ungebühr,
f. (
n.);
nicht späte rückbildung aus ungebührlich (
ob. sp. 7),
sondern mit gebühr (
s. th. 4, 1, 1, 1882)
alte zusammenhänge theilend. davon zeugen unburt Götze
frühnhd. gl. 123
a,
das erneuerte ungebürde Rückert 2, 261,
das vollere ungebüre
M. Beuther 1589
vorr. 2
b, Lenau 209.
das neutr.: ein ungebür uben Guarinonius 205; Albertinus
Luc. 4, 23
neudr.; Lehman
flor. 1, 155; zum ungebühr ertappet Göchhausen
not. 323; Sanders
erg. 122
c. unbür Handel-Mazzetti
Stephan. Schwertner 151, 175.
der von Adelung
geleugnete seltene plur.: mit ungebühren Gries
ras. Rol. 4, 20; freud' an ungebühren Rückert 5, 217; Herwegh
ged. e. leb. 164; Dahlmann
Dän. 2, 41, 6.
vgl. ungebührlichkeiten.
zur beurtheilung aller formerscheinungen s das grundwort. vgl. ungebührlichkeit,
ungebührnis.
von der sprachkritik des 18.
jhs. miszachtet. '
die ungebühr
wird im hd. nur noch in der redensart zur ungebühr,
d. i. mit unrecht, gebraucht' Heynatz
antib. 2, 320. 11)
gegentheil von gebühr 2 c,
zahlung, die zu empfangen einem nicht zusteht: ersatz einer empfangenen ungebühr v. Alten
handb. 3, 416.
auch lästige abgabe Staub-Tobler (1619) 4, 14. 1531.
vgl.ungelt.
nicht häufig. 22)
gegentheil von gebühr 3,
was einem sittlich oder rechtlich, nach recht und billigkeit nicht zukommt. syn.: unfug, unbill, unfuhr.
das neuere sprachgefühl mischt oft sich gebühren
ein: ist kein sünd oder ungebür so grosz, drinn nicht der teuffel führ Kirchhof
wend. 2, 233; wer nicht so gros die ungebür, dis buch käm nicht herfür Fischart
reveille 73, 3
Kurz; je mehr die buben sauffen, je mehr sie unlust und ungebür mit schlagen und rauffen unter sich anrichten werden Schütz
Preuszen 1,
B 2
a.
von verfehlung durch worte (
vgl. ungebührlich
in den weistümern): einst mit rauher ungebühre sprach ihm eines was zu leid Lenau 209;
allgemeiner ungebühr vor gericht: personen, welche sich in der sitzung einer u. schuldig machen
gerichtsverf. ges. § 179; Judith ... zu verhoffter u. verleiten Harsdörffer
secr. 2, 22
wie Schiller 14, 297, 550 (zu frecher u. miszbrauchen
Tell 1, 4);
milde für zoterei Heine 3, 233; Gerhard
ak. abh. 2, 319; feindes schreiben in kriegsläuften aufzufangen, ist keine u. Buchholtz
Herk. vorr. vii;
schmach: zu sondern jhrem ruhme oder verweiszlicher ungebüre
M. Beuther 1589
vorr. 2
b; Abele
unordn. 4, 251;
beleidigung Zend. a Zendoriis 684; ihm (
dem starrköpfigen, der unrecht hat, aber es nicht einsehen will) seine u. in den busen treiben Hohberg 1, 33; u. oder unrecht Henrici 1, 13; die u. rächen Pfeffel 8, 44; eine u. begehen, begehren, einer u. beschuldigen Kramer, Adelung; dumpf brüllten sie, als hätten sie gefühl der ungebühr Schiller 14, 295 (
Tell 1, 4); thätliche Meyr
a. d. Ries 3, 374; parlamentarische Roon
denkw. 2, 239; scheinbare (
verunglimpfung) Pückler
briefw. 3, 316; durch gräuliche ungebühren (
beeinträchtigungen) der deutschen kaufleute Dahlmann
Dän. 2, 41, 6; gegenüber der u. der armeen François
Reckenburg. 1, 171.
schwächer und äuszerlicher: abstellung einzelner ungebühr Varnhagen
tageb. 1, 152; hiedurch (
durch seine behauptung) begeht er u. Schopenhauer
briefe 414;
zu rasches fahren Auerbach 12, 4.
kommt mehr der zustand oder die beurtheilung als der inhalt der handlung in frage, so ziehen wir heute ungebührlichkeit
vor; doch auch das bezeichnet ungebühr: der sachen u. vorstellen Adelung.
wie beim grundwort ist der gesichtspunkt der schicklichkeit, sitte, wohlanständigkeit, des sich gebührens (
vgl. 3)
von dem der sittlichkeit und des rechtes nicht immer zu trennen. alterthümelnd: also zu steuern solchen ungebühren Herwegh
ged. e. leb. 164. 33)
gegentheil von gebühr 4: kein ungebühr soll dich von mir, mein trautstes kind, betrüben Neumark
fortgepfl. lustw. 391; dem herausgeber seine u. mündlich oder schriftlich verweisen Göthe IV 27, 185
Weim.; bitte sie ... wegen aller meiner u. um verzeihung Bismarck
br. a. s. braut 175.
wie unfug
veräuszerlicht und auf 2
zurückweisend: im wirthshaus leidet man alle erdenckliche u. Abr. a St. Clara
etwas f. alle 1, 623; ein haufen vermummter ... hat heut in den gassen u. geübt Freytag 11, 21; 1, 151. ungebühr der zeit
der umstand, dasz die zeit eigentlich sich nicht gebührt, nicht paszt Brentano 6, 260.
für ungebührlichkeit Gutzkow 12, 399.
wortspielerisch die gebühr der u. Bastel v.
d. Sohle 15. 44)
reichliche präpos. verbindungen (
vgl.gebühr 5)
bestätigen und runden die unter 2
und 3
entwickelten bedeutungen ab. bes. zur ungebühr;
schmählich: damit der feind durch diese mittl dir nicht vorehr ein plotzen kittl, noch etwa sonst zur ungebür dich in ein gros betrübnis führ Ringwaldt
lauter warheit 72.
im engern sinne von der verletzung der weibesehre: fremder weibes-personen zur ungebühr begehret Opel-Cohn 301; Abr. a St. Clara
Jud. 3, 272;
vgl. 2
und in u. begehren, stehen.
widerrechtlich: mein kleid, so er mir zur u. arrestiret Schweinichen 121; zur u. (
ungebührlich) gescholten Corvini
fons 253; ob er schon .. mit solchem ehren-titul z. u. beleget wird Hahn
staatshist. 1, 242; so er in seinem geheege zum u. (
bei widerrechtlicher that) ertappet Göchhausen
not. 323; zölle ... zur u. entstanden Alexis
Woldemar 3, 205.
unrichtig: wiewol man aus eben den zeitungen, jedoch zur u., erfaren
zeit.-lust 24; Wieland 5, 179
Hempel; nhd. mengen wir beide thauen z. u. J. Grimm
kl. schr. 3, 126.
unbilligerweise Opitz (1690) 1, 74.
unverdient: z. u. vergessen E. Th. A. Hoffmann 4, 91.
unschicklich Voss
ged. 6, 174.
verunglimpfender, höhnender unfug wird gemeint: da wird ... von gedungenen buben unter den fenstern des fürsten z. u. victoria geschossen Görres 3, 345.
während alle diese verwendungen heute ziemlich unüblich geworden sind, erhält sich bis zur u. (z. u.)
in der bed. ungebührlich, in ungebührlichem übermasz, unverhältnismäszig: du schmähst zur ungebühr Lessing 1, 188, 32; er wird z. u. nicht strenge sein Rabener 3, 153 (
beides würden wir nicht mehr sagen können); zur höchsten u. Heilmann
pel. krieg 90; bewegt, geängstigt und zerrüttet seit drei jahrhunderten sind alle völker z. u. Arndt 2, 147; vielleicht dasz die .. sinnesart .. diesen hang ... bis z. u. nährte und steigerte Schreyvogel 1, 2, 15; dasz ihr schnabel ... sich .. zuweilen z. u. biegen mag, ist nicht unwahrscheinlich Naumann
vögel 7, 538; so würden wir die grenzen dieses artikels bis zur u. überschreiten Nitzsch
d. stud. 74.
veraltet in u.: ihr (
eines weibes) in u. zu begehren Hartmann
fluchsp. 167; mit welchem sie in u. zuhielte A. U. von Braunschweig
Oct. 1, 558.
alterthümelnd: von eines herzogs wegen, mit dem sollte sie in u. stehen Grimm
sagen 2, 98; in u. kleiden Prätorius
anthrop. 1, 284.
mit: dasz sie nicht fiel mit ungebür
griech. dram. 1, 221
Dähnhardt; mit grober ungebühr Zesen
rosentahl 96; doch sie betrug sich gegen ihn mit .. ungebühren Gries
ras. Rol. 4, 20; und wieder rüttelt an der thür der hauch der glut mit ungebühr Keller 9, 246.
ohne: und dasz er könnt' auf allen wegen streichen, für seine hohe würd' ohn' ungebühr Gries
ras. Rol. 1, 224. —