getürstig ,
adj. u. adverb., die ältere und beliebtere adjectivbildung von unserem stamme. das wort reicht weit in die althochd. zeit zurück; der höhepunkt seiner entwicklung und verbreitung liegt in den anfängen der neuhochdeutschen periode, und auch unserer heutigen sprache gehört es in mundartlichen resten noch an. viele beispiele, die hierher gehören, sind entsprechend den mannigfaltigen formen an verschiedenen stellen des wörterbuches verstreut, vgl. gedurstig,
gedürstig oben sp. 2055; gedorstig
sp. 2033; durstig
th. 2, 1752; turstig (
s. d.).
die präfixlose form erscheint in bairischen quellen, soweit sie mundartlich gefärbt sind (
so bei Aventin),
sodann in mitteldeutschen denkmälern:
bei Jeroschin,
in vocabularien und vor allem bei Luther.
ebenso fehlt das präfix in den heutigen mundartlichen formen. 11)
die verbindung mit dem verbum substantivum (
vgl. oben geturst
sp. 4604). 1@aa)
auf diese führen die ältesten belege zurück, in denen es sich um eine wiedergabe der periphrastischen formen von audere handelt: audeo, catar;
ausus est, caturstic ist; kituristik ist.
Keronische glossen Steinmeyer - Sievers 1, 24;
ausi fuerint, katurstik sint.
glossen zu den canones concilior. 2, 99; katurstik sint 2, 111; inti nioman mohta antlingen imo wort, noh giturstig was einig fon themo tage inan elihor fragen (
neque ausus fuit).
Tatian 130, 3
für Matth. 22, 46; und niemant mochte ime ein wort geantworten, noch nîmand was sô torstic von dem tage en vorbaz zuo vragine. Beheims
evangelienbuch; und keiner mocht im geantwurten einz worts; und noch keiner waz durstig in zu fragen an dem tag von des hin.
codex Tepl.; Augsburger bibel von 1487 gedorst; und niemand kund jm ein wort antworten und thurst auch niemand von dem tage an hinfurt in fragen. Luther (
vgl. sp. 4593 unter geturren). 1@bb)
in der mittelhochdeutschen dichtung sind andere verwendungsformen des adjectivs beliebt. vgl. mhd. wb. 3, 16
a. Lexer 1, 951.
nachtr. 205.
vgl auch unten sp. 4607
ff. die umschreibung tritt hier nur verdeckt, in verbindung mit substantivsätzen auf: so ist daz vil grœzer, wizze Krist, daz ieman sô getürstik ist, daz er sich setzet wider got und ahtet wiht ûf sîn gebot, daz er mit grôzen vreuden lebet, so er vaste wider got strebet. Stricker 13, 50
Hahn; sîn ende hete dâ genomen durch in vil manic ritter. des argen tôdes bitter möht er dekeine wîs genesen, swer sô getürstic wolte wesen, daz er den schæper (
das goldene vliesz) wolte holn. Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 6798. 1@cc)
um so reicher ist die verbindung aus den anfängen der neuhochdeutschen periode belegt. 1@c@aα)
aus der bibelübersetzung: und keiner waz dürstig zemurmeln wider die sün Israhel. Eggesteyn
Josua 10, 21,
ebenso Koburger (
ausus est in der vulgata); also kam alles volck wider ins lager gen Makeda mit friede, und thurst niemand fur den kindern Israel seine zungen regen. Luther; dorfft
bei Eck
und Dietenberger. — und viel brüder in dem herrn, aus meinen banden zuversicht gewonnen, deste dürstiger geworden sind, das wort zu reden on schew. Luther
Phil. 1, 14 (
auderent, τολμᾶν); torsten begnuglicher reden daz wort gotz.
codex Tepl.; getorsten on forcht reden daz wort gotes.
Augsburger bibel von 1487; dürstiger Eck; kühner Dietenberger. 1@c@bβ)
aus dem älteren kanzleistil: oder daz wir so getürstig weren, daz wir für daz vorgeschriben gericht ze Dornstetten nit kemen nach der ermanung.
urkunde von 1416,
ztschr. geschichte des Oberrheins 15, 442; item wie kain furst werd sein in der welt so mechtig der getörstig sei zu herzürnen die kaiserlich maiestet und auch her Maximinian.
instructionen für die burgundischen unterhändler (1473)
monum. Habsburg. I, 1, 36.
ebenso s. 247. 1@c@gγ)
in vocabularien und grammatiken: gedurstig .. sin,
audere. mitteldeutscher vocab. ex quo (15.
jahrh.) Diefenbach 60;
audere, gedürstig oder gehertz sin, menlich volkuomen sin. nicht
vel nit fürchten.
vocab. predicantium; audere durstig sein. Aventin
grammat. vgl. Schmeller 1
2, 625. 1@c@dδ)
in der litteratur: sô wir des gedenken, sô werden wir getürstig ze bittende, und mag er uns denne von rehter zimeliheit niut versagen. Nicolaus v. Straszburg
deutsche mystiker 1, 263
Pfeiffer; gêbe er sich nû uns in der wîse als er an dem kriuze hieng, wer wolte als getürstig sîn der in wolte enpfâhen. dâ von het er ein zimelîche wîse gesuochet, in der wir getürstig mügen sîn (
in der hostie).
derselbe 1, 295; do der kunig (
Rudolf) alsus zuo gerihte sas, do kam ein fremder koufman für in und klaget ime von eim burgere von Ertpfert und sprach, er hette ime gegeben zu haltende silbers eine summe. der burger leukete (
leugnete) .. der kunig sach den burger an .. und sprach: 'wie kunde dirre koufman so geturstig sin, daz er dir solte heischen des er dir nüt bevalch'. Closener
d. städtechroniken 8, 54; lieber sune, wie warstu so gedurstig solichs zu
thuon.
Aimon d; als gedürstig
ebendort b. vgl. oben sp. 2055; ist gdorstig worden in seim herzen (
der pabst) mit got gleich wie mit uns zu scherzen. Schade
sat. und pasqu. 2, 213. 22)
das adjectiv in der grundbedeutung, unbeeinfluszt von der formelhaften verbindung mit dem verbum substantivum, audax im gegensatze zu ausus (getürstig,
audax Frankf. stadtbuch 3, 25
b aus 1412 Diefenbach-Wülcker 618).
die belege sind jünger, und es überwiegt durchaus die beziehung auf personen. 2@aa)
ein beleg für substantivierung entstammt einer lesart des Nibelungenliedes: dô sprach der fürste Gîselherzuo dem degene 'sît ir iuch schuldec wizzet,vriunt Hagene, sô sult ir belibenund iuch vil wol bewarn, und lâzet die getürstigenzuo mîner swester mit uns varn.
Nibelungen 1403, 4
Lachmann, nach handschr. A. in handschr. C die geturren.
dazu vgl. audens, manlicher ... ein küner, ein dürstiger.
vocab. predicantium. 2@bb)
das prädicat neben dem verbum substantivum, ohne dasz eine formelhafte verbindung sich entwickelte: do huob sich michel hochvart: zwene unde sibenzeh vursten si waren vile geturstic sie wolden wurchen einen turn. daz was deme scheffare zorn.
bücher Mosis 15
Diemer; Schŷron der liez daz knebelîn diu grimmen tier niht vliehen. er wolte ez dar ûf ziehen, daz ez getürstic wære, und ez niht diuhte swære strîtlicher sorgen bürde. K. v. Würzburg
trojan. krieg 6055: si nam daz wunder, daz der hunt wart alsô getürstec ie, daz er betwanc den beren hie.
Partonopier 18407; wir hânt sô mange stolze schar, daz wir ûf sie getürstic sîn, wenn uns ir zal mit rede schîn und mit worten ist getâ
n. trojan. krieg 11653; sanguinei. die artent nach dem wazzir, unde sint gebinde, minnende, frolich, lachende, unde rotenthafter varwen, unde singent, unde feizet sint si, geturstic unde guotmuotic.
Mainauer naturlehre 1
Wackernagel; der selbe her Gerlach was eben grosz, brun von antlitze unde scharp von reden unde von rade, und hatte einen swarzen krulle (
haarlocke) unde einen swarzen bart unde was rosch unde gedurstig ein ding zu dune.
Limburger chronik 60,
monumenta german. vernac. IV, 1 (15.
jahrh.); du sihest das eins kuiniges botschafft gedürstiger unn manlicher ist dan eines fürsten bot. Geiler von Keisersberg
emeis, vgl. Scherz 492; der mensch ist torschtiger und köner der da schlafen gethar in einer todsünd, dann ainer der da fechten tar mit siben die auf seinen tod geschworen haben.
granatapfel (1510)
D 1
a; do die naht kam, do huob grofe Gotfrit der gar frumme waz und getorstiger waz denne grofe Rudolf, wand er ouch jünger waz, mit sime gesinde .. zwo ackerlenge oder ein wenig fürbas von der stat gar heimeliche und wartete des zeichens, wanne man die porte uf dete. Closener
d. städtechron. 8, 79; und worent alse gedurstig und alse snel, daz kein wasser so dief waz, sie rittent oder swemtent derdurch. 63; nu was Alexander gedürstig worden und starg und greif mit sinre hant in den pferrich zuo dem rosze. Königshofen
d. städtechron. 8, 303; do sprach Josue: sit daz si grosse helden werent und so mechtig und geturstig werent in irem geslechte.
historienbibel 790
Merzdorf. 2@cc)
das attribut: 2@c@aα)
beziehung auf personen: daz hât uns got erzöuget an dem künige Alexander. der was gar ein getürstic man und ein wîser man, daz er daz mêrre teil der werlte betwanc mit manneheit unde mit witzen. Berthold von Regensburg 1, 398
Pfeiffer; unde regirte den stift zu Menze herlichen als ein kuner gedorstig furste.
Limburger chron. 68, 8,
monum. germ. vernac. 4, 1; welche bilger also an der erste zuo gehe sind, die selben sind zuo dem ersten schedlich und schadbar, zuo dem andern sind sie nersche bilger. zuo dem dritten sindt sie verwegenlich und gedürstig frevel oder vermessene bilger. Geiler von Keisersberg
christl. bilger 155
b; derhalb (L. S. Catilina) von Cicerone mit sampt etlichen edels geschlechts und getürstigen männern aus der statt Rom vertrieben worden. Seb. Franck
chron. (1543) 1, 94
b; diser bapst was ein krieggirig gedürstig man. 314
a.
vgl. auch oben sp. 2055; Lucius Sextius auch von der gemein, ein strenger man und gedürstig, der understand sich mit Licinio seinen gesellen, ein gemein vast wider die väter und den senat zu bewegen.
Livius 64
a Schöffer. andere beispiele, bis auf Gryphius,
vgl. th. 2, 1753. 2@c@bβ)
beziehung auf sächliches object: auch damit in solhem irem geturstigen furnemen lenger zu verharren nit ursach gegeben werde, so gebieten wir eu allen und euer iglichen besunder von Romischer keiserlicher macht ernstlich und vestiglich mit disem brieve, daz ir den ytzgenanten Seckendorffen und sein helffer in euern landen .. ninndert enthalltet noch darin hausen hofen etzen trennckhen mallen noch bachen lasset.
kaiser Friedrichs IV. executoriale. monum. Habsburg. 1, 2, 377. 2@dd)
das adverbium: eine that durstig verüben,
mit überlegtem, frevlem muth. acten von 1550, Schmeller 1
2, 625; so die kinder mit frävel, gewaltsam jr eltern schlagen und gedürstig hand anlegen.
ref. landr. von 1588
f. 156; habe so dürstig angegriffen, dasz etliche zu rosz und fusz erlegt worden.
histor. der von Frundsberg, vgl. Schmeller
a. a. o.; der marschalk nicht wenig schrecken von dieser rede emphieng, da er den mönch so durstig mit im reden hörte.
Galmy 321. 33)
das fortleben unseres wortes ist schon im 16.
jahrhundert fast ganz an die präfixlose form geknüpft, die auch in den wörterbüchern fast ganz allein herrscht. sie wird noch bei Henisch
und Stieler
belegt, vgl. th. 2, 1753.
litterarisch läszt sie sich für das 17.
jahrhundert nur noch in solchen stilgattungen nachweisen, die der mundart nahe stehen, so bei Gryphius
und in äuszerungen sorgloseren kanzleistils: soll eine jedere rotte (
bei aufläufen) ... zu des bedrängten hause ... so diszfalls dürstiger und gewaltthätiger weise angefallen würde, eilen.
der stadt Leipzig ordnungen 1701
f. 541.
den besten beweis für das sonstige absterben des wortes geben gelehrte und sammler, die in urkunden und älteren sprachproben diesem begegnen. so führt schon Stade
unter den auffälligen worten s. 636
an: ausus, getœrstig,
vgl. Scherz 492.
in der stelle des bairischen landrechtes (
s. o.)
wurde gedurstig
von späteren interpretatoren durch mit ernst
ersetzt. Schmid
jus bavar. 35, 2
leitet es von durst
sitis ab, und erst Scherz
stellt das englische dare
dazu in parallele. vgl. auch getorstig,
kühn bei Wallraf
altd. histor. diplomat. wb. 27. 44)
belege aus mundartlichen wörterbüchern: därst, därstig. Stalder 1, 266; d's glück isch für de därstige,
audaces fortuna juvat. ebendort; schles. turstig Weinhold 101
b;
deutsch-ungar. türstig Schröer 44
b;
siebenbürgisch getierschtig
ebenda; getierstich,
dreist, kühn, verwegen. Haltrich 12.