unthätig,
adj. adv. ;
mhd. untætec, -ic,
mnd. undedich,
mnl. ondadich,
nl. ondadig,
alle in bed. 1;
nl. ondadig
in bed. 2
gilt als germanismus (
nl. wb. 10, 1181). 11)
adjectivibildung zu unthat I.
vgl. unthätlich. 1@aa) untetiger
nefandus vel nepharius K. v. Heinrichau 397
b Gusinde; Haltaus 1963; Crecelius 851: ich hon auch gestifftet under en (
den juden), dasz sie en (
Jesus) nit woln horen adder sehen und vorsmehen en als ein untedigen man
Alsfelder passionsspiel 292
Grein; es sol auch niemer mer von Hutten gehört werden, das er ... dem untAetigen babst dienstbar ... sey Hutten 1, 399
B.; unthetige laster Thurneisser
nothgedrungenes ausschreiben (1584)
vorr. 17;
adv.: untetig tun
d. rote b. d. st. Ulm 99;
substantiviert: ein untediger
Frankfurter zunfturk. 1, 19.
nur noch in geschichtlicher darstellung, z. b. Graf-Dietherr
rechtssprichw. (1864) 346. 1@bb)
nach unthat I 5: von untedigem fleische
Mainzer metzgerordnung bei Crecelius 851;
adv.: darin schöpfet ein groszes rad ein wasser kotig und unfletig. gantz trüb, und schmecket gar unthetig H Sachs 17, 378, 27
G. veraltet. 1@cc)
mundartlich ondeidech '
schlecht'
luxemb. wb. (1906) 314
a; '
störrig, unumgänglich' Gangler (1847) 316.
vgl. thätig 1
b. '
hin und wieder sagt man ein unthätiges wort
wie unschönes wort' Heynatz
antibarb. 2, 538. 22)
gs. zu thätig (
s. d.). a)
die beispiele des 16.
jahrh.s haben vielfach noch nicht die heutige bed.: Gorgias war, der sich berümet, er wust alle ding und im war nichts unverborgen (!), und alle dingsachen und hendel solcher unthetigen (
unfähigen, eitlen) berümer foll waren
Erasmus Sileni Alcibiades (1525) a 2
b; der glaub macht die schlussel tettig und tuchtig, der unglaub macht sie untettig (
ungeeignet) und untuchtig Luther 7, 423
W.; so ist gemeiniglich das urteil und verstant ... derselben unvormöglich und unthetig Barth
weiberspiegel (1565) K 4
b; du wölst mit gewalt nur thun ein predig, und warst darzu so gar unthetig Fischart
nachtrab 2934
Kurz; jedoch wollen sie an diesen allen verlauf ... untheilhaftig undt vor gott undt der gantzen welt in allen unthätig (
etwa unbetheiligt) undt unschuldig sein
chron. d. st. Olmütz 17
Dudik. doch auch schon in der nhd. hauptbed.: tugend ist nit müssig oder untAetig Frisius 653
a; durch welche (
beschäftigung mit den wissenschaften) die geschwind, unthAetig stercke der sinnen und des leibs nit geschwecht, sondern erleuchtet und bekrefftiget werde Fronsperger
kriegsb. 1, 174
a; so können ja die kurtze (
schritte) anderst nichts denn einen unthätigen oder unkräfftigen bedeuten
J. B. Porta physiognomy (1601) 400. b)
sonst scheint die nhd. hauptbed. im 17.
jahrh. kaum bekannt; belege fehlen, u.
fehlt bei Stieler
und Frisch.
erst im 18.
jahrh. kommt es in aufnahme, vielleicht in zusammenhang mit inactuosus (
Augustin),
mlat. inactivus und den entsprechungen der westlichen cultursprachen. α) u. sein: den verstand hält man höher als die sinnlichkeit, ohne die doch der verstand u. wäre Hippel
lebensläufe (1778) 1, 411; Philipps politik war künstlich, aber u. Schiller 4, 96
G.; indessen wollt ich für den jungen mann, der mir wirklich am herzen liegt, nicht ganz u. seyn Göthe IV 42, 180
W.; diese freie A (a a a a) und freie C (c c c c) sind nicht u. in der mischung Liebig
handb. d. chemie (1843) 1, 49; bei leerem magen sind sie (
labdrüsen) u. Muspratt
chemie (1898) 6, 11. u. scheinen, sich befinden, bleiben, werden, einen u. machen, glauben, finden, lassen
u. dgl. Wieland
Lucian (1788) 1, 36; Göthe IV 15, 152
W.; Herder 15, 149
S.; Mozart
bei O. Jahn 3, 180; Stolberg 1, 133; Göthe 30, 19
W.; Lichtenberg
briefe (1901) 2, 141
L.; Ramler
einleitung in d. sch. wissensch. 1, 223. unthätigeitel machen Herder 22, 280
S. β)
attributiv: kein unthätiger und figürlicher freund Winckelmann 10, 15; unthätiger mensch, bürger, zuschauer
allg. d. bibl. anh. 53/86, 103; Schleiermacher II 4, 10; Immermann 18, 25
H.; drei dumme, unthätige gesichter (
bei der kreuzigung) H. Heine 3, 399
E.; unthätige kindheit, kleinmüthigkeit, verzweiflung, unthätiges wissen, wohlgefallen, leben, betrachten, verhalten, unthätige religion, beschaulichkeit, unthätiger genusz, jammer
u. s. f. discourse der mahlern (1721) 2, 14; Wieland I 2, 275
ak. ausg.; K. Ph. Moritz
reise eines deutschen in Italien 3, 5; Schwabe
belustigungen (1741
ff.) 5, 95; Kant 5, 10
H.; Göthe II 12, 49
W.; I 47, 302
W.; Moltke 3, 29; J. H. Voss
gedichte (1802) 1, 92; Häuszer
d. gesch. 1, 166; Rückert 8, 309; O. Ludwig 1, 293. mir ist der kopf wüste, von meinem heutigen einsamen, thätig unthätigen tage Göthe III 1, 295
W.; superlativ: von dem würksamsten enthusiasmus zur unthätigsten gleichgültigkeit übergehen Wieland
Agathon (1767) 2, 84.
terminologisch: unthätiger glaube (
ohne die werke) Ranke
s. w. 2, 63, boden Ratzeburg
standortgewächse (1859) 171;
vgl. oben die beispiele von Liebig
und Muspratt.
γ)
substantiviert: J. P. Porta unter α; oder meintet ihr, dasz die freiheit und ein gesetzliches gedeihen von oben herab dem unthätigen in den schosz fallen würde? G. Freytag 15, 93; nichts unthätigeres Nestroy 6, 212.
δ)
adverb: und sein schwerdt, das nie unthätig sich verweilt, nimmt rach an ihm Zachariä (1763
ff.) 3, 170; stumpf, u. ... dahin brüten Göthe 24, 123
W.; sich u. verhalten Büchner
kraft u. stoff (1856) 7; u. daliegen Stöckhardt
chem. feldpredigten 1, 121;
ra. u. zuschauen, zusehen: er (
gott) schaut der bewegung des ganzen nicht unthätig nur zu und müszig. er ordnet sie selbst an Giseke (1767) 42; ganz Europa gleicht der schmiede des Vulcan. nicht länger kann Deutschland u. zuschauen Gutzkow (1872
ff.) 10, 344; Ranke
s. w. 3, 260; ein peinlicher zustand, welchem ich nicht länger u. zusehen darf Holtei
erz. schr. 7, 223; Mommsen
röm. gesch. 1, 346; 2, 61; ich begreife nicht, warum man so lange u. zusieht Ebner-Eschenbach 2, 54.
comparativ: J. G. Forster 2, 88.
ε)
zusammensetzung: das unthätigsein Büchner
kraft u. stoff 7; das unthätigwerden
allg. d. bibl. 11, 37. —