verliegen,
verb. durch liegen schaden nehmen, schaden bringen. mhd. verligen,
mnd. vorliggen,
ahd. farligan,
ags. forlicgan.
die bedeutung: falsch liegen, daher durch liegen schaden thun, führt ags. und ahd. zur bedeutung: unzucht treiben, moechari, adulterari. Graff 2, 88. Bosworth-Toller (1882) 1, 314
b; firligari,
fornicacio Steinmeyer-Sievers
gloss. 1, 252;
in der spätern sprache (
mhd. mnd.)
zeigt das wort allgemeinere bedeutung (
durch langsamkeit, liegen überhaupt zurückbleiben, daher kraftlos werden).
daneben tritt transitiv in den vordergrund und reflexiv '
durch liegen schädigen, sich versäumen'.
im mhd. und mnd. gewinnt das wort grosze verbreitung. nhd. schwindet es wieder und ist heute hauptsächlich nur im part. prät. noch verbreitet. 11)
intransitiv '
liegen bleiben':
mhd. sprechet zu im, daʒ er alsô tuo, und daʒ er sînen schuoler heiʒ slîchen heimlîch zuo der geiʒ; sô weiʒ ich wol ze derselben zît daʒ der meier niht verlît, er louft alleʒ hinden nâch und ist im ze helfenne gâch ..
gesammtabentheuer 2, 290
Hagen. die früheste bedeutung, ohne irgend welche schlechte nebenbedeutung findet sich noch nhd., wenn auch sehr selten: demnach ich bereits 8 wochen einige antwort auf mein jüngstes .. verlanget, bin ich auf die gedanken geraten, dasz mein schreiben ... zu Erfurt im geleitshaus verliegen geblieben sein müsse. Harsdörfer
an Neumark 1651.
Weim. staatsarchiv; massen der brieff bereit etliche monat bey mir verliegen geblieben.
Weim. arch. Nürnberg 1652.
durch unübung, säumnis lässig werden: nhd. darbei erkant sein vatter seinen hocherleuchteten verstand, liesz jn derwegen, auff dasz er ausz unübung nicht verläge .. den allergeachtesten under den griechischen philosophis damals den Aristotel in allerhand lehr underweisen.
Garg. 269 (1590); ein hauff bessert sich von der arbeit, aber von der müszigkeit verligt er. Fronsperger
kriegsb. 3, 287
b; schade dasz ein so dapferer reuter daheim verligen solte. Zinkgref
apophth. 11, 16; schicke mir manchmal, so du gelegenheit hast, etwas aus der neueren literatur, damit ich nicht ganz verliege. Schubart
in Strausz
Schubarts leben 2, 47; zwahr vil verliegen jetzt, die guts zu thun beginnen, und doch mit grossem schatz keines hällers währt gewinnen. J. Rompler v. Löwenhalt
gebüsch seiner reimgetichte 34; zum ersten anlauff seind sie (
die Franzosen) teuffelischer dann teuffel: aber wann man sie erkalten und verligen lasst .. da seint sie weibischer dann weibisch.
Garg. 519 (1590); hierauff repetiert und repliciert man die lection des vorigen tags, das er sie nicht im schulsack verligen liesz. 336.
allgemeiner: lasz werden, unthätig werden, zur production unfähig werden: nachdem wir nun auff dieser stillen höhe uns nicht lange auffzuhalten vermochten, weil uns der athem wegen dünnigkeit der lufft überaus verlag. Lohenstein
Armin. 1, 565
a.
kunstausdruck im bergwesen: verliegen an gestein
ist, wenn man wegen groszer feste, wenig gewinnen kann. Hertwig
bergbuch 28 (1734); bergwerke, erbstollen verliegen,
wenn sie nicht der gesetzlichen bestimmung gemäsz in betriebe erhalten werden und darum '
ins freie fallen'. Veith 530.
kunstausdrücke der jägersprache: die hündin verliegt
sagt der jäger, wenn in der hitze er die hündin nicht von den hunden belegen läszt. Weber 2, 614
b. 22)
transitiv '
liegend dahin bringen': würde aber ein schiffer einen guten wind verliegen oder versäumen, und es entstünde daraus schaden und unglück, so soll er, wenn er dessen überwiesen worden, desfals nach der gebühr mit strafe angesehen werden.
Danz. willekur (1783) 24; wollt ihr aber bei einem guten alten köhler an warmer stätte die nacht versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen. Göthe 21, 51; desto übler verliegst du deine zeit hier. Fr. Müller 3, 92; kehrt öfters in acht tagen .. nicht heim unter dach, sondern verliegt drauszen im wald in wind und wetter und passirt die zeit mit jagen. 3, 340.
durch liegen versäumen: stürnenstöszer, statzionyerer, die nyenant keyn kirchwih verlygen uff der sie nit öfflich usz schrygen, wie das sie fuoren jn dem sack das hew, das tief vergraben lagk under der krippf zuo Bettleheyn .. Brant
narrensch. 63, 12
Zarncke. kunstausdruck in der nautik: den wind verliegen,
den guten wind versäumen. Bobrik 707. 33)
reflexiv '
durch säumen, müsziggang sich schädigen': gîst du mir den meidem Ruoprehte zeinem eidem, bin ich immer verzigen: ich wil mich niht durch wîp verligen.
Helmbrecht 328;
nhd. (
die gegenwertige betrübte zeit) in welcher mit erbarmen und beiammern zu erfahren, dasz manch ehrlich gelehrter gesell .. sich so elendig musz herummer schleppen und verligen. Philander 1, 3; der älteste, Karl Devrient, war nach seiner begabung das groszartigere talent, aber er hatte sich früh verlegen und verkümmerte in manier. Freytag im
neuen reich 1872, 34, 318; Silenus der verlag sich nit, im narrenschiff fuor er ouch mit. Brant
narrensch. 66, 83
Zarncke; worheyt sicht man jnn ewigkeyt, und würt sich nyemer me verlygen wann narren schon den hals abschryen. 104, 46
Zarncke. durch langes liegen sich verschlechtern: reichthum verliegt sich nicht. Simrock 5, 387;
Thyrsis. wenn sich der zeug verliegt, pflegt man bald loszzuschlagen. Gryphius 2, 67 (
Palm 3, 544, 85),
von einer alten heiratslustigen gesagt. kunstausdruck (
bergwerk): sich verliegen am gestein,
wegen groszer festigkeit des gesteins nicht viel gewinnen können. Veith 530; sich auf einem bergwerke verliegen,
das bergwerk aufgeben. ebenda. 44)
während das zeitwort stark im abnehmen begriffen ist und eigentlich heute schon sich überlebt hat (
denn überall macht verliegen
und sich verliegen
einen gesucht alterthümelnden eindruck)
hat sich das partic. des prät. lebendig erhalten und ein adject. entwickelt, das heute noch sehr geläufig ist. zunächst ist verlegen
in unthätigkeit gelegen, von dem einfachen gelegen
kaum unterschieden: mir was vil wirser nach im albegen, iedoch pin ich das jar verlegen.
fastn. sp. 249, 27; du hast forthin her in viel tagen, gesamelt ein in deinen magen, das ist dir als darum verlegen. H. Sachs 1, 466 (5, 5, 19
Keller); wolauf verlegne leuth! dem herren lob zu sagen, man mus in angst und noth nicht allerdings verzagen. J. Rompler v. Löwenhalt
sinnged. 30;
hiezu zu vergleichen ahd. verlegena,
siti (
infra quocum) Graff 2, 88 (
Prudentiusglosse).
aus dieser bedeutung entwickelt sich verlegen,
für längst vergangenes: denn sie weren in verlegen jaren da ins land kommen. H. Staden g(1);
doch gesellt sich leicht eine gewisse verächtliche nebenbedeutung dazu: alte geisen lecken auch gern saltz, eim alten verlegnen furman thut auch das geyselklöpffen noch wol.
Garg. 508 (1590); der altverlegne schulmeister Priscianus. Abele 3, 17; Bolingbroke, wenn er von den .. herausgebern verlegener handschriften, den wortforschern u.
s. w. redet, gedenkt mit beyfall eines gelehrten. Lessing 6, 7.
deutlicher noch tritt die schlimme nebenbedeutung hervor '
durch liegen beschädigt': das versprach er und brachte darauf ein feines jungs mädchen zu uns, welches sich .. zu mir auf das bett legte, wo es noch unzerbrochen oder [un]verlegen schiene.
Simpl. 3, 415, 11
Kurz; besonders gern von waaren gesagt (
vgl. ahd. farlegana,
contaminata gloss. Gall. Hattemer 1, 12): noch darff der antichrist hie in der jubelbullen mit der faulen, stinckenden, verlegen, verworffen wahr, so alle menschen verlangst verspeiet widerkomen. Luther 3, 91
b; was von köstlicher guter wahr (
in dem gewürzladen) da war, stund vornen im laden, all anders verlegnes, wurmstichiges und faules hinden auff der mawren. Kirchhof
wendunm. 289
b; verunglückte spediteurs verlegner und im preis gefallener spezereien. Thümmel
reise ..; doctor, sprich bey gelegenheit ein wenig für das menschen völkchen, ist freilich jetzt verlegne waare, machen einen aber doch manchmal noch lachen. Fr. Müller 2, 10; was ich von alten sachen habe, hat keine rechte gestalt und ist eigentlich verlegne waare. Göthe
an Schiller 230; was denn irgend aus den zeiten früherer opulenz als verlegene doch sorgsam aufgehobene trödelwaaren mit in die eingeschränkte gegenwart gebracht .. war. Holtey 40
jahre 1, 236; da treten so viel verlegene kleider ans licht. Arnim 1, 80; was ie verwurfen unser eltern, zurissen faul ist und verlegen.
fastn. sp. 383, 2; die waaren so man lobt, sind insgemein verlegen, ein reiner Malvasier verkauft sich ohne creutz. Günther 646;
so in geistvollem bilde: die wahren, welche vornen an in einem laden liegen, die kaufft nicht gern ein iederman: sie pflegen nicht zu tü
gen. die jungfern, welche zu dem freyn die freyer selbst wie laden, wo diese nicht verlegen sein so haben sie doch schaden. Logau 2, 71, 61 (287
Eitner).
von andern dingen: verlägne, verwirte schulden,
impedita nomina. Maaler 423; konte ich mich nicht länger enthalten, sondern brachte noch so viel verlegen latein zusammen, dasz ich sagen konte ..
Simpl. 2, 217, 29
Kurz; meine übersetzung sei mit dem schimmel alter verlegener worte beschlagen. Reiske
Thucydides vorr.; natürlich wurden diese träumereien sodann immer verworrener, weil das erste bedeutungsvolle moment der erfindung und empfindung vorüber war und man jetzt unter ganz andern umständen alte verlegene worte nur nachlallte. Herder
lit. u. k. 7, 478; sogar bekannte lieder aus der fabel wurden nicht, wie sie erdichtet sind, vorgestellet, weil das alte verlegen und verächtlich schien. Winckelmann 2, 477; und so gibts viele andre verlegene wörter, wofür man ein eben so gutes neues aufstellen kann. Bürger 137
a; wie schweygst so still? ich mein dir sei dein sprach verlegen. harr, ich wil dir den harnisch fegen. H. Sachs 4, 2, 24
b (16, 86, 8
Keller-Götze). 55)
aus den obigen bedeutungen hatte sich der begriff des unthätig sein
entwickelt, und da unthätigkeit oft auf unschlüssigkeit und rathlosigkeit beruht, so ist die bedeutung '
rathlos, unschlüssig, zweifelhaft'
in dieser weise verlegen
heute am geläufigsten. das wort in dieser bedeutung ist noch nicht alt, Stieler
und Steinbach
kennen dieselbe noch nicht, aber Frisch: verlegen seyn
in etwas, nil posse in aliqua re, fateri infirmitatem suam in aliqua re. 1, 615
a; ein ihm ganz eignes talent ist dieses, dasz er sittensprüche und allgemeine betrachtungen, diese langweiligen ausbeugungen eines verlegenen dichters mit einem anstande zu sagen weisz, dasz .. Lessing 7, 11; den demüthig stolz verlegenen gelehrten .. habe ich in bewegung gesehen. Göthe 19, 99; wehe dem, der verlegen oder beschämt oder ungehalten wird, wenn er sich auf »warum diesz?« vernehmen lassen soll. Wieland 19, 7; sie werden nicht verlegen sein .. ein blick der schönen Lysandra schien ihm zu sagen .. die antwort auf diese frage zu finden. 19, 46; ich würde sehr verlegen sein, wenn ich eine von euern passionen schlechterdings zu der meinigen machen müszte. 33, 138; der major wurde um so verlegener, als jener gleich nach tische sich zu entfernen und seinen weg weiter fortzusetzen dachte. Göthe 22, 43; jener war verlegener als ihr und diesem hätte eure verhaftung .. auch nicht einen heller eingetragen. 26, 50; der mensch der es bemerkt, dasz man ihn beobachtet, wird verlegen (genirt) erscheinen und da kann er sich nicht zeigen, wie er ist. Kant 10, 117; ein ernstlich verliebter ist in gegenwart seiner geliebten verlegen, ungeschickt und wenig einnehmend, einer aber der blos den verliebten macht und sonst talent hat, kann seine rolle so natürlich spielen, dasz er die arme betrogene in seine schlingen bringt. 10, 292; es (
das kind) wird verlegen bei dem anblicke anderer und verbirgt sich gerne vor anderen leuten. 10, 410; lehre deine kinder ordnung und fleisz, dasz sie in der armuth nicht verlegen, unordentlich und liederlich werden. Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 1, 85; sobald die spielmaschinen uns die karten aus den händen ziehen: so hat kein ehrlicher mann, der ein amt begehrt, einen präsentirteller, worauf er das geld mit anstand einhändigen könnte und man könnte auf beiden seiten gar nicht verlegener sein. J. Paul 15, 75; da Huyghens schon ganz wie die astronomen unserer zeit, dem monde alles wasser und alle luft versagte, so ist er über die existenz des mondmenschen noch verlegener als über die bewohner der dunst- und wolkenreichen ferneren planeten. Humboldt
kosmos 3, 21; so kann dich ja auch weiter nichts verlegen machen. Lessing 2, 270; sehr verlegen war don Sancho vor Zamora, sehr verlegen, nahen konnten seine krleger nicht der stadt. Herder
lit. u. k. 3, 140 (1821); der schafe zahl macht nie den wolf verlegen. Wieland 18, 332; das ists just was mich verlegen macht, versetzt der unverliebte: ich hätte freylich wohl zu manchem einwurf lust.
Ober. 4, 9; don Diego schien verlegen, sah sich um, ob niemand lausche, seufzte tief und sprach am ende .. H. Heine 18, 122; man bot sich einen frostigen guten abend und ging verlegen im zimmer neben einander auf und nieder. Göthe 16, 159; es war der kammerdiener, der verlegen fragte, was nun mit dem feuerwerk werden sollte. 17, 160; Dankmar und Louis waren schon veranlaszt einzutreten, während noch der general und der ritter überrascht verlegen von den stühlen aufstanden. Gutzkow
ritter vom geist3 8, 189; sie wurde roth bis an die brust, sah hin und her, unruhig und verlegen, und hätte gern ein wenig trotzen mö
gen. Wieland 18, 138; wie ängstlich, wie verlegen er (
der brief) mir empfohlen worden. Schiller
don Carlos 4, 22; bestürzt verlegen weigert sich der leutnant des thurms, mir die gefangene zu zeigen.
hist.-krit. ausg. 12, 574 (
M. Stuart 5, 13).
mit angabe des dinges, worauf sich die verlegenheit bezieht, woraus sie entspringt: man giebt die herzen jetzt nicht mehr so in den tag hinein weg, und glaubt er etwa dasz ich so verlegen mit dem meinigen bin? Lessing 1, 322; und glaubt sie denn, jungfer Lisette, dasz ich so verlegen mit der meinigen (
dose) bin? 1, 323.
durch abhängigen satz erklärt: der markis schien verlegen zu sein, was er mit mir anfangen sollte. Wieland 12, 116; dieses gelang mir auch ganz gut, denn als die beiden männer sehr verlegen schienen, wie sie in dem groszen Venedig das zur aufnahme der pilger bestimmte kloster ausfinden sollten .. Göthe 26, 101; ich war verlegen, welcher der jahrestag wäre, dasz ich in Weimar wäre.
briefw. mit frau v. Stein 1, 69; ich bin verlegen, ob ich den glückwunsch schon empfangen darf, noch fehlt vom kaiser die bestätigung. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 65 (
Piccol. 1, 1).
der begriff des verlegenseins
vom menschen auf den von ihm ausgeführten gegenstand übertragen: Lotte ging ihm mit einer verlegnen hastigkeit entgegen. Göthe 16, 184; er grüszte sie verbindlich mit verlegner kälte. 22, 116; sie geben sich unter einander verlegne winke. Schiller 302.