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widersinnig

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

widersinnig adj.

Bd. 29, Sp. 1210
widersinnig, adj. , mhd.-frühnhd. zu widersinn gebildetes und von älterem widersinns, an dessen stelle es in adverbialer verwendung tritt, beeinflusztes wort. vgl. die vereinzelten belege für die adverbialform widersinnigs Heinrich v. Wittenwiler ring 7500 Wieszner; weddersinniges bei Schiller-Lübben 5, 634; widersinnig findet sich erst seit dem 16. jh., vgl. widersinnisch unten; lexikalisch seit dem 16. jh. vereinzelt, später durchgehend gebucht: antifrasis est sermo e contrario intelligendus ein widersynnig red, antilogus est sermo contrarius ein widersynnige rede gemma gemm. (1508) b 1c; Schottel haubtspr. (1663) 420; Stieler stammb. (1691) 2032; Kramer t.-ital. 2 (1702) 818b; Adelung 4 (1801) 1524. den maa. (vereinzelt fachsprachlich im obd., s. 1 c) kaum geläufig (histor. belege bei Fischer schwäb. 6, 793; schweiz. id. 7, 1074): widεrsinnig Schatz wb. d. tirol. maa. 704; weddersănnəg Schmidt-Petersen nordfries. 160b; wëdersënnî Jensen nordfries. 683. 11) räumlich und gegenständlich 'der gewöhnlichen richtung und anordnung entgegengesetzt' (vgl. widersinn[e]s 1); so noch fachsprachlich lebendig, dagegen 1@aa) nur selten und nur bis ins 19. jh. in allgemeiner verwendung: wenn nun derselbige zahn oder schiefer (im verletzten glied) schon also widersinnig steht, so weisz darum einer nicht wo er fehlt oder mangel hat Würtz wundartzney (1624) 410; die haare einer katze wiedersinnig streichen Heynatz antibarb. 2 (1797) 637; sollte ... (die) strömung bei Kaschna, vielleicht nur eine partielle, widersinnige wendung des stromlaufes seyn Ritter erdkde (1822) teil 1, 489. 1@bb) bergmannssprachlich: 'wiedersinnige gänge heiszen auf bergwercken diejenigen, die ihr streichen und fallen offt verändern, das ist, die bald das hangende zum liegenden, und das liegende zum hangenden machen' Hübner naturkunst-lex. (31717) 1761; 'widersinnig fallen wird von gängen gesagt, wenn ihre in die erdkugel nieder zu gehende richtungslinie nach einem andern weltort gehet, als dergleichen gänge niedergehen, wenn sie recht fallen' bergmänn. wb. (1778) 604; widersinnig fallen Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 644b; widersinnige klüfte Korabinsky geogr.-hist. lex. (1786) 680; 'gegensatz von rechtfallend' Gätzschmann (1881) 118; s. u. widersinnisch 1. 1@cc) in der forst- und jägersprache: 'widersinniges gehörne ein hirsch-geweih, welches neben der groszen stange unten am kopff eine andere kleine herauswachsend oder einige ende widersinns hat' Zincke allg. öcon. lex. (1744) 3202; 'wann auch die enden gar krumm ein- oder auswAerts, oder kurtz rckwAerts gebogen stehen, wird es ein widersinnig gehOern genennet' Döbel neuerOeffn. jägerpractica (1754) 1, 6; Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 199; Hindenburg ... schosz einen vierzehnender und einen starken hirsch mit widersinnigem geweih Göttinger tagebl. (28. 11. 1914). als forstausdruck, s. widerborstig 1 b, sp. 925: 'nachsinnig (vom holz) zum spalten tauglich; dagegen: widersinnig, dazu untauglich, an dem drehen der holzfaser von west nach süd und ost erkennbar' bei Schmeller-Fr. 2, 295; 'windig, der natürlichen richtung entgegen' Stalder schweiz. id. 2, 449; 'mit der faserndrehung um die kernachse des stammes rechts ziehend' Unger-Khull steir. 632a; 'wîdasînig (Unterinntal) von nicht gerade wachsenden stämmen' Schatz wb. d. tirol. maa. 704. 22) auf inhalt und bedeutung von sachverhalten bezogen 'im gegenteiligen sinne'; 'unvereinbar'. 2@aa) entgegengesetzt; 'ein ding widersinnig verstehen, nehmen intendere, pigliare una cosa a (in) contrasenso' Kramer t.-ital. 2 (1702) 818b: also ... die leut ... die warhait vnd lugen widersinnig verstehn vnd annemen werden J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, vorr. a 3a; jszt ers gern klat, so macht sie es warm, ... sie gibt achtung was jhm fr kleider wol anstehn, vnd jhne an jren geduncken schOen vnd thut die widersinnigen an Fischart Garg. 106 ndr.; hier will ich eine gantz widersinnige meinung beyfgen Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 1, Gg 7a; (das wort hölle kommt) von dem teutschen worte helle, klar und liechte, aber in einem gantz widersinnigen verstande per antiphrasin Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 49; allein es ist nun so ein handel, es streitet (die unehel. vaterschaft) mit dem tugendwandel, und kömmt gantz widersinnig raus Henrici ged. (1727) 2, 424. 2@bb) attributiv und prädikativ bei (meist) pluralischem beziehungswort 'unvereinbar, einander widerstreitend': soll man dieselben schödlichen secten als ware glauben vnd auss vilen zerspaltenen vnd widersinnigen glauben einen zusamen schmeltzen J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 178b; wie das urtheil vieler menschen vngleich, widersinnig vnd betrglich ist, also hastu darumb dich deines ... ehrlichen namens nicht zuschAemen Moscherosch gesichte (1650) 1, 53; (der schwätzer) mischt im sprechen widersinniges essen durcheinander, iszt zugleich gurken und pflaumen portraits (1779) 130; der menschenscepter ist viel zu schwach und klein, dasz so widersinnige theile (verschiedene menschengattungen u. nationen) in ihn eingeimpft werden könnten Herder 13, 384 S. 33) 'feindlich gesinnt, trotzig, widersetzlich': er sey selbst so widersinnig und aigenwillig gewest, das ers nit haben wollen annemen, ... so hab er ime auch nit gesagt, was ine zu der waigerung bewegt (1527) verhandl. über Thomas v. Absberg 248 lit. ver.; Barsinan kame, vermeinende, dasz er solche auch wie das schlosz unversehens fahen mögen wurde. aber er fandt da mehr widersinnige, denn er nicht gedacht Amadis 373 Keller; mein g. h. wolte solche widersinnige leute im lande nicht leiden Hennenberger landtaffel (1595) 185; alsdann klagte er mit beweglichen worten an sein widersinniges glkk S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 7; man lieset, dasz zu ... Salomon einst ein mann klagend kommen ... wie seinen sachen vorzustehen, dasz er sein widersinniges weib zu zwingen vermöchte d. wohlgeplagte priester (1695) 150; es ist gegen die wahrheit der geschichte, wenn man den bösartigen, widersinnigen character zusammengedrängter menschen, wetteifernder künstler, ... neidiger gelehrten zu allgemeinen eigenschaften des menschlichen geschlechts macht Herder 13, 321 S. widersinnig zu oder gegen im sinne 'abgeneigt': grosz lobens werth ist dieser könig, weil er zur raach gantz widersinnig straflet solch lästerliche ding, doch lindigkeit gemesz und ring Kirchhof wendunmuth 2, 74 lit. ver.; etliche seynd so widersinnig gegen die schönheit ..., dasz sie die verachten Lehmann floril. polit. (1662) 1, 169. 44) dem gesunden menschenverstand, der vernunft widersprechend; verkehrt, absurd, irrsinnig; in dieser bed. ist das wort vereinzelt seit dem 16. jh. ( Luther), mit zunehmender häufigkeit und in den verschiedensten verwendungen seit dem 18. jh. bezeugt. in den älteren belegen, bes. im adverbialen gebrauch, ist die bed. des wortes nicht immer klar von der unter 2 oder 3 zu trennen; deutlicher in prädikativer verwendung, vor allem in dem häufigen aussagesatz das (es) ist widersinnig (vgl. in dieser bed. im frühnhd. eindeutiger zu fassendes widersinnisch 4): darumb tzangke ich mit yhn (den päpstlichen), das sie an der hirten stadt reyssende wolffe sind, tzu brechen und zu reyssen mit yhrer lahr und widdersinnigen gesetzen nicht alleyn die kleinsten gebott, ... szondern auch die grOesten gar miteynander Luther 8, 546 W.; wenn man nicht augenscheinlich sAehe, dasz alles mit fleisz so widersinnig (in einer schmähschrift) eingerichtet, und die absicht der spötter keine andere sey, als ... zu beschimpfen Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 301; zu wessen verehrung tanzte ihn (den tanz) die Diana? zu ihrer eignen? oder zur verehrung einer andern gottheit? beydes ist widersinnig (var. widersinnisch) Lessing 9, 135 L.-M.; die unthätigkeit und die widersinnige politik des englischen hofes hatte den eifer Gustav Adolphs erkältet Schiller 8, 215 G.; weit gegründeter ist der vorwurf, ... dasz er (Rameau) die absicht des poeten übel gefaszt ... vieles widersinnig ausgedrückt Göthe I 45, 203 W.; war's nicht ganz widersinnig (von ihr), wegen seiner (eines mannes) ein ganzes lebensglück aufzuopfern? M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 2, 235; Nero ist tot? dieses faktum ist dumm, widersinnig, stört die vernünftige ordnung Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 123. mit dem nebensinn 'wechselvoll': (knabe Lenker zu Plutus:) wo du verweilst ist fülle, wo ich bin fühlt jeder sich im herrlichsten gewinn; auch schwankt er oft im widersinnigen leben: soll er sich dir? soll er sich mir ergeben? Göthe I 15, 1, 47 W. vom denkvorgang und dessen ergebnis: ein naturalist, der nicht widersinnig denkt, musz eine offenbarung gottes wünschen Basedow method. unterr. d. jugend (1764) 263; was doch der vogel Phönix wäre? die widersinnigste schimäre, die je der wahnwitz ausgeheckt Ramler fabellese (1783) 1, 243; genug von ... den widersinnigen und schwülstigen gedänkchen Gerstenberg recensionen 120 lit.-denkm.; mit scharfsinn wurde das widersinnige ausgesonnen Justi Winckelmann (1866) 1, 270. häufig widersinnige ansicht, verdacht, idee: nicht immer ist eigennutz die quelle dieser widersinnigen ansicht Müllner dram. w. (1828) 8, 94; es war der widersinnigste verdacht, der je auf ihn geworfen werden konnte Mörike w. 3, 142 Göschen; da ... in ihnen die widersinnige idee aufstieg, einen jungen schauspieler zum geheimschreiber ... zu machen ..., warnte ich da nicht abermals? Holtei erz. schr. (1861) 35, 283. sehr oft in verbindung mit vorkommen, (er)scheinen, halten für: es kommt mir eben so ungereimt und widersinnig vor, dasz ein mensch befugt seyn soll, über einen andern menschen ... zu spotten Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 94; einige widersinnig scheinende säze habe ich zum beweise nöthig Winckelmann s. w. (1825) 10, 209; Livius berichtet, dieser habe die Etrusker bis nahe vor Nomentum getrieben, ... das erscheint ganz widersinnig Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 175; Scheler hält es für widersinnig, eine einzige konkrete welt als wirklich zu setzen, ohne die idee eines konkreten geistes mitzusetzen Nic. Hartmann ethik (21935) 217; für die bewaffneten ist der wochenlange nachtdienst, dessen ursache ihnen so empörend widersinnig erscheint, keine kleinigkeit Werfel Bernadette (1948) 306. neben unfaszbar, unbegreiflich stehend, kann widersinnig die nebenbedeutung 'der vernunft nicht zugänglich' annehmen: nicht blosz die widersinnigen dogmen, sondern auch die begreiflichen Schopenhauer w. 2, 192 Gr.; durch den leeren raum in die ferne wirkende kräfte sind an sich unbegreiflich, ja widersinnig du Bois-Raymond grenzen d. naturerkennens (1873) 14; alles, was man unfaszbar und widersinnig nennt M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 3, 130.
10827 Zeichen · 225 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Wídersinnig

    Adelung (1793–1801) · +2 Parallelbelege

    Wídersinnig , -er, -ste, adj. et adv. 1. Der Neigung oder Gesinnung eines andern entgegen gesetzt, und darin gegründet; …

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    widersinnig

    Goethe-Wörterbuch

    widersinnig [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    widersinnig

    Schweizerisches Idiotikon

    widersinnig Band 7, Spalte 1074 widersinnig (I) 7,1074

  4. Spezial
    widersinnig

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    wi|der|sin|nig adj. 1 (absurd) assurd (-rg, -a) 2 (paradox) parados (-sc, -ossa).

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit widersinnig

2 Bildungen · 2 Erstglied · 0 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von widersinnig

widersinn + -ig

widersinnig leitet sich vom Lemma widersinn ab mit Suffix -ig.

Zerlegung von widersinnig 2 Komponenten

wider+sinnig

widersinnig setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

widersinnig‑ als Erstglied (2 von 2)

widersinnigkeit

DWB

widersinnig·keit

widersinnigkeit , f. , abstraktbildung zum vor.; lexik. vereinzelt im 15. jh.: tirannia wider-, wedersinnicheit ( md. ) Diefenbach gl. 585 a…

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APA
Cotta, M. (2026). „widersinnig". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 9. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/widersinnig/dwb?formid=W19683
MLA
Cotta, Marcel. „widersinnig". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/widersinnig/dwb?formid=W19683. Abgerufen 9. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „widersinnig". lautwandel.de. Zugegriffen 9. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/widersinnig/dwb?formid=W19683.
BibTeX
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