versehung,
f. zu versehen gebildet und dessen bedeutungsentwicklung folgend; mhd. versehunge Lexer
mhd. handwb. 3, 223. Schmeller
bair. wb. 2, 247. Haltaus 1891; versehung,
procuratio. Maaler 430
d; versehung, verschaffung eines dings; versehung thun; versehung, verwaltung eines ampts. Hulsius
dict. 355
b (1616); versehung,
error, delictum. Stieler 2368; versehung, die,
et das versehen,
non solum est lapsio, delictum, et peccatum, sed etiam providentia, spes ac fiducia. 2027; durch versehung (fehlsehung); es ist nur eine versehung (
nur ein irrthum); amtsversehung; die göttliche versehung; ich weisz nicht, aus was versehung dieses geschehen (
per qual fatalità). Kramer
deutsch-it. dict. 2, 752
b (1702); versehung,
lapsio, erratum. Steinbach 2, 572; Adelung
kennt nur noch: die versehung eines amtes, einer stelle.
das schwerfällige wort verschwindet im neuhochd. fast ganz aus dem gebrauch. 11)
gewöhnlich erscheint das wort in älterer sprache in der bedeutung von bestimmung, anordnung, versorgung, begabung, ausstattung, verwaltung, vertretung, vorsorge, fürsorge, obhut, verhütung u. ä., vgl. versehen,
verb. I, 4—8;
eine feste öfters vorkommende verbindung ist versehung thun,
besonders auch im sinne von: verhüten, vorbeugen, s. versehen,
verb. I, 8 (
vgl. ferner versehung fürwenden, es geschieht versehung),
zu versehung
kann ein subjectiver (durch versehung der reichsstände)
oder objectiver genitiv treten (versehung eines amtes, einer tochter —
ausstattung einer tochter —, versehung eines sterbenden;
auch das was die ausstattung, begabung ausmacht, steht im gen.: mit genugsamer versehung des pulvers.
beleg bei Birlinger
schwäb.-augsburg. wb. 385
b). eines dinges versehung thun lassen; wie in vorhergehendem 5 ten artikel versehung gethan; und sei eine solche versehung geschehen, dasz; ein testament, worinnen ... wegen der hinterbliebenen frau witben versehung getan.
belege bei Diefenbach-Wülcker 566; dasz sie ihnen mit etzlicher stewer, an frucht, korn und habern, ynn yhre behaussung versehung thun wollen; also das wir ihn der versehung desselben ampts gutlich erlassen haben; in seiner liebde versehung und curierung (
d. h. vertretung, vgl. versehen,
verb. I, 5).
belege bei Haltaus 1891.
procuratio, fursehunge. Diefenbach
gloss. 462
a.
provisio, versehunge. 468
c. ime auch hulff, rate und zulegung mit versehung seines slosz getan.
d. städtechron. 2, 514, 13; was jeder zu notturftiger versechung seiner aignen werkstat bedürftig.
tir. weisth. 1, 28, 9; durch versehung (
anordnung, fürsorge) der gemeinen reichsstend. Luther 2, 75
b; darzu sollen sich alle churfürsten, fürsten und stände ... auffs stärckst mit guter rüstung, versehung und verwahrung halten.
reichstagsabschied von Augsburg 1525; wenn die (
hakenschützen) aber gegen dem feind gebraucht, soll jhnen solches (
kraut und lot), wie von alter her, wider durch versehung (
aus den magazinen) gereicht werden. Fronsperger
kriegsbuch 1, 32
a; und sol man eim pfarrer in die versehung siner notturft kein stol ... rechnen. Schade
sat. u. pasquille 3, 69, 27; vom sold der kriegsleut und versehung. Aventinus
bayer. chron. 1, 627, 28; versehung ains ietlichen kriegers nach gestalt des stants. 629, 5; von wem ain ietlicher krieger ... seinen sold, sein belonung, die versehung sein leben lang nemen solt. 629, 10; sehr accurat in versehung seiner dienste.
irrgarten 501. die versehunge (
stichwort des registers): und damit die seelen der verstorbenen nit umbher schwebeten, hielten sie (
die heiden) todtenbegängnisse (seelmessen) mit toden-opffern und toden-mahlzeiten. Comenius
sprachenthür übers. von Docemius 964 (1657);
ein ausdruck der christlichen kirche ist hier auf heidnisches übertragen (
vgl. versehen,
verb. I, 6);
christlich: dank der gründlichen versehung mit den letzten heilsmitteln durch den geliebten priester. Gutzkow
zaub. von Rom 3, 35; der zu Wörd ist gestorben on versechung der hochwürdigen sacrament;
prägnant: on leicht und on versechung.
belege bei Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 385
a. versehung thun
und ähnliche wendungen: versehung zu thun, das kein befleckung der ketzerey ... unsern heiligen glauben verunreine. Luther 1, 456
b; damit seine churfürstliche gnaden hierin in der zeit billiche versehung fürwenden mü
gen. 4, 349
a; zuo irem ufenthalt versehung schaffen. Schade
sat. u. pasqu. 3, 69, 32; solchem schweren unrath in zeit versehung thun.
reichstagsabschied von Augsburg 1530 (
einleitung); und soll unser schöszer soviel an im nur möglich ist mit fleisz die vorsehung thun, dasz man die feuerstedte wohl bewahren (
soll).
staatsarchiv in Dresden (1550); ich mus nun hingehen, und die versehung thun, das jnen die köpff in aller geheim herunter gerissen werden. H. J. von Braunschweig 389
Holland; (
es wird) sonderlich mit den wachtmeistern versehung gethan, dasz er die wacht nach notturfft mit reisigen versehe. Fronsperger
kriegsbuch 1, 92
a; (
hat der fürst) aus groszer mildigkeit versehung gethan, dasz sowol die andern professores, als auch Taubmannus selbsten ... brennholtz erhalten haben. Brandt
bericht vom leben Taubmanns 55; weil die könige mit einwilligung der nation über ihre länder versehung machen konten, ohne sich so genau an die verwandtschafft zu binden. Mascou 2, 201; soll nicht ein jeder mann, ja mann umb das, so jm ein wolfahrt brecht, selbst sein versehung than. Ayrer 5, 3046, 6
Keller; wir haben kurtze zeit. thut die versehung ja, dasz uns sonst mangelt nichts, als was da ist nicht da. P. Fleming
ged. 169 (1666). 22)
besonders von der göttlichen fürsorge, waltung, bestimmung, regierung, auch in unfrommem sinne vom schicksal, der ewigen vorausbestimmung; vorsehung
ist hier im entwickelten neuhochd. vielfach an die stelle von versehung
getreten; ganz wie dieses wird versehung
prägnant gebraucht, die göttlich versehung.
beleg bei Schmeller
bair. wb. 2, 247; von gots versehunge. Janssen
Frankfurts reichskorr. 1, 227; nach dem wir, aus schickung göttlicher versehung, zu dem apostolischen ampt angenomen sind. Luther 2, 178
b; durch gottes gewalt und versehung. 3, 288
b; darinne auffs aller heimlichst die versehung wird beschüldigt (
hier prägnant wie unser vorsehung). 4, 24
b; mus also allein durch gottes versehung seine stercke und sieg haben.
vorrede über den propheten Daniel; nach der versehung gottes des vaters.
1 Petri 1, 2; aus bedachtem rat und versehung gottes.
apostelgesch. 2, 23; durch gottes desz gerechten richters versehung.
buch der liebe (
litelblatt);
prägnant in den beiden nächsten stellen: dasz ich spreche, es sey keine versehung, die sich umb den erdboden bekümmere. Opitz 2, 301 (1690); der arme mensch läuft durch die gantze welt, und suchet sein brodt, ihm aber läufft sein verhängnisz und versehung nach, und suchet ihn.
pers. rosenthal 8, 100; dasz zwar zufällige und unversehene fälle seyn, gebe ich nach, aber in ansehung unserer (
nostri respectu, non providentiae), nicht der göttlichen versehunge, welche auch das allergeringste nach jrem gefallen richtet. Comenius
sprachenthür übers. von Docemius 971 (1657); (
dasz) also die vom Plato gerühmte göttliche vorsorge und versehung ein blosser traum wäre. Lohenstein
Arminius 1, 454
a; habe er gelehret: es wäre keine göttliche versehung. 455
a; mit den abgründen der göttlichen versehung. Hamann 4, 110 (1823); drumb thu dem thäter du vergeben, welcher hat auszgerichtet eben, doch ohn sein wissen, gottes ordnung und seine ewige versehung. H. Sachs 15, 208, 10
Keller-Götze; der menschen wohn ist falsch, betrüglich die verjähung, als ob des glicks allmacht, der ewigkeit versehung, und auch des himmels will (mit zwang der göter hand verkürtzend) on jhr schuld verhinderten den stand der menschen und der welt. Weckherlin
ged. 514 (1618); ich weisz es nicht, durch was vor wunder-rath die versehung so viel fälle bis hieher verschoben hat. Hoffmanrswaldau
getr. schäfer 169; ewige versehung! und ihr herrscher aller dinge! 176; in dem buche der versehung steht kein name sonder creutz. Günther 848. 33)
als schulbegriff (
praedestinatio)
ist versehung
durch die streitereien der protestantischen theologen aufgekommen, vgl. versehen,
verb. I, 3;
es wird ganz prägnant gebraucht; einmal als äuszerung göttlichen waltens, dann auch in verbindung mit dem object des göttlichen waltens (versehung des menschen),
oder als etwas am menschen haftendes (meine versehung,
mein vorausbestimmtsein zur seligkeit oder verdammnis). Schottel 648
will versehung
nur in dem sinne brauchen, der im vorhergehenden abschnitt behandelt ist (versehung ..., dadurch die göttliche güte alles und jedes versihet und versorget zu bestimter zeit und gebürlicher massen),
dagegen übersetzt er praedestinatio mit vorversehung,
praescientia vel praevisio mit vorersehung. —
nachdem der prädestinationsstreit die gemüter nicht mehr bewegte, ist das wort versehung
auszer gebrauch gekommen. sihe in dem bilde ist uberwunden deine helle und deine ungewisse versehung gewis gemacht. Luther 1, 179
b; wenn wir anheben zu reden von der versehung, warumb gott einen erwelet, und den andern nicht. 4, 22
a; ein trefflicher tröstlicher text, für alle blöde, furchtsame gewissen, sonderlich derer, die sich bekömern, und angefochten werden, mit den hohen anfechtungen von jrer versehung. 6, 181
b; sihe, also ist stracks hinweggeschlagen die grosse anfechtung und alles disputirn von der heimlichen versehung. 184
a; alle schwere fehrliche gedancken von der ewigen versehung. 7, 66
b; die sprüche in der heiligen schrifft von der versehung (als der ist: niemand kan zu mir kommen, es sey denn, dasz jn der vatter ziehe) lassen sich ansehen, als schreckten sie uns abe.
tischreden 108
b (1568); die versehung ist in seiner wahl, er erwählet ihme allezeit seine schäfflein; die zu jhme kommen, die versiehet er zum ewigen leben. J. Böhme
drey prinzipien 306 (1682). 44)
wie versehen,
n., fehler, irrthum (
vgl. versehen,
verb. II, 3—4): das theatrum ist in dem ersten druck durch versehung des kupffer-stechers verkehret, itzo aber recht gesetzet worden. Olearius
pers. reisebeschreibung 25
a (1, 12); versehung,
error, delictum. Stieler 2368;
vgl. Kramer
deutsch-it. dict. 2, 752
b. Steinbach 2, 572. 55) Stieler
glossiert versehung
auch mit spes, fiducia (2027);
aus der litteratur kann ich es in diesem sinne nicht belegen; versehen,
n. wird in älterer sprache oft so gebraucht, vgl. versehen,
verb. I, 2.