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gemütlich

nhd. bis spez. · 8 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

gemütlich adj.

Bd. 5, Sp. 3328
gemütlich, adj. zu gemüt, schon mhd., obschon selten, gemüetlîch (s. 1), ahd. in einfachster bildung gimuati bei Otfried, in der bedeutung angenehm, wolthuend, lieb, liebevoll, gütig u. ä. [] (vgl. unter 3, c), nebst adv. gimuato und subst. gimuati n., angenehmes, liebes u. ähnl., d. h. das neutr. des adj., von dem für gemüt, mhd. gemüete anzunehmenden gimuoti durchaus zu trennen. nl. gemoedelijk in andrer bedeutung, gewissenhaft, feinfühlig, rührend, doch nun auch wie hochd. entlehntes nord. gemytlig s. u. 4 a. e. s. übrigens auch die nebenform gemütig (nl. gemoedig), die sich als zwischenform zwischen gimuoti und gemütlich darstellt. 11) mhd. zur zeit nur in zwei stellen belegt, nicht in der heutigen bedeutung: eʒ wart dâ von in beiden ein vil gemüetlich scheiden und sazten sich ze ruowe hie. Iwein 7248, von kämpfern die eine ruhepause machen: eine beiden sehr willkommene, angenehme trennung (vergl. Beneckes anm.), es ist eigentlich eine fortsetzung des ahd. gimuati vorhin (s. 3, c), mhd. gemuot, eigentlich gewiss gemüete, s. Lexer 1, 848; im adv.: dâ was deweder man noch wîp alsô gemüetlîche gemuot, eʒ müeste durch die vrowen guot und durch den herren weinen. Rud. v. Ems g. Gerh. 4817, hier von froher, gehobener stimmung, die auch kurz gemüete hiesz neben guot oder hôch gemüete (s. unter gemüt 7, b, β). daneben übrigens öfter einfach müetlich, muotlich Lexer 1, 2246, anmutig, lieblich, aber auch freudig j. Tit. 1690, 4. 22) nhd. anfangs als adj. zu gemüt überhaupt, selten bezeugt, gewiss nur durch zufall. 2@aa) gemütlich, dem gemüt angehörig, das gemüt betreffend u. ähnl.: letzlich (soll der kranke) sich vor aller gemütlichen beschwerung, zorn, unmut und dergleichen, so vil immer müglich ist, verhüten. Wirsung arzn. 513, beschwerung des gemüts. so doch auch noch bis in unsere zeit: schmerzen, sie mögen nun körperlich oder gemüthlich sein. Kosegarten rhaps. 3, 259, aus einer lat. schrift des 16. jahrh. übersetzt; die gemüthlichen stürme dringen weit schwächer auf den mann ein und untergraben die körpergesundheit bei ihm seltener, als bei der liebeleer verheirateten frau. morgenblatt 1846 881b, stürme des gemüts, es findet sich noch jetzt so, gemütliche aufregungen u. ähnl. auch folgendes schlieszt sich noch an diesen allgemeinen begriff an: es ist ein erstaunenswürdiger beweis der gemüthlichen beschränktheit der nationen, dasz sie eine solche despotische behandlung .. seit jahrhunderten sich gefallen lieszen. v. Soden bei Börne 5, 357; der staat will alles zu öffentlichen, allgemeinen zwecken, der einzelne zu häuslichen, herzlichen, gemüthlichen. Göthe 26, 41 (aus m. l. 11). 2@bb) im 16. jahrh. auch persönlich: wo er dich forther (fürder) hin zu schicken gemütlich. Aimon b, d. h. wohin er gesonnen ist dich zu schicken; s. gemüt 7, c, β, absicht, wille u. dergl., also ich bin gemütlich, bin willig, gesonnen, wie sonst gemut. 2@cc) es ist übrigens merkwürdig, wie lange das wort sich der beobachtung der wbb. entzogen hat, nicht nur im 16. 17. jahrh., auch noch im 18., denn es fehlt in allen wbb. bis auf Adelung, der es aber nur als im gemeinen leben üblich gibt, 'von einer neigung oder munterkeit des gemüthes, deren bewegungsgrund man nicht deutlich einsiehet', als beispiel aber gibt er nur den gebrauch unter 3. 33) gemütlich mit dat. der person, genehm, lieb, willkommen, dem wunsch und sinn entsprechend u. ähnl., vielleicht auch alt (s. c), obschon erst seit dem 18. jahrh. eigentlich gangbar (nach Klopstock unter 4, a herrnhutisch). 3@aa) ein beispiel aus dem 16. jh. hat Voss ausgezogen: es was inen nie gemütlich. Fierrabras E 5. dann erst bei Adelung, z. b. es ist mir heute nicht gemüthlich spazieren zu gehen, ich habe keine neigung dazu, mit einem beleg von Baumgarten: die munterkeit des gemüthes, oder wie es einige ausdrucken, dasz es ihnen so gemüthlich sei, ist kein zeichen der rechtmäszigkeit einer handlung; bei Heynatz antib. 2, 31 für gelegen, gefällig, 'gehört nicht in die gute schreibart', mit zwei belegen: damit dieser ritus (vor der consecration des brodes und weins eine ermahnung abzulesen) den communicanten und mir nicht mechanisch werde, so beobachte ich ihn nicht jedesmal, sondern bei strenger kälte oder in kurzen tagen, oder wenn es mir grade so gemüthlich ist, fällt er weg. journal für prediger 27, 1, 19; mir selbst war es nicht gemüthlich, meinen brüdern einen so furchtbaren bundesgenossen zu verschaffen. Johann von Schwaben 5. aufz. 3. auftr.; ists ihnen gemüthlich, davon verleger zu werden, so wollen wir wegen des honorariums leicht mit einander übereinkommen. wirtemb. briefe [] o. o. 1786 s. 6; wenn es ihnen gemüthlich ist, so grüszen sie auch Göthe von mir. Charl. v. Stein an die Schillerin im j. 1797, Charl. v. Sch. u. i. fr. 2, 321; wär ich ein dichter und es wäre mir gemüthlich, für die oberste göttin im Olymp .. allein verständlich zu dichten ... wörterschau, ein possenspiel Lpz. 1802 s. 31; so ist es wahrscheinlich, dasz man ihr irgend einen heft mitgetheilt, aus dem sie sich, was ihr gemüthlich war, ausgeschrieben. Göthe 17, 238, von Ottiliens tagebuch in den wahlverw. 2, 4 a. e., was ihr gemüt ansprach; sage mir, mit wem zu sprechen dir genehm, gemüthlich ist. 56, 99 (3, 261 H.); es war mir gar nicht gemüthlich, dich heute zu verlieren, und so hab ich mich deines Fritzes bemächtigt ... an frau v. Stein 2, 207 (1782); fahren sie fort wie es ihnen gemüthlich ist (mit der musicalischen behandlung der Pandora). an Zelter 1, 455; ich hoffe dasz einiges auf diesen bogen dir gemüthlich sein und dich anregen solle es in deine kunstsprache zu übersetzen. 3, 73; die sonne war noch nicht lange hinab, der abendschein lag auf unsern fenstern, und es war uns gemüthlich, noch eine zeit lang ohne licht zu sitzen. Eckermann gespr. mit Göthe 3, 133. 3@bb) auch mit attributiver, also flectierter verwendung des adj., obschon selten: traten wir in den garten um das grab des edlen greises (Gleim), dem nach vieljährigem leiden und schmerzen, thätigkeit und erdulden, umgeben von denkmalen vergangener freunde, an der ihm gemüthlichen stelle gegönnt war auszuruhen. Göthe 31, 244 (tag- u. jahresh. 1805). 3@cc) bemerkenswert ist, wie diesz neuere gemütlich übereinkommt mit dem ahd. gimuoti, so dasz es als eine fortsetzung davon erscheinen kann und mans von je her in gebrauch vermuten möchte, wie es denn mhd. vorliegt unter 1; z. b.: thuruh thîn hêrôtinist mir iʒ gimuati, thaʒ io fuaʒi mînezi thiu thîn hant birîne. Otfried IV, 11, 23, Petrus zu Christus, der ihm die füsze waschen will: weil du mein herr bist, ist mirs nicht gimuati, dasz deine hand zu dem zweck meine füsze berühre; so von Christi freude über die frömmigkeit eines weibes: was druhtîne iʒ gimuati u. s. w. III, 10, 42, gimuati was dem 'mute' entsprechend, entgegenkommend, wolthuend ist u. ähnl., wie gemütlich, bei dem sich aber gemüt als stammwort geltend macht, auch in seiner neuern färbung (s. folg.). 44) unser neueres, nun so unentbehrliches gemütlich erscheint wirklich erst im 18. jh. ausgebildet und zwar spät, wie ja auch der engere begriff von gemüt, der beide worte nun beherrscht, sich als sehr jung erwies. 4@aa) seine erste pflege scheint es in den kreisen der pietisten und Herrnhuter gefunden zu haben. im j. 1723 erschien z. b. als anhang zu einem neudruck von Gichtels eröfnung und anweisung der dreien principien und welten im menschen eine betrachtung des ehestandes, wie solcher unter gemütlichen christen mit reinem herzen und gewissen zu führen ist; noch im j. 1774 braucht es Klopstock geradezu als herrnhutisch und zwar in der wendung mit dat. vorhin (sodasz es also ihm selbst nicht geläufig war): was höret man bey uns wol anders, als die groszen, tiefgedachten säze: die unsterblichkeit der seele musz man bald annehmen, und bald nicht annehmen, nach dem einem nämlich entweder das eine oder das andre, um mit den Herrnhutern, die doch auch ihr gutes haben, zu reden, gemütlich, oder es etwas weltlicher, aber nicht viel anders auszudrücken, empfindsam ist. gelehrtenrep. 365 (12, 356). also es ist mir gemütlich, das gemüt gibt mirs so ein, gemütliche christen, die ihre religion auf das gemüt bauen, im gemüt hegen (vgl. u gemüt 11, d, β), im gegensatz zu dem verstandesmäszigen christenthum der gleichzeitigen orthodoxie. von gemütlicher religion ist aber auch sonst die rede, z. b.: eine religion ist gemüthlich, wenn sie eine offenbarung gottes in den gefühlen annimmt, eine unmittelbare innre erleuchtung u. s. w. W. Menzel deutsche lit. 1828 1, 84 (daneben sinnliche, verständige, mystische religion); der sinnliche gläubige sieht gott in der sonne oder in der ganzen natur ... der gemüthliche empfindet gott in den gefühlen der ehrfurcht, liebe, des danks, der furcht. 83. 4@bb) gemütlich heiszt dann, als das wort sich verbreitet gegen das ende des 18. jh., was das gemüt anspricht, befriedigt, anregt u. ähnl., also eigentlich wie in der wendung es ist mir gemütlich (s. 3): dem mittelpunkte des katholicismus mich nähernd .. trat mir so lebhaft vor die seele, dasz vom ursprünglichen [] christenthum alle spur verloschen ist. ja wenn ich mir es in seiner reinheit vergegenwärtigte, so wie wir es in der apostelgeschichte sehen, so muszte mir schaudern, was nun auf jenen gemüthlichen anfängen ein unförmliches, ja barockes heidenthum lastet. Göthe 27, 195 (it. reise, 27. oct. 1786); in den zwei letzten gesängen (der idylle) ist ein gewisser epischer schritt .. auch ist über das ganze eine gewisse gemüthliche anmuth verbreitet. 33, 219 (jen. lit. zeit. 1804); der minister, Clementine und die übrigen Gehlerischen stücke, der deutsche hausvater von Gemmingen, alle brachten den werth des mittleren, ja des unteren standes zu einer gemüthlichen anschauung und entzückten das grosze publicum. 26, 196 (aus m. l. 13); schon der gedanke dieser darstellung ist einer der glücklichsten, sobald einmal der vorsatz gefaszt ist, ein unschuldiges vergangenes mit anmuthiger trauer wieder heranzufordern. und wie gelungen ist in jedem sinne dem Engländer (Goldsmith) dieses gemüthliche vorhaben! 22, 158 (12); wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemüthlich und heimlich, die welt, die wir zusammen nicht sehen sollten, in der erinnerung zu durchreisen. 17, 11 (wahlv. 1, 1); dadurch geschreckt, gewöhnte ich mich zu einer gewissen lebensart, die ich gemüthlich fand. 34, 73 (Benv. Cell. 1, 5); und so gewähren (bei Gleim) vers und reim, brief und abhandlung durcheinander verschlungen den ausdruck eines gemüthlichen menschenverstandes innerhalb einer wolgesinnten beschränkung. 31, 241 (tag- u. jahresh. 1805). 4@cc) gemütlich heiszt aber auch was aus dem gemüt kommt, es ausspricht, was in und mit ihm geschieht, ihm angehört u. ähnl. (im anschlusz an 2): blick und händedruck und küsse, gemüthliche worte, sylben köstlichen sinns wechselt ein liebendes paar. Göthe 1, 278 (m. eleg. 13); das gemütliche du, das in der familie, unter freunden gilt oder eintritt: da nun .. die für den abend (im ehespiel) vereinten paare sich auf die wenigen stunden mit du anreden muszten, so waren wir dieser traulichen anrede durch eine reihe von wochen so gewohnt, dasz auch in der zwischenzeit, wenn wir uns begegneten, das du gemüthlich hervorsprang. 26, 348 (aus m. l. 15); mein vater, von Karl dem siebenten zum kaiserlichen rath ernannt und an dem schicksale dieses unglücklichen monarchen gemüthlich theilnehmend, neigte sich .. gegen Preuszen. 24, 70 (aus m. l. 2), gemütliche theilnahme u. ä.; erbot ich mich, meine neuesten und liebsten balladen zu recitiren .. und ich trug sie um so gemüthlicher vor, als meine gedichte mir noch ans herz geknüpft waren. 26, 289 (14), zugleich mit gemütlicher wirkung; da ist sie uns das symbol der mutterliebe, des gemüthlichsten, reinsten und zartesten triebes. ders. bei Campe; wo erst eine beschränkte thätigkeit in einer trockenen, ja traurigen nachahmung des unbedeutenden, so wie des bedeutenden verweilte, sich darauf in ein lieblicheres, gemüthlicheres gefühl gegen die natur entwickelte. ebenso; an den genien bemerkt man schöne gemüthliche köpfe. ebenso; sobald man der subjectiven oder sogenannten sentimentalen poesie mit der objectiven .. gleiche rechte verlieh .. so war voraus zu sehen, dasz, wenn auch wahrhafte poetische genies geboren werden sollten, sie doch immer mehr das gemüthliche des inneren lebens als das allgemeine des groszen weltlebens darstellen würden. 49, 60 (spr. in pr. 178). frau v. Stein schreibt über ihn im j. 1797 an die Schillerin: dasz Göthe die welt (nun) lustig ansieht, macht, weil diese seite seines verstandes die klarste ist. er hat begriffen, dasz ihre natur von der beschaffenheit sei, dasz sie keine philosophen je verbessern werden, und da er sich wie billig auch zu der welt rechnet, weisz er wohl, dasz auch er nicht anders sein kann, und je mehr ihn diese dinge sonst gequält und er sie durchdacht, hat er sich (nun) gemüthlich darüber zur ruhe gesetzt. Charlotte von Schiller u. i. freunde 2, 322, gemüthlich, d. h. in und mit dem gemüt, in dem er nun seine welt suchte. 4@dd) gegenseitigkeit ist gemeint mit gemütlichem verkehr, gemütlicher gesellschaft u. ä., wo das gemüt sowol angeregt wird als selbst anregt, mit dem innern leben aus sich herauszugehen: wenn ich mich nun so, in der erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen sehe, wüszt ich nicht genau zu sagen, was in mir vorgieng .. ich überliesz mich den heitersten hoffnungen eines nächsten gemüthlichen zusammenseins (bei Jacobis). Göthe 30, 189; die menge versammelte sich bei einem vogelschieszen, nicht weniger bei einem brunnenfest (in Tennstedt), welches [] durch einen kinderaufzug recht gemüthlich wurde. 32, 114 (tag- u. jahresh. 1816); wogegen der begriff der academieen in seiner nichtigkeit (für tiefere anregung des geistes) hervortritt, weil es ihnen an gemüthlicher gemeinschaft und betriebsamkeit mangelt (in vergleich mit den universitäten). J. Grimm über d. altd. meistergesang (1811) 10. besonders im geselligen verkehr haben sich wort und begriff stark entwickelt, da soll alles wo möglich gemütlich sein, alles gemütlich vor sich gehen, wenn auch nur in der form, so dasz man sich z. b. doch auch gemütliche grobheiten sagen kann; gesellschaften zum vergnügen nennen sich wol auch die gemütlichen. von einer familie rühmt man, dasz da im hause ein gemütlicher ton herrsche, aber auch ein haus, eine wohnung selbst wird als gemütlich gerühmt, wie man im hause wieder eine gemütliche stube lobt, in dieser wol auch eine gemütliche ecke, die schon viel gemütliches erlebt hat und dazu einladet, wie in einem garten ein gemütlicher winkel, eine gemütliche laube sind, wo das gemüt oder die gemüter gegenseitig leicht aufgehen zu behaglich freiem und sicherem leben. auch gemütliche verhältnisse, beziehungen u. ähnl.: die sperlinge an den beiden hausrinnen traten in die gemüthlichsten beziehungen. G. Freytag verl. handschr. 1, 34. einem von der reise kommenden gaste macht man es gemütlich, fordert ihn auf, es sich gemütlich zu machen (genauer zu b). sehr entwickelt ist auch der gegensatz ungemütlich, das Göthe gleichfalls schon öfter braucht, auch im hohen stil, z. b. von dämonen in der Pandora 40, 391. dagegen wird das lob nun auch gesteigert zu urgemütlich, ein beliebtes kraftwort besonders jugendlicher kreise. 4@ee) auch vom menschen selber, der ein gemütliches thun und lassen hat, auf gemütlichen verkehr gern und ganz eingeht u. ä.: o wie kommts! mir ist heute so wohl und behaglich, als wenn man irgend was gutes gethan hat, oder auch thun will! so der gemütliche greis, und verschob das samtene käppchen .. Voss Luise 3, 1, 76 (urspr. der feurige); ich schnallte in Grimme meinen tornister, und wir gingen. eine karavane guter gemüthlicher leutchen gab uns das geleite .. Seume spaz. nach Syr. 1; Schiller ist nicht mehr, aber was Schiller auf mich gewirkt hat, lebt fort .. seine gestalt, seine milde, sein gemüthliches wesen, alles lebt noch frisch in meinem herzen. H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 54, brieflich vom j. 1806. von bauern als naturmenschen, im munde eines hofmannes: wie freut man sich, wenn man immer in zwangsverhältnissen leben musz, darf man einmal unter euch gemüthliche, von jeder fessel der convenienz entbundene naturmenschen treten! Immermann Münchh. 3, 58 (5, 7), was vom diaconus berichtigt wird: gemüthlich sind die bauern gar nicht, excellenz, die leute haben keine zeit zum gemüth. gemüth kann man nur haben, wenn man wenig zu thun hat u. s. w. 59. bemerkenswert ist, wie wenig man noch im j. 1808 an das wort im buche gewöhnt war, wenn Campe da, nachdem er selbst stellen von Göthe beigebracht hat (s. c), hinzufügt: in dieser weitern bedeutung hat es ein neuerer dichter auch in der höhern schreibart gebraucht: die gemüthliche Herkla löst' ihr schürzchen nun ab. Sonnenberg. dasz es von Göthe eigentlich eingeführt worden ist in die schriftsprache, etwa nach 1790 (wie er dann auch gemüth in pflege nahm), zeigen die beispiele, er wird es aber, wie so manches, aus dem hausdeutsch seiner umgebung aufgenommen haben (vgl. frau v. Stein unter c). nun ist es aber längst auch in die mundarten und die volksrede eingedrungen und auch ins nordische aufgenommen,n. schwed. gemytlig, wenn auch mehr in der umgangssprache, als in büchern, schwed. z. b. en gemytlig karl (man), det var mycket gemytligt der, wie bei uns, ebenso nl. gemoedelijk. 55) das so junge wort hat aber auch schon seine merkwürdigen schicksale erlebt bis zur entstellung und entartung, wie gemüt selbst; vgl. die warnung vor dessen misbrauch schon bei Göthe unter gemüt 11, e, γ. 5@aa) gemütlich heiszt nun auch, wer vor lauter gemüt die strenge des denkens, wie die entschiedenheit des thuns scheut und dem ernst des lebens aus dem wege geht oder ihn ganz übersieht, um nicht aus seinem gemütlichen behagen hinausgetrieben zu werden, z. b.: wer sich (als geschichtsphilosoph) täuschungslos dem geschäfte hingäbe, die ordnungen des moralischen weltlaufs zu gewinnen und schonungslos das andere betriebe, sie auszusprechen und zu lehren, der würde sehr bald alle gemüthlichen und schwachmüthigen erschüttern und bekümmern. Gervinus gesch. d. d. dichtung 5, 414 (373), man bemerke täuschungslos [] und schonungslos, begriffe die es im begriffsbereich der gemütlichkeit nicht gibt; es giebt eine redensart, dasz man nicht nur niederreiszen, sondern auch aufzubauen wissen müsse, welche von gemüthlichen und oberflächlichen leuten allerwege angebracht wird, wo ihnen eine sichtende thätigkeit unbequem in den weg tritt. G. Keller der gr. Heinrich 4, 68, vgl. 90; wie die nordmänner (die Norddeutschen) die Süddeutschen für einfältige leutchen, für eine art gemüthlicher duseler ausgaben. 3, 209, von unserm norden oder nordosten sind die begriffe stramm und schneidig als maszgebend für das handeln ausgegangen, während das gemütlich besonders gern uns Sachsen zugeschrieben wird. gemütlicher dusel, gemütlich dahin duseln u. ähnl. sind nun gangbare wendungen, auch allerhand thun wird gemütlich genannt, das aus übersehen der gegebenen verhältnisse flieszt, für die ihm der scharfe blick fehlt vor eignem behagen in sich, z. b.: auch Fritz Hahn war (bei dem maskenball) für scharfe augen leicht erkennbar, er trug über der larve gemüthlich seine brille. G. Freytag verl. handschr. 2, 202. den anlasz dazu gab gemütlich als gegensatz zu aller strenge, strengen formen oder anstrengung. wenn z. b. auf dem gerichte oder amte ein ernstes geschäft abzumachen ist, zu dem etwa eine ängstliche witwe dort erscheint, sagt ihr wol ein menschenfreundlicher beamter ermutigend: regen sie sich nicht auf, oder sein sie ruhig, wir wollen das ganz gemütlich abmachen oder in aller gemütlichkeit oder gemütsruhe, was freilich dem amtswesen scharf widerspricht, das doch äuszerlich gesehen auch in gemütlicher ruhe verläuft. oder nach einer anstrengenden wanderung, wenn nun endlich das ziel sichtbar wird, heiszt es wol unter den wandernden: nun wollen wir vollends gemütlich heim schlendern o. ähnl.; er lief was er laufen konnte durch dornen, disteln und gesträuch, bis er athmend eine freie anhöhe erreichte ... er sah niemand in der nähe und beschlosz daher die wanderung nun gemüthlicher fortzusetzen. Immermann Münchh. 3, 192. 5@bb) aber auch ironisch und in vollster verkehrung ins gegentheil. gewisse unbegreiflichkeiten werden nun auch mit gemütlich bezeichnet, z. b.: so war es möglich, dasz (während in Paris die revolution schon zu ihren gräueln vorgeschritten war) deutsche offiziercorps, ja sogar die gardes du corps in Potsdam das ça ira gemüthlich blasen lieszen, während die straszenjungen einen rohen übersetzten text dazu sangen. G. Freytag neue bilder (1862) 463. aus Ungarn erzählten kürzlich die blätter von einem vorkommnis vor gericht, wobei gräulich verrottete verhältnisse zu tage kamen, mit dem schlusz als moral: das sind gemüthliche zustände! neulich las man von gemüthlichem hochverrath, der gewissen parteien als streben in die schuhe geschoben wurde. dasz eine kirmes oder gar eine hochzeit mit einer gemütlichen hauerei geschlossen habe, ist für ein solches vorkommnis eine beliebte 'gemütliche' form der darstellung, die die sache ganz ins ironisch spaszhafte setzt. ein ungehobelter besuch setzt sich gemütlich gleich aufs sofa, setzt beim fortgehen den hut gemütlich in der stube auf u. ä. gewisse unbegreifliche dinge entlocken manchem zuerst den ruf das ist aber gemütlich! nun wirds aber gemütlich! ist doch auch gemüt von dieser ironischen verdrehung noch schlimmer ergriffen, wenn es nun beliebt wird (von Berlin aus), bei einer neuen verlobung von der braut zu rühmen: sie hat auch gemüt (oder bildung), mit der handbewegung des geldzählens. 5@cc) dem gegenüber sei doch schlieszlich der reine begriff in seinem hohen adel ausgesprochen, auch aus ganz neuer zeit: ich glaube jetzt zu wissen (sagt einer), was gemüthlich ist: ausdenken und vorsorgen für das kleinste, vollkommenes versetzen in lage, bedürfnis und stimmung eines andern, ein dichten mit dem herzen, die phantasie der empfindung. Auerbach auf der höhe 3, 241, also das gerade gegentheil von schwächlichem gehenlassen oder dahinduseln, das beste selbstvergessene stille sinnen und thun für andere, wie es eben nur das gemüt leisten kann. setzte doch Göthe das gemütliche dem menschlichen gleich, diesz als das höchste genommen, was wir erreichen können: genau betrachtet dürfte hier kein streit sein (zwischen classisch und romantisch), denn die alten haben ja auch unter bestimmten formen das eigentlich menschliche dargebracht, welches immer zuletzt, wenn auch im höchsten sinne, das gemüthliche bleibt. 46, 126 (29, 629 H.), wozu das vorhergehende u. gemüt 11, e, γ zu vergleichen ist, auch Schiller an Göthe unter gemütlos.
22782 Zeichen · 379 Sätze

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Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    gemütlichadj.

    Grimm (DWB, 1854–1961) · +1 Parallelbeleg

    gemütlich , adj. zu gemüt, schon mhd., obschon selten, gemüetlîch ( s. 1), ahd. in einfachster bildung gimuati bei Otfri…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    gemütlich

    Goethe-Wörterbuch

    gemütlich -th-; auch subst; rund 130 Belege gegenüber 7 ‘gemütvoll’. Überwiegender Gebrauch erst in der klass u nachklas…

  3. modern
    Dialekt
    gemütlich

    Mecklenburgisches Wb. · +2 Parallelbelege

    Wossidia gemütlich wie hd. in der Wendung: nu ward 't gemütlich, säd' Finksch, donn set se ganz allein in 'n Saal Ma Mal…

  4. Spezial
    gemütlich

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    ge|müt|lich adj. 1 pazifich (-cs, -ca) 2 (angenehm) plajor (-s, -ra), da sté saurí 3 (behaglich) comot (-oc, -a) 4 (erfr…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit gemuetlich

15 Bildungen · 5 Erstglied · 8 Zweitglied · 2 Ableitungen

Ableitung von gemuetlich 3 Analysen

ge- + mutlich

gemuetlich leitet sich vom Lemma mutlich ab mit Präfix ge-, mit Umlaut-Wechsel.

Alternativen: ge-+muet+-lich gemuet+-lich

gemuetlich‑ als Erstglied (5 von 5)

gemütlichkeit

DWB

gemuetlich·keit

gemütlichkeit , f. gemütliches wesen, gemütliche gesinnung, auch verhältnisse u. a. ( vgl. Adelung , Campe ): so vergieng ihnen der tag zusa…

gemütlichtröstlich

GWB

gemuetlich·troestlich

gemütlich-tröstlich GWB 33,265,21 Camp → GWB un- GWB froh-gemütlich GWB geistig-gemütlich GWB geistreich-gemütlich GWB leicht-gemütlich GWB …

gemuetlich als Zweitglied (8 von 8)

frohgemütlich

GWB

frohgemut·lich

froh-gemütlich Der Geburtstag Ihres Königs ist .. in unserm Kreise froh gemüthlich begangen worden GWB B37,178,27 Schultz 9./19.8.23 Gertrud…

geistiggemütlich

GWB

geistig·gemuetlich

geistig-gemütlich die geistig-gemüthlichen [< geistig gemüthlichen] Entbehrungen [ Isolation infolge ‘körperlicher Leiden’ ] .. unerträglich…

geistreichgemütlich

GWB

geistreich·gemuetlich

geistreich-gemütlich -th- idVbdg ‘geistreich-gemütliche Gespräche’ iSv Geist u Seele ansprechend, belebend GWB B48,106,20 CarlFriedr 2.2.31 …

leichtgemütlich

GWB

leicht·gemuetlich

leicht-gemütlich iSv leichten Sinnes, voreilig Die Redaction meiner Correspondenz mit Schiller ist ein .. erfreuliches Geschäft; allein die …

ungemütlich

GWB

ungemütlich [bisher nicht publizierter Wortartikel]

urgemütlich

DWB

urgemütlich , adj. adv. , gemütlich 4 mit ur- C 4 a. vgl. grundgemütlich: im dorf war es wieder u. v . d. Steinen naturvölker Zentralbrasili…

Ableitungen von gemuetlich (2 von 2)

ungemütlich

GWB

ungemütlich [bisher nicht publizierter Wortartikel]

urgemütlich

DWB

urgemütlich , adj. adv. , gemütlich 4 mit ur- C 4 a. vgl. grundgemütlich: im dorf war es wieder u. v . d. Steinen naturvölker Zentralbrasili…