urne,
f.; lat. urna ist zweimal entlehnt, zuerst im ausgehenden mittelalter als flüssigkeitsmasz (A),
dann noch einmal im 18.
jh. im zusammenhange mit den entsprechungen der westlichen cultursprachen (B).
freilich hat schon Mathesius (1571) urn
in der bed. B 5
gebraucht (darin man toder leut asch, wie in die alten urn ... gefasset habe
Sarepta [1571] 196
a),
auch das 17.
jh. hat urne (
bed. B 5)
nicht aus dem auge verloren, wie Zesen
s verdeutschungen todesgefäsz, leichentopf (
zs. f. d. wortf. 14, 81
a)
zeigen. aber üblich ist bed. B
erst im 18.
jh. geworden. Stieler 2295
gibt urna funebris durch leichaschentopf
wieder, Frisch
kennt u.
noch 1741
nicht. AA.
lat. urna, eine halbe amphora, 4
congii, 24
sextarii, wird als urn, ürn, üren, iren, irm (Lexer 2, 2010; Schmeller-Fr. 1, 147)
bairisch und südostd. seit dem anfang des 14.
jh. bezeugt. 'urn,
vom wort urna, ein eymer. item ein masz, die da helt vier congios, das ist bey zwölf Landtshutter masz, wie Dasypodius schreibt' Simon Roth q 8
b;
wiederholt von Heupoldus
diction. 395
mit dem zusatz: '
aber in der graffschaft Tyrol und andern orten mehr hat ein urn 45
maasz'. 'ihren,
nasses masz, das mit dem Wiener eimer gleich viel enthält' Nicolai
österr. id. 142;
für Niederösterreich österr. weist. 11, 723
b,
für Salzburg österr. weist. 1, 426
a,
für Tirol österr. weist. 5, 2, 941
b, Schöpf 785,
für Kärnten Lexer
k. wb. 248,
Steiermark Unger-Khull 612
a.
der plur. lautet urn,
wie oben bei Mathesius,
oder urnen
urk. z. gesch. Max. I. 255
Chmel. eine urme Wallhausen
kriegsmanual (1616) 144. urning, ürning Unger-Khull 612
a: drithalb yrn geschlaffen prastlat (Schöpf 54)
quelle von 1319
bei J. A. v. Brandis
landeshauptleute von Tirol 35; so wellen wir uns bedenken, ain ürn oder zwo zu schenken
fastnachtsp. 1, 450, 16
K.; Steinhausen
privatbr. d. m. 1, 361 (1447
Taufers); in dem andern vasz hat er dennoch mer dann 2 urnen wein gehabt
urk. z. gesch. Max. I. 255
Chmel; ist unser will und mainung, das nu hinfüro kainen fuerman auf ain mal in den fuervassen und pontzen uber achtzehen urn zu fueren nit gestatt werden soll
tirol. landsordn. (1526) e 4
a; in zwölf krügen, das trift bis in 24 urn Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 37
a; wo man ... 800 und gar 1000 yhrn wein aussauft Guarinonius
greuel (1610) 53; und setzen auch, was man von einer urn wein im land und aus dem land eine meil zu führen geben soll Megiser
annales Carinthiae (1612) 1241; eine pinte weins ..., deren 290 auf ein müid (
modius) gehen, und machen drei müid eine urme Wallhausen
kriegsmanual (1616) 144.
zusammensetzungen: ain urnpönzl mit essig,
krug, der eine ürn
enthält Zingerle
mittelalterliche inventare 8; ürnweis
österr. weist. 5, 2, 941
b. das Botzner urn
als weinmasz Schöpf 785.
für das gefäsz ebda. BB.
das gefäsz selbst. engl. urn (
seit Chaucer 1374
bekannt, seit 1640
häufig Murray 10, 1, 462
b);
franz. urne;
it. span. portug. urna;
nl. urn;
dän. urne;
schwed. urna.
dasz Mathesius
und Zesen urn, urne
für urna sepulcralis kennen, ist oben erwähnt. die lat. form (vier congii haben gemacht eine urnam, hat den namen vom tauchen, und so heiszen wir heutzutag den aimer am schöpfbrunnen J. Kepler
opera omnia 5, 592
Fr.)
setzt Sperander
noch 1727
an. gebräuchlich wird u.
erst seit dem 4.
jahrzehnt des 18.
jh., beliebt im zeitalter der empfindsamkeit, meist dem gehobenen stile und der dichtung eigen. B@11)
gefäsz überhaupt, topf, krug, geschirr der verschiedensten bestimmung, behälter für feste gegenstände. 'urne,
fr. urne, ein gefäsz, das niedrig und breit ist, und womit öfters balustraden geziert werden' Jacobsson 4, 495
a.
von Triller
wurmsamen 23
W. verspottet: mahlerisch, schöpferisch, chaos und galimathias, entwickelung, urbild, verschrankte meander und urnen sollen hinfüro manch heldengedichte zieren und schmucken; auf der säule steht eine u. Hirschfeld
gartenkunst 4, 72; alte vasen und urnen! das zeug wohl könnt ich entbehren Göthe 5, 207
W. (
vgl. 5); urnen, becher und andere dinge waren daraus (
a. bernstein) geschnitten 31, 188
W.; ist reich vergrabner urne bauch? 2, 256
W.; Schiller 5, 5
G.; die zierlichste abwechselung von kreuzen, pfeilern und urnen Immermann 1, 82
B.; eine u. mit gold und weihrauch gefüllt Pfeffel
pros. vers. 1, 162; eine schaar frauen sprengte aus urnen wohlgerüche auf die zuschauer Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 3, 21; indem sie eine von den alten urnen, die das portal verzierten, ... rettete und in den garten setzen liesz Mörike 3, 33.
für vorgeschichtliche gefäsze buckel-, gesichts-, haus-, hüttenurnen
Meyers conv.lex. 7
2, 187;
wörter u. sachen 1, 175.
in ausgedehntem bildlichen poetischen gebrauch: tönet! da töneten ihm lieder, nahmen geniusbildungen schnell an! in sie hatt er der dichtkunst flamme geströmt, aus der vollen urne! Klopstock
oden 1, 29
M.-P.; licht stürzt aus der urn er dahin! aber Orion schaut auf den gürtel, nach der urn schauet er nicht 1, 156
M.-P.; zerschlagen ist die urne, die so lang der liebe freuden und der liebe schmerzen in ihrem busen willig faszte; rasch entstürzet das gefühl sich der verwahrung und flieszt, am boden rieselnd und verbreitet, zu deinen füszen nun versiegend hin Göthe 11, 304 (
Erwin u. Elmire 381); weltgeist ..., geusz aus goldener urne milderen segen herab J. H. Voss
s. ged. 3, 95; aus der urne alles heiligen H. v. Kleist 2, 111
Schm.; wenn aus der schwarzen urn die mitternacht auf alle erdenkinder schlummer gieszt Grillparzer 3, 149.
behältnis, raum überhaupt: s ist ein bestreben, herb und mühevoll, das brennende wort zu halten in den schranken, und in der seele dunkler urne groll und zorn zu häufen Freiligrath 5, 43. B@22)
in naturwissenschaftlicher fachsprache sporagium Murray 10, 1, 462
c, 6
a; Poitevin 2, 931
c; '
von der ähnlichkeit wird in der pflanzenlehre der staubbeutel der moose, die büchse (
capitulum)
auch u.
genannt' Campe. '
in der botanik ist u.
ein nur von wenigen schriftstellern gebrauchter ausdruck für den ganzen sporenbehälter oder auch nur die büchse der moose' Krünitz 204, 327;
vgl. engl. urnmoss. urnenförmig
urceolatus Campe; Schlechtendal-Hallier 13, 161; Ratzeburg
standortgewächse 31. urnenblätter
epiphyten Meyers conv.lex. 17
5, 130
b; 5
5, 849
a. urnenmispel
mespilus calpodendron Campe
nach Hirschfeld
und Ehrhardt. urnenpflanze
die auslese 8, 30
a.
vgl. engl. urnflower. im bilde heiszt die ganze urnenförmige blüte u.: der schöne schmetterling ... sasz auf der lasurblauen urne der groszen genziane Matthison 2, 227.
in der zoologie war eine zeitlang urnenthierchen (
vgl. engl. urnanimalcule)
für die trichodina der infusorien gebraucht: das gemeine, das lausartige u.
trichodina grandinella, pediculus Krünitz 202, 327.
vgl. Murray 10, 1, 462
c, 6
b. B@33) u.
als attribut der flusz- und wassergottheiten: ihr freundlichen nymphen! ... die ihr diese klare quelle aus euern urnen gieszet S. Geszner 1 (1777), 85; bis dann sein (
des baches) zirkellauf in gröszerm strom verschwindet, der aus der urne stürzt, auf die der fluszgott sich in majestät gelehnet J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 2, 168; ruhig schlummerst du (
der in der Oder ertrunkene herzog Leopold v. Braunschweig) nun beim stilleren rauschen der urne, bis dich strömende fluth wieder zu thaten erweckt Göthe 2, 123
W.; der strom entquillt keiner u. 49, 95
W.; aus den urnen lieblicher najaden sprang der ströme silberschaum Schiller 6, 21
G.; der Rhein schlummert auf einem felsenlager ..., neben ihm liegt eine grosze u. Brentano 7, 469.
die antike vorstellung verblaszt: wie aus des berges stillen quellen ein strom die urne langsam füllt Schiller 11, 24
G.; von regen und schnee: wie fürchterlich schütten alle dann (
im winter) losgelassenen stürme die strömenden urnen über die erde herab Zachariä 4, 179; woher der blitz, der donner, die u. des regen, der hagel? Herder 23, 274
S.; wenn ... voller mir die heilige, reine flut des lebens aus der urne des gottes (
vgl. 4) ränne Waiblinger
ged. a. Italien 42
Gr.; die zeit geht eilend ihren weg, hinter ihr gieszt die geschichte ihre ströme aus wolkenbedeckter u. Görres
ges. schr. 3, 351. B@44)
der urna sortium entsprechend losurne, abstimmungs-, wahlurne, schicksalsurne, urne der zeit. glückstopf Kindleben 202: unser aller loos wird in einer u. geschüttelt Ramler
einl. in die schönen wissensch. 3, 57, Herder
übersetzt: die urne wirft umher sich; früher, später ereilt sein loos den oder jenen! (
omnium versatur urna serius ocius sors exitura Horaz
od. 2, 3, 25) 26, 219
S.; dort dreht sich unser loos in der urne schon Mastalier
ged. 126; im grund der urne, von tausend namen überdeckt, liegt tief der meine Göthe 4, 332
W.; in manchen fällen wurden die stimmen geheim in urnen geworfen Raumer
Hohenstaufen 5, 131; Schelling I 5, 698; Eugen Richter
jugenderinn. (1892) 182; G. Keller 2, 117; die zu hause (
bei der wahl) an die u. traten, schuldeten den söhnen und brüdern drauszen einen beweis freudigen dankes Bennigsen
nationallib. partei 65.
den schicksalsmächten, göttern, der natur, der zeit werden urnen
beigelegt: das schicksal hält schon längst die urn und schüttelt sie J. Fr. Löwen 1, 67; Jupiter, der hirtenstäb und kronen aus einer urne streut Ramler
lyr. ged. 119; (
er) kennet ... des schicksals maas nicht, dasz die urne immer sich wälzet und nichts bestehet Herder 27, 48
S.; wäget das schicksal leben und tod? wie, oder ereilet jeden ein blindes loos, wie es die urne gebeut? 29, 127
S.; dir (
Cheruskerland) gab mutter natur aus der vergeudenden urne männlichen schmuck, einfalt und würde dir! grafen Stolberg 1, 5; nicht ohne schauder greift des menschen hand in des geschicks geheimniszvolle urne Schiller 12, 216 (
Wall.s tod 1, 4)
G.; 15, 1, 69
G.; das fatum musz notwendig einen fehlgriff in der u. getan haben Wackenroder
an Tieck werke 2, 27; Immermann 19, 103
B.; diesem gemüthe (=
der Sappho) fiel aus der u. des lebens das höchste und das tiefste loos der menschheit Fr. Schlegel 4, 125; wann tausend fürsten längst vergessen ... und noch der zeit ein tröpfchen nur hernieder auf unsre welt aus ihrer urne rinnt, schallt Lessings name noch von pol zu pole wieder Göckingk
ged. 3, 252; eine maske, die zeit vorstellend, eine u. im arm Pfaff
bei Kerner
bilderb. 49; so hoff ich, dasz wenn zeit genug der ewgen urne entfloh ... Rückert 8, 475. B@55)
der urna sepulcralis entsprechend, totenurne, aschenurne. 'urnen
oder todtentöpfe:
dieses sind diejenigen gefäsze, welche man vor zeiten in dem heydenthum gebraucht, die asche und beine der verbrannten todtencörper und was sonsten noch den verstorbenen im leben lieb gewesen, darin zu sammeln'
allg. haushalt.-lex. (1749
ff.) 3, 625; Krünitz 202, 300
ff.; 'urne
aschenkrug, todtentopf' Kinderling (1795) 341; Bucher
kunstgewerbe (1884) 419
b; Seiler
kultur im spiegel des lehnworts 3, 43.
vgl. oben Mathesius
und Zesen: ein längst verwestes volk aus den vermorschten urnen Pyra-Lange (1745) 97; es ist ... eine alte u. mit todtengebeinen ... aus der erde gegraben worden Gottsched
das neueste (1751) 1, 248; wenn dich die fromme tugend, durch einen fall gerührt, mitleidig an die urnen der tugendhaften führt Dusch
verm. w. (1754) 26; in deiner urne sey auch mir ein raum vergönnt! J. E. Schlegel 1, 463; Elektra, die über der urne ihres bruders in thränen zerflieszt Abbt 6, 1, 169; auch dieser (
der psyche des toten) könnte das attribut der u. zukommen Lessing 11, 33
M.; bald kam er mit seelenschaaren wieder, ihr führer, der todten, die seit des göttlichen sohnes auferstehung waren gestorben, und deren leichen gräber itzt weinende gruben oder dem staube die urnen mit der cypresz umwanden Klopstock
Messias 16, 572; Wieland 3, 107
ak. ausg.; in dieser u. ist alles, was von ihm übrig ist
Lucian 6, 154; die urne des jungen Jerusalems umwand er (
Lessing) mit immergrünenden sprossen eines schönen philosophischen laubes Herder 15, 503
S.; hier auch eine u., wenn allenfalls einmal vom heiligen nur reliquien überbleiben sollten Göthe IV 3, 55
W.; sarkophagen und urnen verzierte der heide mit leben 1, 307
W.; euer sei die vollendung, wenn bald mich die urne gefaszt hat 50, 272 (
Achilleis 38); Schiller 14, 122
G.; vergisz die treuen todten nicht und schmücke auch unsre urne mit dem eichenkranz Körner 1, 123
H.; Immermann 16, 371
B.; verschleusz mein herz, wenn es nun ausgeschlagen, in jener urne, die vom he mathstrande ich hergebracht mit manchem liebespfande Uhland
ged. 1, 101
Schm.; da fühlte ich einen stechenden schmerz, dasz ich keine blume auf seine (
Beethovens) u. legen konnte R. Schumann
ges. schr. 1, 219; Geibel 5, 157; als u. dient eine schlanke amphora Hiller v. Gärtringen
Thera 2, 15. glänzende, melancholische, goldne gehenkelte, dunkle, kleine, alte schwarze
u. s. w. u. H. P. Sturz 2, 36; Schubart
leben 1, 243; J. H. Voss
Od. 434
B.; Fouqué
alts. bildersaal 1, 346; G. Keller 3, 228; v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 505; A. Huggenberger
hinterm pflug 32. urnen weihen, kränzen, sammeln, aufstöbern
u. s. w. Göckingk 3, 132; Göthe 3, 205; Justi
Winckelmann 1, 124; Polenz
Grabenhäger 1, 278.
für den tod selbst: o, drüben, Portia, drüben über den urnen, wie sehr ist es anders, als wir dachten! Klopstock
Messias 7, 422; Göthe
xenien (
schr. d. Götheges. 8) 489; drüben über den urnen werden wir erfahren, warums so ist — oder auch nicht Schubart
br. 1, 227
Str.; es können nur noch wenige (
jahre) bis zu meiner u. seyn Kretschmann 5, 256;
in schönen bildern: die Esperanza setzt sich nur auf den rand der u. Göthe
gespr. 4, 157
B.; in der u. meiner begrabenen jugend Brentano
Godwi 1, 62; und dies büchlein ist die urne mit der asche meiner liebe H. Heine 1, 134
E.; schönredner, mit der urne der toten herrlichkeit, beschritten im kothurne die bühne unsrer zeit Herwegh
br. 277
H. B@66)
zusammensetzungen zahllos, einerseits: aschen-, begräbnis-, blumen-, buckel-, eulen-, gedächtnis-, gesichts-, grab-, haus-, himmels-, los-, nist-, stimm-, thee- (Murray 10, 1, 462
c, 5;
vgl.urnentopf Baggesen 2, 186), toten-, unglücks-, wahl-, wasser-
u. s. w. urne,
anderseits: urnenartig Ritter
erdk. 3, 89, -begräbnis Ratzel
völkerk. 2, 707, -blatt
s. oben 2, -buddler Fontane I 4, 248, -denkmal Rosegger II 2, 260; -feld
sonntag lätare (1765) 30, -form Ratzel
völkerk. 2, 261, -förmig Heinse 2, 98
Sch., -friedhof v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 504, -gesicht (
vgl. gesichtsurne) Ratzel
völkerk. 3, 652, -grab 3, 639, -harz Karmarsch-Heeren 10
3, 39, -krug P.
F. Kanngieszer
oden 7 (
bildlich: diese urnenkrüge eines schon gestorbenen lebens Jean Paul 1, 381 H.), -mispel Nemnich
wb. d. naturgesch. 612, -ruhe Alexis
ruhe ist die erste bürgerpflicht 4, 304, -sammler J. Lichtenberg
br. 1, 255
L.-Sch., -säule Spielhagen 1, 485, -scherbe Kosegarten
rhapsod. 2, 114, -schoos grafen Stolberg 14, 62, -staub E. v.
d. Recke
ged. 115, -thal Tiedge 1, 127, -thierchen (
trichodina) Oken
allg. naturgesch. 5, 31, -topf Ratzel
völkerk. 2, 262, -wand Ritter
erdk. 8, 784
u. s. f. —