geturst,
f. ,
vereinzelt auch masc. substantivbildung zu geturren.
das s
des substantivs steht zum zweiten r
des verbums in grammatischem wechsel, genau wie in dem secundär gebildeten praeteritum getorste.
auch hier sind präfigierte und präfixlose formen zu unterscheiden; die letzteren (thurst, durst)
reichen bis an die schwelle des 18.
jahrhunderts. vgl. durst
th. 2, 1746. 11)
die althochdeutsche periode hat keine eigentlich litterarischen belege für das substantiv, dessen geltungsbereich in den glossen wurzelt: temeritas, katurst
vel fravali.
Hrabanische glossen (kiturstida
in der Keronischen sippe) Steinmeyer-Sievers 1, 151;
audacia caturst, kidorst 1, 196.
vgl. Graff 5, 443.
ebenso aus dem summarium Heinrici (12.
jahrh.)
presumptio, erbaltnisse
vel geturst
sumerlaten 14
b. 22)
die mittelhochdeutsche dichtung gestattet dem worte, das in den flexionsformen einen bequemen reim auf vürste, vürsten
abgab, erst in ihren späteren ausläufern eingang. hier taucht auch vereinzelt das masc. auf; es erscheint in der kreuzfahrt Ludwigs von Thüringen (109. 2807),
in dem alemannischen predigtbuch des priesters Konrad und später auch bei Stieler,
der freilich unser wort mit durst =
sitis zusammenwirft. in allen anderen fällen, soweit das genus ersichtlich ist, herrscht das femininum. vgl. mhd. wb. 3, 16
a. Lexer 1, 951,
nachtrag 205.
die bedeutung entfaltet sich nach zwei seiten:
einmal die objective feststellung muthiger gesinnung, die je nach dem zusammenhange sich differenziert, andererseits die tadelnde kennzeichnung des übermaszes an wagemuth und unternehmungslust. [] 2@aa)
ohne weitere bestimmungen tritt das substantiv in formelhafter verwendung auf; hier überwiegt die neutrale fassung des bedeutungsgehaltes. 2@a@aα) der rœmsche fürste der streit mit getürste mit allen den sînen.
Servatius 2040.
vgl. ztschr. d. alterth. 5, 138; der da hiesz geblümethoch ob allen fursten. der vil nach prise gerümet.werben menlichen mit getürsten des vand er nu vil starke widerniete.
jüngerer Titurel 5716, 2
Hahn; nu nemet den geist der wisheit, der uch von gode ist bereit, und gehet vor hern und fursten mit freuden und getursten und forte uch zu keiner stundt!
Atsfelder passionspiel 7949
Grein; waz man von küngen fürsten hie, von graven freien sagt, wi sî rengniren mit getürsten, daz dünket mich so gar ain tant, dan ainez werk sind mir pekant, der tet geleich aim fürsten. Michael Beheim
von dem kung Pladislau 5, 3
Karajan. 2@a@bβ)
nur scheinbar ohne bestimmungen eingeführt, in wirklichkeit aber aus dem zusammenhange hinlänglich ergänzt und eingegrenzt, zeigt sich: swer under sînen henden het alsô wæhe sache, daz er von ungemache sich scheidet, ob er hât geturst, der lesche sînes herzen durst an liebe zuo den ziten. K. v. Würzburg
trojan. krieg 16575; sagt mir .. daz diu rede heimlich belîbe: ir sît sô hôh ein fürste, ich weiz wol, ir habt die getürste — müget ir der heiden mich erwern und vier fürstinne mit mir ernern, ob wir iu folgen hinne? U. v.
d. Türlin
Willehalm 118, 14. 2@bb)
mit näheren bestimmungen und ergänzungen. 2@b@aα)
attributive bestimmungen. 2@b@a@11))
die intensität des bedeutungsgehaltes wird gehoben: in lêrte sant Pêter, der zwelf boten fürste. mit grôzer getürste begunde er got dâ künden,
Servatius 154,
ztschr. d. alterth. 5, 82; wol mugen nu daz sprechen wir, daz der irwelte Baldewin ein menlich helt ist gesin, veste gemut ein furste; in vollem geturste durch der viande lant er reit.
kreuzfahrt Ludwigs des frommen 109
v. d. Hagen. 2@b@a@22))
kennzeichnende attribute: was in manlichem geturste.
kreuzfahrt Ludwigs 2807
Hagen; nû quam der künec von Jerichô des menlîch geturst stuont ie nâch wirden hô.
Lohengrin 4365. 2@b@bβ)
possessivbestimmungen. in beiden zuständigen beispielen schlägt die beimischung eines tadels vor: wer wær denne so tumber der von siner geturste oder von siner fravele sin selbes und aller geschephede schephære ervinden wolte.
specul. eccles. 27
Kelle; wa vernam ie dehein man daz ein sô rîcher fürste von eins mans getürste wurd alsô sîns lebens ân? Lamprecht v. Regensburg
Francisken leben 572
Weinhold. 2@b@gγ)
pronominale hinweise auf bestimmungen, die im zusammenhange liegen: Orilus der furste.die zwei (manheit ... freuden flust) gar ungesundert wol truc mit der geturste.des selben mih nu furbaz niht enwundert.
jüngerer Titurel 5006
Hahn; daz was bischolf Uolrich, den er so frevellich vie. dô daz ergie, vil übellîch im daz vervie ûz Beheimlant der furste daz er in der geturste ie getorste gewesen. Ottokar
reimchronik 8242
Seemüller; ûf mîn wârheit ich ez nim, dâz si mit solhen getursten nie gedienten dheinem fursten sît herzog Uolrich erstarp. 15131. 2@b@dδ)
nähere ausführung durch sätze. [] 2@b@d@11))
durch relativsatz: der keiserîn sie sunder dô und der vürstinne schancten durch daz kumende vrô des keisers unde des prâbantischen vürsten von klârem golde rîche zwei vürspan dar ûze manic edel stein mit kreften bran. diu prêsent rîch in wart von den getürsten die in gein der überkraft ir manheit het erziuget.
Lohengrin 3096
Rückert. 2@b@d@22))
durch substantivsätze: er ist ein hôher fürste, ich wæn er habe die getürste, daz er al den heidentuom wol bestüende durch minne ruom. U. v.
d. Türlin
Willehalm 116, 10
Singer; daz si des muotes immer werd und der geturst, daz si lesche iren durst mit der gevangen bluot. Ottokar
reimchronik 4995
Seemüller; man wolt mich lîht in den getursten, niht wizʒen, daz ich darzuo töhte, daz ich ze Rôm enphâhen möhte. 13580; swer in den getursten wære, daz er kêrte dar, die wurden allesamt bar, mangels unde armuot. 554; wan weder konig, grafen noch fursten leben nit in den getursten, das ir keiner nit vermug, das ein weib versuch und tug.
Salomon und Markolf 1537
Bobertag; got gab in ouch dô dar zuo den geturst, daz si daz heilige gotes wort chunten.
priester Konrads predigtbuch 46
a (12.—13.
jahrh.)
Birlinger. 33)
im 16.
und 17.
jahrhundert ist das einfache durst, thurst
noch vielfach belegt, die verwendung zeigt aber deutlich den rückgang der beweglichkeit, sie ist an bestimmte formeln gebunden. 3@aa) das lasse ich mir eine kühnheit und durst sein. Luther
tischreden 96
b; o wie eine grosse torst und vormessenheit.
Weimar. ges. archiv 1523 Diefenbach-Wülcker 878; dennochtt findtt man under sulchen leuten zu czeitten vill erwegener personen, die sich woll einer durst ader boszheitt understehen dorfften. 878; durst, der,
desiderium, impulsus, facinus audax, confidens, confidentia Stieler 281. 3@bb) 3@b@aα) dasz wir ihn mit aller durst und freudigkeit loben, preisen und bekennen mö
gen. Luther
briefe 2, 168; mit eitel durst und gewalt. Jonas
in Luthers
werken 6, 461
b. 3@b@bβ) räuber und mörder die das schwert aus eigener durst und frevel nehmen. Luther 2, 653,
ebenso 3, 278; das er uns armen leuthen uber unser alt herkommen mitt newerunge beschweret und das unsere mitt eigener durst nimmet.
Weimarer ges. archiv (1559) Diefenbach-Wülcker 878; noch viel weniger von einigen seiner vorfarn des backens halben mit wehren im backhause uberdranget oder das unser mit eigener durst genommen worden.
ebenda. 3@cc) so wir doch gegen ihn gar nichts verschuldet noch solche ernstliche und geschwinde durst um ihn verdienet. Luther
briefe 6, 154; dasz ein weibesbild diese thurst begangen. Tscherning
ged. 216; hat niemand beistand dir zu dieser thurst versprochen? Gryphius
Leo Armen. 2, 203; von helden und ihrer durst. Logau,
vgl. theil 2, 1747.