burs,
burse und gespreizt bursch,
bursche,
ein in geschlecht und bedeutung schwankendes wort. es stammt aus dem lat. bursa,
crumena e corio facta, welchem selbst das gr. βύρσα,
corium zum grunde liegt, βύρσα scheint aber für δύρσα gesetzt und dem lat. dorsum
gleich von δέρειν schinden, d. i. goth. tairan,
ahd. zëran
herzuleiten, also dem ags. teors,
ahd. zers,
penis, cauda, praeputium nahverwandt. an solchen zusammenhang denkt die sprache längst nicht mehr. ein bei Graff 3, 206
angeführtes burissa, cassidile
scheint aus dem roman. bursa
entsprungen und nicht der wurzel bëran
zu überweisen. Dem mlat. bursa
sehen wir nun auszer der vorstellung marsupium, crumena auch die von contubernium beiwohnen und es darf wol gefragt werden, ob diese vielleicht in verbindung stehe mit dem uralten symbolischen gebrauch der stierhaut beim schlusse von heergesellschaften, deren ich in der gesch. der d. spr. s. 128
meldung that. man kann freilich aus dem gemeinschaftlichen beutel auch den begrif einer persönlichen genossenschaft erklären, alle zur bursa
gehörigen und aus ihr besoldeten bilden einen verein, der selbst wieder bursa
genannt wird. In solcher bedeutung eines conventikels war das fremde wort burse
unsrer sprache wahrscheinlich erst durch die universitäten zugeführt, nicht in der eines beutels (
ags. puse,
engl. purse)
oder sammelplatzes der kaufleute, wofür später börse (
sp. 245)
angenommen wurde. unser früheres mittelalter kennt den ausdruck burse
nirgends, so viel anlasz die geistlichen gehabt hätten sich seiner zu bedienen. aus urkunden der hohen schulen von Heidelberg, Cöln, Erfurt, Leipzig musz sich ergeben, ob er noch ins 14
jh. hinaufreicht, oder wo im 15
er zuerst um sich grif; eine Heidelberger stadtordnung von 1465 (Mones
zeitschr. 4, 391)
gedenkt der bursen
als gemeinschaftlicher kosthäuser der studenten, wer erinnert sich nicht aus den epist. obsc. vir. der bursa Kneck
und bursa montis?
bei Philand. 1, 129
stehen artige, wol erst dem 16
oder 17
jh. angehörige verse: bursa studentorum finstri sub tempore nachti, cum sterni leuchtunt, monus quoque scheinet ab himlo, gassatim laufent per omnes compita gassas cum geigis, cytharis, lautis harphisque spilentes, haujuntque in steinos, quod feurius springet ab illis. tunc veniunt wechtri cum spieszibus atque reclamant: 'ite domum, gasti, schlaxit jam zwelfius ura!'
in Tübingen hiesz das contubernium der studenten bis auf unsere zeit die bursch. Dasypodius 41
b erklärt contubernium ein rotte oder burs kriegsleut, deren gewonlich zehen waren, inde accipitur für ein ietliche geselschaft oder burs; 311
a durch alle bursen,
manipulatim. ebenso Maaler 83
b die burs, ein kamer vollen kriegsleut,
contubernium; von burs zu burs, von einer rott zu der andern,
manipulatim; 321
a purs von zagen kriegsleuten,
manipulus. Diesen collectivbegrif einer rotte und schar von gesellen oder ihres gelags halten auch alle schriftsteller des 16
jh. fest und noch manche des 17
befolgen ihn: denn die burse (
zu Wittenberg) ist arm und hat nicht, das sie mochte langen verzug erleiden. Luthers
br. 3, 29; sein gleich gesellen, ringer, springer, die im günstig und anmütig warn, frech, jung, mutwillig leut nam er zu sich, mit verachtung der alten rät in sein bursch und gloch. Frank
chron. 273
a; zoch do unser purs uf Hall in Sachsen zu. Tho. Plater 20; alle morgen samleten sich ein guote burs von handwerksgesellen, von meistern und allerlei volks bei seim gebranten wein. Wickram
rollw. 40 (69); der mann mit seiner bursch kam in die stuben. 55 (95); luod ein guote bursch zuo ihm in sein herberg. 65 (114); also gienge es eines mals auch zuo in einem kalten winter, da kam ein guote bursch mit einander geritten. 83 (147); und als er so ein guote bursch bei einander findt. 85 (151); die bursch trinkt den wein aus.
Katziporus F 3
a; darnach wir in die bursch gehn. H. Sachs I, 472
b; luog auch, dasz ir wein stark und firn der bursch flugs aufsteig in das hirn. Scheit
grob. H 3
b; bis dasz die morgenröt her geh, so ists zeit, dasz die bursch auf steh. Q 4
a; und wo du kanst mit groben sachen der bursch ein grosz gelechter machen. T 2
a; geh nicht zu armer bursch zu gast, so du ein speis nicht bei dir hast. Gartneri
dict. proverb. und Henisch 566; denn er weisz, das er nur aufs glück der zalung halb, aus arger tück, von frecher purs dazu bewogn sei wider seinen got gezogn. Ringw.
l. warh. 23 (20); so geh ja in der zeit zu haus und leck nicht alle neigen aus mit loser pursch. 118 (113); wann sich los bursch zusammen helt, sich bös und bös zu hauf gesellt. Eyering 3, 556; ein wunderliche pursch auserlesen, die hat sich drauszen zammengerott. Ayrer
fastn. sp. 38
a; meinstu nicht, ich hab ein auserwehlte pursch von zeugen, die alle dem zimmerknecht von herzen feind seind, zusammen klaubt? Ayrer
proc. 2, 6; wolten seine rottgesellen in bei sich nicht in der burs leiden. Kirchhof
wendunm. 109
a; laszt ein eigen fahnlein tragen vor solcher edlen burs her.
mil. disc. 115
c; was ist in Rom anders dann ein zulauf von ketzern und ein rechter herrenmarkt und bursch der pfrundenkrämer?
bienenk. 224
a; hatte ihme vorgenommen, mit des feindes schwechern haufen, darinnen nur ohnversuchte knechte und eine liederliche bursch war, zu schlagen. Spangenb.
lustg. 587; also ist diese giftige bursch auch bis auf die letzte allhie versparet worden. Phil. 1, 187; welche geldverschwendende bursch (
der hofeschneider) sie (
die fürsten) ja den vornehmsten räthen an gunst und gnaden gleich halten. 2, 85; wir lesen
gen. 4, 19 von dem geschlecht des gottlosen Lamechs, dasz eine ehrbare bursch (
saubere gesellschaft) in seinem haus beisammen gewesen. Creidius 2, 27; eine jungfrauen aus Friesland, welche sieben jahr den Holländern gedienet und sich so tapfer erzeiget, dasz sie unter die adelspursch und beste soldaten ist gerechnet worden. 2, 369; einer aus der hofbursch. Albrechts
fluchabc 51; dasz aber in quartieren die ritterliche pursch sich pfleget auszuzieren. Opitz 1, 104; kein herr der solte mich sehn bei den wagen gehn und mit der hofepursch vor seine tafel stehn. 1, 140; von welcher jungen pursch einer sagte. 2, 258; ihr pursch, jetzt könt ihr sehn und euer urtheil fällen. 3, 79; bald als er seinen stein warf unter diesen hauf, da rieb die tolle pursch einander selber auf. Birken
o. lorb. h. 78; da nähret er die nasse burs (
der fische) in schuppen glatt bekleidet, so stumm, ohn stimmen, ohn discurs die feuchte reich zerschneidet. Spee
trutzn. 136; indes die pursch die schüssel gar aufräumen. Scherfer
grob. 30; zur ander pursch. 35; und demnach wir unsern proviant aufgesackt hatten, giengen wir zu unserer pursch.
Simpl. 1, 242 (
bei Keller
s. 363 zu unserer bursch); befahl auch meiner bursch, dasz jeder seinen mann gewis nehmen solte. 1, 274. Keller
s. 411; worüber seine eigene bursch, die wir gefangen hatten, mächtig erschracken. 1, 276. Keller 413; ihre zwo töchter waren unsers volks und bei der hofpursch wol bekant. 2, 130; als ich eine gesellschaft bettler unweit der landstraszen antraf, die ein feuer angemacht hatten und darumb saszen zu sieden und braten, warhaftig eine lustige bursch. 2, 241.
Um aber die im laufe des 17
jh. eintretende änderung der form und bedeutung des wortes vollständiger zu begreifen, mögen aus Ulenharts
Winkelfelder von 1617
stellen gehoben werden, in welchen zu bursch
abwechselnd das verbum bald im sg. bald im pl. gesellt wird, wie bei begriffen der menge unsre sprache von jeher gestattete (
gramm. 4, 192—194): die ander bursch aber, mit dern (
qua) er daselbsten angelanget, redeten es ihme aus dem sinn, so gut sie konnten. 212; da abgehörte pursch bei einander in ihrem rath versamblet waren. 228; was ihme die ganze bursch einhellig zugemutet. 285; als nun die bursch im besten gespräch waren. 287; die ander pursch fahren in ihrem gespräch fort. 288; die bursch versamblet sich umb den tisch. 298; iemand under der bursch. 304; darob sich die bursch nit wenig entsetzte. 309; die ander bursch aber verfügte sich ein jeder an sein ort zum tisch. 322; die pfanne, daraus die bursch das kalt mues gessen. 340; sobald die bursch dis gehört, liesz die ein die löffel, die ander den rost fallen. 346; liesz die übrige bursch in das fletz rufen. 346;
vgl. die vorhin aus Wickram
und aus Simpl. 1, 276
beigebrachten stellen. hier sehen wir bursch
durchgehends noch als sg. f. aufgefaszt, indem aber die pl. redeten, waren, fahren (samleten, erschracken)
daneben erscheinen, was im sprachgebrauch sehr oft der fall sein muste, geschah es leicht, dasz nun auch bursch
für einen pl. =
gesellen zu gelten begann, von dem sich wiederum ein wirklicher sg. bursch =
gesell setzen lasse. diesen sg. aber, der kein collectiv mehr, sondern die einzelheit ausdrückte, nahm man männlich an, weil unter den gesellen meistentheils männer verstanden wurden. auf solche weise verdrehte sich das ursprüngliche f. bursa
contubernium in ein m. bursch
contubernalis, dessen pl. bursche
mit dem sinn des alten f. bursch
zusammenfällt. so hat sich aus dem collectiv camerata (Diez 82)
die vorstellung stubengenosz und aus frauenzimmer,
gynaeceum unser frauenzimmer
femina, doch ohne abänderung des geschlechts gebildet, auch steht damit die anwendung von blut (
sp. 173)
und andern wörtern für mensch zu vergleichen. es wird sich genauer, als bisher geschehn ist, ermitteln lassen, welcher schriftsteller zuerst wagte, bursch
als sg. m. zu verwenden und davon einen pl. burschen
zu zeugen, ich habe keine älteren beispiele angemerkt, als die folgenden Philanders (
um 1640),
der, wie vorhin erhellte, sonst auch noch das f. bursch
brauchte: mit ihm giengen etlich junge purschen zur burg hinaus. 2, 200; er war ein frisch, jung pursch. 2, 205; in den rasenden jungen jahren haben die versoffene purschen so viel reguln zum trinken erdacht. 2, 213; einer von den jungen purschen, ein frisch wacker kerlchen, hub ein anderes
an. 2, 215; einer von diesen purschen, so sich ausgeträhet hatte. 2, 230;
die stelle aus Opitz 3, 79
ist zweifelhaft. in der stelle aus Simpl. 1, 242
ändert die ausg. von 1713 zu unserer pursch
in zu unseren purschen,
und in Ringwalds
lauterer warheit Brodtkorb
das von frecher purs
in von frechem pursch.
dasz in späteren büchern, z. b. Happels
acad. roman von 1690
neben die academische pursche
s. 378. 381. 938
auch die jungen pursche 353, ein jeder pursch 363
erscheint, kann nicht befremden. Mit diesem bursch,
gen. bursches,
pl. bursche
oder auch bursche,
gen. burschen,
pl. burschen,
in welchen allen zugleich anlautendes P
geschrieben wird, ist in unsre sprache ein unbeholfnes, zum reim untaugliches wort gedrungen, dessen sie kaum benöthigt war, da ihr junge, knabe, kerl, bube, diener, knecht, gesell
u. a. m. zu gebot stehn. dennoch gewinnt es seine eigne farbe. anfangs von den in engerem band lebenden studenten, soldaten, handwerksgesellen geltend, wird es heute, ohne solche rücksicht, für puer, famulus gebraucht und hat sich auch unter das volk verbreitet. wetterauischen bauern heiszt ein liebhaber der bursch,
die geliebte das mensch; bursch
bezeichnet wie bube
jede ledige mannsperson, auch der bürger sagt: mein bursch ist krank
für mein sohn, mein bub.
in aller mund ist: ein guter, schöner, flotter, feiner, lustiger bursch,
oder ein sauberer, lockerer, liederlicher, naseweiser,
ganz wie bub
oder kerl.
doch klingt bursch
gemeiner, gröber als knabe, bube
und hat mehr den nebensinn eines dienenden; nur wo es, wie unter studenten, technisch geblieben ist, dauert auch seine unanstöszige bedeutung. andere würde heutzutage der name bursch
verletzen, während er vordem ehrte, viele,
heiszt es in dem vernünftigen studentenleben. Jena 1716
s. 39, haben einen gefallen daran wenn man sie pursche heiszt; er ist noch ein junger bursch, er verstehts noch nicht besser; ja wenn kein pursche wär. Günther 469; die pursche lachten drein. 553; nur dieses fiel mit alle dem dem guten burschen unbequem. Lichtwer; wie sich die platten bursche freuen. Göthe 12, 107; er ist ein so treuer bursche! 8, 191; und Görge hält sein wort. ein guter bursch, ein heftiger bursch! 14, 262; Angelika mahlt mich auch, daraus wird aber nichts. es ist immer ein hübscher bursche, aber keine spur von mir. 29, 8; das gedicht könne sich nur von seinem pedanten herschreiben, der ein sehr feiner bursche sei. 18, 296; einen prinzen, der, ohngeachtet seiner edeln natur, an der roheit, unschicklichkeit und albernheit solcher ganz sinnlichen bursche sich ergetzt. 19, 55; es sind fatale bursche in der gesellschaft. 59, 194.
in allen diesen stellen könnte auch kerl
oder gesell
gesagt sein. beleidigend, entehrend klingt das drohwort: warte bursche, ich will dich schon kriegen!
und ähnliches. Man braucht bursch
auch von andern dingen: nicht wahr, das sind fette bursche? (
er meint die fische, s. Spee
sp. 548). Göthe 11, 118.
wenn Hamlet den geist, der wie ein maulwurf in der erde wühlt, fellow in cellarage
nennt, so wäre dafür bursch im keller
der deutsche ausdruck, Schlegel
wählte gesell. Logau
stellt den hunger und durst als bursche
auf: wer durst und hunger hat, pflegt viel nicht zu verzehren, dann diese beide pursch ist gerne nur im leeren. 2, 7, 46,
wo bursch
noch weiblich steht und das adj. beide im sg. neben sich hat, ein beleg zu 1, 1363.
im euphemismus, wie bruder (
sp. 420)
und sonst auch gast: liesz mich mein bauch auch nicht zufrieden, er kirrete und murrete ohne unterlasz und gab dardurch zu verstehen, dasz bursch in ihm vorhanden wären, die in freien luft begehrten.
Simpl. 1, 103.
Viele zusammensetzungen: bauerbursch, beckerbursch, bergbursch, gärtnerbursch, handwerksbursch, hausbursch, hofbursch, jägerbursch, kellerbursch, ladenbursch, laufbursch, lehrbursch, mitbursch, mühlbursch, reitbursch, ruderbursch, schäferbursch, schifferbursch, schlafbursch, schneiderbursch, stubenbursch, tischbursch, wanderbursch.
s.burst.