wollüstig,
adj. ,
mhd. wollustec,
noch selten (
s. u.A 2 b; 3 a).
umlautloses wollustig
im 15.
und 16.
jh. noch vorwiegend, im 17.
jh. seltener. als wollistig (
md. 1440) Diefenbach
gl. 628
c, wallustig v. Harff
pilgerfahrt 24.
die besonders in der zweiten hälfte des 18.
jh. häufigere, dann wieder seltene schreibung wohllüstig
entspricht den verhältnissen bei wollust (
s. d.).
vereinzelt wohlüstig Butschky
Pathmos (1677) 27. AA.
in sachlicher und unpersönlicher beziehung, als '
lust gewährend'
oder als '
reizend, schön' wollust A,
als '
mit lustgefühl verbunden' wollust B
entsprechend. A@11) '
freude, lust, vergnügen bereitend'. A@1@aa)
in positivem oder neutralem sinne wie unter wollust A 1,
wenn auch oft im zusammenhange einer im ganzen negativ gewerteten aussage; vornehmlich im älteren nhd.: deliciosus wollustyck (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 171
c; wollüstig
voluptarius Frisius
dict. (1556) 1406
b.
besonders neben allgemeineren begriffen: liebhaber der wollustigen ding mer denn gotz 1.
dt. bib. 2. Tim. 3, 4
Kurrelm.; die geystlichen haben gute tage. ist eyn wollustig leben auff erden, szo ists yhr leben Luther 10, 1, 1, 660
W.; es ist kein erwünscheter, glückseliger, wollustiger und frölicher leben unter der sonnen als ... das soldatenleben Rist
d. friedewünsch. Teutschl. (1648) 113; durch dessen (
des schatzes) besitz sie ... ein seliges, wollustiges leben bis an ihr ende führen könnten Klinger
w. (1809) 3, 89; der mich von der lieb ewiger dinge abziehet und mich ... unter einen schein gegenwertiges und wollüstiges guts schädlich an sich ziehet Joh. Arndt
Thomas a Kempis nachf. Christi (1631) 102; dasz wir den angehenden krieg für ein wollustiges freudenspihl hielten Rompler v. Löwenhalt
erstes geb. seiner reimget. (1647)
einl. 2
b. A@1@bb)
mit dem prägnant negativen sinn von '
üppig, maszlos, luxuriös'
wie bei wollust A 2 b
oder '
lasterhaft, sündhaft'
wie unter wollust A 2 c,
meist ohne deutliche grenze auf das gebiet der gröberen sinnlichen genüsse angewandt: das wollustige und böse leben ist das aller underiste und ergeste Albertinus
zeitkürtzer (1603) 32; von wollüstigem, unordenlichem überflusz und unersättlichem geitz der geistlichen Hutten
op. 1, 406
B.; das auff den unziemlichen und wollüstigen jagten sich offt ehebruch und andere schande zutragen
theatr. diabol. (1569) 308
b; als er (
ein heidnischer gott) Israel ... anreitzete, ihm wollüstige feste zu halten Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 26; das baden war ... verboten, denn es sey ein wollüstiges vergnügen Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 6, 419.
in metonymischer kennzeichnung von orten, menschlichen gemeinschaften u. dgl. wird die grenze zu B 1
flieszend: sie (
hatte) seinetwegen das wollüstige Rom verlassen können A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 431; er hatte allen reizzungen dieser wollüstigen stadt (
Venedig) widerstanden
Schiller 4, 197
G.; (
die träne,) die ein Ovid mitten in seinem traurigen geschwätz ... nach einem wohllüstigen hofe flieszen läszt Herder 3, 31
S.; vgl. Schiller 7, 37
G. A@22)
über 1
hinaus noch deutlicher als objektive eigenschaftsbezeichnung, im sinne von '
schön, reizend, süsz, angenehm',
auch '
üppig'
in bestimmten wollust A 3
entsprechenden konkreten anwendungen. A@2@aa)
von menschlicher schönheit im frühesten, erotisch unbetonten gebrauch des wortes; in jüngerer sprache sind die gleichen anwendungen vom erotischen her zu verstehen (
s. u.C 3): nach dem dirre frouwen clar ... ein dochderlin geboren wart gar lobelich, von bilde zart, wollustec ouch von libe
leb. d. hl. Elisabeth 2199
Rieger; vgl. 3159. A@2@bb)
schon früh und bis in junge sprache hinein als '
schön, lieblich, angenehm'.
von der schönheit naturhafter dinge, der pflanzen, blumen u. ä.: dorumb daz weip sach das holtz daz es was guot zuo essen vnd schen den augen vnd wollustiger angesiecht 1.
dt. bibel 3, 52
Kurrelm. (
genesis 3, 6); do sach er ... Mariam gegen im über auff einen grünen wollustigen wasen (
cespitem virentem) steen Hartlieb
dial. miracul. 60
Dr. an den speziellen gebrauch wollust A 1 d
α angelehnt: hat got das paradis gepflantzt als ainn wollustigen gart unnd gelegene stat Berthold v. Chiemsee
t. theol. 213
R. jünger im sinne von '
üppig',
wohl komplexer, von 3 a
her und entfernter durch den erotischen gebrauch des wortes mitbestimmt (
s. u.C 3): (
die lilie) entfaltet ihr schönes haupt in wollüstigen süszen blüthen maler Müller
w. (1811) 1, 40; wundersüsze träume murmelnd durch den duft wollüstger rosen Brentano
ges. schr. (1852) 3, 119.
die entfernte beziehung zum erotischen gebrauch wird spürbarer in der kennzeichnung wild wuchernden, geilen pflanzenwachstums, die mehrfach bei Lessing
begegnet: einen wollüstigen schöszling schneidet der gärtner in der stille ab, ohne auf den gesunden baum zu schelten 9, 391
L.-M. bildlich: (
die englischen) lustspiele ... würden uns ohne diesen aushau des allzu wollüstigen wuchses unausstehlich seyn 9, 234
L.-M., vgl. 7, 416.
vergleichbar in der meist jungen anwendung auf liebliche, fruchtbare landschaft, milde, angenehme lebensbedingungen u. ä.: das wollüstige feld, so dort in Zyprus liegt, da fast die gantze welt begierig hingedenkt, hat er auch lassen bleiben Neumark
fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 2, 249; die wohllüstigen inseln im Ionischen meere Winckelmann
s. w. (1825) 1, 126;
vgl. 10, 242; 260; sie (
die Griechen), im schoosze der wohllüstigen natur geboren Herder 3, 396
S.; die wirkungen des wollüstigen klimas Göthe
gespr. 1, 151
B. A@2@cc)
selten wie wollust A 3 c
als '
süsz, schleckerhaft': zibetküchlein und dergleichen wollüstige sachen zubereiten Riemer
polit. maulaffe (1679) 319. A@33) '
lustgefühl weckend'
oder '
mit dem gefühl der lust verbunden',
in der durch wollust B
bezeichneten eigentlichen gefühlssphäre, sinnliche oder geistig-seelische reize und zustände kennzeichnend, vornehmlich seit der mitte des 19.
jh. A@3@aa)
zur charakterisierung solcher dinge oder zustände, die eine angenehme sinnliche empfindung auslösen: sye ir verstolen mocht abbrechen wollustiger speis und trancks
d. heilig. leb., summert. (1472) 87
b; die weichen lager, worauf er der wollüstigsten ruhe genieszt Wieland
Agathon (1766) 1, 101; in wollüstigem dufte (
der blume) Fr. Schlegel in:
Athenäum (1798) 2, 11; labe dich ... an dieser luft, die ... so wollüstig deine reitzbare haut fächelt Klinger
w. (1809) 7, 140.
bildlich: der mensch wird leckerbissen ... schleunig müde. so geht es auch mit den nerven des geistigen gaumens, die stumpfen rasch gegen den wollüstigen kitzel ab Immermann
w. 2, 29
B. A@3@bb)
auf seelisches und geistiges, auf gefühle und innere zustände bezogen, wie der ausgeprägte gebrauch wollust B 3
seit dem zeitalter der empfindsamkeit, selten früher, doch vgl. in einer von a
her empfundenen anwendung schon: enphant ich alle zit, as ob mir ain süezzer zuker in minem munde wer, und da mit enphant ich auch wollüstiger süezzeket in dem herzen Margar. Ebner 138
Strauch; (
nicht) als wann wir denenselben (
den menglingsreden) ein wohllüstiges belieben schöpfeten, sondern damit wir dene gönstigen leser den vnform sothaner flikkwörter in unsrer sprache schertzweis vorstellig macheten S. v. Birken
forts. d. Pegn.-schäf. (1645) ):( 3
b; wenn das mittleiden nicht ein wohllüstiges gefühl ist, warum rührt uns nichts so sehr als die leidende schönheit? Wieland
Agathon (1766) 1, 88; aber die entzückung über jene unendlichkeit, und das miszvergnügen über unser eigenes nichts vermischen sich in eine mehr als wollüstige empfindung, in ein heiliges schauern Mendelssohn
ges. schr. (1843) 1, 252; ist diesz nicht der feine grundsatz der staatsklugheit, dasz entnervt würden Roms männerseelen durch sanftes wollüstiges gefühl Schiller 1, 63
G.; gefühle, die in dieser ruhigbrütenden wärme, besonders von dem tone wollüstiger, süszer lieblichkeit, aber auch schwächlicher weichheit durchdrungen sind Hegel
w. (1832) 11, 280.
auch neben zeitbestimmungen: jene ... wollüstigen tage, die ich mit mir ganz allein zubrachte Zimmermann
üb. d. einsamk. (1784) 4, 126. A@3@cc)
besonders in oxymorischen verbindungen, s. wollust B 3 c, d: er sank in ein angenehmes staunen, unfreywillige seufzer entflohen seiner brust, und wollüstige trähnen rollten über seine wangen herab Wieland
Agathon (1766) 1, 194; die ... wälder schienen mich einzuladen, in ihren schatten einer wollüstigen schwermuth nachzuhängen
ebda 1, 277; wollüstige wehmuth in bangem scheiden Gaudy
s. w. (1844) 4, 46; mit wollüstigem entsezen verfluchen wir ihr gedächtnisz Schiller 3, 515
G.; sie kauerte sich eng zusammen in wollüstigem angstgefühl und der freude auf den überfall
qu. a. d. j. 1924.
auf das vergnügen am grausamen bezogen: zum wollüstigen anblick der mitspieler blieb er hängen, und sein todeskampf war ihnen eine herrliche augenweide Fr. L. Jahn
w. 2, 501
Euler. A@3@dd)
auf der grenze zwischen äuszerer und innerer empfindung kennzeichnet wollüstig
in jüngerem poetischen gebrauch und in komplexer anwendung gern subjektive eindrücke oder objektive vorgänge, die ein mehr oder minder unbestimmtes, aber starkes lustgefühl auslösen. so im musikalischen bereich: die nachtigall flötete im wipfel ihr wollüstiges lied H. v. Kleist
w. 3, 301
Schm.; die waldhörner klangen wollüstig durch den warmen abend aus der ferne herüber Eichendorff
s. w. (1864) 2, 239;
vgl. 2, 45.
stärker noch in der beziehung auf naturstimmungen: o, der gute genius des schönen wetters ... hob einen ätherreichen himmelblauen tag gleichsam aus der quellenklaren atmosphäre des mondes aus und liesz ihn mit blauen schmetterlingsschwingen ... im zickzack des wollüstigen niederzitterns auf den engen raum der erde niedersinken Jean Paul
w. 3, 128
Hempel; konnte ein sommermorgen so reich an glanz und pracht, ein sommerabend so weich und wollüstig sein? Spielhagen
s. w. (1877) 1, 15; der wollüstige zauber jener sommernächte, da der berauschende duft der lindenblüthen dem träumenden den sinn verwirrt und das mondlicht auf den bemoosten schalen klarer brunnen spielt
qu. a. d. j. 1886; noch ein wenig blind und wie betäubt vom langen eingeschlossensein treten sie (
die verkäuferinnen), leise erregt, in die wollüstige helle und die sanfte offenheit des sommerabends ein Stadler
d. aufbruch (1914) 65.
hierher wohl auch: hier am Garda sieht man den fischerknaben sitzen ..., das wollüstige wasser ... zu seinen füszen H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 240. BB. '
der lust, dem wohlleben ergeben, nach sinnlichem vergnügen begierig, genuszsüchtig, genieszerisch',
wie wollust C
zur kennzeichnung des triebhaften in vorwiegend persönlicher anwendung, vgl. voluptuosus wollüstig, wollistig (15.
jh.) Diefenbach
gl. 628
c;
voluptuose wollustiglich(e) (15.
jh.)
ebda; ad libidinem propensus, genio inserviens et indulgens Stieler (1691) 1190;
libidinosus Steinbach (1734) 1, 1086. B@11)
in tadelndem sinne, wenn auch mit verschiedener akzentstärke. B@1@aa)
vom menschen gesagt '
verschwenderisch, üppig, weichlich',
von wollust A 2 b
aus: als der überflusz die (
römischen) bürger wollüstig gemacht hatte Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 34
anm. 77; die Griechen (
waren) nicht allein das weiseste ... sondern auch das wollüstigste volk auf der welt Lichtenberg
verm. schr. (1800) 1, 126.
neben verwandten begriffen: Mephostophiles (
muszte) geld und mittel ... verschaffen, dasz sein wollüstiger und verschwenderischer herr, der
d. Faustus genug zu panquetiren und zu verschlemmen hatte Widmann
Fausts leben 262
K.; ein langwieriger fried herrn und unterthanen ... faul, weibisch ... wollustig und verthunisch macht Lehman
floril. polit. (1662) 1, 240; des weichlichen, wollüstigen ... mannes E.
M. Arndt
w. 1, 140
R.-M.; die feigen wollüstigen Vambukaner Ritter
erdkde (1822) 1, 368.
spezieller '
putzsüchtig': die töchter des landes haben ... den wollüstigen römischen weibern ihre gelben haare ... abliefern müssen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 18
b; '
schleckerhaft': das (
speise-)eis, welches den sommer über von wohllüstigen leuten gesucht ... wird Marperger
kaufmannmagazin (1708) 532.
auch sonst mit schwächerem akzent: er war ein wollüstig mensch, der gern inn baden, lüstigen orten, gärthen, wälden ... lust suchet Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 31
a; wenn der capitain den wollustigen leuten ... zu gefallen leben wollen, lägen wir vielleicht annoch bey dieser insul vor ancker Schnabel
insel Felsenburg 68
Ullrich. etwa '
bequem, lässig',
auf menschliches verhalten bezogen: genaue beurtheilung musz mit der lautersten unpartheylichkeit verbunden seyn, wenn der aufgeworfene kunstrichter weder aus wollüstiger nachsicht, noch aus neidischem eigendünkel fehlen soll Lessing 6, 6
L.-M. wollust A 2 c
entsprechend als '
lasterhaft, ausschweifend': ir letzter hertzog war ein wollustiger und geiler mensch Braun
beschr. u. contrafactur (1572) 1, 37
a; die ausdrückung des wortes wollust ist sehr undeutlich, man wird nicht viel leute finden, die in allen und jeden stücken wollüstig wären, sondern man findet mehrere, die entweder dem fressen und sauffen oder dem spielen oder dem weibesvolck auf eine unzulässige art ergeben sind und also nur in dieser oder jener art wollüstig Fleming
d. teutsche soldat (1726) 38; der könig wohllüstig, ungesetzlich, habsüchtig, das volk elend durch ihn Dahlmann
gesch. v. Dännemark (1840) 1, 204.
nicht selten substantiviert: der wollustigen rot macht auch einen beiwonenden starcken man weych Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 59
b; der krieger kann jagen, der wollüstige gärten pflanzen Zimmermann
üb. d. einsamk. (1784) 4, 37. B@1@bb)
von teilen und kräften des menschlichen wesens: o lieben kinder ... tretet in den streit wider den teufel, wider euer wollüstiges fleisch und blut J. Böhme
s. w. 4, 216
Schiebler; diesen (
den tieren) gleichet der wollüstige leib, jenem (
gott) die unsterbliche seele Lohenstein
Arminius (1689) 2, 276
a; blos wollüstige leidenschaften erheben sich aus der ruhe und sinken nach einer leichten befriedigung wieder dahin Möser
s. w. (1842) 2, 40.
schwächer: (
die musik), die ... um ... den beifall des wollüstigen griechischen ohrs buhlte Herder 12, 252
S. B@22)
in positivem sinne, '
wohlgemut, heiter': Carl VIII. (
war) ... wollustiger, milder, sanftmüetiger ... dann syn vater (16.
jh.)
bei Staub-Tobler 3, 1480.
etwas anders in der mundartlich bezeugten bedeutung '
übermütig': 'du bisch e mol wollustig'
tadelt die mutter ihren erwachsenen sohn, der laut ... singt und springt (
elsässisch)
anthropophyteia 2, 259;
vgl. Martin-Lienhart
elsäss. 1, 621
a; Saul
hess. id. 17
und s. wollust B 1 b.
vor allem adverbial im sinne von '
genieszerisch, wohlig'.
innerhalb der sinnlichen sphäre: wie der langdurstende mit wollüstig geschlosznem auge schlürft aus des baches frische Schubart
s. ged. (1825) 2, 58; faunen (
lassen) wollüstig hinabbaumeln ihre füsze ins weinfasz maler Müller
w. (1811) 1, 117; er wickelte sich auf die einladung hin wollüstig in die ganze decke Gottfr. Keller
ges. w. (1889) 4, 223; seine (
des müllers) hand greift dabei in einen der offnen säcke und läszt wollüstig das weizenmehl durch die erfahrenen müllerfinger gleiten Werfel
Bernadette (1948) 16.
auch von tier und pflanze: vom ufer sänk ich selbst herab und wälzte wollüstig wie ein hecht, mich in der flut! H. v. Kleist
w. 4, 25
Schm.; wollüstig wiegen palmen ihre kronen Gaudy
s. w. (1844) 2, 30.
seltener im bereich des geistig-seelischen: freylich haben sie sich ... gleichsam wollüstig in die düstern regionen des subjekts versenkt Göthe IV 4, 311
W. soviel wie '
zum vergnügen': es begab sich, dasz der könig ... in Dännemarck ... wollüstig herum schweiffte Hoffmannswaldau
bei Steinbach (1734) 1, 1086. CC. wollüstig
in prägnant erotischem gebrauch begegnet (
im unterschied zu wollust,
s. d. D)
im 16.
und 17.
jh. erst vereinzelt, dann aber sehr häufig und meist als betont geschlechtliches wort. C@11)
allgemein als kennwort für die sphäre sinnlicher geschlechtslust oder geschlechtlicher vorgänge. in sachlicher oder begrifflicher anwendung, vgl. schon in früher bezeugung: David ... ersahe Bersabeam müszig in wolustigen wasser baden Wickram
w. 2, 96
B.; oder (
soll) als sclavinn mich für sein wohllüstiges bette, mich! Äneens geliebte! der trotzige Jarbas entführen? Bürger
s. w. 249
Bohtz; wenn er den ruhm seiner väter, der sich schon sieben jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen minute aufs spiel setzt Schiller 2, 22
G.; und allzeit geliebet, was Pallas uns giebet, hergegen verachtet wollüstige brunst Neumark
fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 259; von wollüstiger liebe und andern begierden ganz verstört Schleiermacher
Platons w. (1804) 6, 458; er umfaszte sie (
die weiber) schon und blickte sie wollüstig an Göthe I 45, 22
W.; in den 'gerechten kammachern', wo einer derselben ruft: 'ich sehe wie die verehrte jungfer Bünzlin mir wollüstig zuwinkt' ... dasz der tölpel sagen wollte, liebreich und zärtlich zuwinkt, und aus unkenntnis der sprache das wort wollüstig gebraucht Gottfr. Keller
br. u. tageb. 3, 137
Erm.; er (
Gluck) war ... überzeugt in der (
oper) Armide den charakter des wollüstigen ausgedrückt zu haben O. Jahn
Mozart (1856) 2, 254.
in engerer beziehung auf geschlechtliche vorgänge: aber sie verdoppelte die stärke, womit sie mich umschlang, zugleich mit ihren wollüstigen liebkosungen Wieland
Agathon (1766) 1, 309; er ... schlummerte endlich nach den wollüstigsten genüssen an dem ... busen seiner begleiterin ein Novalis
schr. 4, 192
M.; so reizend, dasz selbst der Leopold ihr wollüstig die brüste küszt fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 87. C@22) '
geschlechtslust verratend oder weckend'.
auf haltung, bewegung, gebärde u. ä. bezogen: von üppigen und wollüstigen tänzen
bei Gottsched
d. neueste a. d. anm. gelehrsamk. (1751) 8, 647; so schildert ein französischer autor die sarabande als einen wollüstigen und schamlosen tanz Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 139; eine schwere sprache, ein wollüstiger gang, alles dieses haben sie (
die stutzer) dem weiblichen geschlechte zu danken
bei Gottsched
anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 368; weiber ..., die ihn durch allerhand wollüstige stellungen und geberden ... an sich zu locken suchen sollten J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 138.
von reden, schriften, bildern, tönen, die geschlechtliches zum inhalt haben, geschlechtslust erregen: (
gestalten) aus ... wollüstigen versbüchern Klopstock
gelehrtenrepublik (1774) 338; das schlüpfrige und gemeine einer blosz sinnlich wollüstigen darstellung Fr. Schlegel
s. w. (1846) 4, 21; er (
Thümmel) will sich keines wollüstigen bildes schämen, wenn er nur damit eine gesündere nachkommenschaft, abkömmlinge einer befeuerteren liebe erzielen könnte Gervinus
gesch. d. dt. dichtg (1853) 5, 190;
vgl. 5, 6; statt frecher pantomimen und wollüstiger flöten lieszen sich hymnen zum lob der götter und der tugend hören Wieland
Agathon (1766) 2, 109; Klinger
w. (1809) 3, 251. C@33)
ähnlich im sinne einer eigenschaft auf üppige, geschlechtsbetonte körperbildung bezogen, als spezielle weiterentwicklung des gebrauchs A 2 a: sie (
Pallas) hätte nicht deine (
der Venus) wollüstige bildung Herder 28, 158
S.; nach ihr erschien die poesie, in der gestalt eines unbekleideten, wollüstigen weibes Klinger
w. (1809) 3, 30;
vgl. 88; eine junge schöne, fast wollüstig gebaute weibliche gestalt Eichendorff
s. w. (1864) 2, 239; wenn mich ihre wollüstigen arme umfangen Tieck
schr. (1828) 6, 250. C@44)
als kennzeichnende eigenschaft eines menschen im sinne von libidinosus: die wollüstigen weiber in Indien sollen solches (
schlafmittel) ihren männern ... beybringen ..., damit sie indessen sich mit ihren courtisans brave lustig machen können Amaranthes
frauenz.- lex. (1715) 431; eine wollüstige Marwood denkt so edel nicht Lessing 2, 287
L.-M.; für mich nur schön zu sein bemüht, wollüstig nur an meiner seite, und sittsam, wenn die welt sie sieht Göthe I 4, 90
W.; er war verliebt, — ich macht ihn wollüstig Grabbe
s. w. 1, 220
Bl.; vom tier: eine mit dem wollüstigen schwan gesellte Aphrodite Ed. Gerhard
akad. abhandl. (1866) 1, 122.
substantiviert: sieben bis acht jahre hatte diese wollüstige ihr wesen getrieben
bei Gottsched
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 147; er handelt hier wie ein wüstling, wollüstiger Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 390.
als modifizierende bestimmung begegnet wollüstig
nicht selten in zusammenrückungen mit anderen adjektiven, kaum vor der mitte des 18.
jh., z. b. wollüstigbittre zähren Heinse
s. w. 3, 4
Sch.; wollüstiggrausame triebe W. v. Scholz
erz. (1924) 80; jener wollüstigstolze nationalwahn Herder 19, 288
S.; wollüstigsüsze regung C. P. Conz
ged. (1806) 17.