gethat,
f. ,
eine bildung, in der zweierlei functionen des präfixes ge
zusammengeflossen sind: eine ältere, mittelst welcher das verbalsubstantiv unmittelbar vom verbum thun (
theil 11, 434)
abgeleitet zu sein scheint, und eine jüngere, die sich als verstärkte bildung zu dem verbalsubstantiv that, tat (
theil 11, 307)
erweist. in formeller beziehung gelten für beide die gleichen beobachtungen. der umlaut des stammvocals, in einzelnen flexionsformen organisch, greift gelegentlich auch in den nom. sing. über, wie er andererseits durch die entgegengesetzte analogiewirkung in obliquen formen hintangehalten wird. für die schreibung des dentals gilt dasselbe, was beim grundwort zu bemerken war. 11)
die unmittelbare ableitung vom verbalstamme wird durch einzelne bedeutungen unseres wortes bezeugt, die sich aus dem grundworte that
allein nicht erklären lieszen: 1@aa)
das nomen actionis tritt im compositum deutlicher hervor, hierher gehört schon das gotische gedêds,
das Ulfilas
Ephes. 1, 5
verwendet: du sunive gadedai; Luther
hat hier vnd hat vns verordnet zur kindschafft gegen im,
εἰς υἱοθεσίαν,
adoptionem filiorum (in die erwelung der sun
Augsburger bibel von 1487).
ähnlich verhalten sich althochdeutsche beispiele: wanta thu mih minnotos êr mittilgartes gitati
ante constitutionem mundi. Tatian 179, 3,
vgl. 74, 3.
spätere verwendungen lassen an dieser bedeutung mehr das ergebnis hervortreten, sie unterscheiden sich aber hier noch vom simplex: wunderlicher got, verlich uns, das wir din gebot behalten, nach dem willen din, und fri vor allen sunden sin; und wir erkennen die getat, die din hant geschaffen hat. Bon.
vorr. 21; wir ensîn nit sîn getât als der haven des haveners, daz man sprichet: daz ist des haveners getât. Nic. v. Straszburg
myst. 1, 271
Pfeiffer. mhd. wb. 3, 147
b.
vgl. hantgetât
in demselben sinne; herre got erbarme dich ober dine hantgetat. vnd nege dine himele vnd kum her nider.
predigten des 14.
jahrh. Leyser (
bibliothek der nationallit. 28) 22. 1@bb)
in andere richtung weist die bedeutung forma, species, die in den glossen und von da bis über die mittelhochdeutsche zeit hinaus für das compositum belegt ist, während sie dem simplex durchaus nicht eigen ist; andererseits jedoch kommt sie am verbum selbst zum ausdruck. vgl. Christus wiewol er in der götlichen form ware, hat er sich doch geuszert und genidert, gethun wie ein knecht. Schade
satiren 3, 93.
vom particip aus ist diese bedeutung ja in die jüngere substantivierung getâni, gethaene (
vgl. sp. 4367)
übergegangen, mit der getât
sich nahe berührt und gelegentlich in concurrenz steht: ze aller jungest gescuofe du den man nach dinem bilde getan nach diner getan, nach diner getete,
handschr. A. des Ezzoliedes vgl. Diemer 321, 5.
in solcher bedeutung ist getât
schon in glossen und in der althochdeutschen litteratur belegt: sine quadam specie. ketâte. anasihte. (
codex St. Galli) Steinmeyer-Sievers 2, 40; áber dáz sie ménnisken uuâren. dás oúget sélbíu diu ménnisken getât. tiu ín nóh âna íst.
ostendat adhuc ipsa reliqua species humani corporis. Notker
Boethius (Hattemer) 3, 177
b; uuánda dóh an dîen zócchâren. ételîh kelîhnísse uuás mînero getâte.
vestigia nostri habitus 23
b; und sach engegen im gân sehs knappen wætlîche: sî zæmen wol dem rîche von aller ir getât an ir lîbe und ir wât,
Iwein 4377; und wære eht niht wan daʒ alleine drinne vermiten, sô wærens allenthalben alse ganz an ir getæte, daz sich ein iegeslîcher möhte lâzen dran. Walther 31, 9
Lachmann. vgl. mhd. wb. 3, 147
a. Lexer 1, 942.
facies getat
mittelhochdeutsche glossen in Hoffmanns
sumerlaten 30, 5.
vgl. auch ich machte zwischen miner sele vnd minen liplichen geteten als ein mure.
veterbuch (
litt. ver.) 34, 19. 1@cc)
ein drittes zeugnis für dieses ursprüngliche verbalsubstantiv liegt in einer mundartlichen bildung vor, die aus der heutigen volkssprache von Hessen, Nassau etc. belegt ist, gethät, gethäts: gedeet, neutr. oder meistens genitivisch gefaszt gedêts, z. b. ein gedeets um jemanden und etwas, gerade wie sonst ein aufhebens oder wesens machen. im Siegerlande: gedae. Pfister
nachträge zu Vilmar 294; gethäts, gedähts, gedeets (
rheinisch) .. das thun, lärm, unruhe, unnützes thun, unnöthiger aufwand, von thun. 'for was desz lang gedeez unn lang georjel'. Lennig 65. Kehrein
volkssprache und volkssitte in Nassau 1, 162.
vgl. Sütterlin
genetiv im Heidelberger volksmund (1894) 4. 22)
die verstärkte bildung zu dem verbalsubstantiv that
vgl.gedaet Verwijs
und Verdam 2, 1834. 2@aa)
als collectivbildung umfaszt das compositum eine gröszere gruppe, eine gesammtheit von handlungen: ichn weiz war umbe sî eʒ tuont, ode waz sî an in selben rechent, die alsô vil gesprechent von ir selber getât, sô ins nieman gestât.
Iwein 2475; sant Francisken getât und die zeichen, diu er hât lebende unde tôt getâ
n. Lampr. v. Regensburg
St. Francisken leben 359; ich .. wolt hân lâzen under wegen aller der kunic getât, die man gemacht hât sît kaiser Fridrichs tôt; dô wart mir gedrôt, belîbe ez verswigen, ich wurde gezigen ich wære unversunnen. Ottokar 53
Seemüller; disen kaiser mach man gelichen zu den pesten kaisern an aller siner getat.
sächs. weltchronik, erste (
bair.)
fortsetzung (
anfang 14.
jahrh.)
monum. germ. vernac. 2, 335, 11; hystoria, ein gescriben red der getad as es gescach.
vocab. optimus 37
Wackernagel; comicus, geburscher getad tichter.
ebendort 38; so haben die Sachsen ... eine merkliche erzeigung ihres mannlichen gemüth und gethät in dem römischen krieg gethon. Hutten (
verdeutschte klag an hertzog F. v. Sachsen) 5, 15
Münch; verer das ich söllich gefängnus und gethatt, und was sich darunter verloffen, begeben und ergangen hett, hinfüran ewiglich nit gefern, ändern noch rechen soll noch will.
lebensbeschr. Götzen v. Berlichingen
2 (1775) 246. 2@bb)
diesem collectivcharakter der bedeutung stehen aus der ältesten zeit nur wenige individualistische verwendungen gegenüber, diese letzteren knüpfen vielmehr an den pluralgebrauch des wortes an: that sie an betara thing, folk farfâhan endi forlâtan fîundes giwerk, diuBules gidâdî.
Heliand 1366.
die althochdeutschen beispiele für den plural (Graff 5, 329)
verschwinden gegenüber denjenigen für den singular: tuo unsih in diner warheite willige daz den getaeten der unsculdicheite widergesazte erloeset werden,
ut actibus innocentiae restituti liberari. Windberger psalmen, gebet zu psalm 25.
auch die mittelhochdeutsche dichtung hält das wort vorwiegend im sing. fest, erst spät beginnt die pluralbildung boden zu gewinnen. 2@b@aα)
mit wahrung des collectivcharakters: wie ez dem ergieng, daz vint man in den getaten chnich Ruodolfs.
sächs. weltchronik, erste (
bair.)
fortsetzung monum. germ. vernac, 2, 325, 14; in den getêten der aposteler (
in der apostelgeschichte).
leben des heiligen Dominicus (14.
jh.)
Freiburger diöcesanarchiv 8, 331
ff. 2@b@bβ)
in verbindung mit synonymen, die im plural gebraucht sind: mit allen worten, werkhen, räten und getäten. Lori
Lechrain 181. Schmeller
2 1, 630; daz .. ich nimmer niht getuo oder geschicke weder mit reten oder mit geteten.
mon. boica 39, 176 (
aus 1321); vnd haun och zuo disem koufe getan mit worten vnd mit getaeten vnd gebaerden aelliv div ding, div zuo ainem redelichen koufe hOerent, der ewig vnd staete beliben sol und mag.
urkunde von 1327
für das kloster Bebenhausen zschr. gesch. Oberrh. 20, 498; treffenlich geschlecht und stamme seind zu Nurenberg, dasz sie auch solichs anzaigen thun an stiften, getaten, briefen, begrebnuszen, wappen, namen, das ire vordern auch grosz mechtigkeit an stetten und schlossen gehabt haben.
d. städtechr. 3, 73; das alle adenliche mennschliche gemt begirig sein, alt geschicht vnnd teuerlich getatten .. zuolesen.
vorrede zum Theuerdank (
bei Waldis thaten); das sind mein ler und getæt.
Christus im teufels netz 13615. 2@b@gγ)
sonst wird das compositum nur selten bei einer einfachen mehrheit einzelner handlungen in den plural gesetzt: ni williad êniga fehta gewirken, saca mid iro selBoro dâdiun.
Heliand 1318 (
Cottonianus gidadeon); man vindet ouch hie geschriben wer sü sint, und alle die jare die sü gewesen sint und ouch gerichset hant, und ouch etteliche getat die sü in denselben joren gethan hant. Closener
d. städtechr. 8, 15; so du dyn ungestümikait vnd lästerliche getauten lobest. Steinhöwel
Äsop 131
Österley; het er (
Joseph) do gelebt (
als Jesus anfing zu predigen), er wer auch ain iunger unsers herren worden oder man lese etzwas von seinen geteten.
buch der 10
gebot f. 12; einem durch gewaltsam gethaten, mit brand, nothschatzung u. dergl. beschädigung thun.
landrecht v. 1616 Schmeller 1
2, 630. 2@cc)
der pluralgebrauch in den letzten beispielen weist völlige zurückdrängung des collectivcharakters auf. diese wird auch von anderen factoren begünstigt. 2@c@aα)
in präpositionalverbindungen verwischt sich der unterschied zwischen individueller hervorhebung einzelner handlungen und collectiver zusammenfassung am leichtesten: die úbelen zegetâte chráftelôs sínt,
malos cunctis viribus esse desertos. Notker
Boethius 165
a, 7; mit getate ioh mit willen.
Bamberger glaube 165 (
denkm.); ob sie mit ir getâte bewærten ir predigâte.
St. Ulrichs leben 744.
vgl. mhd. wb. 3, 147
a; nû sult ir mir verjehen wie ir mir darzuo rât, daz wir volfüeren mit getât, darumbe wir sîn komen her. Ottokar 6959
Seemüller; das wider ir lib unnd guot mit getatt nichtz furgenommen .. werd.
schreiben des rathes von Augsburg d. städtechr. 25, 352; also hat er die Newenstat wider gewunnen mit frischer getatt.
chronik des B. Zink
d. städtechr. 5, 245; und wurdent dero von Bremgarten 18 erschlagen, die übrigen entrunnend, und geschah das ee dasz die von Zug mit ir panner zu der getat kommen mOechtind. Tschudi 1, 554; von des geschreys wegen luffend etliche knecht ab dem Röstelsberg ouch zu der getat ze hilff.
ebendort. 2@c@bβ)
die beiden verwendungen berühren sich auch in den nachfolgenden beispielen: ez sul nieman fürbringen sundic getât ûf den gedingen, daz dâvon kom guot hernach. Ottokar 45 732
Seemüller; unnd nun yetzo sehen und verstannden, das sein fürstlich gnad annders gemuets, dann ir vorfarn gewesen sein, unnd sich so ungewonlicher getat unnd ernsts geprauchen wolle.
schreiben des Augsburger rates von 1490
d. städtechr. 25, 354; wer sich bedenkt noch der gedat des anslag gmeynklich kumbt zuo spat, wer jnn der gedat guot ansleg kan der msz syn ein erfarner man. Brant
narrensch. 12, 5
Zarncke. aber es sind doch erst die späteren glossen, die für getât
dieselbe bedeutung wie für das simplex verzeichnen, actus, actio Mone 5, 343;
actio, getât
mittelhochd. glossen in Hoffmanns
sumerlaten 2, 51;
actus, getât Twinger 2
a; gethat,
gestum Diefenbach 261
c. 2@c@gγ)
ebenso tritt die beziehung auf einzelne handlungen auch in der litteratur erst spät zu tage: da kamen des von Hochenloch siben paurn an in und schluegen in zu tod. das verdrusz die von Hall pillich und wolten es gerochen han. also sant zu in der von Hochenloch und liesz sie pitten, dasz sie nit zu gäch weren, er wolt zu in reiten in ir stat und wolt in die getat abtragen nach irem willen.
chronik des B. Zink (14.
jahrh.)
d. städtechroniken 5, 25; das melb bracht man her in die stat, so man beldest mocht und gab es armen leuten zu kaufen, 1 metzen umb 4 grosz; sicher es was ein guete getat und kam armen leuten zu groszem trost.
ebendort 181
u. a.; so würt sie under den durchlüchten frowen gezelet, mer von irer über schöny wegen, wann umb kain ir verdienlich getäte. Steinhöwel
Boccaccio de claris muliebr. 10
a (
litt. ver. 205, 42); die von Augsburg als sie dem fürsten abgesagt hatten, da tetten sie ain manliche getat.
chronik des B. Zink
d. städtechr. 5, 251; fürt in mit jm gen Väldkirch, menigklich zu einem schauwspiel und wunder, gab jm demnach diser gethat (
dasz er sich gegen 20
reisige mit einem langen speer gewehrt hatte) brieff und sigel, vnd fertiget in widerumm heim ohne alle beschwärdt. Stumpf
schweiz. chron. 647
a.
auch hier hat die verbindung handgethat
vielfache verwendung erfahren: da gewahrte Rusthem am wege einen baum mit reichem gezweige, er faszte ihn mit zweien ästen und risz ihn aus der wurzel, wie einen stock trug er ihn in der faust. die schaar der kommenden staunte. Görres
heldenbuch von Iran (1820) 1, 186. 2@c@dδ)
es ist im besondern die rechts- und verwaltungssprache, die das zusammengesetzte wort —
und zwar nicht blosz in der Augsburger kanzleisprache —
begünstigt. kaum dürfte die intensive bedeutung des präfixes hier in differenzierung der strafbaren that von der that überhaupt zum ausdruck kommen, weit eher scheinen, wie im chronikenstil, auch hier stilistische rücksichten von einflusz gewesen zu sein. die schwerere form entspricht der neigung für gewichtigen vortrag und fülle der formen. 2@c@d@11)) daz dehain burger noch burgerin, sy sien gesetzzet oder ungesetzzet .. mit guote in ain ander stat noch anderswa hin ziehen noch setzen süllen von dehainer slaht sache noch getaut wegen in dehain weise, dann mit des rates willen.
verordnung des Augsburger rathes von 1389
d. städtechr. 5, 389; swer der ist der einen mainen ait swert umb swelher hande getat daz ist, und sunderlichen umb fridebrechen, und daz daz als kuntlich und also gewizzen wer, daz er der getat schuldig wer, denselben mügen die burger vom rat .. darumb wol strafen.
Nürnberger polizeiordnungen 37
Baader; swer an gesprochen wirt umb ain groszz dink, das auf dem tot zeucht .. sol er sich vor gericht öffentlichen benemen .. daz er unschuldich sey an der getat.
Münchener stadtrecht § 247
Auer; dasz boese lüt einen totschlak tuont oder ain wunden, und daz sich ainer oder mer der getat annimmt und davon entwichend, und iene di da niht entwichen sint bietend ir unschuld.
Augsburger stadtbuch (
nachtrag zu 49) 117
Meyer. 2@c@d@22)) da hett er gevarlich in die guldin und in das klain gelt griffen, des aber der andern paumaister ainer, genant Gabriel Rigler, ain alter frummer gelaubhaftiger man, acht und war genommen hett und hat in an der waren getat beschrien und berüeft.
chronik des B. Zink
d. städtechr. 5, 274.
ebenso 283; wo man einem man mit der getat, hanttat, handgetat (
auf der that) begreifft.
rechtbuch mscr. von 1332
und 1453 Schmeller 1
2, 630; fünde ouch ein soliche herschaft solich ir knecht an frischer gedat (
ehebruch) by irem wiben, was den uf der getat widerfüre, do engat kein besserunge noch. (15.
jahrh.)
Straszburger zunft und polizeiverordnungen des 14.
und 15.
jahrh. 468
Brucker. 2@c@d@33))
am längsten hielt sich die zusammengesetzte form in crimineller bedeutung in der verbindung mit hant: hantgetât
mhd. wb. 3, 147.
vgl. Schmeller 1
2, 630: swer mit der hant getät mit diupheit. oder mit roube begriffen wirt. daz mag er an deheinen gewern ziehen. vinde ein man sin dübig oder sin roubig guot in eines mannes gewalt. den mag er deheiner hant getat gezihen.
Schwabenspiegel § 298
Laszberg. vgl. auch ungethat Schwabenspiegel § 125
Wackernagel.