windung,
f. ,
zu winden,
st. vb., hauptsächlich in den winden II B 4-6
entsprechenden substantivischen bedeutungen. das wort trägt zunächst noch bis ins 17.
jh. hinein den charakter einer gelegenheitsbildung, ahd. als verdeutschung von: tortura ('
bauchgrimmen') uuintunga (
hs. 9./10.
jh.), windunga (
hs. 12.
jh.)
gll. 1, 563, 6
St.-S.;
vereinzelt im 16.
jh. bei A. Dürer (
s. unter 2);
in der substantivierung einer verbalen fügung (
s. winden II B 5 e): die schreien überlaut mit windung ihrer hend ach! ictz hat lähr und trost und alle freud ein end Rompler von Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 98.
erst mit der zweiten hälfte des 17.
jh. tritt das wort häufiger auf und erscheint gegen ende des 18.
jh. vollkommen sprachläufig. eine verwandte suffixbildung zeigt ahd. mhd. winting, winding,
m., fasia, fasciale, fasciola, monile, s. Graff 1, 760; Lexer
mhd. hwb. 3, 902
a; Diefenbach
nov. gl. 167
b;
vgl. dazu Wilmanns 2, 371; Kluge
nom. stammbildungslehre (1926) 54. 11) winden II B 4
entsprechend: 1@aa)
eigentlich, '
körperliche, meist schlangenförmige bewegung': worüber er ... ihr (
sc. der schlange) den kopff zerquetschte, dasz sie nach langer windung des halblebenden schwantzes todt blieb Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1253
b; in den windungen selbst, mit welchen der dichter die schlangen um den Laokoon führet Lessing 9, 40
L.-M.; (
so habe) ich ihn denn in der faust, den glatten aal! ich lasz ihn nicht entschlüpfen, ob er auch in allen seinen windungen sich dreht Grabbe
w. 3, 288
Blumenthal; nach allen windungen des (
ring-)kampfes H. v. Kleist 4, 180
E. Schmidt; entsprechend winden B 4 b
β aa: als sie (
die liebhaber) nun unter krampfhaften windungen aufseufzen O. Jahn
Mozart (1856) 541
f. dann auch von dingen, die die form von schlangenlinien haben (
vgl. winden II B 4 b
α schlusz): (
der duft, der) aus durchströmten gründen und thälern hervorsteigt und ihre windungen andeutet Göthe I 24, 367
W.; des felsenthals verschlungene düstere windung Körner
w. 2, 192
Hempel; (
das gebirge) zieht in windungen weiter Ritter
erdk. (1822) 2, 486; und führ ein heer ... durch der gebirge windungen heran H. v. Kleist 2, 22
E. Schmidt; nachdem sie lange den windungen eines klaren baches nachgefolgt waren Tieck
schr. (1828) 4, 376; durch diese hügel ging in groszen windungen ein kleiner flusz Stifter
sämtl. w. (1901) 5, 1, 70; G. Keller
ges. w. 2, 203; das herabsteigen jenseits auf einer vortrefflichen kunststrasze bietet bei jeder windung derselben überraschende ... ansichten dar fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 2, 307; die weiten windungen des saumpfades C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch (1901) 24; (
ein labyrinth mit korridoren,) welche alle, nach langen und vielfach verschlungenen windungen, am ende wieder hinausführen Schopenhauer
w. 4, 87
Grisebach; (
die treppe) geht in doppelter windung bis zur kuppel H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 131; (
die) windungen des gehirns v. Sömmering
menschl. körper (1839) 2, 17.
von der richtung einer bewegung im gegensatz zur geradlinigen: der waffenlose muszte ... durch die windungen des pferdes den verfolgern zu entrinnen suchen G. Freytag
ges. w. (1886) 10, 96; diesen vergessenen altfeierlichen tanz, dessen zierliche windungen unser ungeduldiges geschlecht nicht mehr erlernt Böhme
gesch. des tanzes (1886) 188; man ... lernt ganze feldzüge in allen ihren taktischen und strategischen windungen ... auswendig Fr. Schlegel
dt. museum (1812) 1, 223.
auch von der musik: das amen ist recht feyerlich mit windungen der stimmen auf orgelpunkten ausgearbeitet Heinse
sämtl. werke 5, 261; geht aus dem g-moll in b-dur, f-dur und kommt durch mancherlei windungen in die quinte d
ebda 3, 14. 1@bb)
bildlicher gebrauch: o des geschickes seltsamer windung Göthe
w. I 1, 107
W.; die räthselhaften windungen des geschicks Holtei
erzähl. schr. 17, 191; niemals, selbst in den kühnsten windungen und gängen über die schrancken der guten prose ausschweifend Gerstenberg
schlesw. litbr. forts. 331, 18
lit.-dkm.; die kleinlichen windungen der alten bundespolitik Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 267.
an winden II B 4 b
β bb
anschlieszend: (
man) konnte ... gewisz seyn, dasz er ... den ausweg wuszte, wie ... wunderbar er auch in seinen windungen seyn möchte Cramer
nord. aufseher (1758) 2, 275; um dieser stechenden wahrheit auszuweichen, sieht man jene armen herrn sich wie raupen krümmen. sie reden in mancherley windungen Börne
ges. schr. (1829) 5, 154; schweig still, du bursch, von pfäffischer gewandtheit, ... deine windungen sind mir offenbar H. Laube
ges. schr. (1875) 10, 353. 22)
zu winden II B 5,
speciell zu c. a)
von der spiralförmigen oberflächenausprägung eines gleichsam in sich sich windenden länglichen gegenstands: dardurch wirt die gewunden seulen ... lenger, von der windung wegen A. Dürer
underweysung der messung (1525) h 1
b; die innern (
frühgotischen) hauptsäulen sind ... ohne alle windung oder einschnitte Fr. Schlegel
sämtl. w. (1846) 6, 207;
von bäumen: vier stämme crataegus torminalis und ihre merkwürdigen windungen ... betrachten Göthe
w. III 13, 120
W.; ihr stamm (
der camelie) verräth in seinen knorrigen windungen mangel an sorgfalt im beschneiden Bismarck
an s. braut u. gattin 51;
technologisch auch soviel wie gewinde, '
frz. spire, tour' Blaschke
wb. d. elektrotechnik (1901) 141;
vgl.neben-, schlusz-, übergreifende windungen
ebda; bei schrauben Mothes
baulex. 4, 483.
dann auch von der gestalt rankender gewächse: will ich nicht eher ruhn, bis dieses böse schlingkraut vertilgt in jeder windung bis zum kern Grillparzer 7, 144; die kleinen windungen niedriger ranken Heine
sämtl. w. 7, 295
E. b)
von schneckenförmig gewundenen gegenständen: innerhalb der windungen der schnecken Winckelmann
sämtl. w. (1825) 8, 446; ein kleines waldhorn, dessen goldne windungen beinahe anzusehen waren wie leuchtende blumenkränze E. Th. A. Hoffmann
sämtl. w. 7, 230
G.; (
das widderhorn) eignete sich um seiner schönen windung willen zum ornament Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 3, 292; die einzelnen windungen des rohres Muspratt
chemie (1891) 3, 549. 33)
seltener zu winden II B 5 b
und 6: wenn die kränze gewunden sind, wechselt Penthesilea den ihrigen gegen den kranz der Prothoe, sie umarmen sich und betrachten die windungen H. v. Kleist
w. 2, 203
E. Schmidt; draat oder band ist die windung von stroh, welche ... zu einem strohkorb gewunden wird Overbeck
bienenwb. 21; (
sie) beeilte sich, die windungen ihres haares zu befestigen Gutzkow
zauberer von Rom (1858) 3, 45; er hatte sich den zügel zur vorsicht um einen fusz geschlungen, aber die windung muszte sich gelöst haben
ders. ges. w. (1872) 1, 179.