untersuchen,
untrennbares v. ;
ags. undersêcan,
mengl. underseche,
engl. (
veraltet) underseek;
as. undarsôkian, undersuocan;
erst spätmhd. aus glossaren undersuochen;
mnd. undersoken;
mnl. ondersoeken,
nl. onderzoeken;
aus dem mnd. dän. undersøge,
schwed. undersöka.
dem fehlen im eigentlichen mhd. entspricht die geringe ausbildung in oberd. ma.; nhd. ist u.
auch im 16.
jahrh. noch nicht häufig. die meisten bedd. sind in ä. spr. andern zusammensetzungen zugetheilt, bes. be-, er-, versuchen (
ebenso Staub - Tobler 7, 230, 4; 218
ff.; 223
ff.);
umgekehrt wird es in Ost- und Westpreuszen für besuchen
gebraucht; Frischbier 2, 424
b (
vgl.'
aufsuchen'
mnl. wb. 5, 419, 2
b). II.
es läge nahe, bei der bed. von 1unter III A 2
b γ (
sp. 1486,
typus disquirere)
auszugehen; dazu würde die im ags. und mnl. bezeugte glossierung discutere, das zurücktreten der sinnlichen bed., das fehlen trennbarer verbindung wohl stimmen. aber der sp. 1483 (
1unter III A 1
b α,
wo statt ondersaeken
zu lesen ist ondersoeken)
aufgestellte worttypus unterfinden, -gründen
u. s. f. weist doch auf die vorstellung sub, für die sich auch im engl. und mnl. das sprachgefühl entscheidet. dahin führt die mnd. und mnl. glossierung evertere, subvertere (Diefenbach
gl. 212
b;
mnl. wb. 5, 418),
man kehrt den gegenstand um, so dasz er bis zum boden hin untersucht werden kann; das bestätigen die glossierungen perquirere, -scrutari, -tentare, man sucht etwas durch und durch, auff den euszersten traat u. Fischart
bienenkorb (1588) 106
a.
dann läge die ursprüngliche vorstellung in beispielen vor wie: contari ondersoecken mit eenen stock (
contus, conto) Diefenbach
nov. gl. 110
b; mit dem senkblei u.; die tiefe des wassers (eyn loyt, dair men die duypte des waters mede ondersoickt
mnl. wb. 5, 418), den grund des teiches, den boden des gefäszes u.
die örtliche vorstellung klingt nach: als ... er ungesaumet den gantzen handel zum grunde untersuchet Schütz
historia rerum Prussic. (1592) 2, N 1
b; dann obwol viel sich unterstanden, die teutsche sprachkunst zu verfassen, hat doch keiner die sache so grundrichtig untersuchet Neumark
palmbaum (1668) 466; du untersuchst mich auff den grund Treuer
Dädalus (1675) 1, 728; gründlich, mit gröszter gründlichkeit u.;
nicht mehr lebendig ist die grundvorstellung in verbindungen wie: die erben ... untersuchten kisten und kasten Göthe 48, 159
W.; koffer u. Moltke
ges. schr. 6, 224; jeden winkel und verschlag, die waschtischschieblade u. Fontane I 6, 126; Seidel
Leberecht Hühnchen 289; das schiff, den schiffsboden u.
Shakespeare 4, 63; Hoyer-Kreuter 1, 795; die oberfläche des beetes u. Storm (1899) 1, 213; die muszten ihn anhalten und u. (
etwa bis auf die haut), ob er den goldenen becher nicht gestohlen
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 252. IIII.
das sprachgefühl gibt sich über das vorhandensein einer örtlichen grundvorstellung keine rechenschaft mehr und legt dem präfix keine wirklich gefühlte bed. mehr unter. in (
meist dem mnd. oder mnl. nahestehenden)
glossaren: explorare Diefenbach
gl. 218
c,
indagare 293
c,
investigare 306
c,
percontari 429
c,
perscrutari 429
b,
rimari 498
b,
scitari 519
a,
scrutari 521
b,
vestigiari 616
b;
disquirere, inquirere, ad subtile examinare, tentare, explorare, experiri, penitius intueri et perspicere, expendere, momento suo ponderare, ad limam, ad lineam redigere Stieler 2236. II@11)
genau kennen lernen, von etwas kenntnis nehmen: wante we van Christo und sinen handel wetten wil, de moith de schrifft wal undersoecken Rotmann
restitution 93
ndr.; underzoeck doch de propheten 105
ndr.; mnd. undersocht,
mnl. ondersocht
erfahren; in n. spr. nicht unbeeinfluszt von 2: nun schickte ich mich in das geschehene und begann von neuem, alle seltsamkeiten dieser räume zu u. G. Keller 1, 114. II@22)
ausforschen, erforschen, zu erkennen suchen; die art u. weise eines dinges zu erforschen suchen Adelung. a)
allgemein: er (
d. papst) ... hat ... deren fürsten gemter hüpschlich undersuochet Sleidan
reden 12
B.; darnach wird das fundament von allen gewöhnlichen complimenten untersucht Weise
polit. redner (1677) 1; die welt hat nichts als ungemach, wenn ich ihr wesen untersuche Knorr v. Rosenroth
n. Helicon (1689) 9; Ziegler
Banise 170;
polit. maulaffe (1679) 88; je genauer wir die menschen u., je mehr gründe finden wir, so zu denken Wieland
Agathon 2, 282; was willst du untersuchen, wohin die milde flieszt! Göthe 6, 126
W.; hab ich des menschen kern erst untersucht, so weisz ich auch sein wollen und sein handeln Schiller 12, 250 (
Wallensteins tod 960)
G.; auf unser erstes sandt er aus und hemmte die werbungen des neffen, die er hielt für zurüstungen gegen die Polacken; doch näher untersucht, fand er, sie gingen auf eure hoheit wirklich
Shakespeare 3, 197; ununtersucht nichts tadeln Hagedorn (1757) 1, 118; nichts ununtersucht lassen.
unüblich: über eine frage u. Droysen
Aristophanes 2, 26. b)
seit dem 17.
jahrh. wissenschaftlich und terminologisch: solche angeborne schuldigkeit hat auch den gelehrten die feder in die hand gegeben, das sie bemühet sein, alle zungen und sprachen zu u. Harsdörfer
secretarius (1656) 1, a 3
b; also nicht nur von den sachen viel herzuschwätzen, sondern auch sie besser zu u. Leibniz
d. schr. (1838) 1, 379; das geburtsgestirn, den grund, das princip, die bildungsgeschichte der pflanzen, felsen, mandelmilch, den zustand der gebirgsbewohner das Feuerland, eine flüssigkeit, rechtsfragen
u. s. w. u. Besser 1, 8
König; Lessing 8, 61
M.; Kant 3, 15, 20
ak. ausg.; Göthe II 6, 155
W.; I 34, 15
W.; 23, 296
W.; 25, 106
W.; G. Forster 4, 32; Liebig
chem. briefe 161; Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 27
volksausg.; jede besondere schicht auf ihren organischen gehalt u. Burmeister
gesch. der schöpfung (1851) 431; den wein auf seine reinheit, die luft auf den sauerstoffgehalt u.
u. s. f.; es ist hier nicht der ort zu u., wie viel oder wie wenig sich diese neue gattung mit dem letzten zwecke der tragödie ... verträgt Schiller 6, 81
G.; das erschlafft endlich den willen des menschen, wie seine untersuchenden kräfte Herder 11, 361
S.; untersuchend
für theoretisch Campe
verd. wb. (1813) 587
a; untersuchend zu werke gehen Ritter
erdkunde 1, vi.; bei einem solchen verfahren verliesz sich der untersuchende auf sein künstlerisches gefühl Peschel
völkerkunde 75.
ärztlich: sondiren, u., touchiren, vernehmen Jacobsson 7, 368
b; Krünitz 200, 91
ff.; wie denn also fort zwey königliche leibärtzte sich zu ihm verfügen und die beschaffenheit des zugestoszenen unfalls genau u. müssen Ziegler
Banise (1689) 86; Göthe 43, 163
W.; den puls, dienstuntaugliche u. J. G. Jacobi 6, 100; Grabbe 4, 462; es wurde nach dem wundarzt gesendet, er untersuchte Holtei 40
jahre 1, 21;
vgl. auscultieren.
gerichtlich u.
oder in der art einer solchen untersuchung behandeln; für inquirieren (Schulz
fremdwb. 1, 295) Apinus (1728) 290; Campe
verd. wb. (1813) 377
b; ondersoeken ende ondertasten
mnl. wb. 5, 418; ondersouck ende inquisicy doen 5, 417.
nach lat. inquirere in: diejenigen, so in guter leute gebrechen und mängel untersuchen Opitz (1690) 1,
vorr. 9
b;
veraltet. sonst m. acc. der sache: N. ... dem raht ansagen liesze ..., er wolte des
V. sache selber u. A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 528; und werde ich die sache auf das schärfste u. Lessing 18, 443
M.; zeigts an, sie müssens u. und euch zu dem eurigen helfen Göthe 8, 76
W.; man hält ihn an, man untersucht Schiller 5, 428
G.; mancher glaubte billig zu sein, wenn er, unlustig zu u., das recht theilte J. H. Voss
antisymbolik 2, 95; wie? jetzt noch u., inquirieren? Mörike 3, 49;
österreichisch einen u.
inquiriren: wie stehts mit der commission, die den oberst G. u. soll? Bauernfeld 5, 163; dasz ich nur wegen eines censurvergehens untersucht werden sollte Schuselka
Österreich (1847) 241; untersuchender ausschusz, richter (untersuchungsausschusz, -richter) Brentano
Godwi 1, 41; Holtei
erz. schr. 3, 106;
prägnant untersucht
in untersuchungshaft: kurz verdammt ist besser als ewig untersucht Sauerwein
pfeffernüsse 5. II@33)
prüfen; as. mid costungu undersokian
auf die probe stellen Wadstein
kl. as. sprachdenkmäler 234
a;
veraltet: die geister u.,
discernere Kramer (1702) 2, 1036
a;
sonst: sich selbst, seinen eigenen seelenstand vor dem angesicht des herrn u. Kramer
a. a. o.; geh in dich ..., und untersuche dein gewissen Günther (1735) 281; wenn ich mein herz untersuche, (
haften) alle frühen wünsche ... fester als sonst darin Göthe 21, 131
W.; 22, 348
W.; mit untersuchenden blicken war ihr auge bey allem, was ich vornahm und redete Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 2, 151; Klopstock
Messias (1780) 259;
ungewöhnlich: bevor der lehrer und seine frau etwa fünfzig kinder untersucht, gelobt, getadelt und bestraft hatten ..., war fast die hälfte der schulzeit vergangen Steffens
was ich erlebte 1, 29;
terminologisch und geschäftsprachlich: ein inventar, soll und haben, die kasse, rechnungen, den bestand an wertpapieren und waaren u.
Holston und Augusta (1780) 278; Bräker (1789) 1, 51; Klinger 8, 45; Hegel 16, 260;
handelsgesetzb. 246, 1;
vgl. mnl. wb. 5, 417 ondersoec
discussion, ondersoeken 5, 419; bey tische wurde ... die harfe und laute untersucht, ob solche noch richtig im tone wären
Holston und Augusta (1780) 35; die kamine, schrift und siegel, die spielhäuser u. Scheffel (1907) 3, 148; Stifter 5, 1, 135; Raumer
Hohenstaufen (1823
ff.) 5, 212;
in künsten, gewerben, handel u. s. w. Krünitz 200, 93
ff.; in der elektrotechnik vérifier, to test Blaschke (1901) 131; etwas durch sachverständige u. lassen. sich u.: erstlich hat man sich wohl zu u., wie Arnold
geheimnisz der göttlichen sophia (1700) 1,
vorr. 4
a; man müszte sich selbst erst ... u., ehe man andre leute tadeln will Gottsched
d. schaubühne 1, 289; wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur äuszere umstände, die ... Göthe 22, 125
W. II@44)
nach etwas fragen, eine frage stellen; vgl. mnl. wb. 5, 418
unten: es meynen einige, es wäre noch zu u., ob es nicht besser wäre, die leichnahme derer in einem treffen gebliebenen zu verbrennen v. Fleming
soldat (1726) 375; warte! ich untersuche. verdienet die göttin Herschaft, oder die göttin Rache, verdient sie den schönsten altar? Klopstock
oden (1889) 2, 78, 21; wer darf zu fragen, wer zu untersuchen sich unterstehen? Göthe
Mahomet 1333; das wollen wir lieber nicht u. G. Hauptmann
einsame menschen 113. II@55)
sich gedanken machen über thatsachen, vorgänge, zweck, berechtigung u. dgl.; syn. bedenken: mein sinn kränckt sich mit den jahren, die von alters her verfahren; er bedenckt und untersucht solcher zeit geschwinde flucht Opitz
bei Fischer-Tümpel 1, 247; ich thu, was man befiehlt, und untersuche nicht
theater der Deutschen (1768
ff.) 2, 157; ich untersuche nicht, ich fühle nur Göthe
Iphigenie 1650. II@66)
ausfindig zu machen suchen; vgl. undersuohton unreht
scrutati sunt iniquitates ps. 63, 7 Heyne
kl. and. denkmäler (1867) 20: so haben wir iedennoch ... nicht unterlassen wollen, bey dieser unserer zusammenkunft mensch- und mögliche mittel zu u.
acta publ. 2, 309
P.; möglichste mittel u. Butschky
kanzlei 905; der staat soll seinen gesammten rechtsvorrath u. und schriftlich aufzeichnen lassen Savigny
beruf unserer zeit für gesetzgebung u. recht (1814) 17; die zwei besprechen sich mit finsterm muth, der rache blutge wege untersuchend A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 244. II@77)
versuchen; mnl. wb. 5, 419 I 2
c: es ist zeyt, dasz wir unsere yetzo langhär verlorne freyheit widerumb zuo erlangen untersuochen Hutten 1, 37
B.; Opitz
bei Adelung 4, 1313; inzwischen musz man nicht lasz werden im gebet und alle sinnliche mittel der endlichen beruhigung zu erlangen u. Harsdörfer
secretar. (1656) 1, V n 7
b.
veraltet. II@88)
synonyme unterscheidungen vom standpunkte des n. sprachgefühls: u., forschen (
dieses erfordert anhaltendere und angestrengtere aufmerksamkeit) Eberhard (1795
ff.) 3, 80; Lyon (1904) 484; u., prüfen (u.
bezieht sich auf die beschaffenheit des gegenstandes überhaupt, prüfen
auf eignung zu bestimmtem zweck) Lyon (1904) 861; Weigand 3, 895; 897. II@99)
substantiviert, meist zu bed. 2:
paupertas sapientiam sortita est, nawe undersocken kompt von armen luyden Tappius
adagiorum centuriae septem (1545) Q 3
a; freiheit im denken, im u. der wichtigsten ... wahrheiten Herder 15, 131
S.; sie sehen, dasz ich ... fortfahre mich aus büchern vorzubereiten, wodurch wir ... im suchen und u. sehr gefördert werden müssen Göthe IV 11, 8
W.; 21, 271
W.; sie sagens auch nur, weil sies gelernt, das untersuchen ist weit entfernt 5, 129
W.; Jac. Grimm
kl. schr. 5, 177; untersuchens werth Ayrenhoff 5, 9;
in einem wort: ob aber die vernunfftswege und mittel ... der kirchen gottes so wohl profitirlich sind, ... wäre wohl zuvor fragens- und untersuchenswert Dippel
anfang, mittel u. ende (1699) 119. —