vlies,
vliesz,
n. (
m.),
schaffell; nur westgerm. formen sind bekannt: ags. fléos,
n. Bosworth - Toller 292
a (
engl. fleece);
daneben ein flýs,
n. 296
a;
mnld. vlies,
daneben vlues, vluus, vluys, vluesch Verwijs-Verdam 9, 631;
nld. vlies,
dial. vluus;
mnd. vlûs, vlûsch Schiller-Lübben 5, 289
a;
mhd. vlies
ist nicht belegt, dagegen vlius
Jenaer liederhdschr. 1, 89
a, vlus
bei Albrecht v. Halberstadt
nach Bartsch, vlûs (: klûs) Brun v. Schonebeck 3876,
s. mhd. wb. 3, 341
a, Lexer
mhd. hdwb. 3, 403;
vellus, ein flusz woln, vlus, flus, fluys, fluesz Diefenbach
glossar 609
c; fleisz, flusz, vlus, vlüs
nov. gloss. 378
a; vlûs
setzt sich im nhd. flaus
fort (
th. 3,
sp. 1737).
die nhd. wörterbücher verzeichnen das wort nicht, Heyne
belegt es aus Rädlein
europ. sprachschatz 1711 (gülden flüsz oder fliesz); vlies Wachter 1789; Adelung
schreibt fliesz,
als name des ordens goldnes vliesz,
ebenso Campe.
die form vleus (
mhd. vlius)
belegt Weigand
wb. 5 2, 1178
aus Rollenhagen (
froschm. 1, 2, 16, 161).
die schreibung mit v
wurde aus etymol. grunde vertheidigt: vliesz ... vom
lat. vellus: also der herleitung nach besser, als fliesz Braun
d. orthograph. wörterb. (1793) 289
b.
im auslaut wäre s
die natürliche schreibung, doch spricht man tonloses s
in vliesze, vlieszes. 11)
das wort, seit dem 16.
jh. in der litteratur bezeugt, gehört im hochd. durchaus der gebildeten sprache an, in den hd. mundarten scheint es nicht erhalten zu sein. da die älteren belege sich ausschlieszlich auf die antike sage oder den spanischen orden beziehen, ist anzunehmen, dasz vliesz
ein lehnwort aus dem nld. ist, denn dort, in Brügge, wurde der orden 1429
gestiftet, und toison de oro, aureum vellus
wurde also zunächst ins nld. übersetzt. die form mit ü
ist im hochd. als gerundet aufzufassen. 22)
das goldene vliesz
der Argonautensage, in neuerer zeit besonders gern symbolisch für ein ziel höchsten strebens, das jeder anstrengung und jeden opfers werth ist: des drachen, der das gölderne flisz verwachet hat
discourse der mahlern 2, 75; da jetzt ein andres vliesz zu erobern, ein andres Troja zu zerstören ist Herder 22, 151
S.; schade, dasz sie der drache sind, der dies güldene vliesz (
ein mädchen) bewahren soll
neue schauspiele (
Preszburg - Leipzig 1771
ff.) 7, 2, 4; tausend und abermal tausend seegel fliegen ausgespannt, ... dieses goldene vliesz (
weisheit, glückseligkeit) zu erobern Schiller 2, 352
G.; diesen (
den drachen) hat Medea eingeschläfert, und das goldene vliesz war erobert Göthe 49, 1, 101
W.; Grillparzer, das goldene vliesz. dramatisches gedicht in drei abteilungen. Wien 1822; als er verstundt Jasons beger, das er suchet das gülden flisz Wickram 7, 303
lit. ver.; der schäfer (= Schöffer) ausz eim Jasons mut brachts gulden vlüsz (
die buchdruckerkunst) erwünscht Fischart
Garg. 443
ndr.; (
Jason) als ihn das güldne vliesz nach Colchos hingetrieben B. Neukirch
ged. (1744) 116; der wissenschaften flor, des handels goldnes vliesz Gottsched
neueste ged. (1750) 4; die gold'ne ehre. der heilige schatz, dies vliesz der tapfern herzen Immermann
w. 16, 502
Hempel. im schönen bilde: ihr sonnig haar wallt um die schläf' ihr, wie ein goldnes vliesz (
golden fleece). zu Kolchos strande macht es Belmonts sitz, und mancher Jason kommt, bemüht um sie
Shakespeare, kaufm. v. Venedig 1, 1.
materiell gewendet, schaffell nutzbringend: volk! dein goldenes vliesz nur zieht in der wage des fürsten: und er veredelt das schaf, wenn ihm die wolle zu schlecht Herwegh
ged. eines lebendigen (1843) 101.
obscön: das güldne vliesz davon bringen,
die jungfrauschaft rauben Celander
d. verliebte student (1713) 1, 104. goldnes vlies
als wams (flaus),
s. unten: sag engel Johannes, welch röcklein ist dies? dem himmlischen kaiser sein goldnes vlies Brentano
schr. (1852) 4, 117.
im bilde für den weichen glanz des mondes: dann ist's derselbe mond, der rings das pflaster weich überdeckt mit seinem goldnen vliesz
moderne dichtercharactere (1885) 142. 33)
der spanische und österreichische orden vom goldnen vliesz: grosz herren mit guldin vlieszen hettent all ihrn muth verloren
hist. volksl. (1532) 4, 49
Liliencron; st. Jacobs ordens, so nach dem güldinen flüss in Spanien der vornembste ist Moscherosch
ges. (1650) 2, 7; ihme dann auch der könig in Spanien das güldene fliess übersandt Birken
d. vermehrte donaustrand (1684) 222; sein niederländischer adel und sein golden vliesz vor der brust stärken sein vertrauen Göthe 8, 192
W.; der orden des goldnen vlieszes an reich mit edelsteinen verzierter kette Fr. Schlegel
w. (1846) 6, 163.
ungewöhnlich als m.: das juramentum aurei velleris, welches ein jeder, der den guldenen fliesz empfehet, leisten muste
verhandl. d. schles. fürsten u. stände 2, 357. 44)
in allgemeiner bedeutung: '
ein mit seiner wolle versehenes fell' Adelung;
zunächst das schaffell. in dieser bedeutung ist das wort erst seit dem 18.
jh. lebendig, zunächst in gebildeter sprache; es bürgert sich fest ein, gegenüber fell
mit stärkerer betonung des wolligen. im engeren sinne kann es die mit wolle bedeckte seite oder diese selbst bezeichnen: wenn sie (
die schafe) mit den weissen vlieszen (: wiesen) an ein hochroth kraut gestrichen Triller
poet. betrachtungen (1750) 1, 629; ehmals sah er die felder mit weiszem glanze beworfen von dem vliesse der wollenheerden Bodmer
Noah 1, 75; seine widder waren sehr feist, dickbuschichter vliesze (
δασύμαλλοι) Voss
Od. 9, 425
Bernays; gäb auf den weg rahmkäs' und ein gezotteltes vliess
ged. (1802) 1, 138; in seinem winterkleide aus hammelpelzen, das vlies nach innen gekehrt Ritter
erdkunde (1822) 3, 611; einen mit zottigem vliesz bedeckten leib Immermann
w. 2, 75
Hempel; haartreue wolle ... alles im vliesz gewaschen Auerbach
schr. (1892) 12, 12; bei der beurtheilung des werthes eines vlieszes Schwerz
prakt. ackerbau (1882) 658; das ganze thier (
schaf) klein, während das vliesz eher besser wird Ratzel
völkerk. (1885) 3, 355. fell
im allgemeinen: wo des bauches weiches vliesz den scharfen bissen blösze liesz Schiller
kampf mit dem drachen; er (
der uhu) packte sie (
die fledermaus) so fest am vliesz Pfeffel
poet. versuche (1812) 3, 188; schon liesz der wolf im garne ein blutig stück vom vlies Geibel
werke 3 4, 250.
sehr kühn von zottigem barthaar: ries'le woge, sand und kies in des bartes zottig vliesz Droste-Hülshoff
w. 1, 193
Schücking. 55)
statt des gewöhnlicheren flaus,
pelzrock, dicker zottiger rock: dort! wie fürchterlich! ein riese steht in Faustens altem vliesze Göthe 15, 92
W. 66)
zusammensetzungen: