-zacken
ebda 382
u. a. bb)
in der alliterierenden rechtsformel grund und grat,
die schwäb. und alem. vom 14.
bis zum 17.
jh. weit verbreitet ist. zusammenfassend für die erdfläche oder für den grundbesitz in berg und tal, für das, '
was liegt und steht',
in lat. urkundensprache in plano et in monte, s. dazu mit zahlreichen nachweisen schweiz. id. 2, 773
s. v. grund;
Fischer schwäb. 3, 802,
vgl. ferner s. v. grund teil 4, 1, 6,
sp. 702,
wo der aus Schmeller-Fr. 1, 1004
zitierte beleg nicht dem bair., sondern einer Züricher chron. (
hs. 1462)
zuzuweisen ist. nur einmal läszt sich die formel auszerhalb des schwäb.-alem. nachweisen, in luxemb. grundt und graeth (1542)
luxemb. weisth. 398
Hardt (
vom hg. sicher zu unrecht grat
hier als '
unfruchtbarer bunter mergel'
gedeutet).
gelegentlich auch mit pluralischer fassung des zweiten formelgliedes: grund vnd grete (
schweiz. 1306)
geschichtsfreund 13 (1857) 216; mit grunde und gräten (1345)
in: schweiz. id. 2, 773.
oft umschreibt die formel, unter verblassen ihres ursprünglichen sinnes, nur noch den liegenden besitz an '
grund und boden'
überhaupt: grunt und grat (1301)
rechtsalterth. 41, 8; min acher, min matte, holz, vnd velt, getwing vnd ban, vnd grund vnd grete, vnd alles min guot (
schweiz. 1306)
geschichtsfreund 13 (1857) 216; grund vnd grat des hertzogen, vnd der lüten erb vnd eigen (
schweiz. 1303?)
weisth. (1840) 1, 166; es sind och die gietter ze Konow grund vnt graut, holz vnd feld des gotshus ze Schennis vnd der husgenosen vnd der bursami erblechen (
schweiz. 1461)
ebda 52; das grund und grath ihr beiden eigen ist (
Oberelsasz 1486)
ebda 654; mit grund und grat (1621)
bei Fischer
schwäb. 3, 802.
als titel eines werkes über die bergwelt im spiegel der schweizerdeutschen Alpenmundarten P. Zinsli
grund und grat [1946].
die altschweizer. formel alldieweyl grund und grat stat
zur umschreibung ewiger bündnisdauer (
s. schweizer. id. a. a. o.)
erscheint in historisierendem schrifttum auch jünger noch: dieser (
rhätische) bund sollte gelten, so lange grund und gratt stehen H. Zschokke
s. ausgew. schr. (1824) 37, 129; Scheffel
ges. w. (1907) 3, 87. cc)
bildlicher gebrauch erst in moderner poetischer sprache. soviel wie '
höhe, höhenweg': aber ich hab es weit zu alledem und werde mehrmals hinunter müssen und wieder hinauf, eh ich den ausblick habe und den weg auf dem grat Rilke
br. 1907 —14 (1933) 50; Heiri (
Heinrich), sagt sie, und ihre stimme geht auf dem süszesten grat der liebe, nun musz unser haus bald fertig sein (
für den neugeborenen sohn) W. Schäfer
erz. schr. (1918) 4, 158. schmaler grat
umschreibend für einen gefährlichen lebensweg, eine innerlich gefährdete daseinsform: aber auf dem schmalen grat, über den mein leben jetzt führt, kann ich keine anderen begleiter mitnehmen Ina Seidel
labyrinth (1922) 289; das dasein des moralischen wesens ist ein wandeln dicht am abgrund hin. und jede entfernung vom abgrunde ist preisgabe des moralischen wesens, also genau genommen ein zweiter abgrund. ein schmaler grat zwischen beiden bleibt dem sittlich guten als weg
N. Hartmann
ethik (
21935) 347. 22)
für andere kamm- und kantenartige gebilde, im bereich des organischen oder des gegenständlichen. 2@aa)
bei bestimmten tieren, und hier die vorstellung des scharfen, schneidenden (
s. u. 4)
oft mit einschlieszend. besonders, und schon früh, von den zwei auf dem rücken ansetzenden, auf dem schwanz sich vereinigenden schuppenkämmen des krokodils: der kokodrille hat so scharfe grete, daz er ir zwelfe in einem kiel verderbet
j. Titurel 3834, 2
Hahn; vgl. 3833, 3; die crocodill-eidechsen ... haben ... harte kielschuppen, einen zusammengedrückten schwanz mit einem hohen grath von starken schuppen, wie die crocodille Oken
naturgesch. 6 (1836) 622.
daneben älter gern bei ähnlich vorgestellten fabeltieren, beim drachen, lindwurm u. dgl.: von dem houbet hin ze tal stuont ûf im (
dem lindwurm) ein scharfer grât, als der kokodrille hât, dâ er die kiele kliubet mite Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 5038
K.; vgl. gradt
Wigaloys (1493) b 6
b; der grat was ir (
dem weibl. lindwurm) herte und uzermasen smal, er schneit also ein barte über den rücken hin zu tal Wolfdietrich 1674, 1
Holtzmann; vgl. 1635, 1; der cOerper (
des krokodilartigen fabeltiers) ziemlich groß vnd lang, ... vnd vom hAeupt an biß in den schwantz einen starcken scharpffen grad, gleich den crocodilen
buch d. liebe (1587) 388
c.
gelegentlich die bedeutung '
rückgrat' (
s. ob. A 3)
mit umfassend: zuo letst richt Regulus zuo etlich hantwerck die steyn wurffen, jn (
einen drachen) damit zuo temmen. also gerieth eyn wurff, der brach jm den gradt auff dem rücken, das er nit mehr sich schlingen mocht Carbach
Livius (1551) 98
a.
in sachlich unzutreffender vorstellung vom delphin: doch hat es (
das krokodil) ainen waichen pauch. derhalben in der fisch delphin auch von unden auf mit scharpfem grat aufschneid und überwint in glat H. Sachs 23, 346
lit. ver. selten bei anderen tieren: die drongo (
eine vogelart) ... haben einen breiten gebogenen schnabel mit starkem grath und borsten an der wurzel Oken
naturgesch. 7, 1 (1837) 110. 2@bb)
im fachsprachlichen gebrauch der anatomie, seit etwa 1700. 2@b@aα)
in direkter benennung bestimmter knochen oder knochenteile. wie unter A 3 '
rückgrat'
lat. spina entsprechend und auf gewisse '
fortsätze'
angewandt, deren gestalt aber weniger dorn- oder stachelartig, als vielmehr länglich kantig ist. für den hauptfortsatz des schulterblattes, die spina scapulae: es hat ferner ein iedes schulterblatt drey fortsätze (processus): der erste ist sehr grosz und ungleich, und läuft hinten mit einem erhabenen rande über das oberste und breiteste stück dieses knochens. er wird der graat (spina scapulae) genennet, und ist unter allen der längste J. J. Hecker
betrachtg. d. menschl. körpers (1734) 196. (
s. auch den beleg von 1696
unter gratförmig).
für die vordere scharfe kante des schienbeins (
früher spina tibiae, heute crista anterior): in der anatomie ... (
neben rückgrat und schulterblattfortsatz) auch der vordere scharfe theil des schienbeines ... in welchen sämmtlichen fällen auch (
statt die gräthe) der grath üblich ist Krünitz
encycl. 19 (1780) 693. 2@b@bβ)
als bezeichnung für kantige knochenformen überhaupt: durch den grat des siebbeins und durch die siebfläche werden obgedachte beide kammern ... gebildet ... der grat oder der rücken des siebbeins, welcher unten mit dem osse sphenoideo verbunden ist, setzt sich an das innere knochenblatt des stirnbeins an Göthe II 8, 191
W.; zwischen den schenkeln des gewölbes, dem grathe des grenzstreifes und dem inneren ... vorsprunge des sehhügels Sömmering
menschl. körper (1839) 4, 194
anm. 2; der entgegengesetzte untere rand der knochenplatte (
am schläfenbein) stellt einen scharfen grat dar, crista tympanica Rauber-Kopsch
lehrb. u. atlas d. anatomie (
151939) 1, 201. 2@cc)
botanisch für die kanten an stielen oder stengeln der pflanzen, z. t. der bezeichnung kante
ausdrücklich vorgezogen. für das frühe 19.
jh., bei grätlein (
s. d.)
in der vergleichbaren (
oder zu 3
gehörigen?)
anwendung auf streifen am stengel bereits für das 16.
jh. bezeugt: acies die kante, schneide, der grath, der körperwinkel, welcher durch zwei zusammenstoszende seiten eines stengels, stielartigen theils usw. gebildet wird Bischoff
wb. d. botanik (1857) 2
a; nach Link haben die pflanzenstengel keine kanten, sondern grate Röhling
flora (1823) 1, 40. 2@dd)
für kanten an gebäudedächern, hier freilich nicht immer mit eindeutiger ausgangsvorstellung. 2@d@aα)
vom first als oberster dachkante. so wohl schon in gelegentlicher lexikalischer verzeichnung des frühen 17.
jhs. für den firstbalken: graat
der oberste balck desz dachs, nach der lenge gelegt Henisch
teutsche spr. (1616) 1718;
columen graat, oberster balck ...
le support et appuy du toict N. Frischlin
nomenclator triling. (1616) 444
a.
mit berufung auf Frischlin
noch bei Frisch
t.-lat. (1741) 968
und Adelung
wb. 2 (1811) 785;
vgl. auch gratziegel (
s. d.).
im übrigen scheint die bedeutung '
dachfirst'
eher als eine übertragung von 1 '
berggrat'
her empfunden zu werden: von der burg obristen grate oder schneeschmelze (1752)
schweiz. id. 2, 821;
vgl. dazu die an 1 b
angelehnte formel in gründen und gröden (1805)
zur umschreibung der ganzen bedachung ebda 773
s. v. grund 4.
das gilt besonders für jüngeren poetischen gebrauch: als ich später zum erstenmal rittlings auf dem obersten grate unseres hohen, ungeheuerlichen daches sasz und die ganze ausgebreitete pracht des sees übersah G. Keller
ges. w. (1889) 1, 33; bis zu des daches goldenem grate Rilke
ges. w. (1927) 2, 184.
im eigentlichen sachgebrauch heute neben first
nicht mehr üblich, doch vgl. noch schwäb. grôd,
m., '
dachfirst'
bei Ph. Wagner
ma. v. Reutlingen (1889) 75
schulprogr. 2@d@bβ)
in jüngerem fachsprachlichen gebrauch für die kante im schnitt zweier walmdachflächen: 'grat ...
ausspringende kante zweier zusammenstoszender dachflächen, dafern sie nicht waagrecht liegt, wo sie dann first ...
heiszt' Mothes
ill. baulex. (1881) 2, 518; die grate (
des vierflächigen walmdaches), mit vielen schrägen zacken besetzt, sehen wie gestreckte wirbelsäulen aus Carossa
rumän. tageb. (1926) 38 (
s. noch unten gratbalken, gratsparren, gratstichbalken). 2@ee) grat
als '
ausspringende kante zweier sich treffender gewölbeflächen' Mothes
ill. baulex. (1881) 2, 518.
so bereits im späten 16.
jh., dazu in der komposition gratgewölbe (
s. d.)
für 1564
u. 1655
nachweisbar: das gwOelbe (
der kapelle) oben schOen vergldt, fein an die grAet gehawen schilt, der wrtembergischen acht anen thun dich die wappen da gemahnen Nic. Frischlin 7
bücher v. d. fürstl. württ. hochzeit (1578) 25.
modern terminologisch: entscheidend für diesen eindruck (
des kreuzgewölbes) sind besonders die grate, in denen die gewölbekappen zusammenstoszen Worringer
formprobl. d. gotik (1918) 91; Pinder
d. kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 157. 2@ff)
vereinzelt noch in anderen gegenständlichen anwendungen: 'grat ...
kante, deren anschlieszende flächen sich nach beiden seiten abdachen, z. b. die mittellinie eines dolches mit dreieckigem oder rautenförmigem querschnitt' Hardenberg
eisen- u. stahlwarenindustrie (1940) 105; die fast metallischen grate über den augen (
der Maria vom Naumburger lettner) hat man an einer ganz anderen stelle gesehen — in Bamberg vor allem bei dem reiter Pinder
d. Naumburger dom (1925) 30. 33)
schmale, fortlaufende erhöhung, schmaler streifen; in verschiedenen sachbereichen. 3@aa)
in der sprache der tuchweber '
die diagonale linie einer gewebebindung (
köper)' Meyer
gr. konvers.-lex. 8 (1908) 245
b,
von der vorstellung eines schmalen, erhabenen, rippen- und streifenartigen verlaufs her (
nicht an die bedeutung '
fischgräte'
anknüpfend, wie sie, mit ganz anderer vorstellung, der speziellen bezeichnung fischgrätenmuster
zugrundeliegt, s. auch unten grätisch),
vgl.: köperbindung ist sehr leicht zu erkennen durch die erhabenen schrägen linien, grate
genannt, die dadurch entstehen, dasz der bindungspunkt bei jedem schusz um je einen kettfaden nach rechts oder links weiterschreitet Knauer
u. Stieger-Voelkel
handweberei (
o. j.) 34: bristet (
es) dem gebende der lengi oder der breti umb ein vierdenteil einer elne und mere, das gebende alles sol man enmitten durch den grat zersniden (1336)
Züricher stadtb. 1, 85
Zeller-Werdmüller; weli linwat entweders mauls nit wert ist und darzuo ze schmal ist, die sol man durch den grat schniden (
Isny 1395)
württ. gesch.-quellen 18, 142
Müller; wer die orn an dem tuoch abhowet, daz tuoch sol man durch den grât howen vnd das halbtail verbrennen (14./15.
jh.)
mittheil. z. vaterl. gesch. d. St. Galler hist. ver. 4 (1865) 67; durch den grât snîden
ebda. weiter: vierschifftig barchatt ..., die iren nerffen und graatt oder bildung schön gehabtt hatt (1584)
bei Fischer
schwäb. 6, 2065; es sollen nun fürohin kein anderer grath gemacht werden ... dann der rechten vierschifftigen gerath wie von alter her ... dann man an denen tuechen keinen andern gratt haben will dann den recht vierschifftigen gratt (1650)
ebda; auf'n grat g
ewebe
nes tuch '
geripptes tuch' (
modern)
ebda (
s. noch 2gräten,
vb.; 2grätisch,
adj.).
undurchsichtig ist die beziehung zu zwar bedeutungsverwandtem, aber als bildung von grat
her schwer erklärbarem gradel,
m. (
s. d.),
das auszerdem jünger zu sein scheint und deutlich im bair.-österr. beheimatet ist. in dem gleichen östl. raum begegnet schlieszlich auch das zum wortschatz der tuchweber gehörige gret,
n. (
s. d.),
das ebenfalls nach genus und bildung mit grat (
oder auch gräte,
f.)
schwer zusammenzubringen ist, zumal es in seiner allgemeineren bedeutung '
model, muster, bild'
sich nicht mit diesem zu decken scheint. in älteren ostobd. mundartwbb. erscheinen die bildungen gradel
und gret
neben einem hier sonst nicht bezeugten grad,
alle anscheinend bedeutungsgleich gebraucht, doch bleiben ihre gegenseitigen beziehungen wie die ihnen zugesprochenen bedeutungen unsicher, vgl. z. b.: 'der grädelzeug; ein weberzeug, welcher in den grad gearbeitet worden ist, oder wie man es an anderen orten nennt, in das gret, in das bild ... grad, model, bild, nennet man, wenn der zeug eine erhobene figur hat, besonders mit gleichförmigen linien' Höfer
etym. wb. (1815) 1, 312; gradl ... ein weberzeug, welcher in dem grad bearbeitet ist, oder in das gret, in das bild Castelli
ma. in Österreich (1847) 146; Schöpf
Tirol 204
s. v. grâdl;
s. noch grattlisch
s. v. 2grätisch.
sachlich sicher unzutreffend in einer gelegentlichen gleichsetzung von grat
und grund (
s. d. sp. 730): grad (
kannefaszweber)
die scheinbare richtung der kettenfäden des kannefasses, dieser mag leinwandsartig, gekiepert oder gerippt seyn. grad
ist also hier eben das, was bey andern webern grund
heiszt Jacobsson
technol. wb. (1781) 2, 144
a.
oder sind auch die obigen wendungen in den (dem) grad arbeiten, in das gret wirken
im sinne von '
grund'
aufzufassen? vgl. noch schweizer. grätli '
vertiefter teil an häkel- und stickarbeiten'
schweiz. id. 2, 821? —
eine noch andere webtechnische bezeichnungsweise s. unter 1gräte B 3 a. 3@bb)
im 17.
und 18.
jh. gelegentlich für die hauptrippe eines pflanzenblattes, mit anderer bedeutung und ausgangsvorstellung als der jüngere botanische fachgebrauch oben 2 c: mein cammerad ... wise mir an denen bletern fornen an den spitzen ein ding wie ein scharffer dorn, wann man selbiges abbricht und am grad desz blats hinzeugt, ... so verbleibt an dem selbigen spitzigen dorn ein faden hangen Grimmelshausen
Simplic. continuatio 99
Scholte; von einem ... blatt ..., welches längst dem grate durchgeschnitten worden
discourse d. mahlern (1721) 1, S 3
b.
hierher wohl auch in vergleichbarer anwendung als bezeichnung für die fäden der bohne: hillus ein grat
ut in piscibus vel faba (
obd. 1502) Diefenbach
n. gl. 203
b.
vgl. dazu schweizer. grätle
n '
die faden von den hülsen ziehen'
schweiz. id. 2, 822
u. bonengrat '
grenze zwischen den hälften einer schote',
syn. faden
ebda 821 (
s. auch gräte B 3 b). 3@cc)
für schmal und niedrig verlaufende erhebungen natürlicher oder künstlicher art, besonders für bodenerhebungen: so die wasser vallen ..., gewint sy (
die insel) zuo obrost gen Costentz zuo ainen trucknen grat, uff dem die menschen mit trucknem fuos in und us wandlen mugen Oheim
chron. v. Reichenau 25
lit. ver.; vgl. in ähnlicher bedeutung rhein wb. 2, 1364.
sonst nur jünger belegbar: die steine wurden immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen grat auf der ganzen länge des ackers G. Keller
ges. w. (1889) 4, 83; man beginnt die ersten furchen in der mitte (
des zu pflügenden ackerstückes) und setzt sie nach beiden seiten fort (rundplögen), so dasz in der mitte ein grad, die middelbrügge entsteht Heckscher
volkskde d. prov. Hannover 1 (1930) 780;
vgl. Fischer
schwäb. 3, 802.
mundartlich noch in weiteren bedeutungen wie '
streifenähnliche erhöhung auf feldern, rain, anhöhe'
ebda; '
steinige stelle im acker'
rhein. wb. 2, 1364; Fischer
a. a. o.; '
schwaden gemähten grases auf der wiese'
rhein. wb. a. a. o.; '
längliche künstliche erhöhung, z. b. aufschichtung ausgegrabener kartoffeln'
schweiz. id. 2, 821. 44)
in anderen gegenständlichen anwendungen so, dasz der unter 1
und 2
mehr oder weniger schon mitgegebene gesichtspunkt schneidender schärfe vorherrscht. 4@aa)
im mhd. nicht selten für ein nicht näher zu bestimmendes scharf schneidendes, messerartiges instrument. wohl hierher und angesichts des sinnzusammenhangs nicht zur bedeutung '
fischgräte': swer gît dem trunken manne wîn unde dem derz vieber hât wazzer und dem kinde den grât und dem tobenden daz swert Thomasin v. Zirklaria
d. wälsche gast 14 614
Rückert. auch die vergleichende formel snîden sam (als) ein grât
setzt konkret gegenständlichen gebrauch voraus: sîn liegen snîdet sam ein grât swer dich ie guot genande Hartmann v. Aue
büchlein 1768
Haupt-Martin; zwei mezzer snîdende als ein grât Wolfram v. Eschenbach
Parzival 234, 17; ir tzung di sneidet als ein grat Peter Suchenwirt 23, 81
Primisser; vgl. 12, 61; ir (
der ameisen) zend scharff als ein gratt
Seifrits Alexander 6629
Gereke. hierher wohl auch andere bildliche wendungen, die in einer an sich naheliegenden vorstellung '
spitze, stachel'
bei grat
keine tragfähige grundlage haben (
s. ob. A 2 d),
dann eher noch von grad (
s. d. II B 3 c
β)
her deutbar wären: din (
gottes) gewaldes scharfer grat, den si (
die Juden auf dem zug durch die wüste) reizeten dicke uf sich
passional 3, 2
Köpke; des êwigen tôdes grât der Stricker
bei Lexer 1, 1073; minne, wende noch ires zornes grat ... in wiplich suße milde
d. minneburg 1598
Pyritz. 4@bb)
technisch '
der meist dünne und scharfe werkstoffrand an einem werkstück, der beim gieszen, bei der umformung ... oder der spannenden formung (
z. b. messerschleifen)
entsteht'
d. gr. Brockhaus 5 (1954) 20
b.
seit dem 16.
jh. geläufig, soviel wie '
scharte, faden': (
achte darauf,) dasz die löchlein rein vnd gerad hindurch (
durch das metallstück) gemacht, vnd mit einem klein subtilen wetzsteins stifftlein auszglettet werden, dasz kein grat daran bleibe L. Ercker
beschreib. (1580) 36
b; hiebey (
beim schröpfen des fuszes) (
ist zu beachten) ... dasz die fliethe (
das schneideinstrument) rein gehalten werden, und nicht etwan risse, so die bader einen grad nennen, an der schärffe habe Gäbelkover
artzneybuch (1595) 1, 382/383; 'grath ...
die falsche schärfe an schneidenden werkzeugen, welche sich beym schleifen an der schneide umlegt, und auf dem wetzsteine abgewetzet wird' Adelung
vers. 2 (1775) 781; Hardenberg
eisen- u. stahlwarenindustrie (1940) 105; da beim stechen das kupfer an den rändern der striche und punkte in gewissem grade zusammengedrückt und in form einer fadenähnlichen, rauhen erhöhung (grath) aufgeworfen wird Prechtl
technol. encycl. (1830) 9, 76; bei nicht ... gleichmäsziger endständigkeit würde die eine walze einen grat in die andere einschleifen Muspratt
chemie (1888) 2, 85.
anders, aber in vergleichbarer anwendung: wenn beim fällen eines baums der sägeschnitt nicht genau auf den axthieb der entgegengesetzten seite trifft, entsteht dort ein grat Fischer
schwäb. 3, 803;
dazu das kompositum gratblock
ebda 6, 2065.
jünger namentlich auf gegossene werkstücke bezogen: grat (
am buchstaben) Hellwig
wb. d. buch- u. papiergewerbes (1917) 40
a; 'grat ...
vorstehende kante einer gusznaht, bei thon und gips auch formnaht' Mothes
ill. baulex. (1881) 2, 518; die geformten stücke läszt man ... abtrocknen um ... wenn die masse steif geworden ist, ... die ... grate abzunehmen Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 9, 409.
mundartlich verbreitet von der scharte an schneidenden instrumenten, an messern, sensen u. ä., vgl. z. b. Schmeller-Fr.
bair. 1, 1016;
rhein. wb. 2, 1364; Woeste
westf. 83
b; Mensing
schlesw.-holst. 2, 460 (
hier als n. verzeichnet). 4@cc)
für ein fugstück mit scharf schneidenden rändern, das, einer entsprechenden nute eingepaszt, zwei teile eines gefüges verbindet. vom 17.
bis in die erste hälfte des 19.
jhs. belegbar, in junger mundart noch bei Fischer
schwäb. 3, 803;
schweiz. id. 2, 821;
rhein. wb. 2, 1364: so man wil ein tafelspil darausz (
aus zwei spielen) machen, nimbt man das piquier bretlin, vnd steckt zu desselben lincken hand in den faltz oder gerinnen ainen eisinen doppelt schneidenden graad, und scheubt also ein täfelin an das ander hinan, das das piquir und das mühlenspil beysamen ... so man die bretlen wider auszainander zeücht, musz man gemach thun auf das man durch das eilen den eisinen graad nit abwürge (1617) Ph. Hainhofer in:
quellenschr. f. kunstgesch. u. kunsttechnik 6, 318 (
bei Fischer
schwäb. 3, 802
unrichtig gedeutet);
vgl. 296; 'grath ...
eben diesen namen führet bey den tischlern die schärfe an den einschiebeleisten' Adelung
vers. 2 (1775) 781; man sagt von zwei holzstücken, sie seyen auf den grath mit einander verbunden, wenn das eine mit einer schrägwandigen, nach innen sich erweiternden furche versehen ist, in welche eine gleichgestaltete hervorragung des andern stücks eingeschoben wird Prechtl
technol. encycl. (1830) 7, 510;
vgl. 12, 121; Mothes
ill. baulex. (1881) 2, 518.