zerflieszen,
verb.,
seit der ahd. zeit gut bezeugt, auseinanderflieszen 1)
eig. a)
von wasser oder einer andern flüssigkeit: Graff 3, 743; Rudolf v. Ems
weltchron. 24 476; gute ... milch soll man ausz disen gemercken erkennen, als das sie ... nicht bald zerfleuszt Sebiz
feldbau 99; 383; ha! um den einst ströme bluts zerflieszen Schiller 1, 220
G.; dimano z., hinflieszen Frisius 419
b; Calepinus
XI ling. 426
b; b)
von festen körpern, die sich α)
in wasser auflösen: wenn sie (
die ziegelsteine) also gemacht werden, z. sie nicht bald von ungewitter und regen G. Rivius
Vitruv (1575) 139; der zucker zerfleuszt im wasser Steinbach 1, 470; sie (
die pastete) zerflieszt ihnen auf der zunge Bremser 137;
β)
im feuer oder in der hitze und wärme schmelzen: mit zeflozzem plei Konrad v. Megenberg
buch d. nat. 480; 485; fur dem feur zurfleuszet es (
das wachs) wie das wasser Luther 8, 5
W.; nun, da schnee und eis zerflossen v. Salis
ged. 46;
bildl.: denn dorten plitzt der krieg und lAeszt des deutsche reich in flammen fast zerflieszen Hoffmannswaldau
ged. 1, 193
Neukirch; liqueo, liquesco zerschmiltzen, z., zerrnnen, weich oder lind werden Frisius 774
b; 415
b; Calepinus
XI ling. 267
a; 422
b;
u. a.; Frisch 1, 278
a; Adelung
2 4, 1687; wie butter an der sonne z. Campe 5, 842
a; c)
von wolken, die sich in regen auflösen: die (
wolken) bald darauf zerflieszen und sich, den strömen gleich, auf berg und thal ergieszen Gottsched
ged. (1751) 1, 461;
oder vom nebel, der vom winde bewegt und auseinander getrieben wird oder vor der sonne vergeht: endlich zerflosz der nebel Herder 17, 369
S.; hier knüpft die vorstellung von gespenstern an: das was uns körper schien, zerflosz wie athem in alle winde Schiller 13, 16
G.; Göthe IV 17, 110
W.; M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 3, 335; d)
von anderen körpern, die sich auflösen oder auseinanderflieszen: (
der stier) stiesz im (
dem thier) in dem ersten stosz sein kopf, das im das ghirn zerflosz B. Waldis
Esopus 1, 295
K.; ist er in allen seinen glydern dermaszen zerflossen, das auch die augen an ir stat nit bliben sint Hedio
chron. germ. A 5
b; dasz die lunge endlich gar zerflossen und ... mit blut und eyter ausgespeiet werden muossen
Reinicke fuchs (1650) 177; geschicht alles ausz den zerbrochnen, zerstOerten und zerflossenen samen, so im mutterleib empfangen ... werden J. Ruoff
hebammenb. 111; Luther 18, 483
W.; biblisch (
zu b β): die berg z. vor dem antlútz des herrn (
Jes. 64, 1;
s. unt. zerreiszen I 2
b δ)
erste bib. 4, 353; sein laub zerfleust nit (seine bletter verwelcken nicht Luther)
ps. 1, 3
ebda 7, 244;
oder deren umrisse verschwimmen, undeutlich werden, ähnlich den verschwindenden gespenstern (
ob. c): die felsenwand zerflosz in die hohe gestalt unbekannter bäume Bonstetten
schr. 221; alle linien (
als umrisse von wolken) ... unbestimmt und z-d Fr. Th. Vischer
ästh. 2, 58;
ähnlich, aber auch an einen niederrieselnden schleier eines wasserfalles erinnernd: ihre weiszen haare zerflossen zum theil auf ihren schultern S. Geszner
schr. 1, 157; e)
von einer menschenmenge, die sich auflöst, sich verliert, auseinandergeht: sahen, das der hauffe zurflosz (
so 1523,
danach zurann, 1534 verlieff sich)
1. Sam. 14, 16 Luther
bib. 1, 58
W.; J. v. Watt 1, 480; Klinger
w. 6, 169; die volkshaufen zerflossen; jeder eilte zur heimath Zschokke
s. schr. 2, 74;
eine masse: sein vermOegen ... zerflosz
Leipz. avanturieur 2, 143; Ranke
s. w. 37, 262; f)
angelehnt an b α die wendung in thränen z.,
anfangs durch fast
gemildert: sie beide fast in threnen z. wolten A. U. v. Braunschweig
Octav. 1, 172; A. Gryphius
ged. 42
P.; J. J. Schwabe
belust. 1, 448;
aber ohne diesen zusatz: als wolte sie gantz in thrAenen z. Grimmelshausen 4, 757
K.; J. H. Vosz
Od. 353
B.; noch knapper: ein weinerlicher Hector und eine z-de Andromache Schiller 10, 532
G.; danach: (ich) zerfliesze ... von schnupfen J. G. Forster
s. schr. 8, 71; ich ... beinahe im schweisze zerflosz J. A. Fessler
Marc Aurel 1, 170; g)
alter sprachgebrauch nennt auch die zeit flieszend (
s. sp. 537)
und z-d: Frauenlob
spr. 243, 7
E.; zerflieszen soll in üppigen gelagen die lange winterzeit dem schwelgerischen paar Schiller 6, 394
G.; Klinger
w. 4, 145; h)
sodann bei allen zuständen, lagen, verhältnissen, besitzthümern u. ä., deren dauer vergänglich ist: zuht und êre ir niht zervlôz
Mai u. Beaflor 9, 29
Pf.; namentlich, wenn eine abnahme bemerkbar wird: die kraft der sinnen ist zerflossen Chr. Weise
grün. jug. 22
ndr.; gern von unternehmungen, plänen, vorstellungen, gedanken: ist der anschlag zerflossen (
hinfällig, unwirksam geworden) W. v. Kalchus
Sallust (1629) 22; dasz die unterhandlungen ... in nichts z.
jb. d. Grillparzerges. 6, 269; in angst zerflosz der bermuth Fr. Böhme
lied. d. Deutsch. 60;
und ähnliches öfter; i)
bildlich von dem vor wohlleben oder trägheit gleichsam z-den
körper: also (sind) grosz leut, in den das hertz und alle witz zerfleuszt, gemeynlich ungeschickt S. Franck
sprw. (1541) 1, 128
a; zumahl man den Deutschen schuld gAebe, dasz ihre zerflszenden leiber nicht hitze noch durst ... ausstehen kOenten Lohenstein
Arm. 2, 1071
b; Frisius 378
b;
ähnlich von der seelischen haltung: (
unkeusche gedanken,) die mich tunt zurvliezen (
schwankend machen)
väterbuch 23 987; 2)
ein kräftiger strom bildlichen wortgebrauches, der schon den einen oder andern fall unter 1
genährt haben mag, entspringt a)
an der quelle des stils der mystik, der seelische vorgänge sinnlich ausdrückt; z.
gibt hier anschaulich die ekstase wieder, vgl.: wenn ich dú selben lobrichú wort sursum corda sang in der messe, so geschah es gemeinlich, daz min herz und sele zerflussen von gOetlichem jamer und begirde, die min herz usz im selb ... verflOegten Seuse
d. schr. 27; 227; 298; 384
B.; auch von der unio mystica: so zevlúzet din name in miner sel als ein honigsein Seuse 264
B.; gott ist mein mittelpunct, wenn ich ihn in mich schlisze, mein umbkreisz dann, wenn ich ausz lieb in ihn zerflisze A. Silesius
cherub. wand. 79
ndr.; ferner: die zevliezent ... in andaht K. v. Megenberg
b. d. nat. 308;
mhd. wb. 3, 349
a; Lexer 3, 1092; H. Fischer 6, 1132;
privatbr. d. ma.s 2, 10
Steinhausen; auch gelegentlich für nichtreligiöse gefühle; sodann wieder aufblühend im sprachstil des pietismus: mein hertz zerfleuszt bey diesem worte (
dem namen Jesu), in Jesu bin ich auszer mir B. Schmolcke
trost- u. geistr. schr. 1, 114; Fr. Spee
tugendb. 139;
aus pietistischer erziehung kennt auch Wieland
diese ausdrucksweise, die er freilich in die welt der sinnenfreude überträgt: seine ganze seele zerflosz in die empfindungen, die in ihrem gesange herrschten
Agath. 1, 194;
ges. schr. I 1, 365;
sehr oft; in dieser zeit auch bei anderen: Klopstock
Mess. 18, 776; Lessing (
Sara Sampson 3, 3) 2, 307
M.; Herder 12, 284
S.; ausläufer: Jean Paul
Hesp. 1, 128; will in wonne z. Klinger
n. theat. 1, 34; Tiedge
w. 2, 43;
in diesen zusammenhang gehört die vorstellung des ineinanderflieszens: ihre seele scheint ganz in der meinen zu z. Klinger
w. 4, 98; alle vorstellungen ... zerflossen in einander, wie die wellen H. Steffens
was ich erlebte 3, 93; in dankbarkeit z-d v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 6, 219; b)
im 18.
jahrh. unter bereicherung des dichterischen stils auf die formen der kunst, äuszerungen des gefühls und den charakter übertragen; zunächst von accorden der musik, die ineinander übergehn: als man ... aus der ferne ... eine sanft zerflossene harmonie hörte Wieland
Agath. 1, 190; Heinse 6, 153
Sch.; Schiller 1, 29
G.; empfindsames, weichliches wesen zerflossen: zerflossenes, schlaffes wesen Göthe 47, 304
W.; Gutzkow
ges. w. 3, 276; eine so ppige und zerfloszne sinnlichkeit A. W. Schlegel im
Athenäum 1, 22; die zerflossene empfindelei in Klopstocks versen Treitschke
hist. aufs. 1, 53;
so auch: hob ... seinen zerflossenen (
verschwommenen) blick in meine augen H. Stehr
drei nächte 128;
vom stil: Shakespeares z. in unendliche einzelheiten Hebbel 11, 187
W.; vgl. bereits: dise red mag nit ein uffmerckiger hOerer behalten, dann sy zerflszt ganz Riederer
rhetor. (1493) g 6
b; —
andere zss.: ab-, an-, aus-, be-, durch-, ein-, über-, um-, ver-, zuflieszen. —