unwissenheit,
f. ,
mangel der wissenheit (
s. d.)
und ihr gs.; ahd. unwiʒʒentheit, -wiʒʒenheit;
mhd. unwiʒʒenheit, -wiʒʒentheit, -wiʒʒenkeit;
mnd. unwetenheit, -wetentheit;
mnl. onwetenheit, -wetentheit;
nl. onwetenheid, -wetendheid;
dän. uvidenhed;
schwed. ovetenhet.
im stammwort mit Wilmanns
gramm. 2, 387, 3
den inf. zu sehen, würde schon zu bed. 2
nicht passen; näher liegt es an das part. adj. unwissen anzuknüpfen, das sich regelmäszig mit unwissend
gemischt hat (Paul
gramm. 5, 86;
mnl. wb. 5, 1577).
der auch frühnhd. noch auftretende dental (Keisersberg
passion [1514] 52
d; Albertinus
Lucifers königreich 100, 7
L.)
ist wie bei unbedeutenheit
u. ä. unfest gewesen. unwussenheyt
Morgant 260
B. für ignoranz Spanutius, Kinderling, Campe.
vgl. unwissen,
n., unwissende,
f., n., unwissenschaft. 11) unwissend I 1a
entsprechend, nichtwissen, unkenntnis, '
abwesenheit der wissenschaft oder kenntnis von einer sache' Adelung;
bisweilen von 2
kaum zu trennen: das sol man miner u. ... zuolegen Richental
Constanzer concil 189
lit. ver.; in gott ist kein u. Keisersberg
postill 2, 7
a; die war doch eyn mutter gottis. noch kompt sie yn die u., das sie nicht weysz, wo sie Christum finden soll Luther 12, 415
W.; 19, 424
W.; wiltu jetzundt dein schändtliche that mit u. verantworten?
b. d. liebe (1587) 181
c; Albertinus
zeitkürzer 7; A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 128; o lasz mich nicht in ... u.!
neue schauspiele (1771
ff.) 7, 1, 24; weil niemand vortheil davon hat, den fremden zu unterrichten, vielmehr von u. und ungeschick zu profitiren ist Göthe IV 8, 293
W.; unwissenheit allein kann ihm die geistesfreyheit bewahren, die den herzog sicher macht Schiller 12, 82
G. (
Piccolomini 1, 3); stellen, die man nicht versteht, lasse man unerklärt und gestehe lieber seine u. Jung-Stilling 3, 440; 'ich denk? ich glaub? ich mein?' ei, gott behüte, nein! das würd unwissenheit in andrer wendung sein Rückert 8, 221.
concret: ein irrthum ist ... an und für sich nicht lächerlich, so wenig als eine u. Vischer
ästhetik 1, 361; Auerbach 5, 72;
plur.: W. v. Humboldt
an Schiller briefw. (1830) 181; Fichte 7, 389.
bildlich und persönlich: so ein mensch wandlet in der finsternisz der u. Keisersberg
postill 2, 97
a; u. ist die mutter der tollen hoffart J. Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 121; unschuld und u. sind schwestern Novalis 2, 283
M.; hinter ihm stand ignorantia, jungfrau Unwissenheit Herberger
Jesus Sirach 117
b.
mit gen. subj.: die u. meines arztes Bismarck
gedanken u. erinn. 1, 260
volksausg.; allgemein. m. gen. obj.: u. der gotheit Albr. v. Eyb
d. schr. 1, 75
H., der sprachen Luther 15, 39
W., rechtes hails Eberlin v. Günzburg 1, 27
ndr., des lands S. Franck
sprichw. (1541) 2, 58
b, gutter künste Butschky
kanzlei 236, etlicher sterne Lohenstein
Arm. 1, 267
b, des styls der persischen kunst Winckelmann 3, 152, ihres schicksals Ramler
einl. in d. sch. wissensch. 2, 169, künstlicher bedürfnisse Wieland 15, 56
Gr., der wahren beschaffenheit Kant 8, 233
H., der erhabenen vortheile Klinger 10, 201, des namens Scheffel (1907) 1, 226; die sehnsucht weckt uns jeden morgen, und die unwissenheit der sorgen versüszt uns jeden augenblick Hagedorn (1768) 3, 94;
verkennung Steinhöwel
spiegel menschlichs lebens (1479) 17
b. u. in, über, von: u. in unbekannten dingen Schwarzenberg
Cicero (1935) 52; Leibnitz
d. schr. 2, 53;
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 5, 144; u. über das problematische dieser verdienste H. Heine 3, 109
E.; Dahlmann
franz. revolution 239; O. Ludwig 2, 523; u. von den dingen der natur A. v. Humboldt
kosmos 1, 20.
in präpositionsverbindungen: vor, durch, aus, in
u. dgl. u.: fur groszer u. Luther, 18, 184
W.; durch u. Dietemberger
miszbrauch d. messe (1526) E 3; Stumpf
Schweizerchron. 425
b;
mediz. maulaffe 275; usz unwissentheit Keisersberg
passion (1514) 52
d; aus u. Luther 18, 462
W.; Chemnitz
schwed. krieg 1, 2, 2; Lessing 8, 20
M.; Göthe 45, 256
W.; M. Meyr
erz. a. d. Ries 2, 94; in u. G. Freytag 14, 137;
kinder- u. hausmärchen (1812) 2,
anh. 12. für die
unwissende person: ein neuer zusatz der u. Winckelmann 5, 266; fragen der lehrbegierigen u. S. v. Laroche
frl. v. Sternheim 1, 230; ich unterrichte eure u. Göthe 17, 194
W.; Tieck (1828
ff.) 3, 153; Stifter 5, 1, 237; Justi
Winckelmann 1, 141; G. Keller 1, 62.
attribute: unsorgfältige, wahrscheinliche, grobe, unverantwortlichste, vorgeschützte, erstaunende, bestialische, blindeste, frohe u. meiner selbst, einbildische, begrifflose, glatte, glückliche, gänzliche, astronomische, kindische, selige, kummerfreie, untermenschliche, unglaubliche, höchste, grenzenloseste, bedauerliche, historische
u. s. w. u. Lohenstein
Arm. 1, 107
a; Thomasius
gedanken u. erinn. 1, 97;
discourse d. mahlern 2, 47;
vern. tadlerinnen 1, 39; v. Fleming
soldat (1726) 142; Liscow
vorr. 62; Winckelmann 10, 375; Gerstenberg
recensionen 217
lit. dkm.; Wieland 13, 53
Gr.; Agathon 1, 120; Herder 22, 8
S.; 6, 82
S.; Göthe 19, 108
W.; Niebuhr
röm. gesch. 1, 193; 1, 198; Klinger 6, 57; Lichtenberg
nachlasz (1899) 20; Schiller 6, 184
G.; Schleiermacher I 3, 67; Pfeffel
pros. vers. 2, 6; Bettine
frühlingskranz 253; Allmers
marschenb. 1, 2, 96; H. v. Barth
Kalkalpen 188; Ranke
s. w. 1, 8;
auch lobende epitheta sind möglich: edle, unschuldige, liebenswürdige u.
theater d. Deutschen (1768
ff.) 12, 364; S. Geszner 1, 146; Kotzebue 43, 48.
im ausruf: o u.! o dollheit!
theatrum amoris 1, 41; o du liebe u.! Nestroy 5, 259.
speciell: rechtsunwissenheit Graf-Dietherr (1869) 24; u. hilft nicht, entschuldigt
ebda 22;
geschäftssprachlich Sattler
phraseologey (1631) 384.
bei den mystikern und allgemein geistlich: mhd. wb. 3, 791
a;
mnl. wb. 5, 1580 (
vgl.onwete 1576, onweten 1577); so der wone und u. zu eym wissen und bekantnus der warheyt wirt, so velt das annemen ab
theologia deutsch 14
M.; J. Arndt
theologia 7; die ... vermessene u. unsers hertzens Luther 10, 2, 473
W.; zu dieser sunde gehört auch mutwillige u., als der heiden und der pharisäer war Hermann v. Wied
reform. (1545) 71
a; bekenne deine u. J. Arndt
nachfolge Christi (1631) 4; sie wollen die gleichheit gottes erlangen, aber stürzen sich in die gröste u.
Reinike fuchs (1650) 331; heiden und diejenigen christen, die in unverschuldeter u. hinsterben Schubart
leben 2, 264; aus u. sündigen, unwissenheitssünden Adelung; unwissenheitsbekenner
für agnoeten Campe
verd. wb. (1813) 95
b.
sprichwörtlich (Wander 4, 1491): wie weyszhait ain hoch guot, also ist u. das schädlichste ding G. Mayr
sprichw. (1567) b 7
β (
vgl. 2); gewalt neben u. gebirt allzeit unsinnigkeit Eyering 2, 706; Petri V v 6
a; ein schneller richter offenbahret seine u. selbsten Lehmann
florileg. 2, 598; es ist keinem die u. eine schande als dem, der nichts lernen will Hoffmann
polit. Jesus Sirach (1740) 50; die gröszte und schlimmste armut ist die u. (
wahlspruch Paolettis)
hwb. d. staatswiss. 6
2, 10.
zs.: unwissenheitsapostel
F. v. Baader
tageb. 125, -bekenner
s. o., -fehler
M. Mendelssohn 4, 2, 326, -frage D. Fr. Strausz 3, 287, -karte C. Vogt
polit. briefe 51, -lehre
F. H. Jacobi 3, 55, -sünde
s. o. 22) unwissend I 1 b
entsprechend, als bleibende wesenseigenschaft, dummheit, thorheit, verblendung, blindheit, mangel an bildung, unbildung, barbarei, uncultur u. ä., ruditas B. Faber (1587) 699
b: zewundern ist der menschen u., wir wölten nit leyden kurze arbait umb lengste fröid
N. v. Wyle
transl. 50, 16
K.; die blödigkait, u. und leuchtmütikait ... in dem geschöpft der weiber
Fortunatus (1509) 131
ndr.; den das ist der wille gottes, das ir mit wolthuon verstopft die u. der thörechten menschen Eberlin v. Günzburg 3, 277
ndr.; meiner jugend u. Ph. Wackernagel
d. kirchenlied 4, 236; der eifer für diese religion muszte also die u. begünstigen
M. Mendelssohn 1, 5; die sitten der Granader sind eine ... mischung von ... stolz, u. und aberglauben
allg. d. bibl. anh. 1/12, 27; Lavater
physiognom. fragm. 1, 156; u. und barbarei Herder 23, 8
S.; sänger und sängerinnen wagen auf die u. (
ungebildetheit) des publikums endlich gar so viel, dasz sie ... Heinse 5, 117
Sch.; eigensinniges verharren in der u. und geistesträgheit G. Keller 5, 140; bischöfe, stiftsgeistliche und alte mönchsorden sind ... in wüstes schwelgen, in rohheit und u. zurückgefallen G. Freytag 18, 111.
veraltet für unkunst H. v. Trimberg
renner 4021
E. '
böses, bosheit'
im Frankfurter druck 23
a (Warlies 72
b);
mnl. onwetentheit
schandelijk gedraag, onbestamelijkheid (
mnl. wb. 5, 1581, 2); onwetenheit
dwaasheid, dolheit (
mnl. wb. 5, 1580, 2).
attribute: torliche, romische, barbarische, erbarmenswürdige, finstre, gröbste, tiefste, stolze, sonderbarste, vierfüszige, anmaszliche, vielwissende, krasse, bäurische, himmelschreiende, bemerkenswerte
u. s. w. u.: A. v. Pforr
b. d. beispiele 2
H.; Luther 7, 8
W.; Happel
ak. roman 297;
vern. tadlerinnen 1, 43; Gottsched
d. neueste 8, 220; 1, 168; Nicolai
lit. briefe 5, 170; Herder 27, 332
S.; 5, 141
S.; Heinse 3, 18
Sch.; Göthe 43, 133
W.; A. v. Arnim 7, 44
Gr.; Hegel 15, 225; G. Freytag 11, 44; 15, 8;
hwb. d. staatswiss. 3
2, 15; J. G. Forster
unterscheidet erworbene
und natürliche u. 4, 5.
im bilde: die timbern vinster der u. H. Seuse
d. schr. 471, 28
B.; die vinsternusz der unkunst und u. A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) b 2
b; nacht der u. Zesen
rosenthal 2; nebel der u. Scheibe
crit. musicus 5; Ratzel
völkerkunde 2, 227; grosze eselische u. regiert in den klösteren Eberlin v. Günzburg 1, 60
ndr.; knaben von 100 jahren ..., die ... u. in die grauen haar lassen wachsen Dannhauer
catechismusmilch 1, 6; joch der u. Herder 16, 21
S.; diese krankheit hiesz unsittlichkeit und u. E.
M. Arndt (1845
ff.) 3, 39. dann wer nit fleisz hat, dasz er lern, ... der kumpt auf keinen grünen zweig, unwissenheit zeigt im die feig Scheit
heimfart 3076
Str.; für die person: die tugend und geschickligkeit kan oft bey fürsten stehen, hergegen musz unwissenheit nur dort von weiten gehen G. Neumark
lustwäldchen (1652) 41; unwissenheit mag hassen, die hölle neidiseh seyn S. v. Birken
lorbeerhayn 363; Pyra-Lange 57; Stephanie
d. j.
lustspiele (1771) 224; da reiten sie hin! wer hemmt den lauf! wer reitet denn? stolz und unwissenheit Göthe 3, 241
W.; thätige u. 42, 2, 160
W.; vorurtheil stützt die throne, u. die altäre
M. v. Ebner-Eschenbach 1, 68. 33) unwissend I 3
entsprechend, geistesstörung: darausz dann vil ein schwerere krankheit entspringt des gemüts wann des leibs, namlich unverstand und u. Ryff
spiegel d. gesundheit (1544) 16
b. 44)
dem passiven part. adj. unwissen a, unwissend II
entsprechend: ... ist ... mit der zeit in ein u. kommen (
vergessenheit) Paracelsus (1616) 2, 385
H.; in diser ... scena ist ein schimpfige und fröliche verwirrung der u., welchers doch sey, der die junkfraw hab geschwechert Boltz
Terenz (1539) 47
b; ein heimlicher schrecken und eine heilige u. sind daher stets über das gebreitet, was nur diejenigen anschauen, die gleich darauf sterben br. Grimm
d. sagen (1891) 2, 9. unwissenheitswüsten Kuhlmann
geschichtherold (1673) c 1
b.
vgl. mnl. onwetelijcheit (
wb. 5, 1577). —