verfliegen,
verb. hinwegfliegen, mhd. vervliegen,
mnd. vorvlegen; ver
gibt dem einfachen zeitworte die nebenbedeutung '
hinweg'. 11)
fortfliegen, hinwegfliegen, hinwegschweben: mit ihrem freundlichen grinsen begrüszten ihn alle ungeheuer und verflogen dann in die wände. Tieck 8, 238; und wir (
die sperlinge) im fall und windetoben erschrocken verflogen und verstoben.
froschmäusler 2, 2, 7 Aa 4
b; die (
finke) da wil, die mag verfliegen, die nicht wil, die lasz sich kriegen (
sagt '
die lockfincke'
zu den herbeigelockten vögeln). Logau 1, 150, 49 (147
Eitner);
mit personification eines abstractums als (
fliegender)
göttin: die götter sind gezogen auff ihre wolcken zu, gerechtigkeit verflogen, die grosze treu verreckt, die eintracht in der flucht. Opitz 1, 50;
bildlich: ich will es meinem herrn schon zustellen, wann ihm die mucken ein wenig verflogen.
Simplic. 3, 406, 30;
mit der nebenbedeutung nach verschiedenen seiten auseinander stieben: Zephyr umarmte sie (
Flora) und sie verschwand. sie verflog als blumenstaub ins gebiet des gottes der lüfte. Herder
kunst u. lit. 6, 156;
mit der nebenbedeutung an einen ungehörigen ort fliegen: zunächst galt dann das bedürfnisz der reue über leidenschaftliche ausbrüche ihres temperaments einer henne, die .. über die mauer flog und .. ihre eier hier .. im garten legte. die aufwärterin von drüben .. begehrte von der verflogenen henne die eier. Gutzkow
zauberer von Rom 7, 39;
übertragen auf nicht fliegende dinge, die man sich dichterisch personificiert als fliegend vorstellen kann: schlagen nicht die laute in hauche verflogen, an fernen blumen zurück? J. Paul 9, 76; aber die seele verfliegt, wie ein luftiger traum.
Odyssee 11, 222. 22)
mit vergessenem bild, verfliegen,
davoneilen: (
es) wird das leben wieder selbst zum traume, allein zu traum, der leer verfliegt im schaume. W. v. Humboldt 2, 396; dreimal kamen nelk' und rosen, fragten an mit süszem kosen, ob dein schlummer nie verfliege. Rückert 98; die ehrfurcht, die ich gegen sie hege, dringt mich, so schnell mir auch der augenblick, in dem ich schreibe, verfliegt, sie inständigst um verzeihung zu bitten. Hermes
Soph. reise 1, 147; dasz ein solcher längster tag noch kürzer als ein kürzester verfliege, ist leicht zu denken, bei so viel äther, blüthe und musze. J. Paul 26, 28; es ist, o mensch, heut abermahl ein tag von deiner jahre zahl verflogen. Canitz 12; mit jenem auge, mit dem er jedes wurmes geburt, den staub, auf welchem er wohnet, den, wo sein leben verfliegt, und des seraphs gedanken vorhersieht. Klopstock
Mess. 4, 924; ach nun ist schon manches jahr ungenützt verflogen, der sponsirer bunte schaar ist hinweg gezogen. Göthe 41, 28; wahrhaftig, wir achten eine geschichte, die einmal die unsrige war und welche die hülse der verflogenen stunden ist, viel zu geringe. J. Paul 7, 89; der jugend kraft verfliegt in steter dienstbarkeit (
beim pferde). Lichtwer (1775) 171; schade um so viel mehr, dasz so manche feine satyre dem übersetzer unter der arbeit verflogen ist! Lessing 6, 6; so schamroth du jenem und diesem vors auge treten musztest: so gewisz ist diesz innere auge in dir und keine treulosigkeit, keine unachtsamkeit ist in die lüfte verflogen. Herder
gesch. u. phil. (1820) 7, 7; nachdem ihr kleiner ärger über die zurechtweisung schon längst verflogen war. Heyse 7, 135; so ritt ich, während mir in der nachtkühle nach und nach alle sinne aufwachten und das wundfieber verflog. 7, 152; o kyklope, kyklope, wie ist der verstand dir verflogen, da du wie schlechte spreu streuest die lieb in den wind. Rückert 265; es bleibt dabei, ich will dein glück machen, liebe nichts, nichts als die süsze frühverfliegende träumerei. Schiller
kab. u. liebe 4, 7;
selten von menschen gesagt: so aber dieser (
der christliche fürst) abstirbt und ein Nero folgt, hilff gott da verschwinden sy all und verfleugt herr Omnes, wie die mucken im winter. Frank
weltbuch 38
b; das volk verflog (
ging auseinander). Gotthelf
Uli d. knecht 215; dasz er sich Emanuel nenne und keinen geschlechtsnamen führe, weil er sage: 'am verfliegenden menschen, an seinem so eilig sinkenden stammbaum sei zwischen dem geschlechtsnamen und taufnamen der unterschied zu klein'. J. Paul 7, 74. 33)
reflexiv, sich fliegend an einen anderen ort begeben mit der nebenbedeutung '
an einen falschen ort': der vogel verflog sich; der habich hat sich verflogen. Schottel 645
a; wahr ist es, dieser schwan fliegt wenig, doch er verfliegt sich nicht. Hagedorn 2, 123;
mit angabe des ortes, wohin sich etwas verflogen: überhaupt betrug sie sich scheu und gedrückt, wie eine junge schwalbe, die sich in ein bewohntes zimmer verflogen hat. Heyse
par. 1, 251;
auf nichtfliegendes übertragen, sich verirren, abirren: in jhrem krausen haar die sehlen sich verfliegen. Weckherlin 360; wie leicht verfliegt sich nicht ein ungehemmter geist? Hagedorn 1, 35; so schweifte mein gefühl mit wechselndem gewinnste durch berg und thal den bienen gleich und sog sich voll — flog schwer — und verflog zuletzt sich an das kreuz, das unter florgespinnste des probstes zaubergriffel zog. Thümmel 3, 364; er wäre bei seinen anlagen ... weit gekommen, hätt er sich nicht an einem frohen Marientage in einem wirthhause in das fliegenglas der werber zu tief verflogen, in die flasche. J. Paul 26, 37; Tibar, der in der nähe der gröszten unternehmungen wie der kleinsten sich durch seine vorstellungen über nichts verflog, sondern ...
Dya Na Sore 5, 42;
hierher stellen wir auch die part. prät. ein verflogener vogel,
der sich verflogen hat; gedanken ohne königinn, wie ein verflogner bienenschwarm. Rückert
ges. ged. 1, 99;
übertragen: es sei ein band nöthig, die durch die vernunft verstiegenen und verflogenen geister der menschen wieder zu fesseln. Klinger 12, 258.