greueln,
vb. ,
in mhd. zeit auftauchende ableitung vom subst. griuwel. 11)
nur die unpersönliche wendung mir greuelt vor
hat sich in der schriftsprache einigermaszen entfaltet; bedeutung meist '
abscheu, ekel',
seltener '
grauen, furcht empfinden': mir grûwelt vor im iemer mê, deich in zeime mâle hân gesehen
Virg. 248, 12; dô ime vor gruowelte, daz gelust im nuo Tauler
nach Ch. Schmidt
elsäss. 158; dir grewelt fur den götzen
Röm. 2, 22;
vgl. ps. 119, 16
3 var.; uns eckelt und grewelt fur dem sacrament Luther 23, 162
; die seel sich ferner mercken last:
dein freunden gibst du wenig rast.
mir greulet für dem schweren last
mayntzisch gesangbuch (1661) 274;
weil Moses das leben im blute setzt, so gräuelt allen getauften rabbinen vor der propheten geist und leben Hamann 2, 275
Roth; wie greulte mir vor allem, was ich gedacht, gesprochen Schubart
leben und gesinn. 2, 160
; alem. mit ab: (ein getöse) abe dem mir gar sere gruwelnde wart Nic. v. Basel
nach Schmidt
elsäss. 158
; dir grewlet ab den götzen Züricher bibel (1530) Röm. 2, 22
; es greulet mir darab und es gehet ein grausen durch mich L. Lavater (1587)
nach Staub - Tobler 2, 834
; statt der präposition auch satz- oder infinitivconstructionen: mir griulet, sô mich lachent an die lechelære
W. v.
d. Vogelweide 30, 12;
allen den es grewelt zu hören, das ein mensch rechter gott sey Luther
das schöne confitemini (1530) N 4
b; ohne object: do geriet dem künige und den die sin huotent sere gruweln und mahtent crüze für sich: do verswant der tyfel städtechron. 8, 468 (Königshofen
Straszburg. chron.); selten mit accus. d. pers.: wêre ich in einer wüestenunge aleine, dâ mich grûwelte myst. 2, 104, 12; an der obgenannten Walther
stelle hat die hs. C ursprünglich mich grúlet. 22)
im gegensatz zum hd. tritt im nd. die bedeutung '
grausen, furcht empfinden'
ganz in den vordergrund; so schon im mnd.: my gruwelt, dat ik se hore nomen; em gruwelde, men wolde em grypen laten: desen hillygen manne den gruwelde vor der hoverdye; (
sein sohn) den gruwelde unde vordroth der herscop Haraldi Schiller - Lübben 2, 162
a;
die beim substantiv gemachte beobachtung, dasz das nd. die bedeutung '
grauen, furcht' (
besonders vor gespenstern)
zur herrschaft bringt, wiederholt sich beim verbum; auch insofern besteht eine parallelität, als das verbum nd. weit überwiegend in umlautloser form erscheint, wie dem nd. substant. in der bedeutung '
horror'
meist der umlaut fehlte (
s.greuel,
form 3);
neben dem unpersönlichen gebrauch erscheint auch reflexive fügung: ndhess. gruweln
vor etw. ein grauen haben Vilmar 135; grujelen
gruseln lux. ma. (1906) 157
a; grujelen
grauen, sich vor gespenstern fürchten Bauer - Collitz 41
b; grüggeln
furcht vor gespenstern haben Woeste 86
b; grulen
gruseln Müller-Fraureuth 1, 446
a; gruwweln, grüwweln
ein grauen haben: my eset und grüwwelt Strodtmann 78; grûl'n
grauen, furcht, widerwillen empfinden: ick grûl mi oder mi grûlt väör de arbeit; hê geit nich allên to bett, em grûlt Danneil 71
a; grûeln, grûlen
grauen, graueln, furcht empfinden: na, Pauls, hört op, mî grûelt all; on büten grült en mensch sick doch Frischbier 1, 251
b; grolen, gro'elen
gräuel vor etw. empfinden, schaudern, vor etw. zurückbeben Berghaus 1, 616
a;
ähnlich grolen Stürenburg 76.
hie und da erscheint ein transitives gruweln '
furcht verursachen': bat nà brôd rket, dat grüggelt nitt
sprichwörtl. Woeste 86
b; grugeln
einen grauelig machen, ihn einängstigen Frischbier 1, 251
b.
wie aus nd. gruwel '
horror'
im nhd. ein schriftgemäszes grauel
entstand, erwuchs aus grûweln
nhd. graulen,
in der syntakt. verwendung mit grûweln
übereinstimmend: ich hab mich gegrault; Heinrich, mir grault vor dir; wenn ich dran denke, fängt mersch schon an zu graulen Müller-Fraureuth 1, 437
b; sich graulen
grauen empfinden Frischbier 1, 251
b;
auch obd.: graueln
und graulen
grauen, grausen Unger-Khull 304
b;
genaueres s. unter graulen. 33)
wie in der schriftsprache tritt auch in den heutigen obd. dialecten die bedeutung '
abscheu, ekel'
stärker hervor, wenn auch die andere nicht fehlt: grüwelen
grauen, grausen, ekeln Staub-Tobler 2, 834 (
vgl.grewelen,
ein unwillen an einem ding haben,
abominari Maaler 192
a); es grīelet mir
es dünkt mich zu viel ebd.; grəilen, grīlen
ekeln, anekeln: des weib ist so drecket, es grəilet einem Fischer
schwäb. 3, 811; es hat ihm gegräuelet
er ist erschrocken 3, 809; mir gräuwelt (gráwlt)
mich wandelt ein grauen, oder wohl auch ein zweifel an Schmeller 1, 981;
daneben persönl. construction, die sich auch in gewissen md. gegenden findet: wir habent gegreulet darvor Fischer
schwäb. 3, 811; Kehrein
volksspr. u. volkssitte in Nassau 172
trennt von unpers. gebrauchtem graulen
ein persönl. gräulen
mit dem sinne '
meinend befürchten',
z. b. ich gräule, dasz es regen gibt; greule
fürchten Wegeler
coblenz. 20; greilen (
Eifeler ma. greueln)
fürchten, grauen empfinden, zum greuel sein lux. ma. (1906) 153
a; grewele
nörgeln Autenrieth
pfälz. 56;
an elsäss. greuel '
unordnung, lärm' (
s.gr. A 1 d)
ist anzuknüpfen gräulen
lärmen, toben Martin - Lienhart 1, 266
a.
in älterer sprache nur in spuren nachzuweisen; vom schüttelfrost: etiam signa febrium sunt rigores, dasz sie (
die patienten) greulen, als wenn man einen mit einer nadel sticht, ein grewel durch gehet Paracelsus
opera (1616) 1, 416. 44)
selten erscheint in der schriftsprache ein transitives persönliches greueln '
greuel verüben': wie heilig ist die neue stadt, ... gar nichts gemeines geht hinein: wer greuelt, muss verbannet seyn Fischer-Tümpel 5,
nr. 576, 5; ich weisz kein beispiel in der geschichte, wo ... leidenschaftlicher und regelloser gegreuelt worden sei, als in diesen tagen in Paris gegreuelt wird Lavater
in br. von u. an Klopstock 349
Lappenberg; hierher vielleicht, mit abgeschwächter bedeutung: wie sich kopf, hand und hut werklich betauchet, wieget und bieget, und hauchet und stauchet, sollte diesz einem die augen nicht blenden, sehen, so greueln mit füssen und henden? W. Scherffer
geist- u. weltl. ged. (1652) 410.