weinbeere,
f. die älteste zus.-setzung mit wein-:
got. weinabasi Feist 313,
ags. wínberige Bosworth-Toller 1231,
mengl. wînberie Stratman 686,
anord. vínber Fritzner 3, 950,
dän. viinbär,
schwed. vinbär,
mnl. wijnbere Verdam 692,
asächs. ahd. wînberi Gallée 384
f.; Graff 3, 204,
mhd. wînber(e)
mhd. wb. 1, 104; Lexer 3, 898. 11)
das genus ist in der regel nicht erkennbar. das nhd. fem. ist aus dem plur. des mhd. neutr. gewonnen (
th. 1, 1243; Schmeller 1, 263),
das noch 1598
einmal zu tage tritt: ausz einem weinbeer Spangenberg
mus. 75
lit. ver.; ebenso mundartlich: weinper
oder weimmer
n. Schöpf
tirol. (1866) 809. 816. 22)
zur form. in allen germ. sprachen auszer im got. stöszt in unserm wort n
auf b. die nhd. schriftsprache beläszt die unbequeme lautgruppe, die mundarten gleichen auf verschiednen wegen aus: in Siebenbürgen erscheint seit 1528 weymber:
qu. z. gesch. der st. Kronstadt 2, 104,
bair. weimbər Schmeller 2, 927,
östr. 1792 weimper Klein
prov.-wb. 2, 229,
in Wien 1847 weimba Castelli 263, 1873 weimb' r,
plur. weimb'rln Hügel 188,
in Langensalza 1895 wímber Hertel
Thür. 256.
darüber hinaus wird gerade in Thüringen volle angleichung zu m
schon im 15.
jahrh. vollzogen: wimer Stolle
thür. chr. 181
lit. ver.; entspr. in Aachen wimel Müller-Weitz 262,
in Krefeld wîməle,
nösn. weimər, weimərchi Kisch
vgl. wb. 244,
tirol. weimer Steub
drei sommer 2, 236,
südbair. waimɐrn, waimɐrlə, baimara Schmeller
cimbr. 170; Bacher
Lusern 221.
anderseits geben die mundarten des südwestens den nasal auf: thurg. wîbeiər
bei den alten, wîbrli
bei den jungen Enderlin
Kesswyl (1913) 157;
bernd. wîberə
schweiz. id. 4, 1474;
in Pfullendorf und St. Märgen im Breisgau wîbêrə, wîbêrištûdə '
johannisbeeren' (
mündlich),
schwäb. weiber H. Fischer 6, 609. 33)
die bedeutung schwankt merkwürdig. von Campe
getadelt, aber langlebig ist im süden der sinn '
traube': hundert gebúnde wîneber Rud. v. Ems
weltchr. 25304
Ehrismann; resticula uvarum / ein bund mit weinbern Trochus 1517
bei Diefenbach
n. gloss. 317
b; het man 2 karren mit weinber veil
städtechr. 4, 222; den nachtreibern ... und wymmerin jedem sechs weinpör unt nit darüber zuprechen zuogelassen
tirol. landsordn. (1538) 5, 32; weinber,
f. '
weintraube' Loritza 142.
die früchte des wilden weins (
s. o.)
heiszen sant Marteins weinper
voc. teut. (1482)
bei Diefenbach
gloss. 314
b; unzeytig weinberen von wilden trübelen Gersdorff
wundarzn. (1517) 95
d.
in lebenden mundarten ist der name auf mehrere ribes-arten übergegangen, weil man auch deren saft zu einer art wein
vergähren läszt. schwäb. heiszt die (wilde) stachelbeere,
ribes grossularia, weiberle H. Fischer 6, 609.
vom Bodensee bis Schweden, von Siebenbürgen bis Aachen verbreitet ist w.
als name der johannisbeere,
ribes rubrum: H. Fischer
das.; Schmeller 2, 927; Kisch
vgl. wb. 244
b; Müller-Weitz 262.
sonst immer ist w.
die beere von vitis vinifera L., doch ist zu scheiden zwischen heimischen und südlichen, frischen und getrockneten beeren. alte sprache und mundarten brauchen w.
für die getrockneten beeren südlicher reben, die sonst meerträubel (
th. 6, 1861), rosinen (8, 1231), korinthen (5, 1810), wälsche w. (13, 1353), sultaninen
und zibeben
heiszen: passile / gederrte winber oder mertrübel Diefenbach
n. gloss. 282
a;
entspr. das. 281
b; 387
a;
gloss. 415
a; 632
a; als der her der richter ist geczogen ... in di Hermestat, so hab ich im mit gegen veynperen ('
zibeben') czu voreren vor asp. 40
quellen z. gesch. d. st. Kronst. 2, 92 (1528); so strew clein weinper ('
korinthen') dorauff
küchenmeist. (1530) a 8
b; dürr feygen, weynbeer vnd öl Stumpf
Schwytzerchr. (1606) 147
a.
in deutschen weingegenden ist das trocknen von trauben seit dem 9.
jahrh. bezeugt: Heyne
nahrungsw. 333;
passa uva / kidartaʒ uuinperi
ahd. gl. 1, 288; wenn man die weinper in ainen warmen ofen legt und derrt si dar inn, die haiʒent ze latein
uva passa, daʒ sint geröscht weinper K. v. Megenberg
b. d. nat. 350
Pf. 44)
gebrauch. 4@aa)
das wort dankt in alter zeit seine verbreitung der bibel: sie ni lesent fon thornun uuînberu, odo fon thistilon fîgun
Tatian 41, 3;
entspr. cod. Tepl. 1, 8
Huttler; erste d. bibel 1, 27
Kurrelm.; Eyering
prov. 1 (1601) 151; 3, 197,
sämmtlich nach Matth. 7, 16; di boten chômen wider gegangen unt brâhten an ainer stangen ain vil grôʒʒeʒ wînpere
kaiserchr. 11222,
nach 4. Mos. 13, 23; daʒ sûwer wînber aʒ ich, dîn zene worden slegelich H. v. Neustadt
gottes zuk. 2625
Singer; entspr. H. Sachs 15, 235
lit. ver.; Luther
tischr. 1, 521
W. nach Hesek. 18, 2; ich bin worden glîch einem manne in ertrîch, der in sînem wîngarten gêt nâch wînberen warten
Daniel 3338
Hübner nach Mich. 7, 1; Johannes nihil vitis, weynber, rosynen ... edit Luther 34 i 548
W. nach 4. Mos. 6, 3;
hier allein hat die Lutherbibel das wort belaszen. vom biblischen gebrauch her ist w. (
wie kelter
th. 5, 524
f.)
in bildern für christenheit und Christus beliebt: (
die christenheit) dûtet olei und wîn, wen sie mit den pressen sîn als ein wînber zudruct H. Hesler
apokal. 11049
Helm; (
die juden) wolten abbrechen die edel winber also gar
Uhlands volksl. nr. 342;
entspr. wunderh. 1 (1845) 166; dann uns die himmlische weinber' von sich ein körnlein reicht. Maria zog die weinber' wol drei und dreiszig jahr' Ant. Peter
volkst. a. Oberschles. 1 (1865) 348. 4@bb)
die sprache folgt der w.
durch ihren natürlichen werdegang. sie ist vor der reife sauer: gleich als ain sawr agrest natürlich geschikt ist anzenemen der sonen einflus, dadurch aus sawerem agrest ssz weinper werden Berth. v. Chiemsee
t. theol. 304,
verfärbt sich: so erzeugt sich die weinfarbe, wenn mit reinem und leuchtendem schwarz sich lichte strahlen verbinden. diesz geschieht auch körperlich an den weinbeeren Göthe II 3, 30
W., reift im october: herpstmont (
macht) süsz winbeer Riederer
spiegel (1493) k 4
b; die weinbeeren schwollen und rötheten sich Heyse
nov. 2, 360,
und ist dann massenhaft vorhanden: sovil tropfen in dem möhr ... und sovil der hörbst weinböhr Weckerlin
ged. 1, 263
lit. ver. sie wird vor unbefugtem zugriff behütet: halt die faust desz kriegszvolcks innen, das niemandt ... kein weinber abbrech S. Franck
chron. Germ. (1538) 35
a,
nicht immer mit erfolg: da stigen eins nachtes czwey kind in sant Servacius garten vnd wolten weinber brechen
sommert. d. heil.-leben (1472) 41
c; weiber sind fast wie die weinbeer, welche im oktober mit steten wachsamen hütern versehen und dannoch oft von den dieben merklich schaden leiden A. a S. Clara
auf, auf ihr christen 205
Strigl, zumal auch thiere ihr nachstellen: seine nahrung ist gewürme, wein- und vogelbeeren Döbel
jägerpract. (1754) 1, 55; Camerarius bildet einen igel mit weinbeeren auf den stacheln ab Kästner
verm. schr. 2 (1772) 149.
das herbsten ist so bekannt, dasz es fremde erntebräuche erläutern hilft: (
wenn der pfeffer) zeittig ist, so ist er grün, so list man in ab sam die weinper Schiltberger
reiseb. 80
lit. ver. dabei wird die w.
geschützt durch den zuruf: hand von der butte, es sind w. drin
schweiz. id. 4, 1474; H. Fischer 6, 609; Hügel 188,
der (
wie lat. manum de tabula Büchmann
25 430)
weithin sprichwörtlich gebraucht wird: J. G. Schmidt
rockenphil. 2 (1706) 246; H. Kurz
Sonnenw. 1 (1855) 23; Nestroy 2, 50.
das keltern wird zum bild für menschenleid: ein weinbeer unter der press ... kann nicht seyn ein sattsames sinnbild der verheyrathen dieser zeit A. a S. Clara
merks Wien 110;
entspr. etwas f. alle 1 (1699) 474.
das schrumpfen der ungekelterten w.
wird dem altern des menschen verglichen: wie under einer zeitigen grünen w. und einer dürren ein underscheydt, also under einem jungen und alten erlebten mann S. Franck
spr. 2 (1541) 55
b;
entspr. Eyering
prov. 2, 418; Wieland
Luc. 2, 306.
der eigen geformte kern zieht die betrachter früh an: die natur das körnlein in der w. ... mit sonderlicher form und bildungen bezeichnet hat Harsdörfer
frauenz.-gespr. 1 (1641) J 8
b.
später wird ihre gestalt und das verhältnis zwischen kern und fleisch ausgangspunkt philos. betrachtung: wie die form der w. und der geschmack des weines frei gegen einander sind Hegel 2, 248; für diese unsere eigenste welt ist unsere sprache was für ... die w. die hülse, das fleisch ist Hildebrand
sprachunt. (1879) 135,
während sich die volkssprache gern in botan. unmöglichkeiten ergeht: ehnder gänn brameln (
brombeersträucher) weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht Viebig
weiberd. (1905) 23.
vom kern geht neues leben aus: das körnlin der weinpöre wurtzelt um sich Schwarzenberg
Cicero (1535) 33. 4@cc)
der mensch schätzt die ungekelterte w.
als genuszmittel: dô hieʒ im wîn unde brôt und wînber ze spîse gebin der edel wîse Rud. v. Ems
weltchr. 26097
Ehrismann; 8 scot vor most und wynbere ken Labiow zu furen
tresslerb. 36
Joachim. sie kann bei unvorsichtigem genusz zur todesursache werden: (
du kannst) usz einem körnlin einer gedörrten weinbör verscheyden Eppendorf
Plinius (1543) 12,
was nam. im motiv vom ende des Anakreon immer neu erzählt wird: Spangenberg
mus. 75
K.; Kortum
Jobs. 1 (1799) 187; Rückert 2 (1867) 111.
die auf der w.
wuchernden hefensporen werden zum brotbacken genutzt: andere die machen brot ohn höfel also: am vorigen tag ehe dann sie bachen wöllen, nemmen sie weinbeer und legens ins wasser
M. Herr
feldb. (1551) 49
b.
die wirkung des traubenzuckers und die abführende kraft der w.
machen sie zur arznei: wer die weinper behelt und si aufhæht oder si paizt mit honig ... die fuorent wol K. v. Megenberg
b. d. nat. 351
Pf.; entspr. Paracelsus
op. (1616) 1, 1086; Forer
Gesners thierb. 121
a; Gäbelkover
arzneib. 1 (1595) 61; Avila
bancket (1563) 8. 27.
noch wichtiger ist die w.
in alter und bäuerlicher küche: zeitig und unzeitig treubel oder weinbeer einzumachen Ryff
confectb. (1548) 111
a; lerchen mit wein-beeren oder unreiffen trauben Amaranthes
frauenz.-lex. 1152; das backwerk ... war reichlich mit 'mucken',
d. h. mit schwarzbraunen weinbeeren versehen
M. Meyr
erz. a. d. Ries 3 (1868) 5.
als schleckwerk ist sie vor allem in Wien beliebt: ollap. 268
ndr.; Bäuerle
kom. theater 1 (1820) 26.
hier wurzelt die warnung: die weiber aber und weinbeer machen mehristen thail alle beutel eytel A. a S. Clara
Judas 1 (1686) 4; drei w machen viel beutel leer: weiber, würfel und weinbeer Wander 4, 1709. —
besonderheiten sind, wenn ein kinderspiel in Bayern weĩbel brockə,
in Kärnten weinper klaubn
heiszt: Schmeller 2, 927; Lexer 254,
wenn in Ruhla der sonst weingesang
oder weinschlag (
s. d.)
genannte schlag des buchfinken wînbêr
heiszt: mî näuer fäink pfüfft de wînbêr Regel 286; Hertel
Thür. 256,
endlich wenn in Wien weimb'rl
ein mensch heiszt, der sich unschuldig stellt, musso weimb'rl
ein handlungsgehülfe: Hügel 188. 55)
von den verkleinerungsformen ist weinbeerchen in der Zips, weimerchi
in Siebenbürgen zum namen der johannisbeere geworden: Schröer
Germ. 22, 370.
weinbeerlein, n. braucht K. v. Megenberg
nach lat. uvula vom zäpfchen im hals: Diefenbach
n. gloss. 387
a;
gloss. 633
b, W. H. Ryff
anat. (1541) M 2
a und Bartisch
augend. (1683) f 7
a nach lat. uvea von der regenbogenhaut des auges. im eig. sinn ist w.
schon im 16.
jahrh. häufig: weyberlin
Zürcher bibel (1531) 4.
Esdr. 9; Wackernagel
kirchenl. 3, 813 (1537); Mathesius 2, 313
Lösche; Hayneccius
H. Pfriem 2477
ndr. es steht in den wbb. von Frisius
und Maaler
bis Rädlein
und Dentzler.
die beliebtheit der schleckerei gipfelt im südosten: wann der mann ein fürwitziges, gassenfahrendes ... Elslein hat, die den zelter gehet und gern geschelte weinberle friszt Albertinus
Luc. kgr. (1617) 314.
hier ist seit dem 16.
jahrh. w.
zum gangbaren wort für rosine
geworden: Riese
rechenb. (1581) 68
b; Wirsung
arzneib. (1588)
reg.; Gäbelkover
arzneib. 1, 15; Guarinonius
grewel 540; Raimund 1, 150,
auch in den wbb.: Loritza 142; Castelli 263; Unger-Khull 626
a. für 'johannisbeere' ist weinbeerl bezeugt aus Bayern: Klein
prov.-wb. 2 (1792) 229; Holl
wb. d. pflanzenn. (1833) 117
b; weimperlex aus dem jüdisch-deutschen von Odessa 1896: Gerson 102. 66)
weinbeer(en)- ist erster bestandtheil von 42
zus.-setzungen. davon sind weinbeerroth Herder 29, 272
und weinbeervoll Cl. Brentano 2, 216
adj., die andern subst. von ihnen haben unechte zus.-setzung weinbeerenblut Hamann 2, 408
Roth, weinbeerenhülse Bas. Faber
thes. (1587) 326,
weinbeerensaft allg. haush.-lex. 1 (1749) 115
b und weinbeerenzeit Oken
allg. nat.-gesch. 7, 294,
die östr. scherzbildung weimb'rlthee '
wein' Castelli 263; Hügel 188
geht vom demin. aus, alle andern zeigen weinbeer-
im ersten worttheil. dabei stehen 35
lit. belege gegen 60
lex. buchungen, die ältesten im voc. opt.: acinus/winbersteinli;
senecia/winbervel 19, 20
f. Wackernagel, sodann: racemus/kam, weinberstengel
voc. rer. (
Augsb. 1468)
bei Diefenbach
n. gloss. 312
a,
acht weitere im voc. teut. (
Nürnb. 1482): weinperast, weinrebast/
palmita; weinperpalg, -hulsze/
senecia; reben-, weinperplat/
pampilus; weinperheutlein /
vinacium; weinperheff/
mustacea; weinperkernlein /
semen passularum; weinperkorn/
acinus; -kornlein /
arillus. nur zwei von diesen werden lit.: Anakreon erblaszte, berauscht vom wein und tantzend, an einem weinbeerkerne Wieland I 1, 337 (1762); diese weinbeer-körnlein in säcklein gethan, die ... gewärmt und des nachts unter die füsze gelegt werden, wärmen Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 385.
durch 1. Mos. 49, 11 in sanguine uvae
wird weinbeerblut beflügelt: weinberblut vocat roten wein Luther 20, 339
W.; Dannhawer
kat.-milch 4, 37; Schubart
ged. 1 (1825) 61. der weinbeerweich
ist in Niederösterreich die zeit der traubenreife: östr. weist. 8, 694;
weinbeerdrucker heiszt in weingegenden der frühherbstnebel, unter dem die trauben weich werden: Unger-Khull 626
a.
zu weinbeere '
rosine'
gehören weinbeerkuchen Stieler; Campe,