wechselseitig,
adj. und adv. ,
seit mitte des 18.
jahrh. belegt, etwas später als gegenseitig
und wol danach gebildet, um dessen zweite bedeutung (
s. th. 4, i, 2261)
noch schärfer hervorzuheben. erst Campe
bucht das wort, im verdeutschungswb. für réciproque neben gegenseitig; Göthe
braucht es sehr oft, in neuerer zeit tritt es wieder hinter gegenseitig
zurück. 11)
als adjectiv. 1@aa)
im austausch von einer seite (
person, sache)
zur andern gehend, gegenseitig bewirkt oder vorhanden. ein einmaliges hin und her wird gewöhnlich als einheitliches paar aufgefaszt, auch die substantive, von denen plurale üblich sind, stehen dann im sing., z. b.: eines wechselseitgen jährlichen besuchs Pfeffel
pros. versuche 5, 135. 1@a@aα)
zunächst von solchem, das ausgetauscht, im wechsel von einem dem andern gegeben, gegenseitig gemacht oder bewirkt wird. zuerst vielleicht im rechtsleben (
worin gegenseitig
wurzelt): die wechselseitigen nothbeerbungen der eltern und kinder werden als ein wechselseitiges testament angesehen Hippel
über die ehe (1792) 30; wenn die testatoren sich gegenseitig zu erben einsetzen, so heiszen sie insbesondere wechselseitige testamente Weiske
rechtslex. 10, 889; ist bei wechselseitigen beleidigungen von einem theile auf bestrafung angetragen worden
strafgesetzbuch § 198; als ich den wechselseitigen vertrag der beiden brüder hin und wieder trug. Schiller 6, 125 (
Phönizierinnen 1, 2).
ferner bes. in der abstracten sphäre: wechselseitige versicherungen Lessing 7, 375; bruderhülfe Herder 5, 550
Suphan; dienstfertigkeit Sturz 2, 100; rache Klinger 3, 280; niederlagen Jung Stilling 3, 192; mittheilungen Göthe 23, 60
Weim. ausg.; unterricht 25, 212; einflusz 21, 149; hülfsleistung Schiller 8, 11; küsse Tieck 14, 198;
[] halsbrechen Fouqué
altsächs. bildersaal 2, 188; feuer (
schieszen) Laukhard
leben 3, 169; anziehung Bettine
frühlingskranz 103. 1@a@bβ)
dann von solchem, das gegenseitig vorhanden ist und im wechsel steht. von gefühlen und empfindungen: wechselseitige freundschaft Rabener 1, 33. Zachariä
poet. schriften (1763
ff.) 7, 44; liebe Miller
predigten fürs landvolk 3, 199; neigung G. Forster (1843) 5, 227; achtung Kant 10, 313. Lavater
physiogn. fragm. 3, 36; nachsicht Lessing 6, 477; behagen Bürger
briefe 4, 28
Strodtmann; zufriedenheit
Göthejahrbuch 16, 30 (Göthe 1794); vertrauen Göthe 13, i, 301; misztrauen Heine 5, 12
Elster. von beziehungen '
zwischen beiden bestehend',
pleonastisch (
vgl. c): in der wechselseitigen übereinstimmung des geschöpfs mit dessen absichten Winckelmann 7, 102
Eiselein: die betrachtung ... ihrer (
der oberen und unteren knochen) wechselseitigen ähnlichkeit und verschiedenheit v. Sömmerring 2, xix. '
verhältnismäszig': dasz die langen und kurzen sylben keine bestimmte dauer haben, nicht einmal einen bestimmten bezug unter ihrer wechselseitigen dauer Göthe 45, 126. 1@bb) '
allseitig in beziehung stehend, tretend': ihre (
der menschen) wechselseitige noth schlinge ein band um sie alle Klinger 8, 90; alle, wechselseitige complimente (
bühnenanweisung)
neue schauspiele (1771
ff.) 6, 4, 71.
pleonastisch: in allen den edlern werken des genies findet man eine wechselseitige beziehung ... der theile Dusch
verm. schriften 267; so durchreiste er die welt, lernte sie und ihren wechselseitigen verkehr auf's genaueste kennen Göthe 24, 146. 1@cc)
zuweilen ist die beziehung der beiden seiten auf einander weniger deutlich oder fehlt ganz, so dasz die bedeutung '
beiderseitig'
erscheint: wann öffnen wir ... unsres herzens geheimste fächer, uns bequem und herzlich des wechselseit'gen reichthums zu erfreuen? Göthe 10, 289 (
natürl. tochter 932); woraus entsteht liebe? ... aus dem erkannten wechselseitigen werth Gutzkow (1872
ff.) 3, 64.
ferner: in jenem spiele der wechselseitigen eigenliebe J. Möser 5, 44; wir errichteten einen freundschaftsbund, den weder lange dauernde trennung, noch wechselseitige traurige schicksale in der folge zerrissen Schubart
leben u. gesinnungen 1, 49; wie freuten wir uns, als wir im anfang unserer bekanntschaft die wechselseitige neigung zu diesem plätzchen entdeckten Göthe 19, 81. 22)
als adverb (
vgl. wechselsweise 1
b). 2@aa)
zu seite
in eigentlichem sinne. 2@a@aα)
die rechte seite gegen die linke und umgekehrt: die finger wechselseitig in einander zu fügen C. A. Böttiger
kl. schriften 1, 82; mit wechselseitig anliegenden leibern
gesch. des tanzes 203. 2@a@bβ)
auf abwechselnden seiten: die äste, in halbquirlen, wechselseitig stehend v. Schlechtendal
5 8, 104 (
vgl. wechselständig). 2@bb)
zu seite '
partei',
weiter verblaszt '
person, sache'. 2@b@aα)
wenn die beiden seiten selbst in wechselbeziehung treten, steht wechselseitig 2@b@a@11))
neben einander,
neben reciprok gebrauchten reflexiven oder neben beiden, zur hervorhebung der gegenseitigkeit dienend. '
eins das andere': dasz sie (
die disjunctiven urtheile) sich wechselseitig einander ausschlieszen Kant 2, 106; geschöpfe ... die sich wechselseitig einander suchen Herder 15, 321
Suphan; die erbitterung, womit sie einander wechselseitig verfolgten Schiller 8, 21; dasz ... vieles neben einander bestehen ... musz, was sich gerne wechselseitig verdrängen möchte Göthe
briefe 41, 30. '
eins dem andern': ein theil muszte dem andern unterworfen und wechselseitig einer dem andern irgend worin überlegen sein Kant 10, 339; man musz einander wechselseitig zu gefallen seyn Schiller 14, 193 (
parasit 1, 1); da sie ... sich ihre hoffnung wechselseitig stärkten Lichtenberg
verm. schriften 4, 351; es ist billig, dasz man unter freunden sich dergleichen wechselseitig mittheilt Göthe
gespräche 2, 148
Biedermann; die setzten sich wechselseitig das gewehr auf die brust Chamisso 5, 178.
neben präpositionalen fügungen: räder ..., die wechselseitig in einander greifen! A. G. Meiszner
Alcibiades 3, 223.
[] 2@b@a@22))
seltener steht es allein: war man wechselseitig in künstlerischem und sittlichem sinne um vieles näher gekommen Göthe 35, 156; wenn sprechen allenfalls heiszt: wechselseitig reden wie man denkt
briefe 33, 239; von der gleichheit der gemütsart wechselseitig angezogen waren wir einander immer mehr als uns bewuszt gewogen. Heine 1, 421
Elster. 2@b@bβ)
sie können auch von auszen in beziehung gesetzt werden: dasz liebe ... die geschöpfe ... wechselseitig an einander geknüpft habe Herder 15, 304; die anhänglichkeit ..., die uns, wie eine kette, wechselseitig zum guten bindet Klinger 1, 97 (
falsche spieler 1, 1); man verglich ... die beiden geschlechter wechselseitig Göthe
naturw. schriften 8, 11. 2@b@gγ)
gelegentlich nähert es sich der bedeutung '
beiderseitig': gegenstände, die uns wechselseitig am herzen lagen Göthe 28, 268. 2@b@dδ)
auch auf beziehungen zwischen mehreren seiten gehend: hochsinn, tiefsinn, hoffart, demuth, bedächtlichkeit, flatterhaftigkeit ... annullirten sich immer wechselseitig durcheinander Brentano 5, 359. 2@b@eε)
vereinzelt '
in umgekehrter beziehung, andrerseits' (
vgl. wechselsweise 1
b δ): was der mensch werth ist, ist sein handwerk werth, und wechselseitig am ende was das handwerk taugt, taugt der mensch Göthe 1, 45. 2@b@zζ)
ebenfalls vereinzelt '
abwechselnd': Schiller, Shakespeare und Werner sind's, denen er (
Müllner) wechselseitig nachstrebt v. Platen
tagebücher 1, 390.