umwerfen,
vb. ,
trennbar. AA.
transitiv. A@11)
herum-, umherwerfen: umbewarf er daz sahs, den hals er ime abesluoc
Rolandslied 307, 3
Gr.; als man die spise in dem munde wirffet um her und dar Tauler
predigten 294
Vetter; eyn ider, de tom dantze gefordert, schal sick ... des ummewerpendes entholden (1450)
bei Schiller-Lübben 5, 14; wenn well und sturmwind es (
das schiff) bald tief, bald in wie einen ball umbwirfft die höh Lohenstein
Ibrahim sultan (1680) 33;
uneigentlich: ummwerfet ewre augen an alle örter der welt Grünbeck
spiegel der sehungen a 3
a; fieng ... an, mit allerhand unbekanten namen und kunstworten umzuwerffen
Sorel leben des Francion (1662) 58,
wie '
um sich werfen'; er wirft gedanken in sich um Göthe 39, 329
W. A@22)
in eine andre, die entgegengesetzte richtung, lage wenden: also warp Hollant de haken umme (15.
jh.)
städtechron. 16, 375,
so viel wie '
kehrt machen'; darum er eilends sein gesicht umwarf und ersach die gross not Maximilian
Teuerdank 143
Göd.; '
umblättern': daz er (
der esel) die bleter deste baz gelernde werfen umbe Stricker
Amis 239; (
Jesus) thett es (
das buch) uff und warff die bletter umb ... und suocht dorin Keisersberg
postill (1522) 2, 57
a; mit jedem neu umgeworfenen blatt der weltbegebenheiten Herder 23, 258
S.; im sinne von '
umbiegen': (
die) rückenfläche des schulterblatts ist ... gewölbt und ihre ränder meistens umgeworfen Sömmerring
bau des menschl. körpers (1839) 2, 155;
die verbindung das pferd umwerfen
rechnet vornehmlich hierhin: der graue daz ros umbewarf
bei Diemer
deutsche gedichte 221; das er den gaul umbwarff und eilends davon ritte Ulenberg
kurtze chronick (1586) 510
b;
sich 1
nähernd: warf er sein pferd mit hohen sprüngen umb vor der künigin, ir zu dienst und gefallen
rock Christi (1512) 27;
gyros dare ein rossz hurtig umbwerffen Frisius (1556) 438
a;
uneigentlich, '
von grund auf umgestalten': das (
komödienhaus) er gänzlich umgeworfen und geräumlicher und schöner eingerichtet Lessing 18, 47
L.-M.; besonders von geistesschöpfungen: umwerfen musz er (
Pope) die worte, er musz umschreiben Herder 3, 13
S.; ich habe schon verschiedene kapitel ganz umgeworfen Winckelmann
s. w. (1825) 11, 512; es umwerfen an
im sinne von '
sich verlegen auf': swâ den gebrichet an der kunst, seht, dâ tuont si niht mê, wan daz siz umbewerfent an ein triegen Walther v.
d. Vogelweide 83, 23.
wohl elliptisch zu fassen ist umwerfen
in der waidmannssprache für '
plötzlich eine andre richtung nehmen, sich umwenden': s' stuck hat umgworffe, wie 's 'n schützn desegng hat Schmeller-Fr. 2, 994;
vgl. Behlen
jagdkunde 6, 110. A@33)
zu boden werfen: deicere abwerffen, umbwerffen, niderwerffen Frisius (1556) 380
b. A@3@aa) (
er begann) ouch sinen tempel soren (
vernichten), umwerfende zustoren
Daniel 8020
Hübner; des rades kumpane vangen unde ummeworpen hebben
quelle bei Schiller-Lübben 5, 14; (
ein freund hat mir) grossenn schaden than, die maur umbgeworffen
urkunden zur gesch. Maxim. I. 313
lit. ver.; ein groser eichbaum, der ward von dem wind umbgeworffen in ein weyer Pauli
schimpf 120
Österley; mit gemeldten hacken dieselbigen leitern wider umbwerffen und reiszen oder zu sich ziehen Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1, x 3
a; (
die nachtraben) viel bösen unfugs pflegen und umbwerffen bänck und schrägen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 247; die (
katze) mir vor tausent thaler gläser auf einmal umbwürffe Chr. Weise
erznarren 105
ndr.; (
er) warf sechse um (
beim kegeln) Meyr
erzählungen (1868) 3, 284; das (
kind) sein hund umgeworfen hatte Blunck
sprung über die schwelle 180. '
zerstören, vernichten': da sie ... die stadt angezundt, umbgeworffen Xylander
Polybius (1574) 232.
häufig ein fahrzeug umkippen: ettliche haben den wagen umbgeworffen, aber die pfärd sind gesund heim kummen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 156
ndr.; der märbock ... syhet uff der fischer nächlin, schwymmet ... darzu und würfft sye umb Eppendorff
Plinius (1543) 129; ein gaul, der den karren hat umbgeworffen Fischart
Gargantua 198
ndr.; so sey er auch im 70. jahr seines alters in einer carosse umgeworffen, geschleifft Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 171; warf der ungeschickteste aller fuhrknechte den wagen um Göthe IV 27, 121
W.; als ob die grosze vom dampfschiff herkommende welle uns umwerfen wolle Fontane
ges. w. I 5, 131. A@3@bb) jemand umwerfen
ihn bettlägerig machen, töten: das heutige wetter hat mich ganz umgeworfen und hält mich streng zu hause fürst Pückler
briefwechsel 3, 346; er ist kränklich, der geringste verdruss könnte ihn umwerfen Caroline 1, 25
Waitz; ein elender gran arsenik wirft sie (
die weiber) um Schiller 3, 502
G.; bildlich, vom alkohol, wie '
köpfen': der wein hat ihn umgeworffen
il vino l'hà atterato cioè gettato per terra Kramer 2 (1702) 1333
c; und wirft er (
der wein) uns auch manchmal um, was schadts? Stephanie
d. j.
s. singspiele (1792) 177;
einen menschen geistig bezwingen, seelisch niederwerfen: so uns der (
gott) enthaltet, wer wil uns umwerffen? J. Adelphus
enchiridion (1520) g 1
b; den hat er (
der teufel) bald umbgeworffen Luther 34, 2, 376
W.; (
musste die aus russischer kriegsgefangenschaft heimkehrenden) der erste anblick des gleichsam für immer geschlagenen Deutschlands nicht einfach umwerfen? Dwinger
wir rufen Deutschland 5. A@3@cc)
unsinnlich, '
über den haufen werfen, zu fall bringen, vernichten': da mag kein predig ... sovil auffrichten, als ein hurenpfaff umbwirft durch teglich beywonung Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 32
ndr.; dieser glaub bestehet ..., und mag yhn keyn ding umbwerfen Luther 10, 1, 1, 131
W.; Martin Luther ... die fürnemligsten hauptstuck unsers glaubes ... angefochten, doch nit hatt mögen ... umbwerffen Diettemberger
wider Luthers miszbrauch der mess (1526) a 1
b; die leichtfertigkeit macht auch ein guten handel ungerecht, wirfft offt ein guten umb Paracelsus
chirurg. schr. (1618) 142; der sprachfall oder tohn war in leuchtet ... gantz ümgeworfen und wider der sprache natur Ph. Zesen
Helikon (1656) 1, 115; wenn das justinianische und canonische recht umgeworffen würde Thomasius
ernsthaffte gedancken (1720) 2, 196; dasz dies eine geschichtchen sein ganzes system der hierosophie aus münzen umwerfe Herder 3, 431
S.; um ein ungerechtes testament umzuwerfen
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 2, 279; er kann pabst und clerisei, Rom und die gesetze gottes umwerfen Tieck
schr. (1828) 20, 359; diesen zustand der einigung warf ... (
er) um Dahlmann
gesch. von Dännemark 2, 154; (
die hofpartei) warf ihn (
den plan) um Dahlmann
franz. revolution (1845) 210; (
als) die hannoversche regierung das staatsgrundgesetz eigenmächtig umwarf Allmers
marschenbuch 156; der ablaszkram, die seelmessen, die messopfer ... umgeworfen, und ausgefegt ist die ganze sache W. Löhe
evangelienpostille (1848) 2, 185
b; dieses reich ward von eben den legenden aus im religiösen und politischen, was das innere Deutschland angeht, umgeworfen Gervinus
gesch. der deutschen dicht. (1853) 2, 254; eine vollkommene anarchie hatte die ordnung der polizei und regierung umgeworfen Häuszer
deutsche gesch. (1854) 1, 173; ein abgang ohne effect, ohne herausforderung zum applaus kann einen act umwerfen Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 236. A@3@dd)
elliptisch und weiterhin intransitiv: der fuhrmann hat umgeworfen,
ausgehend von den unter a
angeführten belegen: were ok, dat lude mit wagenen edder mit karen uppe bruggen edder anders wor ummeworpen (1403)
bei Schiller-Lübben 5, 14; die untrüwen fuorlüt ... manend den nachfarenden nit, sunder sprechend ...: der muosz als wol umwerfen als ich Zwingli
deutsche schr. (1828) 1, 330; wer wol fehrt oder gar umbwarff Rollenhagen
froschmeuseler (1595) v 5
b; solten sie ... umgeworffen haben und irgend unterwegens ein unglück genommen Chr. Reuter
lustspiele 105
ndr.; wea nie umgwoarfe hat, ist ou nie gfare Reiser
Allgäu 2, 579;
von fahrzeug, fracht: hier warf der schlitten um Steffens
was ich erlebte 1, 25; kein fuhrmann lenkte je so gut, dass seine fracht nie umwarf Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 272
b.
allgemeiner im sinne von '
straucheln, zu fall kommen': viel ungelernte ertzte und apotheker, die umbgeworffen haben, wollen artzney geben Mathesius
Syrach (1586) 2, 115
a; der sathan kan dich wol berücken, das du gar umbwirffst und liegen bleibest Gigas
postilla (1595) 2, 127
b; wo du in eine schwerfällige periode hineingeräthst oder gar in der periode umwirfst Harms
pastoraltheologie (1834) 1, 50; wenn des abends noch ein coulissenfieber dazukommt, werfen sie um Holtei
erzähl. schr. 19, 218; umwerfen
in der rede, im gesang stecken bleiben Frischbier
preusz. 2, 421
a; '
bankrott machen'
: ruina fortunarum ... das panquerottiren, wann einer umbwürfft, ut loquimur Corvinus
fons lat. (1646) 722; der dicke bankier, der zum dritten mal 'umgeworfen' hatte und doch wieder ganz obenauf war H. v. Zobeltitz
in daheim 31, 34
b; ar it an ümwarfen
dem bankrott nahe Ruckert
unterfränk. 187. A@44)
umpflügen, umgraben: damit (
mit den eisernen schippen) sie die erde an pfluges stat umwerfen Dapper
Afrika (1671) 354
a; (
der stoppelacker musz im herbst) gefelget oder umgeworffen werden, damit die stoppeln verwesen Hohberg
georg. cur. aucta 3 (1715) 6
a; den fleck, so man besäen will, (
kann man) pflügen oder mit einem ackerhaken umwerffen lassen Döbel
jägerpractica (1754) 3, 179; nur mit dem einfachsten pfluge den boden umwerfen Ritter
erdkunde 2, 664; das (
volk) ... städte baute und den boden zu weizenäckern umwarf Blunck
weibsmühle (1927) 92. '
umsetzen, umschaufeln': kein kauffmann (
darf) sein korn jahr und tag unbesichtiget auf den boden liegen lassen ohne solches umzuwerffen Marperger
kaufmannmagazin (1708) 1299; den mist ... soll man umwerfen, damit das lange unter sich und in die fäulung kommen
allgem. haushaltlex. (1749) 1, a 2
b. A@55) (einem) ein kleidungsstück
o. ä. umwerfen
es (
ihm)
umlegen, umtun: (
er) seinen mantell umbwarff Wickram 1, 195
B.; sie sprang vom bette auf, warf den nachtrock um Bürger
w. 310
Bohtz; der blonde klosterschüler hatte ihm (
dem abt) einen ringpanzer umgeworfen Scheffel
ges. w. (1907) 1, 248; der jäger ... warf ... seine weidtasche um Immermann 1, 216
Boxb.; im bilde: es könnte diesen ursachen ein sehr philosophischer mantel umgeworfen werden Herder 3, 116
S.; aller seiner ämter, die ihm die stürmische zeit umgeworfen, entkleidet A. v. Sternberg
erinnerungsblätter (1859) 5, 24; eine leine, schlinge umwerfen: Ruolant ime danne half, den zugel er im umbewarf
Rolandslied 225, 30
Gr.; als meine knaben den füllen die leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den wald unter die wölfe versprengten G. Freytag
ges. w. (1886) 9, 58;
bildlich: wenn sie (
fesseln und bande) ihm früher durch überlieferung umgeworfen worden, sie mit freudiger energie abzuschütteln Göthe II 2, 20
W.; man versuchte ... eine gewalt über sie (
die götter) auszuüben, man warf ihnen die poesie wie eine magische schlinge um Nietzsche 5, 115. BB.
reflexiv. B@11)
sich in eine andre, die entgegengesetzte lage, richtung werfen, sich umwenden: er warf sich umbe alsô ain helit
Vorauer Alexander 1297
Kinzel; da warff er (
der angegriffene führer der nachhut) sich umb mit seinen rittern und knechten und an sie als ain unverzagter fürst (15.
jh.)
städtechron. 5, 245; (
sie) lufend den iren mit groszem geschrei zuo, davon der ganz zug des herzogs sich umbwarf und ... gegen Zug fluchend Brennwald
Schweizerchron. 1, 286
Luginbühl; (
der delphin) kan nichts greiffen, er hab sich dann umbgeworffen Eppendorff
Plinius (1543) 103; ab welcher schmertzlichen wunden sich das pferd umbwarffe und mitsampt dem reuter ausz dem streit reisz Wurstisen
Ämilii und Ferroni historien (1572) 1, 335; sich von jem. umwerfen
sich von ihm abwenden: von ihm (
der unheimlichen traumgestalt) ich mich umbwarff, vor angsten ward mir heysz H. Sachs 4, 154
K.; '
abfallen': wenn sich eyn lant umbewarf von den Römern Rothe
düring. chronik 43
Liliencron; defectio abfal, wenn ein statt sich umbwirfft, von irem herren abfalt Frisius (1556) 376
b; sich mit jem. umwerfen
wie '
sich mit ihm überwerfen': erwog er mit schmertzen, dasz er sich mit seiner gantzen familie würde umwerffen, wann er des graffen schwester auszschlüg
der lahme teuffel (1711) 80; sich umwerfen '
sich verändern, wandeln': in einem halben jahrtausend konnten sich alle diese verhältnisse umwerfen Gutzkow
ges. w. (1872) 12, 131; das wetter hatte sich umgeworfen 3, 33. B@22)
sich herum-, umherwerfen: (
der teufel) wierft sich um als ein wurm, wo er dich vinde ane wer Heinrich v. Burgeis 3384
Rosenfeld; ein pfärrich ... also eng, daz die stuot sich nit mag wenden noch umbwerffen, so sy der esel springt Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 58; wann die hund sich offtmals auff der erden umbwerffen und waltzen Sebiz
feldbau (1579) 42;
uneigentlich: (
ein monolog, bei dem es) auf das für und wider ankommt, in das die seele bei selbstgesprächen sich so umzuwerfen pflegt Herder 5, 255
S.