vortanz,
m. 11)
die führung im tanze, so vor allem in der älteren zeit der reigenartigen tänze; doch wird auch noch nach dem aufkommen der rundtänze vom vortanz
eines ersten, den tanz beginnenden paares gesprochen; immer ist der vortanz
eine besondere ehre; auch mehrere personen oder paare werden so geehrt; vgl. Lexer 3, 482;
mnd. vordanz Schiller-Lübben 5, 328
b; den vortantz haben Frisius (1556) 452
b; ein vortantz auszgäben,
praelusionem offerre Maaler 476
d; vortantz Hulsius-Ravellus (1616) 390
b; Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1051
a; vortantz thun Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 338
b; Steinbach 2, 796; vortanz Campe. —
das wort wird dann bei verschiedenen veranstaltungen in besonderem sinne gebraucht, z. b. bei hochzeiten vom ehrentanz der braut, bei öffentlichen tanzvergnügen von einem einzeltanz, der besonders bezahlt werden musz u. s. w., vgl. Fischer
schwäb. wb. 2, 1681; Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 469;
den siegern in turnieren wurde der vortanz
zugestanden: nach dem abentessen wart dem herzogen ein vortanz mit der romischen künigin geben
Wilwolt v. Schaumburg 159
lit. ver.; an den täntzen, so man järlich an beiden jarmärckten alda tut, ward ouch einer dirnen, so den ersten vortantz hat, jedes marckts ein gulden gestifft Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 242
a; ob eines säuschneiders tochter am vordantz gut genug seie? quod asseritur Speidel
notabilia (1634) 471; (
soll) in dem thurnier zu keinem vordantz oder dancz zugelassen werden Moscherosch
gesichte (1650) 2, 397; dem bräutigam die ehre im vortantz zu geben Stranitzky
ollapatrida 24
Wiener ndr.; Flavio überliesz vortanz und anordnung sehr gern einigen jungen gesellen Göthe 24, 333
W.; den siegern im kampfe werden die vortänze zugestanden Hauff (1890) 1, 304; wirdige frau, unsers hern begeren ist, euch mit eim vortanz zu eren
fastnachtspiele 1, 190
K.; auch gab man ausz die denck (
die preise) allsand den besten rennern und den stechern, den ritterlichen spärzerbrechern mit ringen gar ein köstling krantz ir yedem sambt einen vordantz H. Sachs 2, 347
K.; und was für seitenspil wird klingen, ob man dir werd ein vortantz bringen Scheit
Grobianus 2489
ndr.; hatt auch bekommen einen crantz und dartzu gehabt einen vortantz mit des königs tochter zart Türckis
in: drei dt. Pyramus-Thisbespiele 178
Schaer; geht, ihr solt den vortanz haben Gloger
bei Fleming
dt. ged. 2, 668
Lappenberg; bei jedem reigen gönnte man den vortanz diesem paare Kind
ged. (1817) 2, 239; dann will ich selbst beim fest den vortanz halten (
αὐτός τ' ἔγωγε φροίμιον χορεύσομαι Ag. 31) Droysen
Äschylus (1841) 42. 22)
die anwendung in übertragenem sinne gehört natürlich vorwiegend der älteren sprache an; aus ältester zeit stammt die vorstellung des kampfes als eines tanzes mit dem gegner; vortanz
in diesem sinne bezeichnet dann zunächst den eröffnenden, einleitenden kampf; doch wird es dann auch in unbestimmterem sinne gebraucht, etwa von einem bedeutsamen, folgenreichen. ferner geht dann wie bei tanz
die bedeutung über auf einen streit, zusammenstosz u. ä., wo keine wirklichen waffen in anwendung kommen: das ist also der vortantz der landtverderblichen hildesheimischen fheide gewesen Letzner
dasselische chron. (1596) 1, 53; calvinischer vortanz in Oberösterreich geschmittet, zu Prag in Böhaim angefangen und wider die papisten allenthalben gehalten Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 140; wolt sich wol zu rechter zeit machen auf die fart und den vortanz allererst haben angefangen (
der herzog Heinrich von Braunschweig) Schade
sat. u. pasquille 1, 56;
[] do er (
Karl von Burgund) die scharpfen halparten sach, von den im z Murten we geschach, dazuo die langen lanzen, wolt er nit me in irem reien tanzen. den vortanz solt er han getan, do wolt er nit im feld bestan, er fieng an zuo fliehen
bibl. ält. schriftw. d. Schweiz I 5, 68. 33)
ausgehend von der vorstellung, dasz der vortanz
eine ehrung ist in mannigfacher übertragener anwendung, ein vorangehen, voranstehen, vorrang, vorzug u. ä. bezeichnend: (
die römische kirche,) welcher allzeit gebürt vorzuziehen und den vordantz zu haben Fischart
bienenkorb (1588) 31
b; zu hoff, wo die politica den vortantz hat, allda hat die warheit den forttantz Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 146; (
mit festhalten der anschauung:) (
friedliche welt,) wo eine zentralsonne den reigen führt und man lieber planet wird, als einen zerstörenden kampf um den vortanz mitkämpft Novalis 2, 169
Minor; das (
die vielfältigkeit der reiche und völker) war und ist dieses kleinsten welttheils (
Europas) herrlichkeit und hat ... ihm in den augen seiner genossen den vortanz gewonnen E.
M. Arndt
schr. für u. an s. lieben Deutschen (1845) 3, 329; den vordantz hat man mir gelan, dann ich on nutz vil bücher han, die ich nit lysz und nyt verstan Brant
narrensch. s. 4
Z.; da gwalt und macht den vortantz hat, das recht gar weyt dahinden gaht Kirchhof
wendunm. 1, 67
Ö.; liebkosen und die schmeichelei den vordantz führen allzeit frei Schwendi
zwo schöne lehren (1595) 40.
ironisch, der mann, der seine hochzeit erwartet, soll hingerichtet werden (
nicht vor andern): bleib! du must haben den vordantz H. Sachs 8, 103
K. 44)
in beziehung auf den reigen, den der tod anführt: der (
von denen) mancher noch nit hat gedacht, das man den vordantz im hatt bracht Brant
narrensch. 85, 92
Z.; beyt, stoltzer gsell, und stand hie still! dyn kallen ich dir glegen will, du muost ein vortantz thun mit mir Bächtold
schweiz. spiele d. 16. jh. 1, 67; komm heiliger vatter, werther mann, ein vortantz muszt ihr mit mir han; der ablasz euch nicht hilfft darvon, das zweifach creutz und dreifach kron Frölich
d. statt Basel beschreibung (1608) 29. an todtentantz wir müssen all nach Christi rath und wolgefall, und weisz kein mensch auff dieser erd, welcher den vortantz haben werd Wiesaeus
εὐθανασία (1625) 8
a. 55)
in abgeschwächter bedeutung eines dem haupttanze vorausgehenden tanzes; im bilde: dies (
leben) ist nur der vortantz (
zur ewigkeit) Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 74; das war nur der vortanz,
nur der anfang, bedeutenderes ankündigend Campe. —
übertragen auf ein musikstück und den zugehörigen text: kleiner oder vortantz ... groszer oder nachtantz Neumarck
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 411. —
in ganz anderem sinne: die Teutschen nennen dergleichen rhythmische veränderung aus einem geraden tact in einen ungeraden vortantz und aufsprung Mattheson
vollk. capellmeister (1739) 165.