watscheln,
verb. wackelnd, schwerfällig, mit kurzen schritten gehen; im wasser herumpatschen, waten. 11)
das wort hat ursprünglich dialektischen charakter und gehört noch jetzt mehr der umgangssprache als der schriftsprache an. im mhd. kommt es noch nicht vor. in der ersten bedeutung erscheint es zuerst bei H. Sachs,
dann bei J. Cuno (
aus Freyburg a. d. U.) und G. Treuer (
aus Beeskow a. d. Spree);
von der mitte des 18.
jahrh. an haben es Mittel- und Norddeutsche häufiger (Bode, Bürger, Goekingk, Gotter, Heinse, Thümmel, Musäus, Fr. Müller),
auch einige Oberdeutsche, die in Norddeutschland leben (Zimmermann, Wieland),
aber der Österreicher v. Ayrenhoff
gibt (
werke 4, 247)
dem wort noch die erklärung mit '
den oberleib von einer seite zur andern schwanken lassen'.
von wörterbüchern hat es zuerst Ludwig,
dann Steinbach
und Rondeau,
den andern, selbst Frisch,
fehlt es; Adelung
weist es den niedrigen sprecharten zu. die md. idiotika führen es seit dem 18.
jahrh. (Berndt, Reinwald, Schmidt)
an, dagegen bringen es Stalder
und Schmeller in der 1.
aufl. nicht, wol aber Schmid
für das schwäbische und die meisten späteren obd. wörterbücher. das wort hat sich also allmählich ausgebreitet (
nur den nd. dialekten scheint es meist fremd, doch z. b. neumärk. wōtschln
zeitschr. f. d. mda. 1910, 41)
und wird jetzt allgemein verstanden. zunächst bezeichnet es den gang von gans und ente und man könnte deshalb daran denken die bedeutung '
wackelnd gehen'
aus der von '
sich im wasser bewegen' (3)
abzuleiten, vgl. engl. waddle '
wackelnd gehen'
zu wade '
waten'.
dagegen spricht aber, dasz watscheln
auch sonst in der bedeutung '
wackeln'
vorkommt (2),
es musz daher, wenn auch die andre bildung sich eingemischt haben kann, in mhd. wackzen
die grundlage gesehen werden (Winteler
beitr. 14, 461);
ein daraus hervorgegangenes watzen (watzeln
noch bei Treuer
s. u.), watschen
ist mit derselben diminutiven ableitung wie wackeln
versehen worden. das lange a,
das das wort im östlichen Mitteldeutschland aufweist (Hertel 254. Müller-Fraureuth 2, 644. Albrecht 234. Knothe 122. Liesenberg 602. Jecht 122,
so auch Adelung
und Campe)
musz nachträglich entwickelt sein wie sonst vor tsch.
im unterschied von wackeln
bezeichnet watscheln
nur ein schwanken mit dem ganzen körper beim gehen und eine vorwärtsbewegung; es können sich adverbielle bestimmungen anschlieszen, die die richtung der vorwärtsbewegung angeben. 1@aa)
der gebrauch des wortes von thieren reicht am weitesten zurück: nach dem watschlet daher die kröt. H. Sachs
fab. u. schw. 90, 44
Götze; die krähe watzelt auch hin zu dem luderplan Treuer
deutscher Dädalus 4, 6; die andern (
gänse) ... watschelten nun wieder zurück in den tempel Heinse 2, 264
Schüddekopf; auf einmal watschelte die gans herbey. Ramler
fabellese 3, 8; das gänschen watschelt nach wie vor. Pfeffel
poet. versuche 7, 136; die ente ... sprang in einen graben, verrenkte sich aber die beine, und watschelte fort zum nahen teiche Grimm
märchen (1843) 2, 394; sonst tauchen sie (
die stockenten) fleiszig nach wasserinsekten ..., watscheln auch im gras herum und suchen nach körnern Tschudi
thierleben d. alpenwelt2 69; ihr gang (
der tafelenten) ... bleibt ein schwerfälliges watscheln Naumann
vögel 12, 31; (
die pinguine) watschelten recht gravitätisch davon J. G. Forster
schriften 2, 397; ein schwimmvogel watschelt auf dem lande
F. L. Jahn
werke 1, 440; doch mag ein vogel stolz schreiten oder watscheln, sein gang ist immer ungeschickt Vischer
ästhetik 2, 135; laut rief das gick- und gackgeschlecht: ... du siehst, wir watscheln tag für tag hof auf hof ab einander nach. Bürger 94
b; aus den stallungen gackerte das ganze hühnervolk herbei mitsammt den watschelnden küchlein Rosegger
schriften I, 14, 201.
von vierfüszlern: weiter gings zum elefanten, der schon voll erwartung hin und her watschelte Hesse
Peter Camenzind 220; Preuszen watschelt wie ein bär auf die freiheit los Börne
schriften (
Hamb. 1829—34) 12, 127; der gang (
des murmelthiers) ... ist ein ... breitspuriges watscheln, wobei der bauch fast ... auf der erde schleift Brehm
thierl.2 2, 303. 1@bb)
bei watscheln
von menschen bildet der vergleich mit dem wackelnden gang der enten und gänse den hauptsächlichsten ausgangspunkt: seht wie er daher watschelt wie eine lahme ente Ludwig 2399; heiszt das wie eine gans watscheln? hab' ich keine haltung in der figur? Gotter 3, 388; solche männer, die sich dickbäuche anfressen oder anschlafen, watscheln wie gänse und enten, um das gleichgewicht zu erhalten Weber
Demokritos4 1, 161.
es kann '
schwerfällig, schleppend gehen'
sein: und endlich, endlich standen wir denn auf (
von tische). ich, schwer als wie ein klumpen erde, ich watschelte zu Heinrich hin ... Goekingk 3, 161; das er (
der mit kleidern bepackte) einer Hamburger thonne nicht ungleich herein watzschelt J. Cuno
hoffarts wohlstand (1593),
neudr. 125,
einl. s. X; jetzt kann ich wieder ohne stock gehen, aber wie ein lahmer mensch, watschelnd, und unfähig, den fusz aus der thür zu setzen Hebbel
briefe 2, 238.
besonders von dicken menschen: eben als sich der korporal räusperte und anfangen wollte, herein watschelte (
der kleine dicke) doktor Slop Bode
Tristr. Schandi 5, 149; mit diesen worten ... watschelte (
der mönch) nun ruhig seinen mitgehülfen an dem dienste der Maria nach v. Thümmel
reise 2, 94; die feiste duenna watschelte im haus umher trepp auf, trepp nieder Musäus
volksmährchen 1 (1804), 146; die dicke frau watschelte, mit beiden händen den bauch haltend, von dannen G. Keller 6, 232; einer (
der Zigeuner) ist sehr dick und watschelt mit in lappen gewickelten füszen um Rosegger
schelm aus den Alpen 1, 77; kurz, wo Rosine ging, da watschelte (
die dicke) frau Klare, mit ihrem rosenkranz, am gürtel, hinter drein. Wieland 21, 185 (
Klelia 1, 265).
auch nur '
lässig sein beim gehen, keine haltung haben' (
wie sächs. latschen
eig. schlürfend gehen gebraucht wird)
: nicht steiff noch gerade gehen, to wabble or waddle Ludwig 2399.
von leuten aus dem volke z. b. von bauermädchen: die magd sah ihm ruhig nach und watschelte dann langsam hinterdrein Storm 5, 272.
von kobolden: ein träges geschlecht! (
die gnomen) ... es watschelt, es tappt possierlich verkappt, bald äffisch und drollig, bald bärenhaft knollig. Matthisson
schriften 1, 146. '
trippeln'
von kindern: am gewöhnlichsten haben wir mehr freude an dem lallen, watscheln, tändeln unsrer kinder, als nachher an ihren handlungen, wenn sie schon gebildet sind Bode
Montaigne 3, 132; ich sehe mich schon im geist an der seite der kleinen frau ... durch die felder wandern, ... während vor uns her zwei junge weltbürger watscheln Spielhagen 1, 463; denn damals stand sie (
das kleine mädchen) schon allein; mein treu, sie lief und watschelt' (
waddled) euch schon flink herum.
Shakespeare, Romeo u. J. 1, 3.
von mädchen: o du gottlose bäumtest dich dann noch artiger und watscheltest mit deinen runden füszchen und winktest mir Fr. Müller 1, 131; lustige dirnen, nymphen, die um mitternacht heimwatscheln ohne laterne, so an eines gesunden bruders arm 2, 114.
auch sonst '
ungezwungen gehen, schlendern': Diogenes, der einst in seinem schmutz über die prächtigen fuszdecken in den zimmern des Plato watschelte Zimmermann
über die einsamkeit 1, 127; er (
Barbarossa) sasz nicht mehr auf steinernem stuhl ... er watschelte durch die säle herum mit mir im trauten geschwätze. Heine 2, 461
Elster; auch der poet, er watschelt mit hinaus. G. Keller 9, 151; bald verhindert mich das glatteis, auf unserm hügeligen terrain herum zu watscheln
derselbe bei Bächtold
Kellers leben 3, 413. er kommt gewatschelt: als der (
dicke) arzt langsam über den hof gewatschelt kam Immermann
Münchhäusen2 4, 102; der abt Johannes Entenfusz kam unwirsch hergewatschelt. Scheffel
gaudeamus37 60. 1@cc)
das part. watschelnd
auch in verbindung mit abstracten: watschelnder gang
eines mädchens Wieland 4, 101;
des seemanns Kohl
reise nach Istrien (1856) 1, 184;
der höheren affen D.
F. Strausz
schriften 6, 134; gackernd hinzu mit watschelnder eile liefen die enten.
F. L. Stolberg
werke 3, 278. watschelnde beine: bäuche die auf watschelnden beinen einhergehen Nicolai
reise durch Deutschland 5, 30. 22)
landschaftlich musz auch sonst watscheln
als '
wackeln'
im gebrauch sein, obgleich in den wörterbüchern nicht darauf hingewiesen wird, vgl. aber watschelig 2
und folgende stelle: (
ist das luftpolster des fahrradsattels) weich aufgebläht, drückt die luft überall ..., der sitz watschelt, hitzt, und ist nicht geeignet die schenkel ... vor druck zu bewahren
anzeige in den fliegenden blättern nr. 2826 (22.
sept. 1899). 33)
die bedeutung '
im wasser herumtappen, waten'
wird aus dem Elsasz Martin-Lienhart 2, 885
b,
Lothringen Follmann 533,
dem Odenwald (
zeitschr. f. d. mda. 1908, 269),
der Neumark (
ebenda 1910, 41)
angegeben. es ist wol keine weiterbildung von waten,
sondern wie watschen
von der interj. watsch!
ausgegangen. anlehnung an waten
konnte sich leicht einstellen, so gibt Hayme
jurist. lex. (1738) 1295 waten, watzscheln,
vadare, transire flumen an. onomatopoetischen charakter hat wätschelen
bei Fischart: mit der lincken hand tätschelet und wätschelet er im mörport
Garg. 39
Alsleben. in andern fällen berührt es sich mit watscheln 1:
els. d' gängs watschle im dreck erum; (
Bunkel) watschelt beynah eine halbe meile gerade vorwärts auf einem rauhen boden schenkeltief im wasser Wieland
suppl. 5, 149; dennoch watschelte ich muthig durch alle pfützen Bräker
schriften 2, 171.