unzählig,
adj. adv. ,
gs. des weit jüngern, wahrscheinlich erst durch rückbildung gewonnenen zählig, zahlig (
s. d.)
; älter als unzählbar, unzahlbar,
vielleicht schon in ahd. unzalelîcho (Graff 5, 283
injurius)
vorhanden; mhd. unzallich, -lîche, unzellich, -lîche;
mnd. untalelik, -tellik;
mnl. ontallijc, -like, ontellijc, -like;
nl. ontallijk, -tellijk;
an. útalligr;
aschwed. otalliker, -ka;
schwed. otalig;
dän. utallig, utælelig;
afries. untellik.
die heutige schreibung unzählig
ist wie unadelig, unbillig
zu beurtheilen (Wilmanns
gramm. 1
3, 78);
sie erscheint bereits in spätmittelalterlichen glossaren (unzelig
gemma 1508 m 4
a; m 4
b),
in wörterbüchern des 16.
jhs. (Frisius 1276
a; Decimator); Luther
und H. Sachs
gebrauchen beide schreibungen; das 17.
jh. bevorzugt unzählich, -zehlich;
im 18.
jh. gibt Adelung
mit allerdings falscher begründung den ausschlag für unzählig.
noch 1788
schreibt Göthe IV 9, 14
W. unzählich,
ebenso Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 6, 152
im reim auf allmälich. untzehelich Luther 15, 730
W.; unzehenlich Abelin
historia antipodum (1631) 382; unzehlicht Kramer (1702) 2, 1429
c.
die adverbialform unzellichen
erscheint bei Wigand Gerstenberg 47
D. und H. Braunschweig
chirurgia (1539) 20
a als prädicatives adj. unzehliglich
N. Falckner
franz. chron. (1572) 1, 23. unzallich, unzalig
begegnen vielfach bis ende des 16.
jhs. (Fischart
bibl. hist. 281
K.; Garg. 80; 288
ndr.; jesuiterhütlein 290
H.; bienenkorb 98). unzOelich Nas
eins u. hundert 1,
vorr. a 3 b.
einen comparativ bietet Tauler
pred. 79, 8
V., einen superlativ Sanders
erg. wb. 664
b;
sonst fehlen steigerungsformen. die syn. unzählbar, zahllos
sind gewählter als das '
ziemlich farblos gewordene' u. Eberhard-Lyon (1904) 862; u., unzählbar, unberechenbar, zahllos Weigand 3, 1186. aa)
innummerabilis, incomputabilis, innummerus gemma 1508 m 4
b; m 4
a; Alberus x 4
a.
attributiv; mit collectivbegriffen: ain untzelliche menig der menschen A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) o 7
a; der grosze, untzelliche hauf der munche Luther 8, 503
M.; das unzelige gelt 30, 3, 306
W.; sumb, heer, macht, anzahl
u. s. f. H. Sachs 3, 439, 28
K.; 1, 231, 12
K.; acta publ. 1, 151
P.; Logau 3, 78, 15; unzähliges gute Schleiermacher
Platon 6, 131.
in verbindung mit pluralen: untzehlich menschen Luther 7, 167
W., empter 30, 2, 566
W., perlen, krankheiten, küsse, veränderungen, sorgen, stellen, anspielungen, lichter, atome
u. s. w. Zinkgref
apophthegmata (1628) 40; Prätorius
Blockesberges verrichtung 135; Ziegler
Banise (1689) 110; Scheibe
crit. musicus 467; Ramler
einleitung in d. sch. wissensch. 2, 297; Lessing 11, 32
M.; Göthe 41, 1, 190
W.; IV 8, 204
W.; Du Bois-Reymond
grenzen des naturerkennens (1873) 12; mond im weiszen unschuldskleid! ihr sterne dort unzählig! Lenau 52
B.; vor seinen augen schwimmt es durch einander, gelbe punkte, glühwürmchen gleich u. G. Hauptmann
bahnwärter Thiel 47.
wie ein unbestimmtes zahlwort m. gen.: untzällych gotseliger menschen haben sich ... in diesen standt ergeben Eberlin v. Günzburg 3, 46
ndr.; Opitz
poemata 34
ndr.; unzähligen meiner jungen freunde Bahrdt
gesch. s. lebens 4, 239; der mohren ... waren fast unzählige ... zu grunde gegangen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 20;
für den gen. erscheint von: unzähliche vom volk Herder 9, 178
S. gern in verbindung mit unbestimmten zahlworten, wobei sich vielfach adjectivische und adverbiale function berühren: dis und derley himelsches trostes ward ime unzallich vil H. Seuse
d. schr. 21, 27
B.; unzelich
viel böser stück Luther 24, 155
W.; sampt unzehlichem vielem viehe Binhardus
thüring. chron. 132; unzähliche viel mord und miszgeburthen Prätorius
katzenveit k 8
a; unzählich viele maler Herder 15, 43
S. viel unzehlich kumer Moscherosch
ges. (1650) 150; in so vielen unzehligen jahren Chr. Reuter
Schelmuffsky 92
vollst. ausg. ndr.; unzählich andre Harsdörfer
secret. 1, 2
b (
von Heynatz
antibarb. 2, 542
als unrichtig bezeichnet); kriegsunruhen und unzählig anderes unglück Göthe 49, 210
W.; auszer unzählig solchen ... fehlern Lessing 7, 22
M.; selten in verb. mit bestimmtem zahlwort: unzelig tausent engel Luther 29, 682
W. ähnlich bleibt u.
unflectiert in fällen wie: von unzählich schweren wunden Weckherlin 1, 482
F.; sampt vielen und schier unzehlich schönen geschichten D. v.
d. Werder
ras. Roland (1636)
titel; das unglück ..., das unzähligmannigfaltig ist Hermes
Sophiens reise 3, 26.
prädicativ: die scheden und perickeln, die untzalich sein A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) i 5
b;
der ew. weisheit betb. (1518) 56
b; so doch unzelich sind gottes werk Luther 18, 524
W.; die verschiednen auflagen davon sind unzählig Rabener 2, 178; Fr. L. Jahn 2, 550
E.; redensart: u. wie der sand am meere;
biblischen ursprungs (Büchmann [1910] 7;
th. 8, 1757; 1758): und die kemmel warn unzelich als der sand, der do leyt an dem gestat des meeres
erste d. bibel 4, 364, 36
K.; unzellich als der sand des meres 5, 196, 46
K.; H. Sachs 1, 89, 21
K. substantiviert: unzehlich sind mit dem teufel besessen J. Arndt
theologia 28; und sind es hunderte nur erst, warum nicht könnten es so viele tausend werden? warum unzählige nicht? Mörike 3, 101; '
man musz nicht unzählige
für viele
sagen' Heynatz
antibarb. 2, 542; und anders unzaliges hat je ein papst nach dem andern ... in die kirch gebracht Fischart
bienenkorb 9
b; hier kündigt sich unzähliges pomphaft an und endet unbedeutend Gutzkow (1872
ff.) 7, 105; alles bis ins unzählige (
in infinitum) zertheilt Gervinus
gesch. d. d. dicht. 2, 259.
adv. (
oft vom prädicativum nicht zu trennen): wie in klöstern hin und wider u. gefunden, da einer ... Fischart
bienenkorb 168
b; sie haben es unzehlich versucht Gabr. Rollenhagen
ind. reisen 211; die unzehlich darinnen eingesäeten ... machtwörtern Schwabe
tintenfässl 33; (
ich) bliesz mit dem munde dir odem ein und rief unzälig bey namen dich Gökingk 1, 282; künftge thaten drangen wie die sterne rings um uns her unzählig aus der nacht Göthe
Iphigenie 678; es drehte sich oben, unzählig entfacht, melodischer wandel der sterne Platen 1, 50
R. zur steigerung eines folgenden begriffes: unzelichen nützer Tauler
serm. (1508) 54
b; wie ist so gar unzählich grosz die schaar der feinde S.
Dach 167
Ö.; u. öfterer Lessing 8, 433
L.; u. oft Holtei 40
jahre 1, 37.
vgl. auf unzehlige weise Chr. Wolff
v. d. menschen thun u. lassen 404; in unzelliger senfter weise Tauler
serm. (1508) 21
a.
unzehlicherlei Edelmann
göttlichkeit der vernunft 567.
unzähligmal, unzähligemal, unzählige male: unzählichmal Lohenstein
Arm. 2, 731
b; Hoffmannswaldau-Neukirch 7, 121; Lessing 7, 27
M.; Göthe III 1, 316
W.; unzählichemal
vern. tadlerinnen 2, 50; Gottsched
sprachkunst 319; Novalis 4, 121
M.; unzähligemal Lessing 10, 345
M.; Göthe 49, 70
W.; IV 32, 251
W.; H. Heine 3, 313
E.; unzählige male G. Keller 4, 23; G. Hauptmann
Rose Bernd 57.
unzähligmalig (einer unzähligmaligen vorstellung) Sonnenfels 6, 381;
unüblich. bb)
die bed. verschiebt sich vom quantitativen ins qualitative und dient der intension, bes. in ä. spr., heute mischen wir bed. a
ein; infinitus Alberus x 4
a,
grenzenlos, endlos u. dgl. vgl. unzählbar c: daʒ unzallîche licht (
der ewigen seligkeit)
Laubacher Barlaam 5856, leit Tauler
pred. 336, 15
V., pin
Alsfelder passionsspiel 6749
Gr., gütikeit
heiligenleben winterteil (1471) 42
a, lieb Keisersberg
bilger 52
d, miszglauben Luther 40, 2, 374
W., tugent 2, 111
W., nutzbarkeyt Ryff
confectb. (1548) c 6
a, freud Wickram 1, 313
B., müh Fischart
anweisung zum Ismenius 380, 112
H., übel J. Arndt
nachfolge Christi 77, heyl P. Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 410
b, nutzen Lichtenberg
br. (1901) 2, 195, elend Raumer
Hohenstaufen 4, 52; ganz unzällich das wasser quall ausz iren augen Wickram 7, 80, 734
B. cc)
unaussprechlich, nicht zu sagen, nicht aufzuzählen. vgl. b. d. liebe (1587) 22
c unter unzahlbar; unzahl 1: das sihet man dabey, das sie so viel schwinde und spitzige fundten erdicht haben, das es unzelich ist Luther 14, 54
W.; do ist des zornens, schadens so vil yn der welt, alsz unzelich ist 34, 2, 4
W.; unde erslug er so vil, das esz unzelichin was Wigand Gerstenberg
chron. 47
d.
dazu unzähligkeit, f.; mhd. unzellicheit;
aschwed. otallikhet;
dän. utællighed;
nl. ontallijkheid.
im mystischen sprachgebrauch etwa '
unsagbarkeit': alle dise unwandelber- und unzellicheit ... das enist nút in der wúrklicheit Tauler
pred. 351, 35
V.; als dise unwandelbarkeit, unzellikait
serm. (1308) 134
a. nach unzählig a: die u. der farben Göthe II 3, 157
W.; ihrer gleichungsglieder Jean Paul 37, 23
H.; weit im zirkel umher ... zünden lichter und flämmchen sich an in unzähligkeit Platen 1, 265
R.; vgl. in unzahl.
plur. unzähligkeiten Sanders
erg. wb. 664
b. —