvollen sänger .. zur ruhe verweisen, müssen sie jedenfalls allen den gröhl-trinen den mund verschlieszen A. Senfft v. Pilsach
an R. Franz, briefw. 200;
grölig, adj.: wer einen harten kopf will erweichen, der musz gröhligte worte gebrauchen Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 45; bei einem groszen bauern .., der sehr dumm, gröhlig und schläffrig war Frenssen
Jörn Uhl (1902) 198; dasz die hausgenossen seine gröhligen ausrufe verstehen konnten 346.