weingeist,
m. '
alkohol'.
unter. spiritus
th. 10 ii 2555
ist gezeigt, wie die alchymisten das lat. wort im verengten sinn einer durch destillation gewonnenen wesenhaften flüssigkeit von körpern brauchen, unter geist
th. 4 i 2, 2651
f., wie sich für spiritus
das deutsche geist
einbürgert. stark alkoholische weine können geistige
heiszen: Gottsched
a. d. anm. gelehrs. 3, 711; Bremser
med. paröm. (1806) 213,
die stärksten und feinsten kräfte eines weins werden sein geist
genannt: wenn uns nicht der geist eines starken weines ... den muth vermehrt
disc. der mahl. 3, 162; mein gesang der dringt in's blut wie weines geist und sonnen gluth Göthe I 16, 87
W.; der seit dem 12.
jahrh. bekannte wirksame bestandtheil des weins heiszt zuerst bei Basilius Valentinus im 15.
jahrh. spiritus vini: Stohmann
in Muspratts chemie 4 1 (1888) 299.
lehnübersetzungen daraus (Singer
zs. f. d. wortf. 4, 128)
decken den begriff in den meisten europ. sprachen: it. spirito di vino,
frz. esprit de vin,
engl. spirit of wine (
nach n. e. dict. 9, 619
b zuerst 1710),
schwed. vinsprit,
dän. viingeist. 11)
die verdeutschung weingeist
ist schon bei Paracelsus
erreicht: so der wein sonderlich ein eygenschafft hett eins subtilen scharpffen geists, so bald und derselbig gedruncken wirdt, so vereyniget sich dieser weingeist zu dem humor vitae ... wiewol dasz nit ein jeglich wein thut, ausz ursachen, dasz er nit aller desz subtilen geists in jhm hat
op. (1616) 1, 510
b.
Paracelsus offenbart hier seine fühlung mit der alchymie, seiner zeit eilt er voraus, erst seit 1604
folgen weitere zeugnisse: so der spiritus vom weine abgetrieben wird ... und derselbige weingeist demnach in sein exaltation gebracht worden, so wird auch in ewigkeit kein essig darausz ... sondern bleibt spiritus vini
B. Valentinus triumphwagen antimonii 42
f.; entspr. das. 145. 159; man bereitet auch etliche spiritus der gewächse mit wein, als den mäyen-blümlein-spiritum, allein, weil der meiste theil dessen vom wein kommt, als ist besser, dasz man selbign einen weingeist mit mäyen-blümlein bereitet nenne Hübner
conv.-lex. 2 (1727) 1809.
auch diese belege stehen vereinzelt, rückschläge folgen: geist, in der chymie, wird selten gebraucht, sondern das wort spiritus behalten, spiritus vini
u. a. m. Frisch 1 (1741) 336
b.
aber gerade damals setzt sich weingeist
im fachsinn durch: aus dem in einem punct gesammelten und auf w. gerichteten mondlichte Schwabe
belust. 5, 303;
[] so wie des weingeists gluth, weil er zu reinlich brennt, kein dichtes holz entflammt, noch seine theile trennt Lessing 1, 250
L.-M.; (
salpeter- und salzsäure) sind in der verbindung mit den w. noch wesentlich das, was sie waren
allg. d. bibl., anh. zu 1/12, 294; sie leuchten ... in freyer lufft, unter wasser, öl, spiritus vini pp. ... hingegen leuchtet die flamme des weingeistes bey sehr geringer hitze Lichtenberg
br. 2, 62
Schüdd. 1783
erscheint das wort erstmals in einem wb.: Schwan 2, 1023
b, 1784
folgt die erste begriffsbestimmung: weingeist, weinbranntwein, ein in chymischen arbeiten sehr bekannter spiritus, er ist der geist, oder das subtileste und kräftigste von dem wein, welches mit hinterlassung des wässrigen daraus abgezogen worden Jacobsson
techn. wb. 4, 624
a. 22)
die fachsprache behält w.
als bevorzugten ausdruck bis mitte des 19.
jahrh. bei: dieses phänomen erscheint am lebhaftesten bei einem angezündeten löffel w. Göthe II 1, 65
W.; die trockene salzmasse löst sich in w., der, damit beladen, mit purpurrother flamme brennt Oken
allg. nat.-gesch. 1 (1839) 278; taucht das instrument bis 74 in reinem w., so enthält dieser 74 prozent alkohol Liebig
handb. 1 (1843) 26; die verwandlung des weingeistes in essig
ders., chem. br. (1844) 99; zwischen dem gefrierpunkt des quecksilbers und dem des weingeistes A. v. Humboldt
kosm. 3, 48; so ist die mischung von w. und wasser ... chemischer art Schelling 1/2 (1856) 328.
ausdehnung finden wort und sache nam. durch die fäulniszhindernde kraft des w.: zehn wörter aus der sprache eines volks sind mir mehr werth als hundert ihrer sprachorganen in w. Lichtenberg
verm. schr. 3, 502; den kopf des neuseeländischen jünglings zu sehen, den herr Pickersgill in w. aufbewahrt hatte G. Forster 2, 57;
entspr. 2, 311; 7, 301; die in w. aufbewahrten präparate sind bisher sorgfältig behandelt worden Göthe IV 33, 308
W.; 1481 präparate waren in w., 2436 trocken aufgestellt Sömmerring
bau d. menschl. körpers 2, XXIX;
entspr. 4, 681; das ist der w. um das präparat Cl. Brentano 7, 98.
hier hält sich auch unser wort am längsten: das todte, ausgestopfte, in w. aufbewahrte thier Brehm
thierl. 1,
vorw.; hierher Gaudy 24, 88; G. Keller 1, 103. 2, 124; Ilg
brüder Moor (1912) 280.
die wissenschaft des späteren 19.
jahrh. bevorzugt das arab. alkohol,
das schon Paracelsus
und Fischart
kennen. nebeneinander: weingeist oder alkohol
n. rhein. conv.-lex. 12 (1830) 167,
und 1840
in der überschrift: weingeist, alkohol (4 C 6 H 2 O) Gehler
phys. wb. 9 iii 1700,
im text hier immer nur weingeist,
ebenso Karmarsch
gesch. d. techn. (1872) 834
f. dagegen spielt in Stohmann
s art. alkohol
in Muspratts chemie 4 1 (1888) 293—702 weingeist
nur eine geringe rolle als verdeutschung von äthylalkohol,
und R. Hildebrand
meidet 1880
offenbar bewuszt das gültig gewordene fremdwort: der stosz (
des betrunkenen) war ganz bedeutend stärker, als er der raschheit seines gehens nach sein konnte, hatte also seine gesteigerte kraft von der durch den w. beschleunigten inneren bewegung der drehung des betrunkenen körpers
gedanken über gott 350. 33)
bevor aber die fachleute das wort absetzten, haben sie es der laienwelt weitergegeben. hier ist der chem. begriff vergröbert zu '
brennspiritus': in weiterer bedeutung wird ... ein jeder rectificirter branntwein w. ... genannt Adelung 4 (1801) 1458; er macht ihn (
den kaffee) jetzt selbst, der hungerleider, in der maschine mit spiritus. wenn er sich nur recht die finger verbrennte mit dem w. Hauff 2 (1890) 346; (
er hatte) die büchse mit dem verdichteten brühstoffe eingesteckt, nebst w. und geschirre, um zu kochen Stifter 3, 59.
obd. mundart hält diesen sinn fest: H. Fischer 6, 615; Meisinger
Rapp. (1906) 225; Stucki
Jaun (1917) 241.
mehrfach hat sich auch die bed. '
branntwein'
eingestellt: wein vertragen kaum die schwachen nerven, geschweige w. Baggesen
poet. w. 3 (1836) 32; sie bringt den grafen durch anspritzen von w. wieder ins leben Kerner
bilderb. (1849) 323; gläser, gefüllt mit einer ... flüssigkeit, in welcher der galizische instinct sofort w. witterte Ebner-Eschenbach 2, 25.
auch wo die fachbedeutung nicht aufgegeben wird, kann sie verwässert werden etwa zu '
dunst des weins': so bald aber der wein die geister in meinem gehirne etwas rege
[] gemacht hatte ... mahlete (
er) meinen vom w. benebelten augen vortreffliche lufftschlösser vor Schnabel
felsenb. 1, 90
lit.-denkm.; der muntre w. mag ihr (
der Franzosen) flüchtig blut erregen Gottsched
n. a. d. anm. gelehrs. 6, 512; jünglinge, die vom weingeiste immerdar erfüllet, bis ins grab tändeln 8, 221.
die mit alledem eingerissene zweideutigkeit mag der fachsprache das wort verleidet haben. 44)
dichtern hat sich das fachwort in vielfältigen bildern ergiebig erwiesen: wer sich in einer ausländischen schrift berauscht hat, es sey wein oder w. darinn gewesen Klopstock
gel.-rep. (1774) 81; die lehren dieser ... mystiker (
verhalten) sich zu denen des neuen testaments, wie zum wein der w. Schopenhauer 1, 496
Gr.; setzten sein entzündbares wesen in volle flammen, wie elektrische funken einen löffel voll w. Musäus
volksm. 1, 16
Hempel; (
Shakespeare bietet die traube am stock,) bei Calderon dagegen ist dem zuschauer, dessen wahl und wollen nichts überlassen: wir empfangen abgezogenen, höchst rectificirten w. Göthe I 41 i 353
W. auch komischen wirkungen kann das wort im bilde dienen: sieht er nicht aus, wie eine in w. präparierte unglückliche liebe? Gaudy 10, 41; ein gesicht wie ein fötus in w. Heine 7, 450
Elster. 55)
unabhängig von seiner festlegung im fachsinn bewahrt w.
die freiheit, im sinn seiner beiden bestandtheile verwendet zu werden. persönliche bedeutungen wie '
genien der rebenblüte, dämon, schutzgeist des weins'
drängen sich vor: die zur zeit der blüte aus den weinstöcken insgemein in die lufft steigenden wein-geister Lohenstein
Arm. 2 (1690) 482
b; ward ... derselbe
δαίμων ἀγαθὸς auch als w. gedacht Ed. Gerhard
akad. abh. 2, 25; name eines umgehenden geistes, der den weinsegen für das folgende jahr ansagte H. Fischer 6, 615,
hierzu weingeisterlein /
spiritelli del vino M. Kramer 1 (1700) 497
b.
anderseits kann w. '
zecher'
werden: die zwei alten weingeister aber waren ganz erfüllt ... davon Hauff 2, 102,
aber auch '
rausch': der zorn schien ihn heiser gemacht zu haben und der verschlafene w. schien aufzuwachen Auerbach 18, 72,
und, auf dem weg dahin, in mannichfacher abstufung '
idee des herrlichsten weins': rosenröthlicher aleatico, blume und ausbund alles weingeistes Tieck 17, 90, '
inbegriff der wirksamen kräfte im wein': ich meine hauptsächlich die zweite periode des schmeckens beim weine ... das lebendige hervortauchen der weingeister Gaudy 16, 102,
die stimmende, belebende, berauschende kraft des weins: dies alles hilft ihnen der w. aus der rührungsgarderobe hervorsuchen B. v. Arnim
dies buch 1, 216; es war nicht der aufsteigende w. Alexis
ruhe 5, 58; nach und nach wichen die wein- und andern geister aus ihm J. Gotthelf 2, 6.