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versitzen

mhd. bis sprichw. · 10 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

versitzen verb.

Bd. 25, Sp. 1340
versitzen, verb. , ahd. furisizzan Graff ahd. sprachschatz 6, 290. mhd. versitzen mhd. wb. 2, 2, 336. Lexer mhd. handwb. 3, 230. vgl. Schmeller bayer. wb. 2, 348. Haltaus 1892. Scherz-Oberlin 2, 1774. 1775; versitzen, proprie sedendo ac quiescendo damnum facere Stieler 2036. vgl. Kramer deutsch - ital. dict. 2, 826a (1702). Steinbach 2, 584. Frisch 2, 282c. Adelung und Campe; ags. forsittan; fries. forsitta; nld. versitten, cedere loco. Kilian 2, 725a (1777). jetzt verzitten, sich versetzen (diese anwendung ist im deutschen unbekannt), versitzen; mnd. vorsitten. Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445b; vgl. brem. wb. 4, 779. Dähnert plattd. wb. 526b. Schambach wb. d. nd. mundart von Göttingen-Grubenhagen 266b. Woeste wb. d. westfäl. mundart 295a. Bauer-Collitz waldeck. wb. 31b; n. forsidde, schwed. försitta stammen aus dem deutschen. zum gebrauche der hochd. mundarten vgl. Schmid schwäb. wb. 496. Lexer kärnt. wb. 234. Hügel der wiener dialect 181b. ahd. den pan furisizzan (Musp. 33) entspricht seiner bedeutung nach durchaus dem mhd. versitzen (vürsitzen giebt es nicht); dieselbe bedeutung zeigt auch ags. forsittan; man würde ein ahd. fir-, farsizzan erwarten; so steht neben far-, fir-, forbiutan ein furibiutan in der bedeutung prohibere (Graff ahd. sprachschatz 3, 75. 76); im deutschen geht die bedeutungsentwicklung aus von der vorstellung des sitzen bleibens (unthätig bleibens) gegenüber einer sache, einem umstande, die eigentlich zum aufstehen (beginn der thätigkeit) nöthigen; man kann also diese grundvorstellung so fassen, dasz die partikel räumlich genommen wird. eine andere räumliche vorstellung zeigt ags. forsittan neben der bedeutung, die es mit dem deutschen verbum gemeinsam hat. es bezeichnet: 'sitzend versperren': hî hæfdon ðone weg forseten, they had blockaded the way (vgl den entsprechenden gebrauch des deutschen versetzen); fearras forsæton me, tauri obsederunt me. belege bei Bosworth-Toller. ganz abweichend ist die verwendung in der unten angeführten Beowulfstelle; hier liegt vielleicht eine andere partikelzusammensetzung zu grunde. bei der bedeutungsentwicklung des wortes im deutschen ist leicht zu bemerken, wie einzelne fäden abgerissen, andere neuangeknüpft wurden; das sprachgefühl beginnt immer wieder aufs neue die vorhandene bildung nach analogien auszudeuten. dabei können ähnlichkeiten im gebrauch der älteren und der neueren sprache entstehen, die gar nicht auf einem zeitlichen zusammenhang beruhen. versitzen kann auch im nhd. im. sinne von versäumen gebraucht werden, dasz dieser gebrauch aufs neue entstanden ist, zeigt sich aber darin, dasz dabei die eigentliche vorstellung des sitzens festgehalten wird, die beim gebrauch der alten sprache völlig verschwinden kann. die im nhd. so gewöhnliche verwendung des part. prät. versessen (versessen sein auf etwas) ist ziemlich jung; bei Adelung ist sie noch nicht anerkannt. jetzt wird versessen in dieser anwendung ganz allgemein gebraucht, so dasz versessen wohl die am häufigsten verwendete form des verbums sein wird. 11) versitzen in transitivem gebrauch. 1@aa) in älterer sprache (auch im ags. und fries.) ein gebot, eine ladung versitzen, nicht folge leisten; zu grunde liegt die vorstellung des unbeweglich bleibens, ohne dasz dabei zunächst an eine trägheit, nachlässigkeit gedacht wird; doch stellt sich die bedeutung 'versäumen, verpassen' leicht ein, so z. b. wenn ein zeitbegriff als object genommen wird (einen tag, einen termin versitzen, eine frist, acht tage, jahr und tag versitzen, verstreichen lassen); das verbum wird im sinne der nachlässigkeit mit versäumen und ähnlichen wörtern verbunden.die vorstellung, dasz eine zu erwartende leistung nicht in angriff genommen wird, liegt auch vor in den wendungen den zins, die steuer versitzen (vgl. oben versess); hier wird häufig das part. prät. in passivischem sinne gebraucht (versessener zins, vgl. Scherz-Oberlin 2, 1774); dann in allgemeiner anwendung von unterlassenen, versäumten pflichten und leistungen. rechte und vortheile, die durch bestimmte thätigkeit desjenigen, der anspruch hat, erworben oder bestätigt werden, können durch unterlassen dieser thätigkeit versessen werden (ein lehen versitzen, versessenes lehen). das nd. hält diese anwendung des verbums besser fest als das hochd. imn. sagt man noch forsidde sin ret, sein recht unbeansprucht lassen. versitzen ein bot, auf eine citation nicht erscheinen, die frist verstreichen lassen. Schmeller bayer. wb. 2, 348; einen dienst, zins, eine gült, stift versitzen, sie nicht zur gehörigen zeit abtragen, damit im rückstand bleiben. ebenda; sein recht, die lehen versitzen; den rechtstag versitzen; den zinstag versitzen; die gülte und den zins versitzen; versessene zinsen, rückständige. Haltaus 1892; si sullent geben und bezalen was si und ir gesinde untz har uiber die Rinbruck zu zolle versessen hant. beleg bei Scherz-Oberlin 2, 1775; ein ziel versitzen, non solvere termino convento. ebenda; den zins den sy dem kayssr versessen hietten. legende bei Schöpf tirol. idiot. 676; man sol auch wiszen, wann man esz versiz, daʒ man sîn nit gît, sô ist der hof verfallen. beleg bei Birlinger schwäb.-augsb. wb. 159a; versitzt er die acht tage, und entlöset das pfand nit. beleg bei Schmidt histor. wb. der elsäss. mundart 400b; vorset he dhat bot dre daghe; de twe ladinghe vorsad he; eft he den beschedenen dach vorsete unde vorsumede; se sind schuldich jarlix einen borgere hundert gulden liftucht, de se eme versetten hebbet; vorsetene rente, tinse, vorseten pacht; he eyschede vele anderes geldes van versettenen tyden (versäumten zahlungsfristen). belege bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 445b. 446a; den gerichtsdag versitten, den gerichtstag vorbei gehen lassen, ohne auf die geschehene ladung zu erscheinen. brem. wb. 4, 779; den termin fersiten. Bauer-Collitz waldeck. wb. 31b. Adelung kennt diesen gebrauch nur aus dem nd. die die neste stüwer, die uns unde dem reiche von den juden geben ist, vorswigen und vorsessen haben. d. städtechron. 4, 169, 6; umme ore vorsetene tinse, de se an oren radhusen hadden. 7, 326, 16; und schicketent den von Triere die versessen zinse alle mittenander. 9, 701, 17; dese vunf stede brachten dem afgode Jupiter zo Trier den versessen tribute van 30 jairen. 13, 278, 19; das schlos Haideck, das ein versessen lehen was. 15, 29, 11; in disen tagen haben dy steurherren alle geistlichen für dy steur gefordert, und von stund an zwischen hie und sunnwenden negst dy steur bezalen miessen, unangesehen das das jar nit versessen was (obgleich die zur steuer verpflichteten das jahr noch nicht hatten vorübergehen lassen). 15, 68, 1; de ghulde se der vorbenomeden kerken achte jar unde lengh vorseten unde wedder recht vorebeholden hebbet. 16, 46, 30; weret ock, dat de borger unde borgerschen darsulvest mere tynszes vorsethen hedden van husen edder van gharden vor dussen viff jaren. 16, 326, 25; item ist die stad Mentze noch schuldig 12000 gulden verseszener gulte. 17, 91, 13; von versessener gulten wegen. 17, 122, 5; weliche husgenosze die dru ungeboden dinge versesche (= versæʒe). 17, 351, 12; der solt alle jar 12 tausent guldin geben den herrn gen München, das hett er 8 jar versessen. 22, 51, 8; git man aber kein pfand umb zins, den man schuldig ist, oder versessen ist. Grimm weisth. 1, 7 (vor versessen ist entweder ein der zu ergänzen, oder versessen sein ist auf den schuldner zu beziehen, vgl. unten die bemerkungen über den gebrauch des part.); der das versizzet das er den haberen nut en git, der bessert dem meigere zwene schillinge basilere. 1, 665; wer das geboth versitzt, der bessert sechtzig schilling und einen helbling. 4, 185; dann welche die schaft und das pot frävenlich versessen und ungehorsam erschienen. tirol. weisth. 1, 76, 43; wen das pot pegriffen hat, der bei dem lant ist, und daʒ pot versitzt. 90, 6; und die wägen sullent füren und dienen, als oft man ir bedarf, ze holtz, ze häw, ze stainen, ze chalch und ze allen deu, und man ir bedarf, den heiligen tak ze weihennacht nicht versitzen, ob sein not ist. 4, 1, 193, 36; er sol auch ân merklich mängl oder ehaft die rabott nit versitzen oder aufschieben. 4, 2, 566, 24; vorsytzen sy dy dry gebot. kulmer recht 2, 51 Leman; auff ein zeit waren zwen bauren einem apt schuldig etlich versessen zinsz. Wickram rollwagenb. 22, 5 Kurz; derhalben schicken ifg. mich zu herzog Friedrich und lassen um das versessene deputat anhalten. Schweinichen 168 Österley; sie haben sich erboten wegen der versessenen extraordinari unkosten 1000 thaler zu erlegen. verhandlungen der schlesischen fürsten und stände von 1618 s. 20; (die stimme des erzengels), welche gleich als ein peremptoria citatio seyn sol, so alle menschen für das jüngste gericht citirn und laden wird, welche citation, kein mensch weder todt noch lebendig, werde versitzen können. Sperling Nicodemus quaerens et Jesus respondens 2, 164 (1719); vgl. die folgende stelle: sô denne der mahtîgo khunincdaʒ mahal kipannit, dara scal quemanchunno kilîhaʒ. denne ni kitar parno nohheinden pan furisizzan. Müllenhoff-Scherer denkm.3 1, 9; den zins wil er dir gelden den er hât verseʒʒen. Lamprecht Alexander 3072; und nimet mich imer wunder,sît er dîn eigen ist und du über uns beidiusô gewaltic bist, daʒ er dir sô langeden zins verseʒʒen hât. Nib. 768, 3; daʒ man dem helde balt übergulte zehenvalt daʒ im was verseʒʒen. Ulrich v. Zatzikhoven Lanzelet 8387; unde wolde gerne mêre wiʒʒen, welch er wêre, der sîn gebot alsus versaʒ. pass. 368, 73 Köpke; (im bilde): daʒ diu minn nû rehter liebe wart sô rîch vom zinse den si heten ir verseʒʒen. Lohengrin 2370; he regerde sine lande mit groter witte, nemant dorste sin bot vorsitten. holstein. reimchron. 94; swaʒ in der bâbest tuon hieʒ, daʒ er des nihtes niht versaʒ. Ottokar österr. reimchron. 5497; so zahlet Portugall die längst verseszne schulden. Chr. Gryphius poet. wälder 2, 414 (1718). 1@bb) in allgemeiner anwendung, unterlassen, vorübergehen lassen, verpassen, versäumen, nicht leisten, nicht ausführen, nicht in angriff nehmen, etwas vernachlässigen, sich entgehen lassen: so wir gotis dinst vliʒecliche tun und daʒ nit versizzen. Schönbach pred. 1, 188, 14 var.; welich kristenmensche die grôʒe sælikeit versitzen sülle oder træclîchen verslâfen oder verligen oder sus verunruochen, daʒ er dar ûf niht enahte. Berthold v. Regensburg 1, 494, 16; daʒ er der jârzal vergaʒ und daʒ gelübede versaʒ. Hartmann v. Aue Iwein 3056; mich müet, sprach aber Wolfhart, daʒ ich neheine hervart versaʒ in Lamparten lant. Biterolf und Dietleib 8209; geturnirt wart des sumers vil in den landen dort unt hie, der ich versaʒ zwâr einen nie (turnier ist m.). Ulrich v. Lichtenstein 405, 22; des minner in lât sîn rât die vart versitzen. Lohengrin 1413; geradezu im sinne von verlieren: weil er aber vermessen ein könig wollen sein, hat er die chur versessen und darf nicht wider heim. Opel-Cohn dreiszigj. krieg 83, 59. 1@cc) unbeachtet lassen, hingehen lassen: ain andere jude dannoch dâ was, der dise rede alle versaʒ (der diese rede anhörte, ohne dasz sie eindruck auf ihn gemacht, ihn überzeugt hätte). ... iʒ tûht in alleʒ chintlîch. kaiserchron. 9959; besonders in dem sinne von dulden, ertragen, unthätig hinnehmen, verwinden: er hât ouh manic ander lant verwunnen und verbrant, bedwungen und zestôret, der ein teil Dario hôret. daʒ hât Darius al verseʒʒen. Lamprecht Alexander 1629; durch nôt versaʒen iʒ di haiden. Konrad Rolandslied 118, 6; daʒ siʒ vertragen (versitzen C) solden,daʒ was in ungemach. Nib. 1857, 3; der kunic vîl stille sweic und versaʒ den smerzen. pass. 233, 19 Köpke; daʒ man durch sînen unvrumen bôse wort im mêʒe, ob er daʒ versêʒe in rehter senftmûtikeit, dâ ist genâde an tugenden breit. 402, 48; verstehet ers nicht, so mag ers versitzen (ertragen), oder sich umb einen dolmetschen umbschauen. Grimmelshausen Simpl. 1, 701 (1685). 1@dd) mit persönlichem object, einen übersehen, unberücksichtigt lassen, vergessen: so vil sint jn dem narren orden das ich schier wer versessen worden und hett des schyffes mich versumbt. Brant narrensch. 78, 2. 1@ee) versitzen mit dem accus. im gebrauch der neueren sprache; häufig mit zeitbegriffen verbunden, immer wird die eigentliche vorstellung des sitzens dabei fest gehalten. der sinn kann zunächst ein ganz neutraler sein: sitzend zubringen, hinbringen (vgl. z. b. unten die nacht versitzen bei Göthe 24, 51); es ist ganz natürlich und schon aus dem begriff des verbums herzuleiten, dasz die ruhe in gegensatz zu einer erwartenden thätigkeit oder auch zur bewegung gestellt wird; zugleich wirkt die partikel ver- ein, so verbindet sich leicht mit dem verbum eine nebenvorstellung oder auch ein tadelndes urtheil, dasz die zeit in nicht zu erwartender weise hingebracht wird, die zeit versitzen heiszt dann: die zeit mit sitzen hinbringen, während man sich bewegen könnte oder sollte, die zeit sitzend hinbringen, während man thätig sein sollte u. ä. er versitzt den schönen tag in der stube, den frühling bei den büchern; er versitzt ganze nächte bei den büchern, kann nätürlich auch mit der nebenvorstellung der bewunderung gesagt werden; der zusammenhang bestimmt die färbung des sinns. auch im gegensatz zu einem andern ruhezustande, der vernünftiger wäre: er versitzt halbe nächte im wirtshaus, während er schlafen sollte, während andere schlafen. die eigentlichen geschichtklauber, die, um eine jahrzahl zu berichtigen, folianten langsam durchblättern und ganze frühlinge versitzen. Lichtenberg verm. schriften 1, 255 (1844); wollt ihr aber bei einem guten alten köhler, an warmer stätte, die nacht versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen. Göthe Wilhelm Meisters wanderj. 1, 4 (24, 51 Weim. ausg.); das schlosz ..., auf dem sie übrigens alle tage ein paar stunden versitzet. J. Paul unsichtbare loge 2, 4; er warf sich mit leib und seele auf das jus — versasz seine kanonischen stunden an angeborgten akten und gekauften büchern. flegelj. 1, 38; (sie) versasz die beste zeit unten bei andern weibern. Siebenkäs 1, 111; diese woche versasz er fast ganz beim minister. Hesperus 2, 154; da versitze ich wieder zwei jahre und sehe weder welt, noch sitten und manieren. Tieck 19, 8; dasz es thöricht wäre, die letzten acht ferientage hier zu versitzen. Heyse kinder der welt 3, 234; wî fersêten twê stünn' bî disk. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463b; hier soll also nur ausgedrückt werden, dasz man zu lange sitzt; er versitzt jeden tag seine fünf dienststunden auf dem bureau, bringt sie sitzend hin, ohne dabei etwas besonderes zu arbeiten; es wird also auch hier ein urtheil mit dem begriff des verbums verbunden. daneben kann auch in neuerer sprache versitzen im sinne von versäumen, verpassen gebraucht werden, der unterschied gegenüber der alten sprache ist, dasz die eigentliche vorstellung des sitzens fast immer festgehalten wird: ik hebbe de tied verseten, 'ich bin so lange gesessen, dasz die zeit darüber verstrichen ist'. brem. wb. 4, 779; de tiid is verseten, 'es ist nun zu spät'. Dähnert plattd. wb. 526; hê hed sin tîd fersäten, seine zeit durch zu langes sitzen verpaszt. hê fersit't äten bî sîn boken, er übersitzt oder verpaszt das essen bei seinen büchern. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463b; doch kennt das nd. auch einen freieren gebrauch (den gerichts-dag versitten. brem. wb. a. a. o.); du hest de gelägenheid fersäten. ten Doornkaat Koolman a. a. o. in besonderer anwendung: dat spill versitten, 'das spiel übergehen lassen, und das mahl nicht mitspielen'. brem. wb. a. a. o. im hochdeutschen wird die vorstellung des sitzens stets festgehalten, wenn versitzen im sinne von verpassen, versäumen gebraucht wird. den abgang des zuges versitzen u. ä. vom erzwungenen hinbringen der zeit im gefängnisse: hê hed sîn tîd fersäten, seine strafzeit abgesessen und verbüszt. ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463b; durch sitzen im gefängnisse abbüszen, aufheben: er hat die schulden versessen, carcere solutus est a debitis. Steinbach 2, 584. Frisch 2, 282c; vgl brem. wb. 4, 779 777; eine schuld im gefängnisse versitzen. Adelung; er bemerkt aber, dasz absitzen im hochd. gebräuchlicher sei; jetzt wird versitzen so nicht mehr angewandt. wie die schulden durch das sitzen gewissermaszen aufgezehrt werden, so kann das auch bei anderen begriffen vorgestellt werden: und denkt vielleicht, dasz ein verdrüszlich weib in monatsfrist viel eigensinn versitze. Hagedorn 2, 162 (1771). einbüszen durch sitzen: wer will die ehr-begierde schelten? sie ist so billig als gemein, dasz helden blut und krafft verschwitzen, gelehrte schlaff und ruh versitzen. Günther 154 (1735). äuszerlich verderben durch sitzen, ein kleid versitzen. ein sofa ist versessen, durch die benutzung auszer form gekommen.n. hyndet er forsiddet, das polster ist eingesessen. sie sucht die mitgenommene orangentorte, der liebe onkel hat sie versessen. Vischer auch einer 2, 83 (1900). einen platz versitzen, ihn einnehmen. ist der platz schon versessen, schon besetzt? war alles schon versessen beym wirth. Schmeller bayer. wb. 2, 348. 22) versitzen ohne object. 2@aa) das object ist aus dem zusammenhange zu ergänzen: von herzeleide geschach im daʒ daʒ er verdulte unde versaʒ daʒ siʒ (daʒ vingerlîn) im ab der hant gewan. Hartmann v. Aue Iwein 3198 (die im nebensatze ausgedrückte handlung ist das object des verbums, das hier im sinne von dulden gebraucht wird; vgl. 1, c); niht lenger er versaʒ, gen Francrîch er reit. Ottokar österr. reimchron. 32745 (zu versaʒ ist zu ergänzen die vart, versäumen, oben 1, b); vgl.: Parsperg versitzt selten, wo man turnierhof thut melden. reim bei Schmeller bayer. wb. 2, 348; ob ich wohl inmittels von ifg. erfordert war, so versasz ich doch (liesz den befehl unbeachtet, vgl. 1, a), darum, dasz man nicht wissen sollt, dasz din pferde ifg. wären. Schweinichen 178 Österley; in besonderer anwendung: 'von mälzenbräuern, wenn sie das ganze jahr über ihre volle zahl nicht ausbrauen können'. sie haben zwei-, dreimal versessen. Frischbier preusz. wb. 2, 441b. 2@bb) in intransitivem gebrauch, ver- drückt das übermasz aus, das zur schädigung führt; zu lange sitzen, festsitzen, so dasz die fähigkeit der bewegung, der thätigkeit, des fortkommens geschwächt wird oder verloren geht; dann in mannigfacher übertragung: versitzen, durch langes sitzen steif werden. Frischbier preusz. wb. 2, 441b; dasz bey so nahem kriege ihre kinder auf dem miste versitzen und zu bauern werden müsten. Lohenstein Arminius 2, 1281b; diejenigen stände, ... welche ... in einem kleinlichen, körperlichen geschäfte versitzen. Vischer ästhetik 2, 191. sitzen bleiben, mit dem sinne, dasz man nicht fortkommen kann, in hülfloser lage sich befindet: dô kam ein ungeborner friunt dort her gegân. er sprach: sing an, du solt dich trûrens mâʒen: ja hilf ich dir dîn strâʒen. verzerst einn schillinc oder zwên, ich wil dich niht hie lâʒen. sing unde sage, hab hôhen muot, ich lâʒ dich niht versitzen. meisterl. der kolmarer handschr. 170, 48. von einem mädchen, sitzen bleiben, keinen mann bekommen (so auch sich versitzen. Schmeller bayer. wb. 2, 348; versitz'n, seine carriere verfehlen. Hügel der wiener dialect 181b. mit der bedeutung des eigensinnigen verharrens (vgl. unten versessen sein auf etwas): ob seinem kopf, ob seiner meinung versitzen, star saldo, ostinato sulla sua opinione. Kramer deutsch-it. dict. 2, 826a (1702). von unpersönlichem; flieszendes oder in ähnlicher weise sich bewegendes versitzt, bleibt sitzen, stockt, kommt nicht weiter (vgl. sich versetzen in gleichem sinne, das jetzt vorgezogen wird): coeliacus, eyn kranckheyt so eynem der stulgang versessen oder verstopfft ist, das auch keyn blast ausser geht, oder der stulgang jmmerdar stäts geht. Dasypodius; unden an demselbigen felsen entspringt ein flüszlein, eines zwerchfingers dick, das fiert in seinem schlich gar edel gold, das wäszerlein versitzt gleich unden im thal, in einem grienechtigen und steinechtigen boden. Thurneisser von wassern 172 (1612); durch den schweren last der erden versitzen. 5, vgl. versitzgrube; auch allem gestandnen unnd versesznen blut von fallen, stossen oder schlegen. Paracelsus opera 1, 1120 C (1616). von getreide, das nicht aufgeht, in der entwicklung zurückbleibt. versitzen, 'sagt man von der gerste, wenn sie gesäet ist und nicht aufgeht, zurückbleibt, ausbleibt' Frisch 2, 282c. versitzen, sitzen bleiben, 'eine nur in der landwirtschaft einiger gegenden übliche bedeutung, wo man von der ausgesäeten gerste sagt, sie versitze, bleibe versitzen, oder sey versessen, wenn sie sitzen bleibt, d. i. nicht aufgeht' Adelung. vom wein: wehet der wind in der andern nacht (der zwölf nächte), so versitzet der wein Simpl. ewigwährender calender 76 (1670). in bildlicher und übertragner anwendung: eine rechtssache versitzen lassen. Schmeller bayer. wb. 2, 348; mit ihrer versitzenden oder gar erstickenden tugend Lohenstein Arminius 2, 80a; ein ring wird abgenützet; es wird ein harter stein von stetem trieffen klein: so schwindet und versitzet auch durch gebrauch der zeit der sinnen fruchtbarkeit Opitz 2, 76 (1690); werther freund, du jmmer einer, hast nur jmmer disz ermessen, drum ist nie (sie wird auch nimmer) deines sinnes frucht versessen. Logau 3, 85, 48; die rede versitzt, bleibt im halse stecken: saggrische menscher, haps gar ka' maul? oder seips zum röden z'faul? oder haps öper z'viel knödl gössen, dasz önk die röd is versössn? hop! Frommanns zeitschr. 5, 99 (aus Kärnten). den sinn von stocken, zurückbleiben hat versitzen auch in folgender stelle, nur dasz er in der bedeutung von 'vergehen, schwinden' weitergeführt wird (vgl. schwinden und versitzen bei Opitz). oððe eágena bearhtm forsiteð ond forsworceð Beowulf 1768. 33) reflexiver gebrauch des verbums (vgl. sich verliegen sp. 792): sich versitzen wird in gleichem sinne von menschen angewendet wie intransitives versitzen (2, b), zu lange sitzen, so dasz man steif wird, so lange sitzen, dasz die fähigkeit zur bewegung leidet; dasz seele und geist die frische und natürlichkeit verliert u. ä.; besonders natürlich in neuerer sprache von sitzender arbeit: der mensch versitzt sich gantz, costui si marcisce tutto sedendo ò stando di continuo in quel luogo Kramer deutsch-it. dict. 2, 826a (1702); auch: sitzen bleiben, weil man durch etwas so in anspruch genommen wird, dasz man anderes darüber vergiszt, so kann auch hier die vorstellung des versäumens hinzutreten: hê fersêt sük bî't kartenspil ten Doornkaat Koolman ostfries. wb. 1, 463b; me kann sik so gued versitten as verlôpen (durch sitzen versäumen) Woeste wb. d. westfäl. mundart 295a; in besonderer anwendungn. forsidde sig, sich müde oder wund sitzen: swer mit disen schanzen allen kan, an dem hât witze wol getân, der sich niht versitzet noch vergêt und sich anders wol verstêt. Wolfram v. Eschenbach Parz. 2, 15; het mich schier gar bey in versessen, meins widerkummens gar vergessen. H. Sachs 1, 405, 28 Keller-Götze; wenn er den Donat bis auf den band gefressen und bey der fabel sich in schulen gar versessen. Stoppe bei Steinbach 2, 584. was hast du da in höhlen, felsenritzen dich wie ein schuhu zu versitzen? Göthe Faust, wald und höhle (14, 165 Weim. ausg.); habt eures ursprungs vergessen, euch zu sklaven versessen, euch in häuser gemauert, euch in sitten vertrauert, kennt die goldnen zeiten nur aus mährchen, von weiten. Satyros 3 (16, 91). sich versitzen von mädchen, die keinen mann bekommen. Hügel Wiener dialect 181b; so auch intransitives versitzen oben 2, b; in folgender stelle aber in allgemeiner bedeutung wie oben: keine, die zu weit gewandert, und im land' herum kaschandert wil ich nicht, noch die zuvor gar nicht kommen ist vors thor. keine, die sich gar versessen darf man mir zum weibe pressen, und ein umlauff taug mir auch, als wie nichts, im ehebrauch. W. Scherffer ged. 556 (1647). auf unpersönliches übertragen: das pfand versitzt sich (wird nicht eingelöst), il pegno si pede, si perdendo per non essere rifrancato ò liberato. Kramer deutsch-it. dict. 2, 826b (1702). 44) zum gebrauche des part. praet. 4@aa) vgl. oben versessene zinsen u. ä. unter 1, a. versessen kann dann auch auf den schuldner bezogen werden, der seine verpflichtungen versäumt hat: umb die zinsz, die sy das vergangen jar römischem reich versessen waren Franck chronica 213a (1531). eine weitere entwicklung ist die, dasz überhaupt eine verpflichtung angenommen wird ohne die vorstellung der versäumnis: ich bin ihm wegen vieler guttahten verseszen, maximis ei beneficii vinculis obstrictus sum Stieler 2037; er führt weiter an: verseszene güter, bona affecta; vielleicht sind damit güter gemeint, auf denen schulden lasten; ich weisz, wie hoch ich dir für dieses bin versessen, dasz ich nach meinem tod' auch werde nicht vergessen. Fleming ged. 1, 162, 91 Lappenberg; ich weisz, wie hoch ich euch zum schuldner bin versessen. 203, 229; dieser gebrauch wird später aufgegeben. 4@bb) versessen sein. sich niedergelassen haben, sitzen: des heren man unde denre vor syme heren edder vor syner vrowen dar he under vorsetten is beleg bei Schiller-Lübben mnd. wb. 5, 444a; owê wir müeʒegen liute, wie sîn wir verseʒʒen zwischen fröiden nider an die jâmerlîchen stat. Walther v. d. Vogelweide 13, 19; in dieser stelle kann die bedeutung 'an falscher stelte sitzen' angenommen werden; vgl.: ist îeman solich getiht alsô ungemeʒʒen zû rehter kunst lobendeder ist an gûter merke der verseʒʒen. j. Titurel 886, 4. 4@cc) von sich versitzen oder intrans. versitzen (3 und 2, b) wird versessen in activischem sinn gebildet (vgl. verlegen in seinem verhältnis zu verliegen und sich verliegen). adjectivisch, steif, stockig, mit verminderter lebenskraft, beweglichkeit, frische. im äuszerlichen und innerlichen sinne: solch gekrümmtes versessenes, verstudirtes wesen Tieck 3, 17; unter den auf ihren zimmern versessenen gelehrten Arnim 2, 261; den in stuben und qualm versessenen menschen Vischer ästhetik 2, 147. die wendung versessen sein auf etwas ist wohl zurückzuführen auf sich versitzen, zunächst ist das hartnäckige haften, bei dem alles andere vergessen wird, gemeint. Kramer braucht allerdings das intransitive versitzen in diesem sinne: ob seinem kopf, ob seiner meinung versitzen, hartnäckig bei seiner meinung bestehen (s. oben unter 2, b); der ursprüngliche sinn von versessen sein ist aber rasch verblaszt, in der wendung auf etwas versessen sein tritt meist die vorstellung eines heftigen, eigensinnigen strebens und verlangens hervor, daneben freilich auch die vorstellung, dasz man etwas erwünschtes, begehrtes nicht los lassen will. auf etwas versessen seyn, esser dato, dedito, portato, tutto volto a qualche cosa; auf eine person versessen seyn, aufs saufen, aufs spielen versessen seyn Kramer deutsch-it. dict. 2, 826b (1702); auf etwas versessen seyn, 'im gemeinen leben für das anständigere ersessen' Adelung (vgl.: bekanntlich sind ratten so arg ersessen auf rosenholzöl, als menschen auf salbung. J. Paul Hesp. 1, 9); auch Campe bezeichnet versessen sein als eine niedrige wendung; jetzt ist versessen sein auf etwas auch in der schriftsprache völlig eingebürgert, freilich wird es noch immer als derber ausdruck empfunden. vgl. zum gebrauche der mundarten Mi wb. d. mecklenb.-vorpomm. mundart 102a. Bauer-Collitz waldeck. wb. 31a. Hönig wb. d. Kölner mundart 164a. Schmidt westerwäld. idiot. 311; er ist darauf versessen wie der teufel auf eine seele Spiess henneberg. idiot. 269; Klein prov. wb. 2, 218; Ruckert unterfränk. mundart 190. Sartorius mundart von Würzburg 130. Seiler Basler mundart 111a. Hügel Wiener dialect 181b. im leben war er indesz nichts weniger als weiberfeind; vielmehr um mit Suidas zu reden, ganz versessen auf die weiber (περὶ γυναῖκας ἐκμανέστατος) Wieland 21, 328 (1856); (wenn du) auf eine vollkommene bildung so versessen bist. Göthe Wilhelm Meisters wanderjahre 1, 4 (24, 45 Weim. ausg.); aber warum warst du denn grade auf das ungeheuer versessen? Tieck 11, 246 (warum wolltest du gerade ein ungeheuer sein?); er ist ein tüchtiger wirth, die frau ist sehr auf bildung versessen Freytag ges. werke 6, 106; die kleinigkeit, auf die ihr so versessen seyd, die — ird euch nicht entgehn. Wieland 18, 333 (des maulthiers zaum); ich hab' einen neuen fehler begangen, darauf waren die leute so versessen (der nahm ihre aufmerksamkeit so in anspruch), dasz sie des alten gern vergessen. Göthe zahme xenien 5 (3, 333 Weim. ausg.),
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    versitzenstv.

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +2 Parallelbelege

    ver-sitzen stv. BMZ tr. durch sitzenbleiben etw. übersehn, ausser acht lassen, versäumen, nicht leisten, allgem. ( daʒ g…

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Versitzen

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Versitzen , verb. irregul. S. Adelung Sitzen , welches in doppelter Gestalt vorkommt. 1. Als ein Neutrum, welches als ei…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    versitzen

    Goethe-Wörterbuch

    versitzen [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    versitzenst.

    Pfälzisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    ver-sitzen st. : 1. 'durchsitzen'; de Anzug veʳsitze [RO-Sippf, verbr.]. De Anzug is ganz veʳsesse [ BZ-Albw SP-Berghs N…

  5. Sprichwörter
    Versitzen

    Wander (Sprichwörter)

    Versitzen Me kann sik so gued versitten as verlaupen. ( Grafschaft Mark. ) – Woeste, 79, 350.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit versitzen

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Ableitung von versitzen

ver- + sitzen

versitzen leitet sich vom Lemma sitzen ab mit Präfix ver-.

Zerlegung von versitzen 2 Komponenten

vers+itzen

versitzen setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

Keine Komposita gefunden — versitzen kommt in keinem anderen Lemma als Erst- oder Zweitglied vor.