verwissen,
vb. ,
wissen, verstehen; vergeben. ahd. firwizzan,
mhd. verwizzen;
as. *farwitan (
in farwistis,
s. u.),
mnd. vorweten,
mnl. verweten.
schriftsprachlich bis ins 17.
jh. bezeugt; in neuerer zeit nur noch in mundart und umgangssprache gebräuchlich, bes. im bayr.-österr. und angrenzenden gebieten. 11)
selten verwissen
wie wissen: entriuwen daz verweiz ich wol Gottfried v. Straszburg
Tristan v. 5857
Ranke; in annäherung an 4
(s. u.): drei tag lag er als wer er todt, das er nichts um sich selbs verwiszt S. Franck
chron. zeytbuch (1531) 471
a.
reflexiv: des vreute sich Sathanas, das also starc ir zwivel was, want sie sich nicht verweste welch ir were daz beste
väterbuch v. 32405
Reissenb.; die strasse kenn ich auch, vnd ich verweisz mich hin Opitz
teutsche poem. 23
ndr. (
var.); wer seiner unschuld traut und sich gerecht verweisz, der scheuet keinen gott Hoffmannswaldau
bei Steinbach
dt. wb. (1734) 2, 1061. 22)
klug, vernünftig, einsichtig sein; hier wie in den gruppen 3—5
stets reflexiv. ahd.: ioh wol er sih firwesti, then lesan iz gilusti Otfrid I 1, 10;
as.: of thv thi farvvistis than farmunidis thv
damnes si sapias (10.
jh.)
bei Wadstein
as. sprachdenkm. 104, 4 (
zu Prudentius perist. 6, 40);
mhd.: d dei chint gewuohsen daz si sich ferwisten
Wiener genesis, v. 1153
D. 33)
bescheid wissen: got rihtet als er vindet dich, er frâget nieman, alsô wol verweiz er sich Marner 130
Strauch; mit gen. oder präp. ergänzung, '
sich auf etwas verstehen': de witzigesten der stad, de sik rechtes vorwusten (
Magdeburg 14.
jh.)
städtechron. 7, 226; sij erkant, das er des hantwergs sovil sich verwisse, das er sinen tagelone verdienen konne (1476)
Frankf. zunfturk. 2, 82
Schmidt; darumb soll ein rhat in vnnser statt Amberg fünff ehrbar redlich frombe man, die sich um eisenbergwerck wohl verwissen vnnd verstehen, annemen (1455)
bei Lori
bair. bergr. (1764) 46.
ähnlich mit infinitiv '
verstehen, können': auch sich nach der welt, die so selten yemant mag grüntlich erkenen vnd gar kumerlich zu richten ist, dest bas verwesten zu richten Marquart v. Stein
spiegel d. tugend (1498) a 4
b; ettlich warn gest (
fremde), der ertrunckhn vill, wan si sich nicht verwestn zu fliehn J. Unrest
chron. Carinth. bei D. S.
F. Hahn
coll. mon. vet. et rer. dipl. 1 (1724) 508.
frühnhd. sich nicht anders verwissen können '
nicht anders glauben können': von den dreyen hub sich grosz klag, kundten sich anderst nicht verwissen, dann der hund het das kind erbissen Hans Sachs 2, 276
lit. ver.; vermaint, ein leb het sie zerissen und kunt sich anderst nit verwissen
ebda 22, 313.
mundartlich: sich verwissen
orientiert, seiner sache sicher sein Schmeller-Fr. 2, 1034;
sich zurechtfinden, z. b. in unbekannter gegend, bei ausserordentlichen vorfällen u. dgl. Schöpf
Tirol 819; sich nicht vawiss'n
sich nicht auskennen Hintner
Deferegger dial. 242; ih bin da in wald aina ganga, und hiazunda (
jetzt) fawas ih mih goar nima Castelli
ma. in Österr. 125. 44)
in hinsicht auf den bewusztseinszustand, '
das bewusztsein erlangen, zu sich kommen': und als er nun sein wider empfandt und sich selbs ein wenig verwiszt, fragt er sein leut, wo er wer H. Haug
der Hungern chron. (1534) 55
b.
mundartlich: bey verstandeskräften seyn Schmeller-Fr. 2, 1034; Schöpf
Tirol 819;
etwas von sich wissen, bei bewusstsein sein Fischer
schwäb. 2, 1418.
gewöhnlich in negativer wendung: sich nicht verwissen
ne se plus reconnoître Rädlein
teutsch-ital.-frz. (1711) 954
b;
nicht recht bei sinnen sein Hintner
Deferegger dial. 242; Fischer
schwäb. 2, 1418. 4@aa)
bewusztlos sein, den verstand verloren haben: er verwuste sich nicht mehr
egli ... haveva perduto li sentimenti Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1371
a;
in flaauwte vallen Kramer-Moerbeek
dt.-holl. (1768) 393
c.
mhd.: dâ lac er als tôte,der sich niht verweiz
Ortnit 570, 2
A. nhd.: sauft sich mit den seinen wol an, het ein gueten muet, fülten sich all so vol weins an, das si da lagen wie die seu, westen nit wo si wärn, verwesten sich gar nichts Aventin
s. w. 4, 472
bayer. akad.; ähnlich: Megiser
annales Carinthiae (1612) 86; schlagt ihn ... auf den kopff. hernach um die lenden, dasz er sich schier nimmer verwuste, halb todt da lage
ollapatrida 293
Wiener ndr. 4@bb)
auszer sich sein, sich nicht fassen können; '
nicht mehr (
z. b. wegen des schreckens bey einer gefahr)
bey rechten sinnen seyn; er verweisz sich nicht mehr
er ist auszer sich' Westenrieder
gloss. (1816) 628;
von schreck oder überstürzung so verwirrt sein, dasz man nicht mehr im vollen besitze seiner verstandskräfte ist Frischbier 2, 444
a: dann er für seiner (
gottes) gerechtigkeit sich hefftig entsetzt, also dass er sich bald nicht wol verwust Ayrer
hist. proc. juris (1600) 49; (
sie) geriehte nun in ein solches entsetzen über deme, was sich alda ihren augen fürstellte, dass sie sich fast nicht verwuste A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 958.
in neuerer zeit nur in mundartlich gefärbter rede: appetit hab ich, dasz ich mich nicht verweis Hafner
ges. schr. (1812) 2, 114; der knabe ... erzählt der kaiserin, die sich vor lachen kaum verwuszte, seinen traum Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 225; das blut wird mir kochet, und ich verweisz mich nimmer, was ich sprich und red E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 1, 221. 55) sich mit jemandem verwissen '
mit ihm übereinstimmen': S. und
F. ... werden sich mit mir verwissen, was massen wir ... die ... quelle ... angetroffen S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 81.
nd. '
sich vertragen, verständigen': und wer wol vor de stad, dat se dem bischope huldigeden ... und heilden sik to dem heren und vorwisten sik bat mit om (
Magdeburg 15.
jh.)
städtechron. 7, 316. 66) einen einer sache verwissen '
ihn daran für unschuldig halten, von etwas lossprechen'; verwissen, vergeben oder nicht wissen ...
ignoscere, voc. theut. (1482) kk 1
a: dô sprâchen si algemeine, si wolten sis verwizzen Wernher
Maria 3687
W.; so soll der, der den schaden enpfangen hat, und alle die, die in anveindent, sein guot freund sein, und in der getat gar verwizzen (14.
jh.)
stadtrecht v. München 95
Auer; er hab auch selbs nicht davon gewisst, weder hilf, rat oder beistand dartzu getan, und ob in ein rat des nicht verwissen woll, so tür (
er) dartzu tun, sovil und recht sey (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 2, 75; bitte daneben gantz untertheniglich, ... e. k.
f. g. wolten vns ia gnediglich des verwissen Luther
briefw. 8, 3
W.