weltflüchtig,
adj. 11) '
die welt fliehend, sich von der welt abkehrend, asketisch' (
vgl.welt II A 2
sowie weltflucht
und dän. verdensflygtig
ordbog over det danske sprog 26 [1952] 1216) —
eine bildung des frühen nhd., die wohl in anschlusz an biblische wendungen wie Petr. 1, 4 (
fugientes ... quae in mundo)
aufgekommen ist und dem typus kirchflüchtig (
s. teil 5, 816), leutflüchtig (
s. teil 6, 849)
folgt: nym ein gilgen (
lilie als arznei wider die unkeuschheit), die hat sechsz bletter ... daz v. blat ist (
bedeutet) messigeit der wort ... daz sechszt blat ist flucht der welt, oder weltflüchtig Keisersberg
brösamlin (1517) 2, 11
a; sollich abgesündert weltflüchtig einsidel hab ich nie gsehen Seb. Franck
chron. zeytbuch (1531) 469
b; warumb die mOench weltflüchtig ... vnd leutschew sind (1575) Fischart
Garg. 389
ndr.; in solchen erneurten sinn steige ich zu der gemeinschafft der heiligen ... ja ich geniesse ihrer freude und stimme ihnen einen frOelichen lobgesang bey, nicht sonder verachtung aller weltflchtigen eitelkeit Harsdörffer
teutsch secretar. 2 (1659) 137; dasz wir ... nicht weltflüchtiger sind, nicht geistlicheres lebens sind, nicht fruchtbarer an geistlichen hervorbringungen sind ... woher das, aufrichtig gesprochen, lieben brüder, woher das? Claus Harms
verm. aufs. u. kl. schr. (1853) 336; es ist eine weitverbreitete meinung ... das evangelium sei im letzten grunde ... streng weltflüchtig und asketisch A. v. Harnack
d. wesen d. Christentums (1902) 50; schon im 7. jahrhundert haben weltflüchtige anachoreten die schauerliche einöde am südöstlichen abhange des Feldberges aufgesucht Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 87; zugleich erschien Cynthia ...; sie sah heute keineswegs weltflüchtig aus Carossa
arzt Gion (1931) 184;
in neuerem sprachgebrauch nicht nur eine weltfeindliche lebens- oder wesensart im sinne streng christlicher askese charakterisierend, sondern auch zur kennzeichnung gesellschaftfliehender vereinsamung u. dgl. verwandt: auch der maler ist weltflüchtig und hat sich in die bergeinsamkeit der Alpen zurückgezogen
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 8, 239; vor meinen eigenen landsleuten bin ich (
ins gebirge) geflohen ... mein weib, meine kinder unten in der falschen (
von den landesfeinden und ihren willfährigen handlangern beherrschten) welt ... so jagten sich die gedanken im haupte des weltflüchtigen mannes Rosegger
schr. (1895) I 2, 271; nie bin ich einem menschen begegnet, der so ganz in einer welt für sich gelebt hätte — nicht aber infolge weltflüchtiger vereinsamung Chamberlain
lebenswege (1919) 332;
substantiviert: bücher von Tolstoi ... schriften wider den alkohol, wider die laster der groszstadt, wider den luxus, den industrialimus, den krieg. von diesen büchern fühlte sich der weltflüchtige (
der das groszstadtleben mit dem einsamen und harten landleben vertauscht hatte) wieder in allen seinen prinzipien bestätigt H. Hesse
kl. welt (1933) 359; freilich ist, bei aller hochstimmung, die der zauber der örtlichkeit (
bei Linderhof, dem schlöszchen Ludwigs II.) schaffen mag, der geschmack, in welchem die rastlose baulust des weltflüchtigen ... sich ausprägte, ja auch wieder eine verlegenheit Th. Mann
Faustus (1948) 680;
auch in der bedeutung '
weltabgewandt; vom getriebe der welt, von der wirklichkeit gelöst'
u. ä.: verknd' ich (
der dichter) froh weltflchtiger hofnungen aufblhend land? Stägemann
kriegsges. (1813) 39; soweit die blosze stimmung weltflüchtiger entsagung, eine askese ohne dogmatischen gehalt ... noch für religiös gelten darf Scherer
lit. gesch. 14544; ein weltflüchtiger sinn spricht aus dieser (
Plato's) philosophie und ihrer seelenlehre Rohde
psyche 22, 287. 22) '
durch die welt fliehend, nomadisierend, unstet': ein volk ohne staat ist entleibt, wie die weltflüchtigen juden und zigeuner ... ist aber ein volk erst staatlos, dann zuletzt gar landlos geworden ..., so ist es gestorben und doch nicht tot. fortführt es in der zerstreutheit ein leichenleben gleich des wahnglaubens doppelgängerischen unholden
F. L. Jahn
w. 2, 556
Euler (
vgl. ebda. 1, 234: nicht als bloszes nomadenvolk daseiend ..., es wird nicht zu einer weltflüchtigkeit verirren, gleich zigeunern und juden);
ähnlich noch vereinzelt in neuerem sprachgebrauch: mir ist das wiedersehn mit der insel (
Capri) wie eine unverhoffte rückkehr zu einer jugendliebe, die voll sehnsucht mich erwartet, mich, den ungetreuen, den weltflüchtigen (24. 3. 1926) H. Lersch
br. u. ged. 101
Jenssen.