vermahnen,
verb. ermahnen, mhd. vermanen,
mnd. vormanen,
ahd. firmanê
n. das einfache zeitwort hat, wie oben (6, 1462)
nachgewiesen, ursprünglich die bedeutung '
reizen, antreiben',
jedoch schwächt sie sich zu '
erinnern'
ab. die vorsilbe ver
verstärkt nun wieder einerseits diese schwach gewordene bedeutung, andererseits verneint sie dieselbe (
vgl. oben 54, 3).
letztere bedeutung ist in der alten sprache besonders vertreten. so ahd. tempsit, contempsit firmanet, farmanet. Steinmeyer-Sievers
gloss. 1, 257, 20;
contemptus farmant 1, 273, 42; uuir laʒemês uns lichan man then filu rîchan, firmonamês zi nôti anderero armuati. Otfrid 3, 3, 13; 'uuîb', quad er, 'nu zeli mir, uuâr sint die uuidorôtun thir thie sih zi thiu hiar fuagtun sô leidlîcho nu ruagtun? firmonet thih hiar nu iaman?' 3, 17, 52.
diese bedeutung zieht sich noch ins mhd. hinein, z. b.: dar nâch ein recke hêre zogte her mit einem vanen, der daʒ niht wolde vermanen, er müeste komen in den strît.
Dietrichs flucht 9294
Martin. auf der andern seite hat das mnd. diese bedeutung, wenigstens nach den wörterbüchern zu urtheilen, gar nicht entwickelt, sondern nur die andere. niederd. einflusz ist es vielleicht gewesen, dasz nhd. die erste bedeutung ganz geschwunden ist. schon md. so mehrfach in dem mystiker H. v. Fritzlar: der mensche hât drîerleie vormanunge zu tuginden. zu dem ersten vermanet in dâtûrliche (daʒ nâtûrliche?) licht, daʒ got in deme menschen gephlanzit hât ... zu deme anderen mâle sô vermanet der engel den menschen zu tugenden.
myst. 1, 159, 40.
allgemeiner wird diese bedeutung noch in der übergangszeit zum nhd. so hortari vormanen Dief. 280
c;
monere vermanen 366
b.
heute ist in der schriftsprache vermahnen
durch ermahnen
verdrängt. ermuntern, anreizen. ohne object und angabe '
wozu': ich vermahnete und versuchte ihn von solcher verschwendung abzuhalten.
pers. rosenth. 7, 6; als ouch Terencius vermant: ich bin mir aller nähst verwant. Brant
narrensch. (58) 11; wer vermahnt, giebt und regieret, dem gebühret, dasz er alles hertzlich thu. Opitz 3, 101.
mit object, ohne nähere angabe wozu: jr mügt wol alle weissagen, auff das sie alle lernen, und alle vermant werden, spricht Paul. Luther 2, 16; aber hie in diesem treiben mus ich abermal etlich vermanen. 2, 69; das wol bedürfft eines teglichen anhalters, der unableslich vermanet. 5, 491; und Judas vermanet sein volck und sprach: rüstet euch. 1
Macc. 3, 58; wer einen alten vermahnt, der geitzig ist, der richt so viel aus als der einem todten ein arznei zur gesundheit will geben. Lehmann 15; Saleh aber musz sich auff gottes befehl von dem volcke abthun, und sie nicht mehr vermahnen.
pers. rosenth. 7, 20; diese hastu als ein vater vermanet und geprüfet.
weish. Sal. 11, 11; demnach ermahnte Tobias die jungfrau und sprach: Sara, stehe auf.
Tobias 8, 4; ich miteltester und zeuge Christi, vermahne die eltesten unter euch: weidet die herde. Luther 2, 19
b; nicht schreibe ich solches, das ich euch bescheme, sondern vermane euch, als meine lieben kinder.
1 Cor. 4, 14; wir ermanen aber euch, lieben brüder, vermanet die ungezogen, tröstet die kleinmüthigen.
1 Thess. 4, 14; leret und vermanet euch selbs mit psalmen und lobsengen.
Col. 3, 16; ich sagte zu ihm: Giovanin, ich bitte dich, bleib da! ... so vermahnte ihn auch sein vater. Göthe 34, 141; Syrach den Icarum vermant, sprach: sohn, bleib gern in niedern stand. Kirchhof
wendunm. 4, 82
Österley. mit angabe des zweckes, genitiv: weil aber viel sind, wenn sie ein buch übersehen haben ... alles vergessen, wes sie vermanet sind. Luther 5, 491; hie vermanet uns Tertullianus dieses eides. Melanchthon
apol. Augsb. conf. 128 (
corp. doctr. christ.); so sie durch den ehrlichen tittel vermanet würden der groszen verheiszungen. 150; geistlicher stand ist nutz und not, söll mancher seelen werden rath. gaistlich frummen fint man vil, drumb ich dich desz vermanen wil. Schwarzenberg 134, 2; wartt gar nit seins studierens ausz, sondern lebt täglich in dem sausz, damit er dann ein grosze summ uber sein ordinarium von gelt seim vater hat verthon, des ihn vermahnt manch fein person, den er damals befohlen war. Fischart 1, 58, 2172. zu: doch wolt ers nicht thun, denn als er dazu vermanet war. Luther 4, 159; beydes, ich der apotheker und der doctor, sprachen ihr zu und vermahnten sie zum essen, trincken und lustig zu seyn, aber vergeblich.
Simpl. 1, 63, 23; o wie treulich wird sie hiezu (
zur eintracht) der vater vermahnt haben. Schuppius 153; wann einer die seinigen zur gottesfurcht vermahnet, seine kinder in der furcht des herrn auferziehet. 589; der jung Tobias gott vertrawt, zum beth vermant er seine brawt. Schwarzenberg 105, 1.
mit folgendem infinitiv: so lehret und vermahnt sie (
die bibel) auch, vor der übermas und dem schaden, so darauff erfolget, hüten. Kirchhof
wendunm. 4, 115
Österley; abermal vermahnet er, auf gott trauen und guts thun. Luther
briefe 2, 80.
infinitiv mit zu: das ist oft genugsam gesagt, on das man sehe, wie die heilige schrift uns überschüttet gleich wie mit einem platzregen, ist immer ein exempel am andern, das uns gnug vermane und stercke, nichts zu thun on sein wort und befelh. Luther 4, 112
b; das ich sie vermane, weislich und mit ernst dazu sich zu rüsten, und nicht so schlefferig die sachen angreiffen. 4, 446; wir wären auch vor schrecken zurückgelauffen, wann sie nicht mit höfflicher demuth bey der hand genommen und ainander zu folgen vermahnt hätte. Opitz 2, 260; der nachtisch war aufgetragen, als der gast seine wirthe ernstlich vermahnte, nicht weiter mit ihren entdeckungen zurückzuhalten. Göthe 17, 24.
abhängiger satz mit dasz: ich bitte und vermane euch hiemit, das jr diese meine schrifft nicht verachten wöllet. Luther 2, 71
b; doctor Martinus Luther vermahnte sein weib, dasz sie fleiszig gottes wort lesen und hören sollte.
tischr. 1, 17; und Raguel vermahnte und bat Tobiam hoch, dasz er zwo wochen wolte bey ihm verziehen.
Tobias 8, 22; ihr wisset, liebste mutter, wie mein seliger vater pflag die huren zu schelten ... und mich zu vermahnen, dasz ich sol keine hure werden. Schuppius 471.
selten geschieht es, dasz dasjenige, wozu man ermahnt wird, als object gefaszt wird, und die person mit an
beigefügt ist: dasz ich sollt an e.
f. g. demuthiglich vermahnen. Luther
briefe 4, 215.
impersonal wird vermahnen
gebraucht: wann ich ytzt die ankunfft der örden beschreib oder liesz und die ytzigen münch dargegen halt, so vermant es mich eben, als wann ich von Christo etwas sag oder lisz und ein exempel vom teuffel gebe. S. Franck
chron. 469
b.