unsittlich,
adj. adv. ,
gth. v. sittlich.
an. úsiðligr, -liga;
aschwed. osidhliker,
schwed. osedlig;
dän. usædelig.
ahd. unsitulîh, -lîho;
mhd. unsitelich, -lîche;
mnd. onsedelik;
mnl. onsedelijc, -like;
nl. onzedelijk.
im ahd., mhd., mnd. wenig bezeugt, im mnl. reicher entwickelt, bei uns (
bed. 3)
im 16.
jh. gut vertreten, im 17./18.
jh. selten (Stieler, Frisch, Kramer - Moerbeek, Adelung, Schwan
kennen es nicht),
wird u.
durch die popularphilosophie des ausgehenden 18.
jhs. zum ersatz für immoralis, unmoralisch, immoralisch,
franz. engl. immoral (
s. bed. 6)
ausgebildet und gewinnt auf dieser grundlage neues leben. vgl. über-, ursittlich; unsitte,
adj., unsittig, sittenlos. 11)
eine sittlich 1
entsprechende verwendung ist nur ahd. verzeichnet: unsitiliche
in abusione Graff 6, 161 22)
gth. v. sittlich 3 a;
mhd. wb. 2, 2, 326
a; Lexer 2, 1938; Söderwall 2, 176
a;
heute ist in der hauptsache ungesittet
dafür gebräuchlich: das sy in lerung guoter künst und sitten mit den unsitlichen, ungelerten leuten uberwunden werden Boner
Justinus (1532) 7
a; mit barbarischen, groben und unsittlichen völckern D. Federman
Niderlands beschreibung (1540)
vorr. 2
b; unsittlichen, erschrockenen, augensperrigen stierköpffen
Garg. 227
ndr.; es kann sogar sitte sein, dasz man ungesittet, u. und unsittsam ist Fr. L. Jahn (1884) 1, 121; die geheime räthin ... hielt R. für einen 'leichtsinnigen bettler und unsittlichen vagabunden' Raabe
hungerpastor 2 (1864) 123; Pansner
schimpfwb. 74
a; Staub - Tobler 7, 1470. vom grewel der unsittlichen (
unanständigen) ringerung wie auch verhaltung des speichels Guarinonius 941; er klagte über die unsittliche (
unmanierliche, ungalante) sprödigkeit der Deutschen Brentano
Godwi (1801) 2, 203;
im scherz mit bed. 6
gemischt: glaubst du ... dasz das ungeheuer von einer so unsittlichen natur sein sollte, unsern einzig geliebten sohn mir nichts dir nichts aufzufressen? Tieck 11, 241; nie ward ein unsittliches, ja nur ein unschickliches wort vernommen Holtei
vierzig jahre 1, 386; G. Keller 1, 86;
heute schwebt uns dabei zuerst bed. 4
vor; vgl. 3. 33)
ungehörig, unziemlich, falsch, unpassend, sündhaft, abgeschmackt, ungereimt u. ä.; vgl. sittlich 3 b;
auch hier ist bed. 6
zunächst fern zu halten: unsitilih freuuida
inepta laetitia Graff 6, 161; es ist u., einem reichen bösen menschen mehr zu schencken als einem armen frommen mann geneigt zu sein Lehmann
florileg. 3, 188; für uns ist ... diese ganze seelenwanderung u. Herder 15, 299; es ist eine unsittliche erfindung der alten, dasz die lorber vor den donnerkeilen Jupiters schützen Sonnenfels (1783) 3, 522; die unsittliche forderung, dasz der geburtsadel auf seinen schatz unwürdig verzicht thun sollte Göthe IV 23, 244
W.; vom unsittlichen ab- und zum sittlichen hinleiten 40, 300
W.; leicht zu bed. 2
u. 4
hinüberschlagend: die extemporirten hanswurststücke waren dumm und u. Nicolai
reise 4, 572; Knigge
umgang m. menschen (1796) 1, 119; E.
M. Arndt (1892) 1, 38; mit einem manne vor den leuten scherzen, das ist ihnen u. O. Ludwig 3, 476. 44)
in beschränkung auf das geschlechtliche; vgl. sittlich 2
am ende, sittlichkeit 4, unsitte 3 a;
nl. wb. 10, 2227.
noch nicht bei Campe,
aber bei Krünitz 199 (1849), 266, 1: allein die gemählde ... stellten so schlüpfrige und unsittliche gegenstände vor, dasz ... Wieland
Agathon (1766) 2, 51; ein unsittlicher boccazischer schwank Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 95; ein unsittlicher lebenswandel Peschel
völkerkunde 9; zumutungen
handelsgesetzb. 71
u. s. w.; ein unsittlicher mensch, bücher Krünitz; etwas unsittliches, zotenhaftes Göthe IV 30, 114
W.; Scherer
litgesch. 222; aber auch die gedichte dieser Marie von Frankreich sind weder u. noch langweilig J. Grimm
kl. schr. 4, 145.
ältere stellen (das sittliche und unsittliche studentenleben Liscow [1739] 812)
sind wohl eher nach bed. 2/3
zu verstehen, jüngere durch bed. 6
beeinfluszt: kann denn aber wohl etwas unnatürlicher und zugleich unsittlicher seyn als seine kinderliebschaften? A. W. Schlegel
Athenäum 1, 155; J. H. Voss
antisymb. 2, 233; die unsittlichsten schilderungen Hegel I 10, 69, schriften Holtei
erz. schr. 22, 64; wie man ... ersieht, beschränkte sich die rüge des censors nicht blosz auf eigentliche unsittlichkeiten, sondern sie erstreckte sich auch auf handlungen, die sich mehr als unverständige, denn als unsittliche bezeichnen lassen Jhering
geist d. röm. rechts 2, 1, 50; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 191. 55)
individuell bei Göthe '
der selbstbeschränkung ermangelnd'
als gs. von sittlich = '
innerhalb der grenzen der moralischen weltordnung' Boucke
wort u. bedeutung in Goethes spr. 120;
vielleicht von bed. 6
noch unabhängig: Antonio. unsittlich wie du bist, hältst du dich gut?
Tasso. viel lieber was ihr euch unsittlich nennt, als was ich mir unedel nennen müszte
Tasso 1365;
synonym mit frech
in Göthes sinne: frecher und gehaltener, geistreicher und verwegener, unsittlich-sittlicher war mir kaum etwas vorgekommen (
als Rameaus neffe) 35, 181
W.; Boucke 75
f.; an miszwollend
reichend: neid und widerwille
als phänomen der unsittlichen welt II 6, 144
W.; Boucke 122. 66) sittlich 2
und 3 b
entsprechend, im sinne der popularphilosophie. a)
auszermoralisch (sittlich 2),
nichtmoralisch (moralisch 3, unmoralisch
am ende),
ungeistig; aber nur undeutlich entwickelt ('
in der weiteren bed., wo das gute oder böse unentschieden bleibt, ist es nicht gewöhnlich' Campe): verhältnisse, von denen er weder einen sittlichen noch einen unsittlichen (
vgl. sp. 26, 3), sondern gar keinen begriff hatte G. Keller 5, 105.
ästhetisch: wesentlich ästhetisch u. ist nur das wirklich schlechte
F. Schlegel
jugendschr. 1, 155
M.; vgl. poetische arbeiten, die über dem sittlichen und sinnlichen schweben Göthe
th. 10, 1, 1268; Göthe
zieht unmoralisch
vor: der gewöhnliche moralische maszstab kann ... sehr unmoralisch auftreten (
bei beurtheilung der wahlverwandtschaften)
gespräche 2, 292
B.; man könnte ein solches genie, das innerhalb des schönen bleibt, ein moralisches nennen, weil es eben das thut, was das moralische wesen thut, innerhalb der pflicht oder des moralischen gesetzes zu verbleiben. die anderen, insofern unmoralische, wohlgemerkt! nicht unsittliche
gespräche 2, 267
B. (
vgl. bed. 5);
doch nennt er in diesem sinne Byrons Don Juan das unsittlichste, was jemals die dichtkunst vorgebracht 41, 249
W.; die sogenannten unsittlichen (
s.b) stoffe
sind im höheren poetischen sinne nicht u. IV 12, 362
W. ein unsittliches gedicht (
nicht moralischen zwecken dienend) J. J. Engel 2, 64. b)
gs. v. sittlich 3 b,
dem sittengesetze widerstrebend (
vgl. sittlichkeit 3): denn im letzteren falle wäre sie (
d. gesinnung) nicht moralisch und also auch nicht der ganzen glückseligkeit würdig, die vor der vernunft keine andere einschränkung erkennt als die, welche von unserem eigenen unsittlichen verhalten herrührt Kant 3, 528, 12; es setzt ... leidenschaft voraus und ist daher in diesem sinne ein menschlich allgemein ungültiges,
d. h. unsittliches Stifter 14, 6; die ungerechtesten, für uns unsittlichsten allgemeinsätze Herder 15, 548, gewohnheit Wieland I 3, 70, leidenschaft
Agathon 1, 273, anmaaszung Herder 22, 321, verkehrtheit des herzens Brinckmann
ansichten (1806) 88, macht O. Ludwig 5, 169, eine an sich unsittliche handlung; eine so unsittliche mischung von verschlagenheit, feigheit, hochmuth, falscher devotion Ranke 1, 328; jedes herausgeben aus dem besiz ohne ersaz und ohne sicherheit, dasz der empfangende in lösung der vernunftaufgabe begriffen sei, ist u. Schleiermacher III 5, 193; S., dessen milde jener als leichtsinnig und u. verwarf Treitschke
aufsätze (1886) 1, 127; nur der freie mensch kann u. sein Stahr 2
monate in Paris 2, 160. 77)
der heutige allgemeine gebrauch hat bed. 6
mit mehr oder weniger hervortretendem einschlag von 2, 3, 4
zur voraussetzung: der unsittliche zustand des menschengeschlechts G. Forster 9, 80; eine höchst unsittliche übereilung Caroline 1, 281
W.; dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche wesen Hauff 3, 225, 15; mittel
F. Schlegel 2, 18, plan Ranke 14, 167, motiv Riehl
d. arbeit (1861) 157, absicht O. Ludwig 5, 311, betrug G. Keller 4, 59, verhalten
bgb. 1568, zwecke
schweiz. zgb. 52; das unsittliche ihres wandels (
der Helena) Göthe 48, 109
W.; etwas schlechtes und unsittliches Steffens
was ich erlebte 10, 23; das faule, undeutsche, unsittliche Häusser
d. gesch. 3, 203; das sittliche und unsittliche,
gute u. böse Peschel
völkerkunde 294; so z. b. erklärte
N. selbst ... dieselben familienfideicommisse für schädlich, u. und unvernünftig Savigny
beruf unsrer zeit f. gesetzgebung u. recht 56; wie u. ist der ton in dieser gesellschaft, wie unanständig, wie wenig einer vernünftigen erziehung gemäsz Krünitz 199, 267; das ganze christentum war vom standpunkt der antiken welt aus entschieden u. Lange
gesch. d. materialismus 512; ein roheitsakt ..., jedenfalls unsittlicher als manches, was dafür angesehen wird Fontane I 4, 390; niemals hat sich die alte wahrheit, dasz kaufmannspolitik die unsittlichste von allen ist, so grell gezeigt wie in diesen jahren Treitschke
d. gesch. 5, 63.
dazu unsittlichkeit, f., mangel u. gth. d. sittlichkeit.
mnl. onsedelijcheit,
nl. onzedelijkheid,
dän. usædelighed,
schwed. osedlighet.
bei uns erst seit der 2.
hälfte des 18.
jhs. entwickelt; Kramer-Moerbeek, Adelung, Schwan
kennen es noch nicht. unsittlich 2, sittlichkeit 2
entsprechend: die bestrafung von u. (
aber das geschlechtliche ist hier nicht ausgeschlossen) ... vollstreckt die oberdirection
schr. d. Göthegesellsch. 6, 49; ich fürchte, dieser (
jüdischdeutsche) jargon hat nicht wenig zur u. (
unangemessenheit, mangel an geistig - sprachlichen fähigkeiten) des gemeinen mannes beygetragen
M. Mendelssohn (1843) 1, 26;
vgl. unsittlich 3;
veraltet. nach unsittlich 3: die allgemeinen urtheile über ihre sittlichkeit und u. in ansehung unbestimmter örter und personen J. Möser 4, 30;
veraltet. wie unsittlich 4, sittlichkeit 4: diesz giebt eine traurige aussicht auf ausschweifungen und u. Nicolai
reise 6, 562; durch die u. der nonnen vermehrten sich die einkünfte der päbstlichen kammer Zimmermann
einsamkeit 2, xxviii; E.
M. Arndt (1845) 3, 39; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 490; Scherer
kl. schr. 1, 432;
eine bestimmte unsittliche handlung, absicht u. dgl.: der umstand ..., dasz der eigentliche mittelpunkt der handlung (
im Figaro) eine u. ist O. Jahn
Mozart 4, 204; ich dulde keine u. in meinem hause O. Ludwig 3, 476;
plur.: unsittlichkeiten Immermann 5, 25
H.; unsittlichkeitsbücher
grenzboten 69, 599.
wie unsittlich 6, sittlichkeit 3: die u. dieser ethik, eines verhaltens, einer handlungsweise, einer person; des dargestellten A. W. Schlegel 9, 106; symbolische u. J. H. Voss
antisymb. 1, 402; allerdings geht eine philosophie aus ihrem zeitalter, und wenn man seine zerrissenheit als eine u. begreifen will, aus der u. hervor Hegel 1, 278; so manche von unsern institutionen ... sind doch auf u. gegründet Auerbach 1, 26.
wie unsittlich 7/6: u., das handeln eines menschen nicht nach der vernunft und dem sittlichkeits gefühle, sondern nach seinen leidenschaften und sinnlichen begierden. die u. bezieht sich daher nicht auf
eine leidenschaft, sondern auf alle, welche gegen das sittlichkeitsgefühl und gegen den anstand sind, welche das feine gefühl verletzen Krünitz 199, 267; künste und wissenschaften, die ... die unvernunft und u. stärken, verschleiern, schmücken, beschönen, sollte man brutalisirende künste und wissenschaften nennen Herder 17, 154; unter u. verstehen sie (
die tugenddragoner) immer nur sexuelle, als ob es keine andere, schlimmere gäbe Holtei
erz. schr. 22, 62; Bauernfeld 3, 265; Scherer
litgesch. 167; u. des wuchers
handwb. d. staatswiss. 5, 436, unserer gesellschaft R. Wagner 4, 52; das gefühl der tiefen u. der rheinbündischen dinge Treitschke
aufsätze (1886) 1, 153;
plur.: seine vorigen unsittlichkeiten Lavater
verm. schr. (1774) 2, 202. —