Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
gezoc stMN.
1.1 allg. umher-, nachziehende Menschenmenge
1.2 adelige Männer und Frauen begleitendes Gefolge, Tross von Gefolgsleuten und Ausrüstung
1.3 ‘Heer’
1.4 ‘Ausrüstung, Kleidung’ (vgl. geziuge 1.2 )
2 gewaltsames Handeln
3 ‘Verzögerung, Aufschub, Zögern’
4 die gerichtliche Zuständigkeit betreffend
4.1 Gerichtszug von der landesherrlichen Gerichtsbarkeit zur höheren Instanz (der dem König unterstellten Reichsgerichte), ‘Appellation’ ( 2 HRG 1,268-271)
4.2 ‘herrschaftliche/ gerichtliche Zugehörigkeit’
5 ‘Freizügigkeit’ ( 2 HRG 1,1787-1791)
1 eine Gruppe i.d.R. von Menschen, die umherzieht, meist jmdm. folgt, ‘Gefolge, Tross, Heer’ 1.1 allg. umher-, nachziehende Menschenmenge: der den Israhêls gezoc / mit fünf brôten spîset, / der selbe mich ouch wîset Georg 3220; do sú [Maria an Lichtmess] nahte der ussren porte der stat, so fúrlúf er [lief er voraus] in sines herzen begirde sú alle, und lúf ir engegen mit dem gezoge aller gotesminnenden herzen Seuse 29,19; also beraitent sú [ die búschoff und die fúrsten gar,/ phariseser, schriber ] sich, / die vaigen morder, uf die vart [Jesus gefangen zu nehmen] , / ain gros gezog [feindlicher Mob oder zu 1.2. ?] mit inen wart WernhMl 8406. – von Hunden (hier übertr.): also [wie der der Jagdmeute entronnene Hirsch] tuͦt der mensche, also er sich mit der helffe unseres herren lidig gemachet alles dis gezoges der grossen und der kleinen hunde Tauler 53,11 1.2 adelige Männer und Frauen begleitendes Gefolge, Tross von Gefolgsleuten und Ausrüstung: manec soumær muose tragn / kappeln unde kamergewant. / manec soum mit harnasche erkant / giengen ouch dar unden, / helm oben drûf gebunden / bî manegem schilde wol getân. / manec schœne kastelân / man bî den soumen ziehen sach. / rîtr und frouwen hinden nâch / riten an ein ander vaste. / daz gezoc wol eine raste / an der lenge was gemezzen Parz 669,14; nv riten si mit meren hin / fvͥr daz gezelt, da dvͥ kvͥnegin / erbeizet vnd der froͮwen gezok TürlArabel *A 309,19 Tr 5330; RvEWchr 33267; KvWTroj 19789; WernhMl 3314; DvASchr 313,3. – mit der Erwartung eines großen, standesgemäßen Gefolges spielend: sîn harnasch gap nâch roste schîn. / dô sîn gezoc sô kleine / was, vil schiere al eine / er ân die ritter gar gestuont Wh 140,19; ir gezoges was niht mêre, / niwan diu magt hêre / und die einen zwêne man, / und daz ein soumære mit in dan / truoc: vrouwen Herrâten kleit KlageB 4213. – ‘Begleitung, Gesellschaft’ siu [ ein wîsiu merminne ] hete zehen tûsint / vrowen in ir lande, / dernkeiniu bekande / man noch mannes gezoc UvZLanz 199 1.3 ‘Heer’ do im die boten sageten welich gezoch er habete, / daz er mit uierhundirt mannen engegen im wolde gahen / Jacob daz eruorhte GenM 63,28 u.ö.; chünch Terramer / gewaltichlich fuͤr über mer / gegen Franchrich hin mit ritterschaft [...] für Orens den palas hon / zoch sin gezog wol drizig tag / gar milen breit Hirzelin 11; nu hoͤret wen der herzoge / hie fuͦrt in siner schar gezoge! / nach kayserlichen rehten / er hie da wolt vehten WhvÖst 16630. – ‘Heereszug, Aufgebot’ wenne aber der [...] von Friburg von dez lantfrides gezoge wider hein komet, dar umbe su̍llent in die von Friburg nu̍t angriffen UrkBasel 4:56,33 (a. 1326); NvJer 2653 1.4 ‘Ausrüstung, Kleidung’ (vgl. geziuge 1.2): die mæren helde küene / fuorten ritterlich gezoc. / dâ schein vil manic wâpenroc / der mit golde was durchweben KvWEngelh 2657; daz got truc priesterlichen rok, / daz dutet menschlich gezok / und des truben vleisches cleit, / daz got uber die gotheit / zoch als einen gewebenen rok HeslApk 1834 2 gewaltsames Handeln: – ‘handgreifliche Auseinandersetzung’ swelich burger gienge in eine thauerne uf ein gezok [ qui tabernam intrat propter hoc ut aliquem ibi molestet ] StRNordh 1,58; den kezzil dô man solde tragin / von eime bercvride sâ / zu dem anderin, unde dâ / nam der gezoc den urhab NvJer 12505; die da waren inne, / gerne sie vz wolden. / die dar vzze wesen solden, / die wolden gerne dar in. / des wart gezoc vnder in Herb 14452; ein ioste da geschach: / Menelaus, der stach / vf hern Parisen. / vf Vlixen den wisen / hurte Polidamas. / Menestus da bi was, / von Athene der herzoge, / der quam zv dem gezoge ebd. 12916. 11528. – ‘gewalttätiger Übergriff, Misshandlung’ ‘stet, her munch’, sprachen sie, / ‘ir sult daz pfert uns lazen hi! / wir wollen uch nicht morden; / dar an wir uwern orden / ein teil wollen eren. / ir muget von hinnen keren / gesunt, sunder valsch gezoc’ Pass I/II (HSW) 15795; di wile sie mit im in der stat / vientlich triben ir gezoc Pass I/II (HSW) 6439. – hierher oder zu 1.2 ‘(schlechte) Gesellschaft, Gefolge’ (?): nu vugete sichz uf einen tac, / daz er nach duplicher art / nach rechter schult begriffen wart / und geworfen in den stoc. / durch sin velschlich gezoc / wart im verteilt sin leben Pass I/II (HSW) 13502; du [Heidenkönig] bist des herzen leider blint / alsam die blinden gote sint, / zu den mich twinget din gezoc ebd. 29355. – ze ~ kommen/ bringen ‘zu Schaden kommen/ bringen’ mit sime sper quam er gerant / vnde stach in vf des schildes rant / so vzzer mazzen sere, / daz er gefallen were / vnde komen zv gezoge, / wenne der hinder satelboge, / da er ane behafte / vnd entsaz dem schafte Herb 5166; er sprach, ez ensolde nieman zv gezoge / kvmen vmb sulche tat ebd. 17493; von Athene der herzoge. / der brachte der bruder einen zv gezoge. / er stach Odiniam, / daz er vf die erden quam ebd. 5742 3 ‘Verzögerung, Aufschub, Zögern’ nu quam er [die Grille] her gevallen / uf des guten mannes [des hl. Franziskus] roc; / sunder allez gezoc / sweic er stille unde saz Pass III 526,72; ein roc und ein kappe, / diz was allez sin gewant. / er teilte alda entzwei zu hant / die habe ane allez gezoc. / den armen gab er hin den roc / und tet die kappe an also bloz ebd. 608,95 4 die gerichtliche Zuständigkeit betreffend: 4.1 Gerichtszug von der landesherrlichen Gerichtsbarkeit zur höheren Instanz (der dem König unterstellten Reichsgerichte), ‘Appellation’ (2HRG 1,268-271): de gezuk ad regem UrkBresl 254 (a. 1261); vnd das man nach der vrteil, dú von Cume har wider gescriben ist, dem, der da gewunnen hat, ze Friburg rihten sol, vnd sol ime der gezog niht schaden, der von dem gerihte ze Cume geschehen ist UrkCorp (WMU) 2369,31; das gerihte was min, der gezog, dvͥ satzunge vnd entsatzunge vnd ellvͥ dvͥ reht, dvͥ in dem selben dorfe sint UrkRapp 222,34 (a. 1314); die banherren höret an zwing und bahn [Bann] und der gezog zu Heiterheim UrkEls 2,108 (a. 1314) 4.2 ‘herrschaftliche/ gerichtliche Zugehörigkeit’ jch spriche ouch vmbe Ansoltzheimes wip, mv́gent die von Andelahe sv́ besetzen mit dem gezoge, daz si in irn gezog hoͤret [...], dez svlnt sv́ geniessen UrkCorp (WMU) 1953,45 5 ‘Freizügigkeit’ (2HRG 1,1787-1791): der gezog ist, dc ein ieglicher mac ziehen von eime herren zv den andern UrkCorp (WMU) 645,28. 3570,15; die miszhelle, die da warent in dem lande zwu̍schent den herren umb ein gemeinen gezug UrkBasel 4:89,5 (a. 1331). – übertr. freies Umherziehen (der Biene): baide her und ouch hine / vliuget diu bine wol nútze, / úber hor und uber phfútze, / úber stain und úber stoc, / untz daz ir naturlich gezoc / si bringet uf schoͤne bluͦme Pass I/II (HSW) 42190
MWB 2 769,17; Bearbeiterin: Baumgarte