[]unthat,
f. ,
ags. undâd;
afries. undād;
an. údáð;
isl. ódæði;
ahd. mhd. untât;
mnd. undât;
mnl. ondaet;
nl. ondaad;
dän. udaad.
wie mhd. ungetât (Lexer 2, 1875): hat er dann ein ungethat gethan Meichszner
land- u. lehenrecht (1566) 18
a;
vgl.gethat;
umgelautet: ungetät
Terenz (1499) 78
a;
vgl.gethät (gethat 1
c);
veraltet. wie bei that
kommen im frühnhd. noch st. pluralformen vor: wie sich derselbe vil vermessener, unrumlicher untate gebraucht
chron. d. st. Eger 324; man hilfft in ir unthatte (
gen. plur.) H. Sachs
bei Ph. Wackernagel
d. kirchenlied 3, 65. II.
mit un
improbativum (un IV B);
vgl. misse-, übel-, überthat; frevel-, greuel-, laster-, schandthat. I@11)
rechtssprachlich, strafbare that; maleficium, flagitium, scelus, nefas, q. d. facinus nefarium, abominabile, infame. qua voce prisca modestia (
vgl. Jac. Grimm
gramm. 2, 782)
notavit delicta graviora illa, quae contra pacis tendunt securitatem Haltaus 1962;
mnl. wb. 5, 297
f.; Fischer
schwäb. wb. 6, 233. I@1@aα)
strafthat, das thun wie das gethane: theten sein jegerhoren schellen und uber ihn ein urtheil fellen, das man zu straff umb sein unthaten ihn solt an eynem spisze praten H. Sachs 5, 160, 36
K.; Hayneccius
Hans Pfriem 506
ndr.; warum sollen wir beede wegen einer u. sterben? Abele
gerichtshändel 133; es giebt unthaten, die als gesetzlich erlaubt im schwange gehen Bode
Montaigne (1793
ff.) 5, 20; Immermann 2, 141
H.; 4, 38
H.; Varnhagen v. Ense
tageb. 1, 143. voll unthaten stecken, die u. rächen, einem die u. schenken, die u. entdecken, anzeigen, üben, begehen, beginnen, vollbringen, sich an unthaten betheiligen, seinen unthaten die krone aufsetzen
u. s. f. H. Sachs 19, 158, 11
G.; 2, 311, 25
K.; 15, 79, 29
G.; Göthe 25, 98
W.; G. Freytag 14, 53; 17, 180; O. Ludwig 1, 351; G. Hauptmann
weber 89; Meisl
theatr. quodlibet 1, 186. die u. jährt sich Geibel
nachl. 135; unthaten gehören nicht zum adel Graf-Dietherr
d. rechtssprichwörter (1864) 342; die früchte der u. ernten Schiller 2, 147
G.; Mommsen
röm. gesch. 2, 262.
attribute: grosze, frechste, schwere
u. dgl. u. Meichszner
land- u. lehenrecht (1566) 17
b; Eschenburg
beispielsammlung z. theorie 4, 296; Fr. Kind
gedichte (1817
ff.) 5, 188.
insbesondere: die u. eines vergeblichen eides
M. Mendelssohn 3, 294; unthaten wieder die kriegesarticul v. Fleming
soldat (1726) 321;
zauberei Nigrinus
v. zäuberern (1592) 15; Tieck
ges. novellen 7, 110;
brandstiftung Lenau 704
B.; unterschlagung Seidel
Leberecht Hühnchen 69
u. dgl. zusammensetzung unthatzeichen (
mörderstein) D. v. Liliencron 8, 120; untatsangedenken Löns
m. blaues buch 6.
abbildung von mordthaten: ich weisz nicht, ob im Elsasz jene sänger noch sehr lebendig sind, die ... wachstuchtafeln mit sich führen und darauf fürchterliche unthaten schauen lassen Scherer
kl. schr. 1, 543;
vgl.mordthat
am ende. β)
der gegenstand, an dem oder mit dem die u.
geschehen ist; res furtiva, delicti corpus Haltaus 1963;
mnd. wb. 5, 24
b.
veraltet. γ)
persönlich: gott ... macht, dasz die unthat oft den thäter lenkt Gries
rasender Roland 1, 141; lasz nicht die unthat mit verwegner hand des höllensamens blutge früchte brechen
M. Beer
s. w. (1835) 208.
δ)
schon der Frankfurter druck des renners änderte u.
an 4
stellen: Warlies
d. Frankf. druck des renners (1912) 73
a.
als t. t. ist u.
in der heutigen rechtssprache veraltet; Günther
recht u. sprache (1898) 229;
geschichtliche darstellung verwendet es noch (Graf-Dietherr
rechtssprichwörter 343);
für die mundart bezeugt es z. b. Dähnert 505
a.
gemeinsprachlich gehört u.
hauptsächlich der gehobenen rede an, die bed. 2
b einmischt. I@22)
in sittlicher beurtheilung. I@2@aa)
im engern sinne der kirchenspr. sünde, missethat: Otfrid 3, 17, 14; Hartmann
Gregorius 522
L.; mnl. wb. 5, 298: also folgt, dasz im (
gott) glychsnery ob allen unthaten miszfallt Zwingli
d. schr. 1, 319; wie er (
Moses) einen jeden hat bezalt, sein sünd und unthat vorgemalt Hayneccius
Hans Pfriem 2547
ndr.; [] im wesentlichen veraltet; missethat
ist der häufigste ersatz. nachklang: gute werke sind der einzige trost dessen, der sich grosze unthaten nicht verzeihen kann Göthe 41, 2, 142
W.; der gedanke, dasz äuszerlicher und irdischer wandel zu sünde und u. führt Gervinus
gesch. d. d. dichtung (1853) 1, 401. I@2@bb)
die nhd. hauptbed. stellt das allgemeinsittliche als maszstab auf, ohne dasz es natürlich ausgeschlossen ist, dieselbe that auch strafrechtlich und moraltheologisch zu beurtheilen. untat
nephas K. v. Heinrichau
vocab. 397
b Gusinde;
facinus horrendum, abominandum, foedum Stieler 2353. u. allgemein ... verletzung des sittengesetzes Kant 5, 375
H. α)
als nomen actionis: Hugo v. Trimberg
renner 10823 (
böses handeln); das dieselb allerliebligist gesellschaft (
einer reinen frau) alle verzaghait, alle untat (
unedles thun, beginnen) und alles lait aus dem herzen treibt
Wilwolt v. Schaumburg 64
lit. ver.; im frauendienst mhd. wb. 3, 148
b; Hätzlerin 208; er sasz als eyn mensch vol unthat oder boszheyt quellende
Aymont (1535) l 5
a; es kan sich keiner mit eines andern u. schön machen Lehmann
florilegium (1662) 1, 203; die leut betriegen ist kein u., sondern ein geschwindigkeit 1, 108; in u. sucht man lob v. Birken
fortsetzung d Pegnitzschäferei (1645) 40; ihr könnt dann, wenn eure geister vielleicht an der asche schweben, mit einander über eure unthaten trauren Klopstock 10, 286; einer u. fähig Raupach
dram. werke ernster gattung 15, 148; eben ritt herr Gessler hinaus, um in der umgegend einige unthaten zu begehen G. Keller 1, 369; zu unthaten anreizen Scherer
literaturgesch. 125; so hat die süddeutsche auffassung ... Kriemhilds persönlichen unthaten ein anderes ziel gegeben 105; wie der wahnsinn des argwohns die beiden stammeshäupter ... fortreiszt von u. zu u. Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 90.
bewusztsein der u.: was kan aber der in gefahr für vor- und zuversicht haben, welcher von seinen unthaten in seinem gemühte ... genaget wird? Lohenstein
Arm. 2, 539
a.
β)
das gethane: sô manige untât (
so viel böses) Hugo v. Trimberg
renner 22 074
E.; als diese u. erschollen Harsdörfer
gesprechspiele 2, 92; so fern die untaht nicht offenbar Butschky
Pathmos 509; wird mir ... der schauder durch unthaten eines bösewichts erpreszt, ... so ist mein gefühl schauder vor dem abgrunde Herder 22, 265
S.; Müllner 1, 157; Schopenhauer 1, 456
Gr.; rächeramt gehäufter u. Platen 1, 225
R.; die sage scheint an dieser u. (
ermordung des Remus) keinen anstosz zu nehmen Jhering
geist d. röm. rechts 1, 91; herr St. beweist, dasz die selbstmorde und andere unthaten seit erfindung der schwefelhölzer zugenommen haben G. Freytag 4 62; es giebt unthaten, über welche kein gras wächst Hebel 2, 136
B.; collectiv: dasz L. an allem leiden und aller u. im stücke schuld ist O. Ludwig 5, 209.
zusammensetzung: unthatenvoll E. Dühring
die gröszen der modernen lit. 1, 60. o u.! (
schauderhaftes) Göthe 16, 31
W.; greuelvolles G. Keller 6, 163;
schandthat Herder 6, 10
S. γ)
besonderheiten: von ablaszwucher und pfründenschacher Murner
an d. adel 4
ndr.; des bapsts onthatten S. Franck
chron. Germ. (1538) 150
a; Fischart
bienenkorb 135
b;
unzucht Sandrub
kurzweil 37
ndr.; menschenopfer Niebuhr
röm. gesch. 1, 313;
vom zauberblick des mädchens J. H. Voss
ged. (1802) 3, 221; was wars? die u., mich zu lieben Müllner 7, 232; sie (
die welt) betrachtet den tod Napoleons als die entsetzlichste u. Heine 3, 454
E.; und nun plötzlich diese u.! (
der mahnbrief an Römer, der so unbeabsichtigte folgen hatte) G. Keller 2, 61.
δ)
persönlich und im bilde: jede unthat trägt ihren eignen racheengel schon Schiller 12, 236
G.; kein mensch, kein gott löset die bande, mit denen die unthat sich selber umstrickt Grillparzer 5, 41
S.; der letzten unthat rauch dämpft erste wolthatsflammen Lohenstein
Agrippina 12; also war kein gold so dichte angeleget ..., dasz nicht der unflath aller verdammlichen unthaten durchgedrungen wäre Weise
polit. redner (1677) 479; das erdrückende
[] gewicht der u. auf der seele tragen O. Ludwig 2, 142; wie ein stein fiel meine ganze u. mir wieder aufs gewissen Storm (1899) 4, 59.
für den unthäter: so voll kunstlosen argwohns ist u. Herder 25, 292
S. I@33)
in gegensätzlichen verbindungen: thaten und (oder) unthaten Kant 2, 287
H.; Göthe 27, 120
W.; Fichte 2, 188; Ebner-Eschenbach 1, 174;
gs. tugendliche thaten v. Birken
ostl. lorbeerhain (1657) 17; wolthaten Lehmann
florilegium (1662) 2, 830; Lohenstein
Agrippina 12; grosztat H. v. Kleist 3, 102
Schm.; das synonyme übelthat
steigernd: viel ubelthaten, ja grosze unthaten ... findt man ... zu Wien Abr. a
s. Clara
merks Wien (1680) 41. verbrechen, bubenstück, frevel, missethat, u. Weigand
syn. 3, 932. I@44)
der durch die u.
verursachte schaden, das unheil, die zerstörung: Hugo v. Trimberg
renner 9230
E.; wann mir groszer schad und untate (
vgl. zur form Haltaus 1962) darausz entstanden ist
privatbr. d. m. 1, 64
St.; da nun die predicanten endtlich gesehen, was für u. darausz entspring Nas
eins u. hundert 1, 93
b; sprach der alt: weistu keinen rath, mich zu trösten in der unthat? H. Sachs 7, 437, 28
K.; die langen bauerboten kamen von allen seiten herbei und erzählten von den unthaten der wasser Laube 8, 181;
sonst veraltet, da die heutige spr. z. b. u.
und unglück
scharf scheidet: keiner wuszte, war es u. oder unglück Fontane I 4, 203. I@55)
deformitas, macula Graff 5, 330;
mhd. ungetât
häszlichkeit Lexer 2, 1875 (gethat 1
b forma, species).
besonders erhalten in unthätchen, unthätlein (
s. d.).
die bed. scheint aus der vorhergehenden abgeschwächt; es ist nicht nöthig, u.
als eine von dämonischen wesen verübte beschädigung (Höfler
krankheitsnamenb. 736
a)
aufzufassen. inficierende unsauberkeit bei wunden: würm, fleugen oder spinnen oder welcherlay hant untat das sey, das der wunden schad sey
wundsegen bei Schmeller-Fr. 1, 630;
unsauberkeit überhaupt: zeigte sich an einem dieser stücke die geringste u., ... so war ... die erste begrüszung eine derbe tracht prügel Bräker (1789) 1, 132.
makel, fehler, unvollkommenheit: darumb wer meyn gedichten strafft, do es mit unthat ist behafft, des danck im gott, dem frummen man Murner
narrenbeschwörung 291
ndr. häszliches: Morolf: doch seh ich einem den ars blecken, womit soll ich das bedecken? Salomon: den schlafenden hund soll man nicht wecken, alle unthat soll man bedecken Simrock
deutsche volksbücher 1, 14.
veraltet. IIII.
mit un IV D (
intensivum). II@11)
erstaunliche that, miraculum: ganz umgekehrt sind sie (
die wunder) dem wunderthäter ... gar keine prodigien und unthaten mehr, sondern dinge seiner welt ... Herder 9, 440
S. veraltet. II@22)
mundartlich ist undoot
ein auszergewöhnlich groszer oder ein widerlicher gegenstand; aus der Neumark zeitschr. f. d. mundarten 1910 35. —