verrauchen,
verb. aufhören, rauch von sich zu geben. im mhd. und mnd. ist das wort, wie die einfache bildung nicht nachzuweisen, vielleicht stammt es aus dem niederd. wie rauchen
zu thun scheint (
s. oben 8, 242).
die flexion ist die schwache, doch kommen ausnahmsweise auch einige belege für die starke vor: die schlöt schon all verrochen sein, das essen ist versaumet schon. J. Ayrer 27, 428
b (3, 2150, 24
Keller).
hierher ist wol auch zu stellen: doch verroch diszmal disze secte bald. Frank
weltb. 139
a.
auszerdem sei noch bemerkt, dasz im sing. des präs. neben der gewöhnlichen form verraucht
z. b. bei den Schlesiern des 17.
jahrhunderts auch die umgelauteten formen sich finden, s. Opitz 1, 29. Fleming 40. 11)
in rauch aufgehen, rauchartig sich verflüchtigen: kennst du die schlange nicht noch Asdrubals sein blut, die gift nur athmet aus, ja nichts als sterben hauchet? die flamme durch die itzt Numidien verrauchet? Lohenstein
Sophon. 2
act, 180; ich hab sichtig gold in einem eysenstein gesehen, wie man auch in Steyermarck weiszgold bricht, welches im fewer sein natürliche farbe bekombt, so das quecksilber davon verrauchet, als wenn ein goldschmied die silbern geschirr vergüldet. Mathesius
Sar. 40
b; der Mercurius verroch vorhin, jetzt bleibet er. Thurneisser
vom wasser 76 (1572); wan das verrochen, soltu den hanen aufthun. 83; hinaus ins feld! bevor in kriegergluth die stadt verraucht. Bürger 173
a; wo büsche schatten, wo die linde haucht, seis wenn der morgennebel früh verraucht, seis wenn der abendthau die blume netzt, seis heute, morgen, künftig oder jetzt! Platen 46.
übertragen auf reale dinge: nun sind alle gedanken wieder fort! das feuer ist verraucht; die einbildungskraft ist zerstreut. Lessing 1, 291; trinkt! rief sie, nachdem sie ihr schäumendes glas schnell ausgeleert hatte, trinkt! eh der geist verraucht! Göthe 20, 93; es sind schlechte abgefärbte katheder, die mir den einwurf machen können, die verehelichten seelen blieben ja doch zurück, wenn die leiber verrauchten. J. Paul 1, 56.
geistige dinge: wollt ihr euren ruhm ... so leicht verrauchen lassen?
Pierot 1, 323; eine der wichtigsten folgen dieser untreue an den grundsätzen ihrer lehrmeisterin .. war wohl diese: dasz sie, auch nachdem sie sich selbst nicht mehr verbergen konnte, dasz alles geistige von seiner liebe gänzlich verraucht war, gleichwohl schwach blieb. Wieland 3, 325; sobald sie (
die liebe) sich in freundschaft umwandelt, das heiszt, nach gutbefinden des willens beider, verräucht sie, erkrankt. Bode
Montaigne 2, 11;
A. in mir wenigstens sollen sie nicht wieder aufleben; ich will fortfahren zu reinigen, zu scheiden.
B. dasz vielleicht nichts übrig bleibe, indem bey diesen scheidungen der geist verraucht, verflieget.
A. ungläubiger, wie spricht du? kein wahrer geist der religion verfliegt, wo er verrauchen konnte, wars ein falscher geist .. danke dem himmel, dasz er verraucht ist und ziehe aus den schlacken, was sich daraus ziehen läszt. Herder
lit. u. kunst 12, 553 (1821); wenn dein sinn durch die wollust noch nicht ganz verraucht ist, so reime mir dieses mit den schulbegriffen der moral zusammen. Klinger 3, 192; ein guter freund, ein reiner wein und dann ein klares glas, die waren nechst in ein bei mir; disz lasz mir gelten was! hör aber, was geschiebet drauff: das klare glas zerbricht; der reine wein verraucht; der freund fällt schmerzlich in die gicht. Logau 2, 238 (255
Eitner); nur geschwind .. setzen sie sich hin und arbeiten das stück aus, die idee hat völlig meinen beifall; nur dasz die lust nicht verraucht. Göthe 19, 164; so verrauchte die sache und es ward niemals mehr davon gesprochen. 35, 182; studiren sie die bäume und vordergründe und figuren wohl nach der natur .. so kann eine doppelt stärkere (
bestellung) erfolgen, allein .. sie müssen sich dazuhalten, damit die lust nicht verrauche. Göthe
in '
zur nachgesch. d. ital. reise'
v. Harnack, Göthegesellsch: 5, 79; noch war der begeisterte muth nicht verraucht, der von dem geschlecht der Oranier entzündet, diese kaufmännische nation in ein heldenvolk verwandelt hatte. Schiller
hist.-krit. ausg. 8, 101; jetzt bewahrt sich der religionsgeist mehr nur in kleinen gefäszen (wie konventikeln sind), da er aus den groszen Heidelberger katechismen und fässern verrauchte. J. Paul 33, 144; dasz man sagen werde ... ich habe in Berlin nicht bleiben dürfen, fürchte ich nicht. überhaupt wird das so nach und nach verrauchen. Fichte
leben 1, 388; affect ist in der wahl blind und in der fortsetzung verrauchend. Kant 5, 312; zwei jahre sind lang, da kann eine jugendliebschaft schon verrauchen, wenn nicht neues öl in das flämmchen geträufelt wird. Heyse
ges. werke 17, 64; seine lesewuth schien auf einmal verraucht zu sein.
buch d. freundsch. 234; ihr zorn war auf einmal verraucht.
im parad. 1, 217; auch jetzt, wo der erste zorn verraucht war, fühlte er, dasz er nicht anders handeln konnte. Freytag
soll u. haben 1, 295; der erden beste lust verrauchet als ein wind und geht geflügelt durch, das unglück aber wachet ehe als das glücke schläfft. Opitz 1, 29; wer die zeit verklagen wil, dasz so zeitlich sie verraucht, der verklage sich nur selbst, dasz er sie nicht zeitlich braucht. 2, 94, 84 (308
Eitner); sie erkennt, dasz pracht und jugend wie ein dampf verrauchen musz, darum stellt sie ihren fusz auff den pfad standhaffter tugend. Dach 444; nein die zeit verrauchet, wer sie jung nicht brauchet wird die schuld jhm selber sein. Tscherning 301; Pygmalion ist todt und die gefahr verraucht. J. E. Schlegel 1, 85; die wie ein priester, wild .. sich über dogmen .. haszten .. .. die rasten tief in des Lethe strom getaucht, der Zinzendorfe schwindel ist verraucht. Gotter 1, 410; und lieb und wein verrauchen bald. Gökingk 1, 272; mein witz .. verraucht. 2, 74.
part. in bildlicher bedeutung: Victor fand durch seine brittische brille die italiänischen, glorierten hofgesichter wenigstens malerisch schön, hingegen die deutschen paradelarven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die blicke so verraucht und doch so geschwefelt! J. Paul 7, 202;
übertragen: wann ich denke mehr zurücke auff die nun verrauchte zeit, auff mein mir begrabnes glücke, denk ich auch zugleiche fort, auff der freundschafft schwesterschafft, drinnen dein und meine lust unverbrüchlich war verhafft. Logau 2, 46 (263
Eitner); es gehn der sanften braut verrauchte herzensschwächen den klugen bräutigam nichts
an. Gotter 3, 303; wie sonst an jeder schönen brust der wilde brand so bald verraucht, und schnell verlosch wenn ich getaucht hinunter in das meer der lust! Lenau
don Juan 40 (1858). 22) verrauchen,
transit. durch rauchen beseitigen: er verraucht täglich 10 cigarren; und der herr wird zornig sprechen: fort mit master Anton zur hölle; seine seele soll in ein rübenblatt eingenäht und dort alle tage von kleinen speiteufeln verraucht werden. Freytag
soll u. haben 2, 183; dreifach haben sies mir gezeigt, wenn das leben uns nachtet, wie mans verraucht, verschläft, vergeigt und es dreimal verachtet. Lenau 160
Barthel. durch rauchen verderben: wenn man so oft alte verrauchte tapeten und seltenheiten aus allen längst vergessenen winkeln heraus sucht. Tieck
nov. 4, 129.