versprengen,
verb. die vorsilbe verstärkt den sinn von sprengen,
dessen grundbedeutung '
springen lassen, zum springen bringen'
ist. mnd. vorsprengen Schiller-Lübben
wb. 5, 458
a;
die bedeutung '
besprengen'
bei Lübben-Walther
hdwb. 524
b ist ganz vereinzelt; ndl. versprenghen,
dispergere Kilian (1599) 604
b;
nhd. versprengen,
diffundere, defundere, profundere Stieler 2097;
diffundere Kirsch 2, 313
b; entzwey-, in stucke ò voneinandersprengen, versprengen ò zersprengen Kramer
ital. dict. 2, 888
a; Adelung; Campe.
schwäb. versprenge
n Fischer 2, 1350;
elsäss. versprënge
n Martin-lienhart 2, 559
a;
Basler mundart ferspränge Seiler 113
a.
die lexikalischen hinweise gehören alle zu theil 1,
auch der einzige beleg aus dem 16.
jh. (Fronsperger
unter 1
d);
die verbreitung des wortes in der literatur gehört erst dem 19.
jh. an. 11)
ein ganzes auseinandersprengen. 1@aa)
die regel ist transitiver gebrauch. 1@a@aα)
zum springen, platzen bringen; das pulver versprengen: als das bulfer also versprengt, hat das bulfer aim lantzknecht ain stuck von aim spiess durch den leyb aussgstossen
schwäb. quelle bei Fischer 2, 1350; stoff ist genug da, um die seifenblase des bonalerwesens .. zu versprengen Pestalozzi
schriften (1819) 4, 227.
besonders durch übermäszigen genusz von speise oder trank; ein säufer sagt: ehnder e kutt
el im lib v
ersprëngt a
ls im wurt (
wirt)e tropfe
n g
eschënkt Martin-Lienhart
elsäss. wb. 2, 559
a; wenn sie noch ein brösmeli essen sollte, es würde sie versprengen Jer. Gotthelf
Uli der knecht (1846) 321;
schweiz. lach nitt, es chönt süst e hund ferspränge; der zorn hep-mi fast fersprängt Seiler 113
a;
schwäb. durch überanstrengung: d
ie füss
e versprenge
n;
beim tanz: wil die wärli recht versprenga in vil gänga Fischer
wb. 2, 1350; wenn man nicht zuweilen ausdonnern könnte, es würde einen zuletzt versprengen Jer. Gotthelf
schriften (1855) 2, 300. 1@a@bβ) alles wasser versprengen Campe. eine flüssigkeit, opferblut versprengen,
sprengend vertheilen, verstäuben (
th. 10, 2,
sp. 31
ff.): allgewaltiger Zeus, dem schmausend auf farbigen polstern das maurusische volk die weihe LenAeens versprenget Bürger
werke 247, 231
Bohtz. bildlich, der flüssigkeit gleich aussprengen, unter die leute bringen, ausplaudern: mnd. alles wes allhir gesecht wurde, nicht to versprengen, dan (
sondern) hemelick to holden
quelle bei Schiller-Lübben
wb. 5, 458
a. 1@a@gγ)
zum springen, zur bewegung in verschiedenen richtungen bringen: von thieren, noch mehr aber von menschen, wenn sie in die ferne, besonders in eine unbekannte ferne, gesprengt oder gescheucht werden; den feind versprengen, versprengt werden Adelung; der trupp wurde heftig angegriffen und nach kurzer gegenwehr versprengt Campe; von denen lieszen sie keinen einzigen in Zürich und haben sie nach allen vier winden versprengt Herwegh
briefe 304; dabei ward das ehepaar so versprengt, dass die frau in die Schweiz, der bauer dagegen bis nach Ungarn gelangte
schwäb. quelle bei Fischer 2, 1350. 1@bb)
wo intransitiver gebrauch vorliegt, ist er wohl auf eine verwechselung mit verspringen (1 a
sp. 1496)
zurückzuführen, da ihn die bedeutung von versprengen
von hause aus schlieszt: ver-
et zersprengen,
disrumpi, distrahi, dissilire Stieler 2106;
obd. mundartlich: elsäss. d kleider versprënge
n,
wenn sie zu enge sind; i
ch ha
be so vil g
egësse
n,
dass i
ch g
emeint ha
be, s will m
ir d
er buch v. Martin-Lienhart 2, 559
a;
vgl.a α). 1@cc)
mit refl. dat.: elsäss. üwer
dem ësse
n soll m
er si
ch nit strecke
n, m
er könnt si
ch eps v.!
ebd. der reflexive gebrauch schlieszt sich an a
γ)
an: die kraft der sprache bildet völker und hält sie zusammen, ohne solches band würden sie sich versprengen J. Grimm
kl. schriften 1, 276; als meine knaben den füllen die leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den wald unter die wölfe versprengten G. Freytag
werke 9, 58. 1@dd)
subst. infinitiv. im anschlusz an a
α): fnff kugeln so zu dem versprengen der wAell, pulfferthren .. geschossen vnd geworffen werden Fronsperger
kriegsbuch (1578) I b 3
v.
im anschlusz an c: wie leicht ein verlaufen und versprengen solcher ungeordneter, ungeübter und schlecht bewaffneter haufen stattfinden kann Meinecke
leben Boyens 1, 295. 1@ee)
part. prät. im anschlusz an a
α);
durch übermäszige bewegung geschädigt: schwäb. ein pferd ist versprengt,
wenn ihm eine ader gesprungen ist; dein schimmel ist vorne versprengt,
durch überanstrengung in den gelenken erschlafft Fischer 2, 1350.
meist in anlehnung an a
γ)
und in prädicativer stellung: was ich eur majestät zu melden habe, ist, dasz durch jähe flut und wolkenbrüche Buckinghams heer zerstreut ist und versprengt Schlegel
Shakespeare 9, 181 (
Richard III. 4, 4); dasz das einst starke und beneidete volk, nunmehr versprengt und ausgetheilt in dem weiten babylonischen reiche, sich jemals sammeln werde Peschel
völkerkunde 306; oft werden stämme als zerschlagen, versprengt, ausgerottet geschildert Freytag
bilder a. d. d. vergangenheit 1, 62; bei Kulm wurden 16000 mann bis auf 4000 versprengt und muszten völlig reorganisirt werden Wilhelm I.
militär. schriften 2, 449.
selten attributiv: nach spärlich vorhandenen hühnern schieszend, die aus versprengten ketten sich in diesen winkel geflüchtet Holtei
erz. schriften 2, 154; und übrig bleibt uns nun kein andrer rath, als die umher versprengten leute sammeln Schlegel
Shakespeare (
Heinrich VI. 1, 2, 1). 22)
einzelne theile von einem ganzen absprengen, in verkehrte richtung bringen. 2@aa)
transitiv: im billardspiel sagt man einen ball versprengen,
ihn vom balltische durch einen starken stosz von besonderer art springen machen, gewöhnlicher sprengen Campe;
einen einzelnen von seinem trupp, seiner gesellschaft trennen und zum umherirren zwingen: wieder ein gutes werk gethan, einen schurken versprengt Bäuerle
kom. theater (1820) 4, 56; er blieb zurück, er ward versprengt Freiligrath
dichtungen 1, 163. 2@bb)
reflexiv: beim billardspiele versprengt sich
der spieler, wenn sein ball aus dem billard springt Adelung; der junge hatte sich bei der attacke versprengt, war von den insurgenten umringt worden Bismarck
briefe an s. braut u. gattin 292. 2@cc)
weitaus am häufigsten ist das adj. gebrauchte part. prät., von belebtem und unbelebtem gesagt. 2@c@aα)
prädicativ; mit angabe der gruppe, von welcher der einzelne oder ein theil abgekommen ist, oder der gruppe, unter die er, oder des ortes, an den er geraten ist: dasz er seit tagen von den seinigen versprengt, soeben durch die Elbe geschwommen sei Kügelgen
jugenderinnerungen 143
Langewiesche; waren sie denn nicht allzumal einer von dem andern wie versprengt in die .. wste? Fouqué
altsächs. bildersaal 2, 615; doch unser armer graf von Aue ist fern in die welt versprengt und unbeweibt G. Hauptmann
armer Heinrich 168; aber ihre geschichte und sprache weiset .. nach, dasz einzelne (
glieder der Tatastämme) .. bis unter die heutigen Kalmuckenhorden an die Wolga versprengt sind Ritter
erdkunde 2, 257; in gleicher weise, wie es mit der baumgrenze im hochnorden der fall ist, so auch im süden finden sich inselförmige baumgruppen noch mehr oder weniger über die baumgrenze hinaus in die steppe versprengt Nehring
tundren und steppen 57. 2@c@bβ)
als adjectiv. attribut: zur winterszeit in Engelland, versprengte männer, haben wir schweigend in dem fremden land die deutsche frau begraben Freiligrath
dichtungen 4, 14; nach bekanntwerden der neuen acquisitionen werden sich noch mehr solche versprengte meriten anmelden Göthe IV 25, 322
Weim.; versprengte soldaten ihrer armee aus Lübeck .. führen jenseits der Oder einen kleinen krieg gegen unsere truppen Alexis
Isegrim 228; einzelne versprengte tiger mögen wohl gelegentlich über die angeführten grenzen hinausschweifen Brehm
thierleben 1, 393; ha, brüllend heerdenvieh! voran der stier, und ihnen nach klafft ein versprengter hund Droste-Hülshoff
werke 1, 85; ein versprengter slavischer volkssplitter sollen diese rätselhaften moorsiedler gewesen sein Wimmer
gesch. d. deutschen bodens 95; wie bei alpinen hochgewittern hie und da ein versprengter wolkenhaufe nach dem südabfall hinüberdringt Laistner
nebelsagen (1879) 7; gleich einem versprengten atome verschwindet er (
der nomade) in dem gewaltigen getriebe und schaffen der natur Hoops
waldbäume u. kulturpflanzen 92; während von der kirche aus schon versprengte orgeltöne durch die luft irrten
F. v. Saar
werke 7, 25; dasz versprengte namen selbst noch unter den 50. parallel sich verirrt haben Peschel
völkerkunde 466. 2@c@gγ)
substantiv. gebraucht: dort stiessen die versprengten auf das preussische 13. husaren-regiment, erlitten neue verluste und verschwanden vom schlachtfeld Moltke
schriften 3, 16; wo ein versprengter in ihre hände fiel, schlugen sie ihn nieder wie einen tollen hund Treitschke
d. gesch. i. 19.
jh. 1, 396; die vereine (
von wassertretern) halten treulich zusammen, und versprengte suchen Aengstlich die ersten wieder auf Naumann
naturg. d. vögel 8, 250; man könnte die meisten der hervorragenden (
pflanzen) »versprengte« nennen Ratzeburg
standortgewächse 399.