ungebildet,
part.-adj. adv. ,
nicht gebildet.
mhd. ungebildet;
mnl. ongebeeldet;
nl. ongebeeld;
schwed. obildad.
selten in maa.; z. b. lux. 314
b.
in den bedeutungen 1. 2
geht die wortbildung von bild,
bei 3. 4. 5.
vom verb. bilden
aus, in 5
spielt sogar bildung (
th. 4, 1, 1, 1773)
hinein; der neuere begriff der '
entwicklung', '
bildung', '
form'
setzt sich erst in der 2.
hälfte des 18.
jhs. durch. für inform Voigt
geschäftsf. 2, 29. 11)
in myst. philosophie imaginum expers. vgl. unbildlich,
bildlos: ûf dem ungebildeten bilde, daʒ got ist
myst. 2, 646, 15; enen ongebeelden ledegen grond Ruusbroec
mnl. wb. 5, 509; alsoo lange als hi onghebeelt is
ebd.; in onghebeelden ghesichte
desgl.; dazu ongebeeltheit.
abgestorben. 22)
nicht mit bild geziert. gegensatz gebildet (
th. 4, 1, 1, 1772) 1; Staub-Tobler 4, 1200;
nl. ongebeeld
ungeblümt, glatt: tücher gebild- und ungebildet Kramer (1700) 1, 109
b; ungebildete sonne
in der wappenkunde heiszt eine sonne ohne das menschengesicht, überhaupt ohne rand in der mitte Siebmacher - Gritzner 110; Krünitz 196, 236; Querfurth 164. ungebildete sterne,
die in kein sternbild einbezogen Krünitz
a. a. o.; zeichen Zedler 49, 1383.
nur terminologisch. 33)
ineffigiatus, male effigiatus, nicht gestaltet, ungeformt; ungeboren: gott wil ungebildet und ungemacht von uns seyn, wie das erst gepot lauttet Luther 10, 1, 1, 533
Weim.; zu ungebildeten antlitzen, zu höckrichten leibern Lohenstein
Arm. 2, 638
a; stein Lessing 15, 77, 15; Staub-Tobler
a. a. o. 2; staub Wieland I 1, 10; materie A. G. Kästner 2, 5; laven Forster 3, 20; thon Krünitz.
also hier wie später in weitem abstande von miszgebildet. darum durften sie sich auf der welten furchtbaren schauplatz, noch ungebildet, so bald hervorzutreten nicht wagen Klopstock
Mess. 1, 675; ihr ungebildeten! seid mir voraus gegrüszt Reichel
Bodmerias 17. 44)
unausgebildet im sinne der entwicklung, unentwickelt, primitiv, rudimentär, grob, roh u. dgl.; nicht = miszgebildet
th. 6, 2278: eine ungebildete geburt
mola, informis foetus Frisch 1, 64
c; menschen von miszbildeten, verstimmten oder von ungebildeten, groben organen Herder 22, 116; sprache 17, 289; volk 5, 160; thiere Göthe II 8, 239, 2
Weim.; cotyledonen ... nur grob organisiert und ungebildet II 6, 35
Weim.; jahrhunderte 45, 176, 25
Weim.; ohr Gerstenberg
rec. 333, 9
neudr.; künste Adelung
mag. 2, 4, 6; kenntnisz fast aller gebildeten und ungebildeten sprachen der erde Gutzkow 4, 169,
aber zugleich sprachen gebildeter (
vgl. 5)
und ungebildeter völker bezeichnend; hörer O. Jahn
Mozart 2, 355; eine technik hat jedes recht, auch das ungebildetste Jhering
geist 2, 2, 416.
gelegentlich auf körperliche ausbildung beschränkt Hannov. mag. 1788, 1355.
ganz allgemein: auch die unfolgsamste, ungebildetste seele (
vgl. 5), ehe sie die bahn des lebens betritt, führt sie ihr bildender engel umher Herder 26, 344; das ungebildete wilde 13, 247;
verbal: was sogar die frauen an uns ungebildet zurück lassen, das bilden die kinder aus, wenn wir uns mit ihnen abgeben Göthe 23, 81, 1
Weim. subst.: für den techniker liegt weniger der begriff des massigen ungebildeten in dem worte (
massiv), als der des unverbrennlichen Schönermark-Stübner 623.
zu 5
übergehend: je unaufgeklärter, ungebildeter ... die denkungsart Adelung
lehrg. 2, 208; dasz ungebildete menschen, kinder eine grosze vorliebe für lebhafte farben empfinden Göthe II 1, 56
Weim. 55)
gegensatz zu gebildet 3,
von personen und sachen, bezogen auf geistig - sittliche (
ästhetische, künstlerische u. s. w.)
bildung und veredelung, auf bildung cultus animi, humanitas (
zeitschr. für d. wortf. 10, 4);
abgeschwächt bezogen auf äuszeres verhalten, gesellschaftliche formen, gute lebensart, höflichkeit, richtiges sprechen und ähnliche (
nach dem oft wechselnden bildungsbegriff, nach stil, gelegenheit u. s. w. verschiedene)
gesichtspunkte. th. 2, 15, 5;
th. 4, 1, 1, 1772, 3.
zur begriffsbestimmung: ungebildet musz jeder mensch, jedes volk heiszen, dem es ... an .. grundsätzen fehlet Herder 16, 25; jeder ungebildete mensch ist die karikatur von sich selbst
F. Schlegel
Athen. 1, 2, 17; keine bildung habend Campe; ungebildet seyn, noch nicht den grad der kultur besitzen, der sich für das gesellige leben eignet ...
es heiszt hier nicht roh seyn (
vgl. 4) Krünitz 196, 233. 234; gelehrt, aber ungebildet.
zur altersbestimmung diene, dasz Kramer - Moerbeek 1768, 374
a ungebildet
nur als ungeblümt,
enkel, simpel, ongevormd kennt. Campe (
natürlich hat das adj. in verbalem gebrauch seine vorstufe: die matrone lehret die noch ungebildeten herzen mit lehren der tugend J. Fr. W. Zachariä 5, 42; von Homer bis auf .. Longin ist ihren,
der Griechen, besten schriften ... eine so reizende cultur der seele eingeprägt, dasz ... sie auch uns kaum ungebildet lassen mögen Herder 17, 151): ich war, nach menschen weise, in meinen namen verliebt und schrieb ihn, wie junge und ungebildete leute zu thun pflegen, überall hin Göthe 27, 103
Weim.; vgl. 2, 257
und junger gemeiner u. kater E. Th. A. Hoffmann 10, 159; nur dem ganz ungebildeten zuschauer kann ein kunstwerk als ein naturwerk erscheinen Göthe 47, 262
Weim.; in einer ungebildeten gesellschaft 23, 140; nicht allein der ungebildete, sondern auch der durchaus reingebildete, natürliche mensch IV 28, 179; betragen IV 28, 78; beide (
Piccolomini und Wall. tod) sind in jamben geschrieben, deren wirkung durch das ungebildetere sylbenmasz des vorspiels vorbereitet und erhöht wird 40, 7
Weim.; Bohner 76; geschmack Gerstenberg
rec. 272, 18
neudr.; so ungebildetes zeug Hauff 3, 51, 29; standpunkt Hegel 2, 22; der ungebildeten wie der überbildeten menschen Dahlmann
Dänem. 1, 78; man mache sich nur eine deutliche vorstellung, wie Frankreich damaliger zeit noch u. war Laube 4, 140; sehr u. Campe; eine recht u. frau Raabe
hungerp. 1, 25; erst im 14. jh. galt es für u., nicht von einem geistlichen eingesegnet zu sein Freytag 18, 65; ich find' es unpassend und u., dasz er den jungen menschen mitbringt Fontane I 5, 12.
adv.: ein deutscher vers konnte gebildet oder u. klingen Scherer
litg. 65; papa spricht immer so unjebildet Hauptmann
biberp. 15 (
vgl. viel elegante kinder Israels nebst schickserl feixten sich da sehr 'göbüldet' an L. Richter
lebenser. 581
volksausg.). Pansner
schimpfwb. 73
a.
subst.: ungebildete Göthe 29, 147
Weim.; un- und halbgebildete III 13, 68
Weim.; ungebildete und verbildete Bauernfeld 3, 206; das ungebildete Fr. Schlegel
Athen. 1, 56; Hölderlin 2, 12. —