zigeuner,
m. 11)
name und geschichte: als im jahre 1417
ein trupp Zigeuner zum ersten mal deutschen boden betrat und die städte Magdeburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock berührte, nannten sie sich angeblich de Secanen,
mit einem namen, welcher dem tschech. cikán
und im abstande dem ungar. tzigany,
rumän. igan,
poln., russ. cygan
entspricht, einer namenreihe, in der sich der weg des östlichen wandervolkes abzeichnet. belege: to der sulven tiid (
im jahre 1417) wanderde dorch de land en vromet hupe volkes, desse quemen uthe Tartarien (de orientalibus partibus Korner
cronica novella 127
Schwalm), se weren swart unde eyslik unde hadden myt sik wive unde kyndere. se toghen dorch de stede unde leghen in deme velde. wente me wolde se in den steden nicht liden umme dat se sere stelen; erer was by 400 unde nomeden sik de Secanen (Sechanos se nuncupantes Korner
cronica novella, fassung A, 127
Schwalm; Secanos,
fassung D, 409
Schwalm) (
Lübeck)
chron. d. dt. st. 28, 108; cum igitur ageretur a Christo annus decimus septimus post mille quadringentos, primum apparuere his nostris maritimis locis ad mare Germanicum homines nigredine informes, excocti sole, immundi veste, et usu rerum omnium foedi, furtis imprimis acres, pręsertim foeminę eius gentis: nam viris ex furto foeminarum victus est. Tartaros vulgus appellat; in Italia vocant Cianos Albert Krantz
Saxonia (1520) K 5
a; als man zalt von Christ geburt 1417, hatt man zum ersten in Teutschland gesehen die Züginer S. Münster
cosmogr. (1550) 300.
gleichzeitig oder wenig später kam in Magdeburg die namensform Zigüner
vor: dar na in dem sulven jare (1417) quemen hir to Magdeborch de Thateren, de Zeguner genant, swarte eislike lude
chron. d. dt. st. 7, 345.
sie hielt sich nicht, wohl aber setzte sich die erstgenannte, indem ihr nach dem muster heimischer stammesnamen, wie Märker, Mecklenburger,
die bildungssilbe -er
angefügt wurde, was bei Zeguner
bereits fertig überliefert wird, in der form Zigäner
fest; diese verbreitete sich von hier strahlenförmig: tsijǟnər
Mittel- und Neumark; Ziegener (
Mecklenburg 1755) Bärensprung
meckl. grundgesetz (1778) 154;
schwed. Zigenare; Zigêner
Frischbier 2, 493
a; Zijǟnder Damköhler
Nordharz. wb. 231
a; Hentrich
Eichsfeld 9;
spurenweise nach Westfalen (ssigäner Woeste-
N. 236
b; 330
a; Zijēnər Heinzerling-Reuter
Siegerl. wb. 340
a)
und gar ins schwäb. gebiet verschlagen: Zygener 16.
jahrh., Zügäner
Ulm 1613 H. Fischer 6, 1, 1196.
jenseit des Rheins begegnet 1527
im Hochwald ein umlautloses Zeganer
weisth. 2, 90,
das auf das franz. tsigane
hinweist. umlautlosigkeit ist an der erweiterten form sonst ungewöhnlich: rheinfränk. Zygoner (1460)
minnerede 927
mscr. germ. d. wiss. öff. bibl. Berlin 4
0 719
fol. 85
a;
schles. Ziganer K. Rother
schl. sprichw. 79
a neben Zegeinar 155
b.
die kurzform Cigaenos
gebraucht Aventin
bair. chron. 3, 518
Lexer. im deutschen sprachraum kommt sie nicht auf; wo sie im osten nach ausweis der mundartlichen wörterbücher unverändert als Zi-, Zegân
und mit geringer abwandlung als Zi-, Zegn
und Zigûn
auftritt (
s. Frischbier 2, 493
a; Schröer
d. laute d. mdaa. d. ungr. bergl. 256; Kisch
Nösn. wb. 162; Haltrich
siebenb.-sächs. 131; Frommann
dt. mdaa. 5, 507),
ist sie der sprache der völkischen nachbarschaft entlehnt; der pl. lautet Ziganen, Zigunen;
hierfür ein früher beleg: Zieganen (
um 1500) S. Grunau
preusz. chron. (1875) 2, 461.
der boden, auf dem das kurzlebige magdeburgische Zigüner
gedieh, ist das bairische sprachgebiet, ohne dasz dessen zuführung von der Mittelelbe in betracht gezogen werden müszte. nach der landschaftlichen sprechweise erleidet sein tonvokal diphthongierung, so dasz die lautgestalt des künftigen schriftsprachlichen wortes hier von anfang an gilt: eine Münchener stadtkammerrechnung von 1418
über bewirtung eines Zigeunertrupps bei Schmeller-Fr. 2, 1094
hat bereits die heutige namenform Zigeuner.
damit stimmt überein die lautumschrift Cigäwnär
des Andreas v. Regensburg 318; 482
Leidinger. in der Schweiz belegt man die ersten horden mit namen, deren ursprung in der Romania liegt: zum jahre 1418
vermerkt eine Basler chronik: als die heiden, genant Sarraciner, dez ersten in dis lant kement 5, 180,
und schon 1414
macht der Basler rat geschenke an heiden
ebda fuszn. 3.
die Schweiz gehört somit zu einem gebiet, in welchem die Zigeuner den Sarazenen gleichgesetzt wurden; von diesem kündet heute noch die reihe venez., friaul. sarazin,
kors. saradzinu,
frz. sarrasin,
lothr. sarzẽ
bei Meyer-Lübke
rom. et. wb.3 629
b.
von der doppelbenennung ist der name Sarraciner
aufgegeben worden (
s. u.),
aber heiden
hat sich aus seiner einengung auf die Sarazenen, die seit den kreuzzügen üblich geworden war, in der Schweiz und längs seinem nördlichen hauptverkehrswege, dem Rheintal bis zu den Niederlanden, als name für die Zigeuner ausgebreitet, literarisch später meist mit dem zusatz Zigeuner,
in der mda. und umgangssprache jedoch für sich: die Zyginger oder heyden (1528)
Basler chron. 1, 61; Zigeuner, auch heiden genannt Martin-L. 2, 894
b; ein zigeiner oder ein heid, wie man sie dan nent Pauli
schimpf u. ernst 232
Öst.; fastnachtsp. 823
Keller (
zit. unt. 3 c); was ein Zingyner oder heid, der ein warsager waz usz der hándt Joh. Adelphus
Keisersbergs passion (1514) 57
b; die Ziginer oder heiden Heyden
Plinius (1565) 354; die heiden oder Zeganer (1527
Tholey, Hochwald)
weisth. 2, 90; Egiptenaers of Heylieden (1420)
kroniek van Lier bei Verwijs-Verdam 3, 256; heyd-lieden Kilian 224
a Hass.; ndl. heiden,
f. heidin; haide,
pl. haiden Woeste-
N. 89
a. 1452
ändert ein bearbeiter den namen Sarraciner
in der ob. erwähnten Basler chronik in Ziginer
ab, und dieser name bleibt nun von bestand: in diesem 1418. jar kamen erstlich die Zyginer, so nennet man die heiden in Helvetien, gen Zürych und andere ort Stumpf
schweizerchron. (1606) 731
a.
der sprachgeschichtliche vorgang in der Schweiz enthält die überschichtung mit dem obd. *Zigüner
als der vorstufe des bair. Zigeuner,
wobei nur heiden
sein dasein rettet, und die entrundung des -ü-
zu -i-
in den beiden alten entrundungsgebieten des alem. sprachraums, welcher das -i-
in dem ersten namen Sarraciner
vorschub leistet, zumal der wortausgang -iner
an den heimischen namen von talbewohnerschaften, wie Engadiner
und Veltliner,
eine stütze hat; sie wird schriftgemäsz. nicht entrundende mundarten zeigen noch heute -ü-: Zigüner Hunziker
Aargauer wb. 309; Zigüünere Friedli
Bärndütsch 6, 370.
auszerhalb der Schweiz kommt für Ziginer
eigenlandschaftliche entrundung in frage; noch nicht von ihr betroffen sind Ziguner (
neben Zeginer
und Ziegeiner) 1466
in Frankfurt bei K. Bücher
d. berufe d. st. Frankfurt a. M. 140
b und ein modernes westthür. Zùnýner Hertel
Thür. 265.
für Ziginer
seien folgende belege mitgeteilt: Ziginer G. R. Rebmann
naturae magnalia (
Bern 1620) 390; Zaginer Tschudi
chron. Helv. (1734) 2, 116; Ziginer Pestalozzi
w. 4, 370; Ziginer
fastnachtssp. 823
Keller; Ziginer Heyden
Plinius (1565) 354; Suyginer Arnold v. Harff
pilgerfahrt (1496-99) 67
Groote; Zeginer C. Löw
meer- od. seehavenbuch (
Köln 1598) 17.
lautschriftliche wiedergabe weist in der Schweiz und im Elsasz auffälliges -kk-, -k-
auf: tsikknər Clausz
Uri 105; tsiknər, tsəknər Martin-L. 2, 894
b;
sonst gilt -g-: tsəginnər Berger
St. Gallen 90;
rechtsrhein. niederalem. Ziginer H. Fischer 6, 1, 1196; dsigínər Follmann
lothr. wb. 558
a;
westthür. Zaijiner Hertel
Thür. 265.
Schwaben diphthongiert zu Zigeiner,
lautlich tsigãenər,
und im bair. sprachraum erwächst Zigeiner
aus späterer entrundung. sonderbildungen verzeichnet H. Fischer 6, 1, 1196: Cziganiter 1446
Tübingen sowie aus modernen mundarten Zigeteuner
und Zigeser;
der schriftsprachlichen lautform haben raum gewährt u. a. die nachstehend verzeichneten mundarten: tsigöünər Leihener
Cronenberg. wb. 125
b;
wb. d. Elberfeld. mda. 178
a; Zijinər Heinzerling-Reuter
Siegerländ. wb. 340
a; sigeuner Schmidt-Petersen
nordfries. 112 (
neben tātər); tsigoindər Block
idiot. v. Eilsdorf 102
b;
im übrigen herrscht weithin aie entrundete wortform: tsiΧainər Lenz
Handschuhsheim 79; tsikainər Meisinger
wb. d. Rappenauer mda. 212
a; tsiXainər Müller-Fr. 2, 705
b.
der tonvokal der urform Zigüner
ist unerklärt. im 16.
jahrh. taucht im Elsasz und in Bayern eine lautform auf, die -n-
in der ersten silbe enthält: Zingyner Joh. Adelphus
Keisersbergs passion (1514) 57
b; Aventin 4, 1, 142
Lexer; es sind ausläufer einer reihe, die mit türk. çingene
beginnt, sich im ngriech. τσίγγανος,
τσιγγᾶνος (
neben ἀτσίγγανος,
ἀθίγγανος)
sowie im balkanslaw. acinganinъ
und cinganin ъ (
neben acigani)
fortsetzt und im ital. zingano, zingaro
sowie im tschech. cinkán,
woneben cikán
häufiger ist, mündet; vgl. Miklosich
in sitz.-ber. d. ak. Wien 90, 3, 6;
ebda 5
wird für 1386
ein feudum Acinganorum
auf Korfu und für 1398 Acingani
in Nauplion erwähnt. der name der Zigeuner
stammt vielleicht aus griech. Ἀθίγγανοι '
name einer den rechtgläubigen verhaszten sekte in Phrygien und Lykaonien, von denen der name, dessen ursprung für griech. gilt, auf die ebenso verabscheuten Zigeuner übertragen sein mag, etwa wie man sie in Europa als heiden
bezeichnet hat' (W. Schulze
in einem ungedruckten vortrag).
ihre sprache aber gehört nach dem bündigen nachweis von Miklosich
in denkschr. d. ak. Wien 23 (1874) 1
dem arisch-indischen an und zwar nach Miklosich
und W. Schulze
dem nordwestindischen. sie selbst gebrauchen den namen Zigeuner
von sich nicht, sondern nennen sich rom
mensch, mann, romñi
weib, romani tschawe
kinder der menschen, manusch
mensch oder sinte
genossen und kale
oder melle
schwarze. Niederdeutschland und im gefolge davon die skandinavischen länder haben der eigenwilligen fehlbenennung Tater,
geboren aus dem flüchtigen eindruck äuszerer körperähnlichkeit mit den seit jahrhunderten bekannten mongolischen Tartaren, dauer verliehen; Luther
gebraucht sie, und sie wird noch von Damköhler
Nordharz. wb. 192
a, Schambach 224
b, Leithäuser 156
und Rovenhagen
wb. d. Aach. mda. 145
a vermerkt. nicht haftet auf deutschem boden eine benennung nach dem lande Böhmen, aus dem die ersten Zigeunerhorden kamen; eine solche ist in Frankreich mit bohémien
und in Dänemark mit Bøhmer
in gebrauch gekommen. auch an der weit verbreiteten bezeichnung Ägypter,
welche der eigenen angabe der Zigeuner, dasz sie aus Klein-Ägypten (
Nikomedien?)
stammten, entnommen ist, hat die deutsche sprache keinen anteil; sie lebt im griech. gyphtoi (gifti),
alban. evgit,
ungar. Pharao nepe,
ndl. Egyptiers, Egyptenaaren, Giptenaers,
engl. gipsies,
span. Gitanos. 22)
äuszerungen zum namen Zigeuner. a)
in vocabularien und wörterbüchern tritt der name Zigeuner
bisweilen latinisiert auf als Zigeuni Reyher
thesaur. (1668) 2326; Kirsch
germ.-lat. (1718) 366; Aler (1727) 2, 2249; Steinbach (1734) 2, 1090; Hederich
prompt. (1753) 2728; Kirsch
cornu copiae (1775) 919;
die meisten nennen sie nach ihrer angeblichen herkunft aus Klein-Ägypten Aegyptii,
so Adam Siber gemma (1579),
s. Ludin 26; Schönsleder
prompt. (1618) Qq 6
b; Stoer
dict. nov. (1662) 2, 633; Widerhold (1669) 435
b; Stieler 2631; Aler (1727) 2, 2249; Egyptien: se disans Egyptiens Hulsius-Ravellus (1616) 430
b; Egyptien Duez
nomencl. (1652) 158;
dict. allem.-franç. (1762) 1129;
an egyptian or gipsy Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2594;
und Bohémien: Egyptiens ou Boemiens Stoer (1662) 2, 633; Widerhold (1669) 435
b; bohémien Frisch
dt.-franz. (1752) 730; bohémien, égyptien
dict. allem.-franç. (1762) 1129; Mozin
dt.-franz. (1856) 4, 1293;
einige haben Cingarus,
so Schönsleder
prompt. (1618) Qq 6
b; Dentzler
clav. germ.-lat. (1686) 360; Weissmann
lex. germ.-lat. (1698) 462; Aler (1727) 2, 2249; Hederich
prompt. (1753) 2728;
andere Ceretanus: Er. Alberus (1540) b 2
a; Kirsch (1718) 366; Steinbach (1734) 2, 1090;
ausführlich Adelung 5 (1786) 395; Campe 5, 867
b; Weigand 2, 1326. b)
das unstete umherziehen der Zigeuner regt an, ihren namen vom deutschen verbum ziehen
herzuleiten: was der herr von den Zigeunern oder Ziehe einher schreibet Widmann
Fausts leb. 240
Kell.; man möchte schier denken, dasz dieser name (Sigynä) sei unser Ziehegan, mit welchem namen unsere vorfahren die landfahrer, die für und für umbherzogen, nenneten, zuvor ehe die egyptischen umbläufer bekand worden Rätel
J. Curäi chron. (1607) 297; Zigeuni,
alias Cingari,
quasi zieh einher Faber
thes. (1710) 2647; nostrati Germani eos adpellitant Zigeuner, quasi dicas zig oder ziehe einher, h. e. vagantes et vagabundos Ahasv. Fritsch
diatribe histor.-polit. de Zygenor. origine (1660)
bei Avé-Lallemant
gaunerth. 1, 11; Zigeuner ...
erraticus a ziehen
proficisci, vagari Stieler 2631; denn das wandern ist den Zigeunern als gottes fluch auferlegt, und so gab er dem volke den namen Zigeuner, indem er zu ihm sprach: zieh einher! W. H. Riehl
durch tausend jahre 3, 238
Hendel; mit dem lat. bringt es Frisch
zusammen: scheint vom lateinischen circulari und cingulum, umzingeln, herzukommen, weil dieses lumpengesind und landstreicher immer im land von einem ort zum andern herumlaufft (1741) 2, 477
c. 33)
abfällige bemerkungen, welche a)
eben dies rastlose wandern von ort zu ort feststellen; in den wörterbüchern kehren solche ständig wieder, wie erro ..., verlorn volck das umbher zeugt, die leute zu betrigen
Adam Siber gemma (1579),
s. Ludin 26; landleuffer Alberus (1540) b 2
a; circulatores Schönsleder (1618) Qq 6
b; Aler (1727) 2, 2249; qui courent le pais Hulsius-Ravellus
teutsch-frz.-it. (1616) 430; Duez (1664) 2, 714; errones Faber
thes. (1710) 2647; einen Zigeuner abgeben
nomadicam vitam agere Kirsch
germ.-lat. (1718) 366;
genus vagabundum Wachter (1737) 1969; das unnütz bubenvolck, so bey unsern tagen herumzeucht Frisch (1741) 2, 477
c.
auch das übrige schrifttum richtet sein augenmerk vornehmlich auf die nomadische lebensweise: das sie als die zegeiner umbziehen musten Steinhöwel
chron. (1531) H 1
b; Zigeuner leben greiner leben S. Franck
sprichw. (1541) 2, 84
b; und in was land ziehen nicht die Zigeiner, kauffleut, studenten, becken, kAemetfeger Fischart
Garg. 32
ndr.; es zeucht hin und wider im landt ein geschlecht der landtbetrieger umb, schwarz, heszlich und ungestalt, in frembter kleidung, welche die jetzigen Griechen Attinganos, wir Teutschen Ziegeuner nennen Nigrinus
von zäuberern, hexen (1592) 52; sie ... ziehen wie Zigeyner oder Tattern Reutter v. Speir
kriegsordnung (1594) 31; sahe ich von weitem einen groszen hauffen lumpen-gesindel gegen mir avanzirn, welches ich im ersten anblick vor Zigeiner erkennete Grimmelshausen
Simplic. 2, 31
Keller; Zgeiner. die zerlumpte, unbestAendige, betrgerische, verlogne, buntbekleidte ... wetterfarbe, abgebrAeunte, nirgend wohnhaffte rott, der bauren last, die sich Egypter rhmen, do sie nie sind gewesen Harsdörffer
poet. trichter 3 (1653) 501; mit den Zigeunern herumlauffen
vagare, correre con i zingari Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1465
a; er spricht: 'es kommen die vagabunde, Zigeuner, Polacken und lumpenhunde' Heine
w. 2, 217
Elster; wenn wir alles hergelaufene volk ins dorf kriegen, so haben wir nächstens auch die Zigeuner hier Fontane
ges. w. (1905) I 6, 329; sie (
mittellose auswanderer) lagerten sich inzwischen wie die Zigeuner unter freyem himmel Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 54. b)
man fürchtet und haszt sie als diebe und gar als räuber: furtis et latrociniis ... intolerabiles Faber
thes. (1710) 2647; latro et fur vagabundus, cingarus Frisch (1741) 2, 477
c; qui se mêlent de voler
dict. allem.-franç. (1762) 1129; wa sy ain rOemischen gawckler kramer ersahent, verstricktennt sy den seckell alls vor ainem schampperen diebischen Zygeynner Phil. Regius
v. lutherischen wunderzaychenn (1524) B 2
a; nuhn sollen warlich unser Zigeuner semptlich alle mit einander diesen rhum und das lob haben, das sie redliche leute sein, und niemals unehrliches gehandelt, da sichs in warheit doch viel anders befindet, denn sie nicht allein als stratioten umbher schwermen, und des gartens und bettelns sich behelffen, sonder auch als trotzige buben den leuten gewalt thun, und das ihre stelen und rauben, wo sie inen nicht das leben dazu nemen und sie umb alle ihr wolfart bringen Pape
bettel- u. garteteuffel (1586) Z 4
b; es ist ein stehlen gewesen, als wan lauter Zigeuner da weren gewesen, sye haben uns unsere seszel, die wir in unseren cellen gehabt, auch genommen (1691)
Alemannia 10, 215; das sind einmal, man weisz nicht von wo überall her, eingewanderte Zigeuner, die ... vom mausen und allerlei bösen künsten leben Görres
ges. br. (1858) 1, 308; Zigeuner sieben von reitern gebracht, gerichtet, verurtheilt in einer nacht (
wegen diebstahls) A. v. Arnim
ges. w. (1853) 13, 22;
raub von kindern wird ihnen nachgesagt: des pfarrers tochter von Bollenbach, die die Zigeuner gestohlen ... haben sollen maler Müller
w. (1811) 1, 294; eine bande Zigeuner, die in der nähe der stadt erschien, gab anlasz zu neuen untersuchungen (
nach der herkunft eines findelkindes) G. Keller
ges. w. (1889) 3, 178; waren das etwa Zigeuner? ängstlich sah sie auf ihre blondköpfe — Zigeuner sollen doch kinder stehlen Cl. Viebig
d. schlafende heer (1904) 1, 15. c)
weniger einhellig ist das urteil über ihre wahrsagekunst, da sich manch einer die zukunft von ihnen verkünden liesz: faisans estat de predire aux gens leur adventure Hulsius-Ravellus (1616) 430; qui ... font profession de predire aux gens leur bonne et mauvaise avanture Duez (1664) 2, 714; chiromanticis magicisque artibus ... intolerabiles Faber
thes. (1710) 2647; diseur, diseuse de bonne aventure Mozin
dt.-frz. (1886) 4, 1243; o heid, o Ziginer, ee loss, lieber miner, kanst echt etwasz, so seg mir war, dan ich bin trum kummen har allein von mins glück wegen
fastnachtssp. 823
Keller; ich main, dast ein Zygeuner seist, weil all mein haimligkeyt du weist Hans Sachs 5, 11
Keller; der künig ... sprach zuo dem Zigeiner, der kunt warsagen Pauli
schimpf u. ernst 232
lit. ver.; hört ihr? sein kein Ziegeiner hinnen? dieselben biszweilen war sagen können, wen sie es offt ungefehr errahten J. Ayrer
dramen 3, 1829
Keller; kein zauberer, kein heyd, kein Zgeiner Paracelsus
opera büch. u. schr. 2, 337
Huser; er (
ein arzt) konnte aus dem uringlase besser wahrsagen, als ein Zigeuner aus der hand J. J. Schwabe
belustig. (1741) 4, 110; gräfinnen und fürstinnen haben sich von den Zigeunern wahrsagen lassen; deswegen bleiben diese leute immer betrüger Gellert 3 (1784) 400;
ein witziges wortspiel des 16.
jahrh. nennt den lügner einen schlechten Zigeuner, da er nicht wahr sagen
d. h. die wahrheit sagen
könne: du gebest eynen bosen Zygeüner, du kanst nicht warsagen Agricola
sprichw. (1534) C 1
a; er ist ein bös Zigeyner, er kOende nit warsagen S. Franck
sprichw. (1541) 2, 11
a; Joh. Nas
antipapist. 2 (1570) E 4
b; mit losen fabeln thut sich flicken (
der lügner), behilfft sich nur mit falschen dcken, von solchen gsellen man auch spricht, er geb keinen Zigeyner nicht, dieweil er nit warsagen kan, wie die Zigeyner weib und man Eyering
proverb. copia (1601) 2, 233; du gibst einen schlechten Zigeuner: du kanst nicht wahrsagen
tu faresti molto male il Zingaro, tu non sai indovinare, ne dire la verità Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1465
a; lgner sind schlechte Zigeuner, weil sie nicht wahr sagen können Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 56;
kürzer im selben sinne: er gibt einen guten Zigeuner ab
raro a mendacio sibi temperat; homo vanus est et futilis, sollenne illi est architectari mendacia Aler (1727) 2, 2249;
es schlieszt sich an: und als diss (
die unzucht des Sokrates) seine discipul hörten, lachten sie, als wann diser ein Zigeiner wäre, und het nit die warheit gesagt Martin Digasser
predigten (1605)
in Alemannia 10, 215;
noch in der mda: ein lügner gäb
e 'n schlechte
n Zigeiner a
b, er kö
nnt
e nit wahrsage
n H. Fischer 6, 1, 1196; ich trau dir wie m beste
n Zigeiner
ebda. d)
bisweilen werden sie der schwarzen kunst verdächtigt oder doch mit zauberern und hexen zusammen genannt: ein Zigeuner het einem weyb haimlich etwas ein graben
Nürnb. meisterl. 23 (
hs. d. Berl. staatsbibl.); ich hab gar vil zu den selben Zygeinern gefrǎgt, auch die weisesten und pesten frawen und man wol erkündet, ob sy doch ettwas in der kunst kündt hetten, aber in wǎrhait ich hab noch nye kain kunst in den sachen bey in funden, denn das alles ir sach allain ist, das sy die lewt umb gelt pringent Hartlieb
buch all. verbot. kunst (1455)
bei Mone
anz. 7, 316; nitt wie die propheten weyssagen, sondern durch schwartze kunst, wie die Thattern odder Tzygeuner pflegen Luther 10, 1, 1, 559
W.; was die alte bettler und bettlerinnen, item die Ziegeuner vor künste treiben und andere lehren, sey bekand Grimmelshausen 2, 698
Keller; er musz auch zu zeiten zu alten weyberen, Zigeyners, schwartzkünstlern ... in die schul gehen Paracelsus
opera büch. u. schr. (1616) 2, 299
c Huser; auch unsere leut, manchmal unhold, hexen und hexenmeister, ... Ziegeuner ... zu raht ziehen Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 186. e)
sie sind als aufdringliche bettler gefürchtet: unter allen bettler zunfften sind vornehmlich bekandt ... die Zigeuner
grillenvertreiber (1670) 3, 9; anhalte
n wie e Ziginer
zudringlich bitten Martin-L. 2, 894
b. f)
was ihnen sonst vorgeworfen wird: die Ziginer oder heiden sollen die ael den rossen durch den affteren hinein lassen, damit sie von solchen auffgeblasen dester feister ... und also theurer verkaufft werden Heyden
Plinius (1565) 354; wenn mir yemand solche bucher ... brecht, ... so dechte ich gewislich, es hette sie ein Zygeuner odder loser bube gemacht Luther 23, 166
W.; darnach alles stelen, was sie konnen, und davon lauffen und handeln mit der ehe wie die Thattern odder Zigeuner, welche imerdar hochzeit und tauffe halten, wo sie hin komen 30, 3, 227
W.; denn keyn kind ist ynn deutscher sprache, wenn yemand fur yhm von eyner frawen redet also, der fraw ist schon, das man ist frum, es wrde lachen und sagen: du bist eyn Tatter odder Zygeuner 18, 153
W. 44)
die anfängliche duldsamkeit gegen die Zigeunerhorden wich bald der abweisung; eine anzahl belege aus dem 17.
und folgenden jahrh. seien als zeugnis behördlicher masznahmen gegen sie angeführt: weilen auch die Zigeüner nichts anders als lauter ungelegenheiten verursachen, sich blosz allein mit stellen unter denen unterthanen erhalten, ist ihnen also die herrschaft verbotten (17.
jahrh. Eisenburger comitat)
österr. weist. 7, 1024; da Zigeiner, es sei manns- oder weibspersonen, in das gericht komben, soll ihnen nit underschlaipf gegeben, sonder solches alsbalt bei obrigkeit angezaigt, damit sie mit ehistem wider ausz dem gericht gebracht werden mügen, dem ungehorsamben bei der straf (1671
Raschenberg, Bayern)
weisth. 6, 159; das die Zigeiner nit zu gedulten. demnach vermüg des h. romischen reichs abschieden die Zigeiner kain sicher glait nit hoben
österr. weist. 1, 136; das derlei menschen ... mit gwolt abtriben, auch alles dosz, so bei inen gfunden wird, ab und zu gericht genommen werden sol (17.
jahrh. Salzburg) 1, 137; anbefolen dasz, gleich wie (
es) nicht nur allein (
bei) deren in den land hin und wider straifenden Ziggeinern mit selbig zusamben rotirten dieb-, raub- und mördergesindl halber aufgesetzten leib- und lebensstraff allerdings sein verbleiben habe (1724
Niederösterr.) 7, 209;
ferner: ists mOeglich dasz dich noch ein weiser staat erduldet? Zigeuner jagt man fort: du hast noch mehr verschuldet! Gottsched
dt. schaubühne (1740) 6, 558. 55)
sie werden mit anderen miszachteten menschenklassen zusammengenannt und -gestellt: item (
leute welche) mit kAeuffen und verkAeuffen listig den armen vervortheilten, wucherten, also dasz etliche Aerger dann Zygeuner und jden gewest Lorichius
pädag. principum (1595) 124; daube, unsinnige, wetterleünige leüt, kerchelzieher, ... besemstieler, schlegelflicker, steinpicker, Ziegeiner Fischart
praktik 8
ndr.; weg redner und sophist, bartscheerer, segensprecher, Zigeuner, gäuckeler, gifftschmierer, zähnebrecher Rachel (1664)
satyr. ged. 24
ndr.; wenn streifungen auf raub- oder wildpretschüzen, Zigeuner oder dergleichen ... zu thun sind Heppe
aufr. lehrprinz (1751) 135; und wenn er gewuszt hätte, dasz ein Zigeuner ein paar thaler zu verleihen gehabt, so hätten sie herbey gemuszt Löwen
schr. (1765) 4, 305; wider alle menschliche und göttliche gesetze hält sie es mit juden und Zigeunern, mit wilddieben Raupach
dram. w. kom. gattung (1829) 2, 14; s ist e
in schö
nes paar leut
e, treu wie der jud
e und Zigeiner H. Fischer 6, 1, 1196. 66)
aufzug und aussehen werden beschrieben, namentlich aber zum vergleich herangezogen; redensarten übertragen einzelzüge auf menschen und zustände im eigenen volk: ring in den oren als die zyginer tragen Keisersberg
brösaml. 1, 95
b; das ebenbild eines ... verwildeten Zgeuners Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, B 8
a; ein bunter maulthierzug! ich sah auf ihrem haupt die weisz und rothe feder! voran ein brausend paar von zeltern, deren jeder ein schwärzlich mädchen trug. Zigeuner waren es! — geklirr von tambourinen! Freiligrath
ges. dicht. (1871) 1, 108; hier konnte man nun sehen, wie die Zigeuner gehen; halb barfusz und zerrissen Ditfurth
hist. volksl. d. pr. heeres (1869) 71; Zigeuner ... männer und weiber so schwarz wie der mohrenkönig auf alten bildern der heiligen drei könige Stifter
ges. w. 5, 587
inselverlag; die leute in dem eroberten land seien nicht viel mehr als Zigeuner, wie man sie früher auf den landstraszen gesehen hätte A. Seghers
d. toten bleiben jung (1950) 486; da ist ein blutjunges bürschlein ..., wie ein Zigeuner zerzaust Raabe
hungerpastor (1864) 2, 51; schwarz wie e Zigeiner H. Fischer 6, 1, 1196; Zigeuner, schwarzer Zigeuner
scheltname für eine person mit auffallend dunkler gesichtsfarbe Spiesz
Henneberg 290; jelb wie 'n Zijeiner Brendicke
Berlin 195
b;
redensarten spielen z. b. auf niedrige, uneheliche oder unehrliche geburt an: die Zigeuna hon n aus da hucke valorn K. Rother
schles. sprichw. 343
b;
auf aussehen und hautfarbe: a is a Zegeinarn drvone geluffa 155
b; ma
n meint, der komm
e vo
n de
n Zigeiner
n her H. Fischer 6, 1, 1196;
auf eigenschaften: der hase und der Zigeuner — das sind zwei helden Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 77
b; treu und auffrichtig wie ein Zigeuner
fedele e leale, come un Zingano Castelli
tedesc.-ital. (1709) 1604; der raucht wie e Zigeiner
so stark und wahllos H. Fischer 6, 1, 1196;
nachbarneckerei: bei euch fahre
n d
ie Zigeiner im galopp durch!
verspottet ein dorf das andere ebda; spöttisch: herr, sieh dei
n volk a
n, s sind lauter Zigeiner
ebda; seltsam: er het Ziginer im kopf
ist betrunken Martin-L. 2, 894
b. 77)
in romantischer sicht erscheint ihre ungebundene lebensweise, ihre malerische kleidung, ihr musizieren nachahmenswert oder wenigstens unterhaltsam; ein frühes beispiel dieser Zigeunerromantik ist Lenaus
gedicht die drei Zigeuner
von 1838:
der eine fiedelt, der andere raucht, der dritte schläft; andere zeugnisse: ich ... musz ... mit den Zigeunern mich ergötzen am Mainufer Bettine
Günderode 1, 160; unten in der schloszherberg lungern Zigeuner, ein lustig gesindel graf Pocci
lustiges komödienbüchl. (1859) 79; Bella nach art der Zigeuner in eine blaue leinwand statt des hemdes gewickelt, die von einem goldenen gürtel festgehalten wurde Arnim
s. w. (1839) 1, 19.
für das ungezwungene leben in künstler-, besonders malerkolonien indessen wäre der ausdruck Zigeuner
zu krasz und zu plump, wohl aber zeigt sich das franz. bohémien
in wendungen wie das leben eines bohemiens führen, wie ein bohemien leben
als geeignet; älter ist das grundwort die boheme
im sinne von künstlerleben und künstlerschaft, aus franz. la bohème;
s. H. Schulz
dt. fremdwb. 1, 90. 88)
als appellativ wird der name Zigeuner
gebraucht, wenn damit solche personen wegen ihrer lebensart bezeichnet werden, die nach ihrer abstammung nicht zu den Zigeunern gehören: wenn ein so starcker betteln will, so gibt man im gewisz nicht vil. man heist in ein schliffl und streiner, ein bettelhund und zigeuner Ayrer
dramen 2920
Keller; pannosum et erronem appellamus einen Zigeuner, der lumpicht aufzieht, sive im lande herumzieht Stieler (1691) 2632; so ist doch nicht leicht einer, der nicht was dran wendete, um sich von so einem moralischen Zigeuner (
einem physiognomisten) die gute wahrheit sagen zu lassen Göthe I 37, 332
W.; in gesellschaft von Zigeunern (
reisenden schauspielern) I 23, 24
W.; ich bin ein halber Zigeuner, kann ein bissel hexen Holtei
erz. schr. (1861) 10, 35; Zigeiner
spitzname der bewohner gewisser dörfer H. Fischer 6, 1, 1196;
spottname der ungarischen husaren bei anderen truppen Th. Imme
soldatensprache (1917) 30; diese vagabunden (
in Graubünden) werden Zigeuner genannt, wenn sie auch gleich aus ächtem teutschen oder schweizerischen blut entsprossen sind C. Meiners
briefe üb. d. Schweiz (1790) 3, 181;
vielfach als schimpfwort zu hören, s. Pansner
schimpfwb. (1839) 80
b;
für Wahle (
t. 13, 548): da (
in das Fichtelgebirge) kommen vil Ziginer hin, die dieses berges kündig sin, zgraben metall und edelgstein Rebmann
naturae magnalia (1620) 390;
übertragen als sachname: afgəhaŋən tsigû
aufgehängte, geräucherte speckseite (
da braun wie ein Zigeuner) Kisch
Nösner w. 162. 99)
als name für pilze: hexen-röhrling, boletus luridus im Böhmerwald Marzell
wb. d. dt. pflanzennamen 1, 616,
auch zigeunerpilz (
s. u.);
rozites caperata Warburg
pflanzenwelt 1 (1913) 169; Michael-Hennig
führer für pilzfreunde 1 (1939) 143.